“Ohne die Gewalt rund um die Proteste wäre die Kritik am G20 Gipfel zur Randnotiz geworden”

Ein Schwarzer Block 2007 in Hamburg Foto: Autonome NewsflasherInnen Lizenz: CC BY-SA 2.0 de


Jörg und Bernd sind ehemalige Autonome. Sie waren in den 80er und 2000er Jahren aktiv in der Szene und haben beide an zahlreichen gewalttätigen Auseinandersetzungen teilgenommen. Heute führen beide ein bürgerliches Leben. Wir wollten von ihnen wissen, wie sie die Ausschreitungen um den G20 Gipfel in Hamburg sehen:

Ruhrbarone: Wie seht ihr, was in Hamburg passiert ist? War das ein Erfolg oder eine Niederlage?

Jörg: Ein Erfolg. Keine Stadt in Deutschland wird sich mehr für die Ausrichtung solcher Treffen bewerben. Dass diese Konferenzen nutzlos sind, darüber herrscht breiter Konsens. Dazu haben drei Tage Straßenschlachten nicht unwesentlich beigetragen.

Ruhrbarone: War Hamburg eine neu Qualität in Sachen linker Gewalt?

Bernd: Heute sind die Menschen sensibler, was Gewalt betrifft. Auch in den Auseinandersetzungen um Brockdorf, an der Startbahn West oder bei den Häuserkämpfen in Berlin gab es massive Angriffe auf die Polizei. Auch dass Läden geplündert wurden, ist nicht neu. Wir hätten damals wohl keinen Twingo angezündet, sondern uns auf die Marken Mercedes und BMW konzentriert, aber all das hat es schon gegeben. Dass die Polizei sich mehrere Stunden nicht in ein Viertel traute, ist allerdings etwas Besonderes.

Ruhrbarone: Haben die Straßenschlachten dem G20 Protest nicht geschadet?

Jörg: Ohne die Gewalt rund um die Proteste wäre die Kritik am Gipfel zur Randnotiz geworden. Die Reformer von Attac bis Campact sollten sich bei den ungehorsamen Protestierenden bedanken.

Ruhrbarone: Die Polizei hat seit der Startbahn West enorm aufgerüstet. Ist so eine Straßenschlacht heute schwerer zu organisieren?

Bernd: Mal abgesehen von den modernen Wasserwerfern und dem ganz High-Tech-Kram gibt es einen entscheidenden Wandel in der Polizeitaktik: Die Cops wollen Verhaftungen, einfach die Schlacht zu gewinnen reicht ihnen nicht mehr. Die Polizei ist heute deutlich offensiver ausgerichtet: Keine Schilde, Protektoren, höhere Mobilität, mehr Kameras – es ist schwieriger geworden als damals. Und eine Strafanzeige ist auch unangenehmer als eine Platzwunde.

Jörg: Das war in Hamburg aber anders. Die Polizeitaktik war eben nicht modern, sondern setzte auf das Altbewährte. Die Hamburger Polizei ist taktisch in den 1980ern stehen geblieben. Das machte es ja auch so leicht, dass sich die Riots entwickeln konnten.

Ruhrbarone: Für Olaf Scholz sind die Polizisten Helden und die Autonomen werden gerade zu Terroristen gemacht. Wie steht ihr dazu?

Bernd: Für die Polizisten war es extrem hart und Scholz hat jeden Grund, sich bei ihnen zu bedanken. Ohne ihren Einsatz wäre der Gipfel vollkommen gescheitert. Helden ist mir ebenso zu hoch gegriffen wie Terroristen: Es waren Straßenschlachten – Cops gegen Straßenkämpfer. Die klassische Konstellation. Beide Seiten haben alles gegeben und sich nichts geschenkt.

Ruhrbarone: Wie wichtig sind die Anlässe für Autonome – ist es inhaltlich egal, ob es um G20, die EZB Eröffnung oder, wie früher, ein Kernkraftwerk, geht?

Jörg: Es gibt halt Anlässe, die sich anbieten und die im Lauf der Zeit natürlich auch immer dem Protest-Zeitgeist entsprechen. Gipfel sind natürlich sehr geeignet, weil sich dort Personen versammeln, die als die Mächtigen angesehen werden. Obwohl ich der Bewegung da ein gewisses Fingerspitzengefühl zutraue. Beim G7-Gipfel in Bayern war fast niemand, jetzt bei einem Gipfel mit den Saudis, Erdogan, Putin und Trump war das Ziel natürlich attraktiver.

Bernd: Im Kern geht es aber um die Auseinandersetzung mit dem Staat. Der Anlass ist sekundär, er muss sich nur eignen, um mobilisieren zu können. Es ging uns ja nicht um einzelne Reformen, sondern um den Kampf gegen den Staat.

Ruhrbarone: Geht es auch um Spaß?

Jörg: Natürlich geht es auch um Spaß. Das große Wort der Selbstermächtigung kann man natürlich auch benutzen. Aber es fühlt sich nicht schlecht an, wenn hochgerüstete bayerische Polizisten, von denen man sonst auf die Schnauze bekommt, auch mal vor einem weglaufen. Und wenn man selbst gut wegkommt, ist das auch ein Kick. Von den Geschichten, die man in der “Schlacht” erlebt hat, kann man noch Jahre oder Jahrzehnte später erzählen.

Bernd: Man darf ja nicht vergessen, dass dieses Riot-Ding etwas ist, was junge Männer machen. Und natürlich ist es aufregend. Man ist mit Adrenalin vollgepumpt und erlebt ungeheuer intensive Momente. Ja, mir hat es immer viel Spaß gemacht.

Ruhrbarone: Was machen Autonome eigentlich, wenn sie nicht im schwarzen Block sind oder “erwachsen” geworden sind? Bänker oder Biobauer?

Bernd: Wir waren damals alle sehr jung – unter 20. Und wir waren Schüler. Es gab ein paar Studenten und einige wenige, die man als Subproletariat bezeichnen könnte, aber die meisten waren Gymnasiasten. Keiner von denen wurde übrigens Terrorist – die haben heute alle ganz normale Jobs und die meisten sind sicher keine Linksradikalen mehr.

Jörg: Später war es dann eher, und das ist es heute auch noch, von Studenten geprägt. Viele landen danach an Unis, in Werbung und Marketing sind auch einige untergekommen. Natürlich schwindet die Verbundenheit. Im Kern ist es leider eine Jugendbewegung.

15 Kommentare

Aus meiner Sicht ist das eine große Ansammlung von Fehleinschätzungen und zeigt eine erschreckende Einstellung zur Gewalt:
Bspw:
"Jörg: Ein Erfolg. Keine Stadt in Deutschland wird sich mehr für die Ausrichtung solcher Treffen bewerben. Dass diese Konferenzen nutzlos sind, darüber herrscht breiter Konsens. Dazu haben drei Tage Straßenschlachten nicht unwesentlich beigetragen."

Das ist genau wie das aktuelle "Wir sind das Volk" auf den Demos im Osten.

Wie kann man sich ernsthaft toll vorkommen, wenn man vermummt aus dem Hinterhalt Polizisten, Bürger etc. angreift? Das ist einfach nur kriminell.

Warum wandert man nicht aus, wenn man den Staat nicht mag?

Irgendwie erinnere mich aktuell an die Terror-Kämpfer, die vom Kampf in der Wüste und vom Terror gegen Andere reden, erinnert. Die Ernüchterung kommt meistens schnell.

Was ist daran jetzt politisch….wenn man in den Antworten nur nur ein paar Wörter tauscht, kommt entweder der perfekte Hooligan oder der perfekte Nazi raus…ach ja gar nix….

Wieso gibt man diesen Gewalttätern eigentlich ein Forum. Ich fasse es nicht. Ich spüre direkt körperlichen Ekel ob manche dieser selbstgefälligen, zynischen und menschenverachtenden Aussagen.

@ Autorengruppe: "… haben beide an zahlreichen gewalttätigen Auseinandersetzungen teilgenommen. Heute führen beide ein bürgerliches Leben."
Was heißt das denn?
Zwei wohlstandsverwahrloste Bubis haben sich in der Jugend eine schöne Zeit inklusive Abenteuerurlaub auf Demos gemacht, um anschließend den Spießern nachzuziehen, denen sie vorher die Scheiben eingeschmissen haben?

Nein, der G20 Gipfel wäre ohne solche strukturellen Idioten eben keine Randnotiz gewesen. Er und seine Inhalte sind vielmehr erst durch die explosive Gewalt dazu geworden. Aber diese Polit-Egomanen halten sich nun mal für den Mittelpunkt der Welt, womit der Kern des Problems benannt ist: Je weniger Persönlichkeit umso größer die Fresse. Was wiederum erklärt, dass es sich dabei vorranig um junge Männer handelt.

Dass dieser Typ von Mensch sich ohne weiteres auf beiden Seiten der Barrikade befindet, ja sich sogar gegenseitig für seine Gewaltorgien bewundert, zeigt das zweite Konstituiv dieser Art von "Protest" : es geht nicht um Politik sondern um die Aufwertung der eigenen verkackten Mini-Psyche durch Uniform und Bewaffnung. Wobei eine Seite auf Grund der geringeren Bewaffnung einen auf Guerilliero macht und sich später von seinen ebenso verdrehten Kumpels und Groupies dafür feiern zu lassen.

So hat jede Bewegung, die das "ganze System" verändern will, immer auch schon ihre zukünftigen Folterknechte und geheimen Staatspolizisten dabei, wobei viele dabei ohne Probleme die politische Fahne wechseln, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Gewalt macht halt auf beiden Seiten Spaß, und das ist an kein Alter gebunden. Da gilt in der Regel : früh übt sich wer ein richtiges Arschloch werden will. Und das kann man natürlich auch später in einem “bürgerlichen” Job gut gebrauchen, wenn man ganz nach oben will.

Deswegen finde ich es gut, dass auch solche Leute sich hier in einem Interview als das outen können, was sie sind, bzw. einmal waren : Die Feinde jeder demokratisch emanzipativen Bewegung. ( Und “Jörg” und “Bernd” haben selbst jetzt nicht den Mumm, mit vollem Namen dafür zu stehen.)

Die Immunisierungsstrategien sind stark in ihnen! Welchen Mehrwert sollen dieses Interview dem Leser vermitteln? Dass Fanatiker (ob nun links, rechts oder religiös motiviert) sich Erklärungsmuster und Perspektiven suchen, die ihre Handlungen rechtfertigen? Das ist doch nun hinlänglich bekannt.
Entweder diente die Handlung einem "guten Zweck" oder man distanziert sich: Gewalt ist immer das, was der andere tut. Ein Linker, ein Nationalist oder ein Islamist können doch nie Böses tun, sie sind doch im Sinne einer höheren und besseren Sache unterwegs.
Ich kann mich nur überwiegenden Einschätzungen anschließen: Peinlich, so etwas hier zu veröffentlichen…

Es ist Unsinn, dass beim G7 in Bayern nicht demonstriert wurde, weil das Ziel unattraktiv war.

Fakt ist, dass die Terroristen schlecht (unerkannt) nach Garmisch gelangen und dort nicht in einer urbanen Umgebung untertauchen konnten, Dazu kommt, dass die Zufahrten in den Talkessel sehr gut kontrollierbar waren und der Weg über die Berge nicht ohne weiteres möglich ist.

Die Bayern haben es halt geschickt gemacht und im Gegensatz zu Merkel und Scholz nicht die eigenen Bürger 'geopfert'.

Den Luxus der abgehobenen und arroganten Denke der beiden Interview-Partner kann man sich natürlich nur leisten, wenn man trocken und warm an den Zitzen der verhassten Steuerzahler saugt 😉

es ist schon erschreckend, dass erwachsene Männer so wenig Selbstreflektion haben und den Angriff auf Menschen als Spass bezeichnen. Und "beide Seiten haben alles gegeben" naja die eine Seite hat einen Auftrag diese Veranstaltung zu schützen und die andere Seite hat ihre infantile Zerstörungslust ausgelebt. Aber ich finde es gut dass ihr das solche Interviews führt. Erschreckend ist einzig die Aussagen.

@Wirtschaftswaise: Bei allen Vergleichen darf man aber auch nicht vergessen, dass es bei G7 nur 7 Staatschefs und kleinere Delegationen waren. G20 sind 20+ Staatschefs mit entsprechender Entourage etc., wenn ich es richtig gelesen haben ca. 6.000 Personen. Die Zahl der Orte, an denen diese Menge sowohl (standesgemäß) untergebracht als auch tagen kann, ist sehr beschränkt. Weder Elmau noch Heiligendamm wären geeignet.
Aber naja, jetzt hat Deutschland es gemacht, und das nächste Mal sind wir in 20 Jahren dran…
Schließlich: Warum sollen Krawallmacher bestimmen, wo derartige Veranstaltungen stattfinden? Wenn es die Krawallmacher nicht gäbe, wäre es viel schwieriger, dieses "Verbunkern" zu rechtfertigen. So gibt es gar keine Diskussion, wenn wegen eines Staatsbesuchs eine Stadt abgesperrt werden soll. Für die Demokratie ist das eher kontraproduktiv.

Erhellend ist das Interview allemal. Von daher ist es auf jeden Fall gerechtfertigt, so etwas auch zu publizieren.
Wie der "Heldenmut" dieser törichten Figuren einzuordnen ist, darüber muß man mit einem Minimum an Empathie nicht diskutieren.
Wie hoch der Grad der politischen Vernunft einzuschätzen ist, darüber gibt die inhaltliche Dürftigkeit der Antworten eine verbindliche Auskunft.

Es gibt in "Der Untertan" von Heinrich Mann eine Schlüsselszene, in der Heßling, als er gewahr wird, das er es ungestraft tun kann, einen Sozialisten zusammenschlägt. Duktus und wesentliche Teile der Haltung der interviewten Linksspießer erinnern mich stark an diese literarische Figur.

@#11 mak: 6000 (Junckers sprach von 10.000) Personen als Entourage wären im Mittelalter eine halbe Völkerwanderung oder mindestens ein halbes Heer gewesen. Man kann sie guten Gewissens auch als Heuschreckenplage umdeuten, wenn dieses Heer reisewütiger Underperformer über unschuldige Städte herfallen.

Dieser Aufwand ist gemessen an allen Ergebnissen des jetzigen und der vergangenen G20-Gipfel völlig pervertiert.

PS: In Mekka ist demnächst richtig Platz für den Rattenschwanz: http://www.tophotel.de/20-news/7373-neueröffnungen-1-hotel,-10-000-zimmer.html

Danke für dieses Interview. Die Antworten der beiden Ex(?)-Autonomen machen überdeutlich, wie menschenverachtend und antipluralistisch diese Szene denkt.

Auch lesenswert: Das Resümee aus den Reihen der Demoveranstalter auf indymedia.org (https://linksunten.indymedia.org/de/node/217706). Fazit: "Das waren erfolgreiche Tage".

Auch ich finde solche Interviews interessant, aufschlussreich und damit wichtig.

Ein Fazit wie "überdeutlich, wie menschenverachtend und antipluralistisch diese Szene denkt" kann ich nicht nachvollziehen, das ist aus meiner Sicht nichts als ein Ausdruck undifferenzierter Ressentiments, Jürgen Seeger.

Wenn als langfristiges Ergebnis des G20 im Hinblick auf das "Rahmenprogramm" eine differenziertere Wahrnehmung und Milderung der extremen Polarisierung der jeweiligen Standpunkte stünde, wäre dieser Gipfel vielleicht sogar sein Geld wert gewesen.

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