Oper Dortmund: Sieg auf ganzer Linie mit Roxy

Roxy und ihr Wunderteam/Thomas Jauk-Stage PicturesWenn sich heute auf den Spielplänen von Opernhäusern Operetten finden, sind dies meist Stücke, die aus den sogenannten „goldenen Jahren“ stammen, also aus dem Wien des 19. Jahrhunderts. Die Pariser Operette sowie die Werke der Berliner Blütezeit zwischen den Weltkriegen sind eher Raritäten. Das Bild des Genres wird maßgeblich bestimmt von Zigeunerbaron, Lustiger Witwe und Fledermaus. Dass heute von den rund hundert Jahren Operettengeschichte so wenig in lebendiger Erinnerung ist, hat sicherlich viele Gründe. Ein wesentlicher mag sein, dass die immer weiter schrumpfenden Etats der Opernhäuser und die damit einhergehende Verringerung von Neuproduktionen auch eine Konzentration auf das Kernrepertoire nach sich zieht. Im Falle der Berliner Operette ist aber der relativ geringe Bekanntheitsgrad auch historischen Konsequenzen geschuldet. Im Berlin der dreißiger Jahre wurde das Genre stark mit amerikanischen – insbesondere Jazzeinflüssen – angereichert. Ein Umstand, der dazu führte, dass die Werke nach der Machübernahme der Nazis umgehend aus den Spielplänen verschwanden. Zeitgleich übernahm der Tonfilm mit seinen zahlreichen Revuefilmen die Stellung, die zuvor die Operette als zentrales Unterhaltungsgenre hatte. Heute sind etliche Partituren selbst überaus erfolgreicher Operetten der Berliner Zeit gar nicht oder nicht vollständig erhalten, was eine Wiederbelebung schwierig macht. Dieses Schicksal teilt auch die Fußball-Operette „Roxy und ihr Wunderteam“ von Paul Abraham. Dass sich der Aufwand einer Rekonstruktion aus diversen Quellen dennoch lohnt, zeigt nun eindrucksvoll das Dortmunder Opernhaus.

Paul Abraham war bis zu seiner Flucht nach Wien ein Superstar der Berliner Szene und lieferte dem swingenden und entfesselten Großstadtleben mit „Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“ und „Der Ball im Savoy“ die Hits. „Roxy und ihr Wunderteam“ basiert auf dem Vorläufer „3:1 für die Liebe“, der 1936 in Ungarn uraufgeführt wurde. Hier stand noch eine Wasserballmannschaft im Vordergrund. Abraham überarbeitete das Stück und brachte es ein Jahr später – nun mit Fußballern – in Wien erfolgreich zur Uraufführung. Eine weitere Karriere blieb aber dem Stück auch in Österreich wegen des wachsenden Einflusses der Nazis verwehrt.

Tötössy auf dem Surfbrett/Thomas Jauk-Stage Pictures
Tötössy auf dem Surfbrett/Thomas Jauk-Stage Pictures

Die schottische Fabrikantentochter Roxy flüchtet von ihrer arrangierten Hochzeit mit einem Automatenaufsteller zufällig in das Londoner Hotelzimmer des Barons Szatmary. Der ist Manager der ungarischen Nationalmannschaft, die gerade mit sportlicher Erfolglosigkeit zu kämpfen hat. Während sich Szatmary zu seiner Geliebten nach Venedig absetzt, überträgt er dem Mannschaftskapitän Gjurka Karoly das Traineramt und die Aufgabe, die Mannschaft von schädlichen Einflüssen wie Alkohol und Frauen fernzuhalten. Die hilfesuchende Roxy jedoch kann die Mannschaft nicht in London zurücklassen. Noch in London erfährt auch die Verlobte des Barons, Aranka von Tötössy, von dessen amourösen Eskapaden und beschließt, mithilfe der Schülerinnen ihres Mädchenpensionats die asketischen Trainingspläne zu durchkreuzen. Im Trainingslager in Ungarn treffen Pensionatsschülerinnen und Fußballer aufeinander, das restliche Personal gesellt sich samt Roxys Verlobten und ihrem Vater dazu, Verwicklung, Liebe, Hochzeit und finales Fußballspiel, das natürlich mit dem triumphalen Sieg der Ungarn endet.

In Dortmund tut Regisseur Thomas Enzinger genau das Richtige, um diese Operette zurück in die Spielpläne zu holen. Er überfrachtet sie nicht mit einem Regiekonzept, sondern lässt sie als glitzernde, rasante Revue ablaufen. Abrahams Komposition kann so eindrucksvoll zeigen, warum der Komponist so erfolgreich war: Es gibt hier nur Hits. Jede Musiknummer ist ein Kracher. Egal ob es swingt oder ungarisches Flair mit einer Polka eingestreut wird, egal ob große Chornummer oder intimes Duett – jede Melodie zündet sofort. Die Dialoge sind gespickt mit rasantem Witz. Da mag der eine oder andere flache Kalauer darunter sein, da sind natürlich Klischees über geizige Schotten und heißblütige Ungarn dabei, da gibt es jede Menge erotische Anspielungen mit Bällen, doch so perfekt wie in Dortmund das Timing sitzt, kann und muss man das einfach bringen. Die wahnwitzige Szene in der zweiten Hälfte, in der der Baron, dessen Verlobte, Roxys mit einer Pistole herumfuchtelnder Vater und ihr verschmähter Verlobter in Ungarn eintreffen, ist nicht nur wegen der völlig entfesselten Spiellaune von Hannes Brock als Sam Cheswick ein Kabinettstück der Komödie. Höhepunkte hat dieser Abend allerdings noch viel mehr zu bieten. Wenn gleich zu Beginn zehn knackige Fußball-Boys mit Brillantinegetränkten Scheiteln eine Step-Nummer hinlegen, dann ist schon klar, dass hier Unterhaltung auf höchstem Niveau geboten wird. Wenn sich Emily Newton als Roxy bei ihrem ersten Auftritt aus dem Hochzeitskleid geschält hat, zeigt sie, dass sie den Sex nicht nur in der Stimme hat. Und dann ist da die unglaubliche Johanna Schopp als Tötössy, die mit dem beeindruckendsten Hüftschwung des Abends aufwartet. Lucian Krasznec als Gjurka hat so viel wunderbaren Schmelz in der Stimme, dass man ihm von Anfang an Roxy als Ehefrau von Herzen gönnt – und auch optisch geben sie ein überaus schönes Paar ab. Die von Henning Hagedorn und Matthias Grimminger rekonstruierte Partitur wird von Philipp Armbruster und den Philharmonikern perfekt umgesetzt. Das alles ist einfach große Operetten-Unterhaltung.

Gibt es wirklich nichts, was stört? Nun ja, wenn man unbedingt einen Makel sucht, findet man ihn auch. Das Bühnenbild von Toto könnte seine eigentlich gute Idee konsequenter umsetzen. Es referiert in der Optik auf die Typologie-Experimente der Avantgarde-Bewegungen der dreißiger Jahre. Da ist ein bisschen Dada drin, da gibt es ein Bild von Fußballerbeinen, das an die Futuristen erinnern könnte. Das hätte man ruhig etwas konsequenter verfolgen können, dann wäre die Außenordentlichkeit dieses Abends noch etwas deutlicher geworden. So aber bleibt die Optik etwas zu konventionell Opern- und Kulissenhaft. An einem ansonsten großartigen Abend kann darüber aber elegant hinweg gesehen werden.

 

3 Kommentare

Danke erst einmal. Ohne LvG und Dich würde ich nie etwas lesen über Produktionen aus dem Opernhaus. Verführerisch, dein Text, doch erstmals in eine Operette zu gehen. Bei einer behauptung kommeich ins stutzen. Bei Deiner Erklärung für das abrupte Absterben der Berliner Operette nachd er Machtergreifung. Vorbehalte gegen Amerika, ok. Aber Goebbels und sein ekelhafter Kumpel hatten doch auch einen Höllenspaß daran, King Kong in Privatvorführungen zu sehen, “Vom Winde verweht” füllte auch die Nazikinos, Coca Cola musste auch nicht 1933 zumachen. Teddy Stauffer swingte sich lange durch die Reichshauptstadt. (Ich versuche mich nur zu erinnern, was ich bei Hans Dieter Schäfers “Am Rande der Nacht” einst über kulturelle Kontinuitäten las.)

Kann es sein, doof gefragt, dass mehr der Tonfilm als die Nazis die Operettte killten?

Die Gründe für das Verschwinden sind wie erwähnt vielfältig. Im Fall von den Abraham-Operetten ist es aber sehr stark der zu große Einfluss der “Nigger-Musik” gewesen. Darüber hinaus spielt aber natürlich die jüdische Herkunft zahlreicher Operetten-Komponisten und -Textdichter eine wesentliche Rolle. Der Revuefilm hat dann besonders in der Nachkriegszeit eine Wiederbelebung des Genres verunmöglicht.

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