Paralympics VII: Vancouver, Whistler und Proteste in der Grauzone

Heute gibts – nach einem Tag Pause – Meldung aus Whistler und Vancouver. Sechs Medaillen, im ewigen Medaillenspiegel der Winter-Paralympics an Norwegen vorbeigezogen, bester Tag in der deutschen Winter-Paralympics-Geschichte. Ok, das soll reichen. Mehr gibts sicherlich auf einschlägigen Agenturverwurstungs-Portalen. Stattdessen gibts von mir weiter unten eine Geschichte zu einem der großen Probleme der Paralympics: Der Einteilung in Schadensklasen. Vorab die grobe Beschreibung eines typischen Tages in Whistler für mich freien Journalisten:

Heute gibts – nach einem Tag Pause – Meldung aus Whistler und Vancouver. Sechs Medaillen, im ewigen Medaillenspiegel der Winter-Paralympics an Norwegen vorbeigezogen, bester Tag in der deutschen Winter-Paralympics-Geschichte. Ok, das soll reichen. Mehr gibts sicherlich auf einschlägigen Agenturverwurstungs-Portalen. Stattdessen gibts von mir weiter unten eine Geschichte zu einem der großen Probleme der Paralympics: Der Einteilung in Schadensklasen. Vorab die grobe Beschreibung eines typischen Tages in Whistler für mich freien Journalisten:

Morgens früh um 7.30 Uhr raus, zum von den Apothekern (Stipendiumsgeber) organisierten Frühstück mit Gesprächspartnern. Gegen 9.30 Uhr entweder zu Wettkämpfen (wie am Dienstag nach Vancouver zu den Curlern) oder wieder aufs Zimmer zum schreiben (so wie heute). Gestern hatte ich dann im Anschluss wie zu sehen noch kurz Zeit ein Foto mit der Flamme zu machen. Der Shuttle-Service eines deutschen Autobauers, dessen Logo dem Olympischen ähnelt (ob eine Flotte Q7 für umweltfreundliche Spiele spricht?) hält an, wir springen raus, schießen drei Fotos und springen wieder rein – zurück nach Whistler. Und heute habe ich mir nach einigen Stunden Schreiben ein paar Souvenirs gegönnt. Maskottchen, T-Shirt usw.

Am Nachmittag probiere ich dann meist noch schnell etwas zu schreiben, übers Email checken geht es aber kaum einmal hinaus. Heute wartete zudem noch Peter Van de Vliet, medizinischer Direktor des Internationalen Paralympischen Komitees, in der Lobby des IPC-Hotels Hilton auf mich. Zum Glück ist das gleich nebenan, sonst hätte ich mich mit Sicherheit verspätet. Auch so wars nämlich knapp. Beim Souvenirs shoppen sollte genug Geld in der Tasche sein. Sonst muss man was man nicht im Kopf hat in den Beinen haben. Das Interview gibts übrigens morgen oder übermorgen hier in voller Länge. Thema: Doping bei den Paralympics.

Abends geht es dann eigentlich immer noch ins deutsche Haus in den Nicklaus North Golf Club. Hier finden dann die Gespräche statt: Mit Sportlern und Offiziellen. Ein paar Fotos dazu und – falls noch was da ist – ein wenig kostenloses Buffet. Und schon gehts ab nach Hause. Gegen 22.30 Uhr an den Laptop setzen und bis 3 Uhr schreiben, damit die Redaktionen am morgen die Texte im Posteingang haben. Viereinhalb Stunden später klingelt der Wecker und der nächste Tag beginnt – mit Emails checken. Heute stehen mir noch drei Stunden beziehungsweise ein bestellter Text für Zeit-Online bevor, in den das Interview mit Van de Vliet einfließt. Müsste in ein paar Stunden auf zeit.de zu lesen sein. Falls mir hier noch etwas vernünftiges einfällt.

Lange Vorrede, hier der Artikel zur Klassifizierung, den ich gestern Nacht um diese Zeit für ZDFonline geschrieben habe.

Eines der großen Probleme der Paralympics: Der gerechte Wettkampf. Schadensklassen und individuelle Regeln sollen Vergleichbarkeit herstellen. Bei den Paralympics treten Athleten mit unterschiedlichsten Behinderungen gegeneinander an. Seit Jahren mühen sich die Verbände, faire Regeln dafür zu erfinden. Dennoch gibt es Grenzfälle.

Wenn Jim Armstrong im Vancouver Paralympics Center aufs Eis rollt, dann kann man sich als Zuschauer ruhig schon mal die Ohren zuhalten. Mehrere tausend Kinder und Erwachsene johlen, grölen, stampfen und klatschen. Jim Armstrong ist ihr großer Star. Denn der Mannschaftsführer der kanadischen Rollstuhl-Curler ist weltweit der vielleicht Beste seines Fachs und Curling ist in Kanada Volkssport. Außerhalb Kanadas jedoch gibt es Diskussionen um Armstrong. Manch einer glaubt, dass Armstrong gar nicht bei den Paralympics starten dürfte.

Jim Armstrong war einst einer der besten Curler der Welt – ohne Rollstuhl. Bis zum Vize-Weltmeister brachte er es mit dem kanadischen Team, ehe ihn Knieprobleme und schließlich ein Autounfall zwangen, mit dem Sport aufzuhören. Erst vor wenigen Jahren ist er zu den Rollstuhl-Curlern gewechselt.

„In den Regeln steht allerdings, dass ein Rollstuhlcurler seine überwiegende Lebensführung im Rollstuhl verbringen muss“, sagt Jens Jäger. Jäger ist Skip der deutschen Curler und er glaubt, dass diese „überwiegende Lebensführung im Rollstuhl“ auf Armstrong nicht zutreffe. Nach einem Wettkampf könne dieser nämlich durchaus im Auto davonfahren. Einen Protest will Jäger dennoch nicht einlegen. „Ich spiele gegen Steine, nicht gegen Menschen.“

Das System der Klassifizierung soll für größtmögliche Vergleichbarkeit sorgen. Auch wenn man sich von außen manchmal kaum vorstellen kann, wie Menschen mit verschiedensten Behinderungen in fairen Wettkämpfen gegeneinander antreten können. Wer zum Beispiel Josef Giesen zum ersten Mal um Medaillen kämpfen sieht, der fragt sich, wie der 48-Jährige gegen seine Konkurrenten bestehen soll.

Giesen ist durch das Beruhigungsmittel Contergan seit seiner Geburt an beiden Armen behindert. Seine Konkurrenten jedoch haben oft einen, teilweise gar beide Arme zur Verfügung. Vor allem an Anstiegen fliegen sie mit zusätzlichem Vortrieb förmlich an ihm vorbei. Trotzdem ist Giesen Weltspitze, hat bei internationalen Wettkämpfen schon mehrere Medaillen gewonnen.

Das ist nur möglich dank ausgeklügelter Regeln zur Einteilung der Athleten. Seit Jahrzehnten arbeiten die Funktionäre des Behindertensports an einfachen und gerechten Schadenklassen. Die Vergleichbarkeit von Leistungen ist eines der großen Probleme der paralympischen Bewegung. Besonders viele verschiedene Klassen gibt es bei den Sommersportarten. „Im 100 Meter-Lauf der Männer zum Beispiel hatten wir in Peking 16 verschiedene Sieger“, sagt Jürgen Kosel, der Chefarzt der deutschen Behindertensportler. Bei den Winterspielen wird dagegen so gut es geht zusammengelegt. Denn hier starten fast ausschließlich weniger stark behinderte Athleten, die Leistungsdichte ist größer. So gibt es grundsätzlich nur drei Wettkampfgruppen: Sehbehindert, sitzend oder stehend.

Natürlich sind die Unterschiede, siehe Giesen, trotzdem groß. Damit die Wettkämpfe fair bleiben, sind diese Wettkampfgruppen deshalb erneut in insgesamt zwölf Schadensklassen unterteilt. So gibt es zum Beispiel Vollblinde, Athleten mit wenig oder mit mehr Sehrest. Josef Giesen startet in der Schadensklasse LW 5/7: Läufer mit Behinderungen an beiden Armen, auf zwei Ski, aber ohne Stöcke. Er läuft bei den stehenden Athleten, sein Nachteil gegenüber anderen wird über eine prozentuale Regelung ausgeglichen. So darf Giesen etwa zehn Prozent langsamer sein als Läufer, die noch einen gesunden Arm haben.

Um die Klasseneinteilung möglichst fair zu halten, werden Athleten vor ihren Starts grundsätzlich von mehreren Sachverständigen klassifiziert, meist Ärzte und Physiotherapeuten. Es gibt eine nationale Klassifizierung und sobald ein Athlet international startet, folgt eine erneute internationale Klassifizierung von Experten anderer Nationen. „Unterschieden wird nach medizinischen Punkten, also dem reinen Grad der Behinderung, sowie der Funktionalität. Also: Wie gut kommt ein Athlet mit seiner Behinderung zurecht“, sagt Jürgen Kosel, der selbst Klassifizierer ist.

Auch an der Biathlon-Wettkampfstrecke von Josef Giesen steht ein Container, in dem sich ein Büro für Klassifizierer befindet. Denn es kann sein, dass Sportler nachträglich neu bewertet werden müssen, wenn ihre Behinderungen – wie zum Beispiel Lähmungen – nicht dauerhaft gleich bleiben. Oder es kommt zu Protesten, falls anderen Nationen ein Athlet falsch eingeordnet scheint. So wie – zumindest unterschwellig – bei Jim Armstrong. Klassifizierer Jürgen Kosel spricht in diesem Fall von einer schwer zu fassenden Grauzone. Denn: „Wer entscheidet letztlich darüber, was eine überwiegende Lebensführung im Rollstuhl ist?“ Der medizinische Direktor des Internationalen Paralympischen Komitees, Peter Van de Vliet, erklärt in der kanadischen Presse, an dem System der Schadensklassen werde weiterhin gearbeitet. Völlig fair und transparent wird es notgedrungen wohl nie zugehen.

Das Foto von mir und dem paralympischen Feuer hat logischerweise ein fotografiebegabter Kollege von mir geschossen. Die Fotos von Josef Giesen und DBS-Arzt Kosel stammen von mir.

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