Opel im November – ein paar Impressionen

Ich war heute in Bochum. Im Opel.Werk, da beim am Tor 4 an der Wittener Straße. Ich muss sagen, ich hab die Krise gespürt, wie eine November-Herbst-Depression, die über die Füße und die Beine den Rücken hochschleicht.

Foto. flickr.com

Ich habe Hans W. getroffen. Der Mann arbeitet seit 30 Jahren bei Opel. Er sitzt in einem kleinen Vertriebsbüro. Er sagt, er will nicht, dass irgendwer seinen richtigen Namen liest. Nur zur Vorsicht. Man weiß ja nicht wer als nächster rausfliegt. Die Leiharbeiter sind ja schon alle weg: entlassen, gefeuert, verjagt.

Hans W. trägt eine Baseballkappe. Und einen Pullover, wie ihn auch die Fischer in schwerer See tragen, mit einem Reißverschluss bis unters Kinn. Draußen regnet es. Auf einem Schild an der Wand steht: „Unsere Arbeit…

Ich war heute in Bochum. Im Opel.Werk, da beim am Tor 4 an der Wittener Straße. Ich muss sagen, ich hab die Krise gespürt, wie eine November-Herbst-Depression, die über die Füße und die Beine den Rücken hochschleicht.

Foto. flickr.com

Ich habe Hans W. getroffen. Der Mann arbeitet seit 30 Jahren bei Opel. Er sitzt in einem kleinen Vertriebsbüro. Er sagt, er will nicht, dass irgendwer seinen richtigen Namen liest. Nur zur Vorsicht. Man weiß ja nicht wer als nächster rausfliegt. Die Leiharbeiter sind ja schon alle weg: entlassen, gefeuert, verjagt.

Hans W. trägt eine Baseballkappe. Und einen Pullover, wie ihn auch die Fischer in schwerer See tragen, mit einem Reißverschluss bis unters Kinn. Draußen regnet es. Auf einem Schild an der Wand steht: „Unsere Arbeit ist geheim.“ Hans W. sagt, es gab schon viele Krisen bei Opel seit er vor 30 Jahren in den Betrieb eingestiegen ist. „Aber es ging immer weiter.“ In der Luft liegt ein Herbstgeruch. Es riecht nach Laub, nach November und mieser Laune.

„Wir können sowieso nichts machen“, sagt Hans W. „Wir müssen das abwettern, wie damals Ende der 80-Jahre. Einfach weiter.“ Damals habe es auch eine Absatzkrise gegeben. Kaum einer wollte noch einen Opel kaufen. Ja und dann: „Dann kam die Wende und die DDR hat unsere Autos gekauft.“ Ich spüre die Haltung mehr, als dass ich sie verstehe. Es hört sich an nach Fatalismus. So nach dem Motto, die Rente ist sicher und wenn nicht, dass weiß ich auch nicht. Strick?

Draußen, am Haupteingang des Opel-Werkes stehen heute immer noch Fernsehkameras. Sie warten auf eine Nachricht. Wie bei Holzmann damals. Als der SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder mit einer Bürgschaft den Baukonzern für einige Wochen vor der Pleite rettete. Immer wieder wabern Gerüchte vorbei: Von Politikern in Berlin, Frankfurt, und Düsseldorf, die bald Opel retten werden. Mit Millionen. Mit Bürgschaften. Mit Konzepten. Die Kameras sehen aus wie Raketenwerfer. Nur wer getroffen wird ist nicht klar. Das Werk oder wer?

Meine Gedanken schweifen im Regen ab zu der anderen Pleite in Bochum. Als vor wenigen Wochen Nokia dichtmachte. Es gibt dieses Bild von Jürgen Rüttgers, dem CDU-Ministerpräsidenten von NRW. Er lässt sich da von einer weinenden Frau küssen. Rüttgers wollte eine ganze Region retten. Und es kam doch nur ein Sozialplan dabei heraus.

Im Regen kommen die Arbeiter zum Schichtwechsel heraus. Sie hetzen über den Platz, weichen den Mikrofonen aus und verschwinden in ihren Autos. Es scheint als wollten sie sich nicht hergeben als neue Holzmann-Kulisse für die Rakentewerfer-Kameras.

Michael Morgenthal kann das verstehen. Der evangelische Pfarrer wohnt in Altenbochum, knapp fünf Minuten zu Fuß vom Opel-Werk entfernt. „Die Opelaner haben sich daran gewöhnt, dass sie eine Krise haben.“ Früher haben in Altenbochum und im Nachbarviertel Laer die meisten Malocher aus dem Opel-Werk gewohnt. Die Häuser sind gedrungen, oft im schweren Ruhrpott-Einheitsgrau. Und doch wird hier und da ein Gebäude frisch gestrichen. Morgenthal sagt: „Bei uns im Viertel merkt man die Krise bei Opel nicht.“ Tatsächlich spricht man beim Bäcker kaum von der Krise – eher vom drohenden Abstieg des VFL Bochum.

Doch dieses oberflächliche Bild trügt. Ich fahre in die Innenstadt. Das Auto-Werk sei die einzige bedeutende Industrie-Ansiedlung in der Region seit dem Ende des Montanzeitalters, flüstern sie im Rathaus der Stadt: „Wenn Opel untergeht, wird es ganz schwer. Noch ein Debakel wie Nokia können wir kaum verkraften.“ Es regnet immer noch. Und der Novemberwind frischt auf. Im Bermudadreick habe sie den Engelbert-Brunnen abgerissen. Die Pennerbänke sind weg. Und die Bäume. Das Pflaster ist aufgerissen. Es sieht aus, als habe jemand die Gasse vergewaltigt. Nackt, ausgezogen, wehrlos.

Unten am Tor 4 will Hans W. bald Schicht machen. Er bittet den Besucher zu gehen. Dann denkt er an die kommende Woche, wenn die Bänder wieder stillstehen sollen. Er flüstert fast unhörbar: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Ein Flugblatt liegt herum: Die gefeuerten Leiharbeiter haben eine Selbsthilfegruppe gegründet. Erster Treffpunkt ist am 22. November. Irgendwo in Bochum.

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