Paralympics X: Sind die Paralympics die moralischeren Spiele?

Die Paralympics sind Geschichte und schon jetzt, vier Tage nach der Schlussfeier, ist kaum noch etwas von Ihnen zu hören. Die Sportler sind wieder zu Hause und die meisten tagesaktuellen Medien haben sich – wer will es Ihnen verdenken – neuen Themen zugewandt. Aber weil wir hier bei den Ruhrbaronen unabhängiger arbeiten könnnen und ich nach drei Mal zwölf Stunden Schlaf auch langsam wieder auf dem Damm bin, gibt es noch einmal ein abschließendes, exklusives Interview mit dem Sportpädagogen Professor Jürgen Funke-Wieneke von der Uni Hamburg. Und natürlich musste ich diesen Eintrag auch noch nachliefern, um das Maskottchen-Foto zu bringen.

Die Paralympics sind Geschichte und schon jetzt, vier Tage nach der Schlussfeier, ist kaum noch etwas von Ihnen zu hören. Die Sportler sind wieder zu Hause und die meisten tagesaktuellen Medien haben sich – wer will es Ihnen verdenken – neuen Themen zugewandt. Aber weil wir hier bei den Ruhrbaronen unabhängiger arbeiten könnnen und ich nach drei Mal zwölf Stunden Schlaf auch langsam wieder auf dem Damm bin, gibt es noch einmal ein abschließendes, exklusives Interview mit dem Sportpädagogen Professor Jürgen Funke-Wieneke von der Uni Hamburg. Und natürlich musste ich diesen Eintrag auch noch nachliefern, um das Maskottchen-Foto zu bringen.

Vor dem Interview gibt es noch ein paar Links der vergangenen Tage.

“Markante Typen sind gefragt” – die schwierige Vermarktung des Behindertensports: HIER bei ZDFonline

“Russland rüstet sich für goldene Spiele” – ein Land bereitet sich auf Sotschi 2014 vor: HIER bei ZDFonline

“Geldnot trotz Goldflut” – Nachwuchssorgen im deutschen Behindertensport: HIER bei Spiegel-Online

Wer auch in den nächsten, medienfreien Monaten und Jahren weiter gut versorgt bleiben will, dem sei noch einmal die PARALYMPIC_crew bei Facebook und Twitter empfohlen.

Und nun zum Interview mit dem Sportpädagogen Funke-Wieneke, das in gewisser Weise auch ein Ersatz ist für das Interview mit Peter Van de Vliet, dem medizinischen Direktor des IPC, das ja nun nach den Spielen leider nicht mehr so viel Sinn macht …

Sind die Paralympics eine moralische Randsport-Version der Olympischen Spiele oder sind die Leistungen genauso hoch einzuschätzen und sind sie ein Vorbild für eine bessere Integration von Behinderten im Alltag?

Ruhrbarone ?: Herr Funke-Wieneke, sind die Paralympics moralischer als Olympia?
Jürgen Funke-Wieneke !:
Ob die Spiele moralischer sind, weiß ich nicht. Jede große Sportveranstaltungen in der heutigen Zeit ist vielschichtig zu betrachten. Für die Teilnehmer ist es ein großes Fest, für Zuschauer eine willkommene Abwechslung und ein Anlass zur Aufregung und für Journalisten die Möglichkeit, Geschichten zu verkaufen. All das wirkt zusammen und natürlich ist das dann gefärbt von den Problemen der Gesellschaft. Manche Leute wollen nunmal ihren Nutzen aus diesen Dingen ziehen. Man kann also nicht sagen, dass die paralympischen Spiele die wahren, reinen Spiele sind.

?: Bei Sponsoren findet der Behindertensport aber vor allem wegen seiner sozialen, moralischen Bedeutung Anklang.
!:
Moralischer meint ja: In einem höheren Sinne einer menschlichen Verpflichtung nahestend als andere. Spricht man über die Werbenutzung der Paralympics, ist das aber schon eine Benutzung des Ganzen. Im Marketing muss ich einen Punkt finden, der andere anspricht und sagt: Seht her, ich engagiere mich für etwas Wichtiges, für das sich sonst niemand engagiert. Das Motiv der Selbstlosigkeit. Das sind aber kalkulierte Effekte, das ist eine Benutzung. Mit der Veranstaltung selbst haben diese Effekte nur wenig zu tun.

?: Trotzdem fordern behinderte Sportler und ihre Funktionäre immer wieder, dass man die rein sportlichen Leistungen bewerten soll, statt über ihre Behinderung zu reden.
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Das Prinzip des Sports ist ja: Man kann nur Gleiche mit Gleichen vergleichen. Nicht Junioren gegen Senioren oder Fliegen- gegen Schwergewicht. Es werden Bedingungen formuliert, damit es wettkampffähig ist. Selbstverständlich gilt das auch für körperliche Behinderungen und ihre Klassifizierung. Deshalb muss man Leistungen von Behindertensportlern auch immer mit ihren Voraussetzungen zusammenbringen. Wenn ein Mensch mit Handicap eine sportliche Leistung bringt, dann ist das nun einmal eine Leistung eines Menschen mit Handicap. Natürlich würdigen die Zuschauer, wenn jemand mit einem Monoski Slalom fährt und fragen sich: Würde ich das auch so können? Oder wenn Blinde in der Loipe geführt werden. Aber gleichzeitig ist es nicht möglich, das ganze unabhängig von den Schadensklassen zu sehen. Es ist nicht angemessen, zwischen dem Handeln und dem Handelnden zu unterscheiden.

?: Ist es das Schicksal des Behindertensports, ein faszinierender Randsport zu bleiben?
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Das könnte so sein. Das Monströse spielt in jedem Fall auch immer eine Rolle. Der Zuschauer sucht in seiner Wahrnehmung das Andersartige, das ist aufregend für ihn. Dieser Effekt des Neuartigen ist nicht auszuschalten und das würde den Paralympics glaube ich auch nicht gut tun. Sie wollen ja auch als anders wahrgenommen werden, aber trotzdem gleichberechtigt. Der Unterschied zwischen Gleichartigkeit und Gleichberechtigung spielt hier eine ganz entscheidende Rolle. Es ist kaum möglich, aus Sicht ohne Handicap einzuschätzen, was es bedeutet, eine Bewegungsleistung mit Lähmung zu machen. Der Zugang ist für die ohne Handicap ziemlich schwer. Man vergleicht das deshalb mit sich selbst. Das ist der falsche Maßstab, aber ein anderer Maßstab steht ja nicht zur Verfügung.

?: Sind die Leistungen behinderter Sportler tatsächlich so hoch einzuschätzen wie die Leistungen von Olympiasiegern?
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Die Grundregel des Sports ist ja: Man vergleicht nicht alle mit allen, sondern ausgewählte Gruppen miteinander. Natürlich kann man sich fragen, ob ein Fliegen- vergleichbar athletisch trainiert ist wie ein Schwergewichtsboxer. Aber das ist nicht das, was der Sport fragt. Der Sport fragt nicht nach der absoluten Leistung, sondern nach einer Leistung im Rahmen einer Voraussetzung. Und wenn jemand in seinem Gebiet Weltmeister ist, dann gibt es keinen besseren auf diesem Gebiet. Es könnte einen geben und bestimmt wird die Leistung irgendwann mal übertroffen, aber jetzt ist er der Beste. Die Diskussion finde ich falsch. Der Sport sagt: Das ist unser Bester. Man sollte da keine außersportlichen Maßstäbe anlegen.

?: Macht es überhaupt Sinn, behinderte Athleten im Wettkampfkorsett paralympischer Spiele gegeneinander antreten zu lassen? Durch die vielen Schadensklassen und Verrechnungsmodi – besonders bei Sommerspielen – wirkt der Kampf um gleiche Bedingungen manchmal ein bisschen verzweifelt.
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Das sportliche Prinzip führt dann eventuell zu sehr großer Differenzierung. Aber es gibt ja auch Altersklassen, verschiedene Sportarten oder Gewichtsklassen. Da relativiert sich auch vieles. Der Kreis der Sportler mit Handicap ist natürlich nicht so groß wie der Kreis derer ohne Handicap. Es bleibt eine kleinere Gruppe, die nach ihren besten suchen. Das ist die Logik des Sports und das lässt sich auch nicht auflösen.

?: Der Sport wird oft als Vorbild und Beispiel für Integration genutzt. Ist die Gleichstellung behinderter Menschen im Sport tatsächlich so viel weiter als in der Gesellschaft?
!:
Im Laufe der Entwicklung des Behindertensports ist er immer mehr ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Das ist eine parallele Entwicklungen wie beim Frauenfußball. Erst erschien es abwegig, dann hat man ihn in seiner Nische in Ruhe gelassen, dann kam nach und nach das öffentliche Interesse. Der Behindertensport hat sich ja aus dem Versehrtensport entwickelt. Erst war man ganz froh, wenn man das in seiner eigenen kleinen Ecke halten konnte, das wollte man nicht inkludieren. Aber jetzt hat das Ganze einen öffentlichen Horizont erreicht, der Bereich hat sich erweitert und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das ist eine Form, um die Leistungsfähigkeit der Behinderten den Mitmenschen darzustellen. Denn der Vorteil des Sports ist ja, dass er Zuschauer braucht, eine öffentliche Wahrnehmung. Die Widerspiegelung ist für den Sport besonders deutlich und wichtig. Und mittlerweile hat er nicht mehr nur Zuschauer aus dem engsten Familienkreis, sondern auch öffentliche.

?: Behinderte Sportler haben einen eigenen Verband und eigene Spiele. Wie ist das mit dem Gedanken der Inklusion, dem Anspruch auf Gleichstellung in allen Lebensbereichen, zu vereinbaren?
!:
Das ist eine historische Phase. Genauso war es eine Phase, dass der Sport nicht wahrgenommen wird. Jetzt ist er in seinen eigenen Organisationen und wird darüber wahrgenommen. Und nun geht der Weg weiter in Richtung Inklusionsgrundsatz. Sicher werden solche Entwicklungen folgen. Es gibt ja auch schon Vereine, wo gemeinsames Sporttreiben gepflegt wird. Als sportliche Wettkämpfe gegeneinander wird es dann aber wohl keine rein individuellen Wettkämpfe mehr geben, sondern eher Gruppenwettkämpfe. Bei den Rollstuhlbasketballern spielen ja auch nichtbehinderte Sportler mit. Die Entwicklungen werden kommen. Der Zustand jetzt ist als Zwischenschritt notwendig. Wie lange der anhält und ob er überhaupt noch weitergeht, weiß ich natürlich nicht. Aber Entwicklungen wird es geben.

Kurzinfo zu Jürgen Funke-Wieneke:

Professor Jürgen Funke-Wieneke ist Sportpädagoge an der Universität Hamburg und war lange Jahre Mit-Herausgeber der Zeitschrift Sportpädagogik. Seit vielen Jahren ist der 66-Jährige an der Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Sportunterricht interessiert, weil er selbst als Lehrer an der Bielefelder Laborschule gearbeitet hat.

Das Maskottchen Foto hat eine Kollegin geschossen, das Foto von Professor Jügen Funke-Wieneke hat der Fotograf Patrick Schell von der Uni Hamburg gemacht.

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