Party-Patriotismus: “Die allermeisten wollen einfach nur saufen”

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Ob in Kneipen, beim Public Viewing oder im Autofenster eingeklemmt: Die schwarz, rot, goldene Deutschlandfahne ist während der Europameisterschaft überall zu sehen. Doch wie gefährlich ist der Party-Patriotismus?

Spätestens seit am 10. Juni in Paris mit dem Spiel Frankreich-Rumänien die Fußball-Europameisterschaft startete, ist Schwarz-Rot-Gold wieder überall zu sehen: Ob auf Fahnen, unförmigen Hüten oder T-Shirts: Seit dem „Sommermärchen“ 2006, als die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland stattfand, haben auch die Deutschen ein entspanntes Verhältnis zu ihrer Nation. Noch Jahrzehnte nach Ende des Nationalsozialismus als Zeichen wenn nicht einer rechtsradikalen , so doch einer stramm nationalistischen Haltung, die Nationalfarben zu tragen.

Das alles änderte sich 2006. Unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ feierten Millionen Besucher aus dem Ausland ein Fußballfest und die Deutschen schwenkten ihre Fahnen mit der Selbstverständlichkeit, mit der es die Fans der anderen Länder auch taten. Nationalistische Exzesse blieben, von kleineren Randereignissen abgesehen, aus. Das Wort vom Party-Patriotismus machte die Runde. Nicht nur Biodeutsche, sondern auch viele Migranten schmückten ihre Autos in Schwarz-Rot- Gold und alle feierten zusammen auf den Partymeilen des Landes. Und der Party-Patriotismus blieb kein Fußballphänomen: Auch bei den immer häufiger und immer größer werdenden Partys zum Eurovision Song Contest wird eifrig mit der Deutschlandfahne gewedelt und wenn, wie in den letzten beiden Jahren, die deutschen Beiträge den letzten Platz holen, tut das auf den meisten Feiern der guten Stimmung keinen Abbruch.

Der Party–Patriotismus steht im Ruf das eigene Land, das eigene Team zu feiern, ohne andere abzuwerten. Doch der Party-Patriotismus ist umstritten – sowohl bei Rechten wie bei Linken. Als während der WM 2006 das ganze Land in einem Schwarz-Rot- Gold-Rausch versank, beklagte sich ein Nazi im Internet: „Überall keimt die schwarz-rot- goldene Sumpfblüte des Patriotismus auf, gedeiht im Morast der bundesrepublikanischen Gesellschaft und durchseucht langsam sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens.“ Auch der damalige sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel war kein Freund des Party- Patriotismus: „Das Patriotismusplädoyer der Herrschenden ist auch vor dem Hintergrund der globalisierungsgeschuldeten Demontage des Sozialstaates und der damit einhergehenden sozialen Deklassierung Millionen Deutscher zu sehen. (…) Während der Nationalismus, dessen Ideal ein sozialer Volksstaat mit nationaler Identität, Souveränität und Solidarität ist, diesen Verhältnissen den Kampf ansagt, soll der von tonangebenden Kreisen neuerdings propagierte Patriotismus die gesellschaftlichen Verhältnisse vielmehr stabilisieren und hat eindeutig Ablenkungscharakter.“

Nur vereinzelt auf Kundgebungen der NPD sind vereinzelte Schwarz-Rot- Goldene Fahnen zu sehen und werden eher lustlos mitgeschleppt. Die eigentliche Fahne der Nazis , die Hakenkreuzfahne, ist seit 1945 verboten, der langjährige Ersatz, die Reichskriegsflagge, darf auf Demonstrationen nicht mitgeführt werden. Auf Nazi- Demonstrationen bestimmen heute die schwarz-weiß- roten Fahnen des späten Kaiserreichs das Bild. Die Fahne der Republik ist ihnen verhasst.

Doch auch Linke hadern mit dem Party-Patriotismus: Immer wieder, wie auch zur Zeit,  startet die Grüne Jugend vor Europa- und Weltmeisterschaften Kampagnen unter dem Motto „Fußballsfans – Fahne runter“. Für die Wochenzeitung „Der Freitag“ sind Ereignisse wie Europa- und Weltmeisterschaftem per se nicht mit einer demokratischen Gesellschaft vereinbar: „Die Bundesliga entspricht dem Kapitalismus, die Weltmeisterschaft dem Feudalismus. Wer also unbedingt 90 Minuten lang 22 Spieler beobachten möchte, sucht sich am besten einen lokalen Verein – und nutzt die WM-Abende für sinnvolle Dinge.“

Wissenschaftler der Philipps Universität Marburg, die an der von der Universität Bielefeld initiierten Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ mitarbeiteten kamen zu dem Schluss, das „dass im Umgang mit Nationalismus, aber auch mit Patriotismus große Vorsicht geboten ist. Kampagnen, die darauf abzielen, nationalistische oder patriotische Einstellungen zu schüren, bergen die Gefahr, die Abwertung von anderen Gruppen zu fördern.“ Sie konnten dem Party-Patriotismus nichts abgewinnen und bescheinigten ihm, er „ziehe keine positiven Effekte nach sich.“

Zumindest was Fremdenfeindlichkeit und Gewalt gegen Migranten betrifft, hatte die auch niemand ernstlich erwartet. Allerdings hat der Party Patriotismus auch keine negativen Begleiterscheinungen, teilt das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen auf Anfrage mit: „Wir haben während der vergangenen Welt- und Europameisterschaften keinen Anstieg fremdenfeindlicher Straftaten beobachtet und rechnen auch in diesem Jahr nicht damit, dass so etwas geschieht.“ Rechtradikale seien von dem Party-Patriotismus angewidert. „

Versuche, in dem Umfeld von Public-Viewing Veranstaltungen für rechtsradikale Gruppen zu werben, seien zum Scheitern verurteilt: „Die Besucher dieser Veranstaltungen wollen feiern, die wollen nicht diskutieren.“

Auch der ARD-Rechtsradikalismus- Experte und Buch-Autor Patrick Gensing („Terror von rechts. Die Nazi-Morde und das Versagen der Politik“, „Angriff von rechts. Die Strategien der Neonazis“, „Rechte Hetze im Netz“) sieht keine großen Gefahren währen der Europameisterschaft: „Einzelne werden die EM vielleicht nutzen, um gegen Flüchtlinge vorzugehen, aber die allermeisten wollen einfach nur auf den Fan-Meilen saufen.“ Der „entspannte Nationalismus“, wie Gensing den Party-Patriotismus nennt, könne schnell kippen, aber er sei nicht die Ursache für Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, er mache Nationalismus nur sichtbarer. Allerdings habe der Party-Patriotismus den völkischen Nationalismus der Neonazis entwertet: „In der Nationalmannschaft spielen ja nicht die Fußballer, die dem Ideal der Nazis entsprechen. Das ist ja keine deutsch-völkische Truppe mehr und während sich Rechtsradikale an Spielern wie Mesut Özil oder Sami Khedita stören, jubelt das Publikum auf den Fanmeilen ihnen zu.“

Doch nicht alle Fans wollen einfach nur ihren Spaß haben. Auf Amazon verkauft sich zur Zeit ein T-Shirt besonders gut. Zwei Landserköpfe und Fußball sind dort ebenso zu sehen wie das Datum der Europameisterschaft. Der Schriftzug sieht nicht nach Party aus: Frankreichfeldzug. Und im Netz, sagt Gensing, könnte sich jederzeit ein rechtsradikaler Mob organisieren: „Niemand kann sagen, ob von dort etwas kommen wird.“

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in dem Magazin K.West

13 Kommentare

Schwarz-Rot-Geld wird zwar von den "Classic"-Nazis gemieden, aber von Pegida und AfD dafür umso heftiger geschwenkt. Und "Racist-King" B. Höckes "Unterleger-Fahne" bei Jauch sollte uns auch noch in Erinnerung sein.

Ob WM, EM oder jedes Spiel der Bundesliga – im Prinzip jeweils die gute Begründung gemeinschaftlich einen Eimer voll mit fuseligen Sangria und vielen Trinkhalmen zu rechtfertigen. Nur steht der Eimer, an dem alle gerne zusammen nuckeln, nicht am Ballermann, sondern in den Kneipen, Wohnzimmern und Public Viewings dieser Republik. Kaschiert mit den Farben der Republik erzeugt die Situation ein wohliges Gemeinschaftsgefühl. Eine persönliche Bestätigung zu einer Gruppe zu gehören. Der Alkohol ist nur das Schmiermittel zum "sich gehen lassen". "Panem et circensis". Es gilt immer noch.
Glückauf von einem Liebhaber des einfachen Fußballsports

Halte ich für etwas weit hergeholt, Ich gehe mal davon aus, das die Regierung sich freut, das wieder ein Großereignis auf dem Plan steht und so unliebsame Gesetze auf den Weg gebracht werden oder Vorhaben wie TTIP oder die Privatisierung der Autobahnen umbemerkter realisiert werden können, Bierseelige denken halt eher daran wie die Schlange am Zapfhahn umgangen werden kann….

Der Nationalismus wird dann zum Problem, wenn er bewusst und bedingungslos mit kollektiven Stolz verknüpft wird. Stolz ist schon im Privaten das Einfallstor des unbedingten Beleidigtseins und der damit verbundenen Unfähigkeit zur Selbstkritik und zur Selbstironie. Als kollektives Phänomen kann sich diese Pathologie schnell zur kollektiven Abwertung Anderer und zur Umdefintion der Selbstkritik am eigenen Kollektiv zum Verrat potenzieren.

Allerdings hab ich den Eindruck, dass dieses Jahr viel weniger Deutschland-Fahnen hängen als vor 2 oder 4 Jahren, kann das sein ?

Hitlergruß, Reichskriegsflaggen, Nazikader im Stadion und im tv, "Scheiss Jude"-Ruf hörbar im TV. Geht super los, die EM.

Wenn viele deutsche Fahnen wehen, könnte das bekanntlich rechte Ursachen haben. Aber wenn wenige Fahnen wehen, neuerdings, nach einigen Sprüchen von AFD- Größen, auch. Das zeigt, daß nicht das Objekt wichtig ist, sondern die Ursache, die hinter dem Objekt steht.
Ich finde, daß es falsch ist zu sagen, wer deutsche Fahnen heraushängt, hat nationalistische Ideen.
Richtig ist nämlich, daß der, der diese Fahne heraushängt, zeigt, daß er diese Mannschaft, so wie sie zusammengestellt ist, als Repräsentation Deutschlands sieht.

Helmut Junge#10 Völlig richtig, Das erste SRG, dass ich in den Händen hielt, war ein Papierfähnchen(Winkelement), verteilt am 1.Mai in den 50ern vom DGB-Ortskartell meiner Heimatstadt. 76 trug ich im Sommer hin und wieder ein Button in SRG und der Aufschrift SPD. Daher denke ich wie Helmut, dass nicht jeder, der SRG trägt oder schwenkt, ein Rechter oder Nationalist ist. Bei Rechten und Nazis spricht man ja auch seit den Tagen der Weimarer Republik gerne von schwarzrotsenf, auch erzählte mir ein ehemaliges Mitglied der Linkpartei und aktiver IG-Metaller voller Empörung während des letzten Landtagswahlkampfes, dass auch Linkparteier gerne so SRG diffamieren.

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