Philosophische Spielzeuge, zu sehen mit zwei Augen beim Shiny Toys Festival in Mülheim

Performance von Mariska de Groot und Dieter Vandoren.
Performance von Mariska de Groot und Dieter Vandoren.

Am Samstag findet das fünfte Shiny Toys Festival in Mülheim statt, mittlerweile eines der wichtigsten internationalen Festivals für audiovisuelle Experimente. Ein Treffen für Tüftler, Entdecker, Historiker und Zukunftsforscher. Dabei treten Performancekünstler und Bands auf, die an den Schnittstellen von Ton und Licht mit unserer Wahrnehmung spielen. Im Zentrum stehen auch in diesem Jahr wieder Exponate aus der – offenbar schier endlosen – Sammlung des Experimentalfilmers Werner Nekes. Dieses Jahr mit einem Schwerpunkt auf der räumlichen Wahrnehmung: “Der Blick mit zwei Augen”. Das Festival findet auch 2014 im Ringlokschuppen statt, die Ausstellung erstmals im neuen “Zentrum für Kunst und Technik”, dem Makroscope. Dort haben wir mit dem Festivalleiter Jan Ehlen gesprochen.

Ruhrbarone: Was sind Shiny Toys?

Jan Ehlen: Der Name leitet sich von den sogenannten Philosophical Toys ab, die seit Anfang des 18. Jahrhunderts sehr beliebt waren. Philosophische Spielzeuge sind Objekte und Instrumente, die Prozesse und Wirkungszusammenhänge sinnlich wahrnehmbar, anschaulich und begreifbar machen, Anders als Modelle, die der Demonstration dienen, stehen solche Spielzeuge in der Tradition der Experimentalkultur. Sie sind weniger Endprodukte als Werkzeuge der Erkenntnis, und setzen dabei auf einen spielerischen Gebrauch. Zu den faszinierendsten zählen für mich die optischen und kinetischen Spielzeuge. Zum Beispiel das Jouet Séditieux. Das sind aus Holz gedrechselte Figuren und Formen, die – mit einer Lichtquelle an die Wand geworfen – in ihrem Schattenriß Profile, etwa von politischen Persönlichkeiten, erkennen lassen.

Jan Ehlen (links) und Werner Nekes im Makroscope.

Ruhrbarone: Seit fünf Jahren werden im Rahmen des Festivals Stücke aus der Sammlung des Experimentalfilmers Werner Nekes gezeigt. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem “stereoskopischem Blick”, also auf der jahrhundertealten Geschichte der 3D-Bilder.

Jan Ehlen: Wir setzen noch ein Stück vor den ersten 3D-Bildern an, und zwar mit der räumlichen Wahrnehmung, mit dem Aufkommen der Perspektive und des räumlichen Sehens. Einige der Exponate in der Ausstellung waren wichtige Wegbereiter für die räumlichen Bilder, für die Stereofotografie, die genau zwischen Fotografie und Film entstanden ist. Das älteste Exponat ist die erste Übersetzung des arabischen Gelehrten Alhazen ins Lateinische aus dem Jahr 1572.

Ruhrbarone: Welche Bedeutung haben diese historischen Gehversuche für Kunstschaffende heute?

Jan Ehlen: Je mehr man sich mit der Sammlung befasst, umso klarer wird wie zukunftsweisend viele sehr alte Erfindungen noch heute sind – auch wenn sie heute über andere Medien umgesetzt werden. Da gibt es einige Dinge die sehr unbekannt sind, aber nach wie vor einen wichtigen Einfluss auf Künstler haben. Auch für die Recherche finde ich es daher sehr wichtig diese frühen Exponate zugänglich zu machen.

Ruhrbarone: Das Shiny Toys Festival schaut auf Film vor dem Film – das betrifft ja nicht nur die historische Vorgeschichte des Films, sondern auch eine vielfältige Gegenwart experimentellen Umgangs mit unserer Wahrnehmung von Bild und Ton. Zum Beispiel tritt die audiovisuelle Performanceband Scukpture auf, die einen interdisziplinären Umgang versucht.

Jan Ehlen: Was mich immer an diesem Duo interessiert hat war, dass sie mit einer sehr alten Technik, einem philosophischen Spielzeug, arbeiten – dem Zoetrop (oder Wundertrommel). Reuben Sutherland ist Animator und zeichnet digital und analog Zoetropscheiben. Das sind Animationsstreifen, die sich in einer bestimmten Geschwindigkeit zu einer Animation zusammenfügen und abgefilmt werden. Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie frühe Erfindungen in heutigen Performances umgesetzt werden können.

Ruhrbarone: Mit Licht und Ton experimentieren beim Festival auch Mariska de Groot und Dieter Vandoren…

Jan Ehlen: Eine sehr spannende Arbeit! Die Beiden interpretieren eine Entwicklung aus dem frühen 19. Jahrhundert neu. Da werden geplottete Formen und Figuren auf große Holzscheiben montiert und über Motoren bewegt und gesteuert. Sensorgesteuertes Licht fällt durch die Zwischenräume und erzeugt einen rhythmischen Klang – je nachdem wie schnell die Platte rotiert.

Jan Ehlen an einem Guckkasten im Makroscope.
Jan Ehlen an einem Guckkasten im Makroscope.

Ruhrbarone: Die traditionsreichen Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen ziehen Jahr für Jahr in erster Linie Fachpublikum an – trotz eines sehr zugänglichen Programms. Shiny Toys ermuntert Gäste zum Ausprobieren, zum Mitexperimentieren. Wird das angenommen?

Jan Ehlen: Ja, absolut. Unser Publikum ist sehr breit aufgestellt. Wir haben aber auch einige Spzielformate, die richten sich natürlich an Tüftler und Künstler die auch selbst in dem Bereich aktiv sind. Zum Beispiel das offene Labor, wo wir zum gemeinsamen Experimentieren einladen. Aber wir versuchen immer wieder sehr einfache Dinge anzubieten, die einen Erkenntnisgewinn bringen, aber auch einfach in Staunen versetzen können. Um die Leute auf eine Forschungsreise zu schicken.

Ruhrbarone: Mülheim hat ja eine bemerkenswerten Platz in der neueren Geschichte des Experimentalfilms. Neben Nekes und Schlingensief haben hier unter anderem Peter Nestler, Dore O. und das Filmbüro NRW gewirkt. Mit dem Makroscope gibt es in der Stadt jetzt ein Zentrum für Kunst und Technik. Wird diese Kontinuität von Stadt und Bürgerschaft gefördert, gewürdigt – beziehungsweise überhaupt wahrgenommen?

Jan Ehlen: Ja wir sehen uns schon in dieser Kontinuität und fühlen uns auch am richtigen Platz mit unserer Arbeit, auch wenn es natürlich an Manchem fehlt. Wir werden von der Stadt durchaus wahrgenommen und gefördert. Letztlich ist es uns – also dem Shiny Toys-Dunstkreis – aber wichtig, dass wir selbst auf Einrichtungen wie den Ringlokschuppen oder die Camera Obscura zugehen und Verknüpfungen herstellen, aber auch unsere eigenen Räume haben. Wir kooperieren mit verschiedenen Filmemachern, und zum Beispiel auch mit Klaus Urbons und seinem Kopiermuseum.

Ruhrbarone: Das Shiny Toys Festival findet also auch in den kommenden Jahren in Mülheim statt?

Jan Ehlen: Unbedingt. Wie wir das Format weiterentwickeln werden kann ich jetzt noch nicht sagen, aber schon alleine dadurch das wir mit dem Makroscope jetzt feste Räume für Werkstätten, Ausstellungen und Büros haben, werden wir in der Stadt aktiv bleiben. Im Haus sind auch einige andere Projekte eingebunden, zum Beispiel Ana Ott, ein kleines Label für experimentelle Musik – da findet natürlich auch ein Austausch statt. Gemeinsam stellen wir über’s ganze Jahr ein kleineres Programm auf die Beine, von Konzerten bis zum Museum für Kunst und Technik der Kommunikationsmedien.

  • Die Ausstellung „Der Blick mit zwei Augen“ mit der Sammlung Werner Nekes öffnet heute und am Wochenende jeweils von 14 bis 18 Uhr im Makroscope (Friedrich Ebert Straße 48).
  • Das Shiny Toys Festival für audiovisuelle Experimente findet am Samstag statt. Es beginnt um 19 Uhr im Ringlokschuppen Mülheim.

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