Ökologie als Dilemma: Was auf die Grünen und ihre Wählerschaft zukommt

Kernkraftwerk Grafenrheinfeld Foto: Avda Lizenz: CC BY-SA 3.0

Nein, ich habe nichts dagegen, wenn die Grünen bei der nächsten Koalition nicht mehr Kellner, sondern Koch sind. Sie haben jetzt die Chance, die 30% zu knacken, auf jeden Fall aber die beiden alten und offensichtlich auch veralteten Volksparteien bei den kommenden Wahlen hinter sich zu lassen. Und die werden schneller kommen, als die meisten denken. Ich werde sie wohlmöglich sogar wählen, weil ich ihnen auch ganz persönlich die Handlungsmacht gönne, die sie brauchen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen, denn die vielbeschworene Ökodiktatur steht uns auf keinen Fall bevor.

Gesellschaften lernen nur langsam und in der Regel zu spät. Einzelne Individuen können zwar schneller, bzw. der Zeit voraus sein, aber die Masse bleibt trotzdem träge. Selbst Diktatoren müssen darauf Rücksicht nehmen, es sei denn sie wollen das, was die große Mehrheit selbst will, oder zumindest wovon sie leicht zu überzeugen ist. Vom radikalen Verzicht, egal zu welchem höheren Ziel, lässt sie sich in der Regel jedoch nicht begeistern. Ein konsequente Klimapolitik, sofern denn sicher wäre, was das genau ist, ist deswegen auch von einem grünen Bundeskanzler, egal welchen Geschlechtes, sehr wahrscheinlich nicht durchzusetzen.

Erst recht nicht in einer Koalition mit der CDU und/oder der FDP. Auch mit den Restsozialdemokraten und einer Linken, die es nicht geschafft hat, durch das Debakel der Sozialdemokratie zu wachsen, ist das nicht möglich, ohne diese beiden Parteien endgültig zu Grund zu richten. Wer vorrangig von den „kleinen Leuten“ gewählt wird, kann mit einem Verzichts- und Verteuerung-Programm keinen Blumentopf ernten. Grün-Rot-Rot mag für manche zwar sozialpolitisch wünschbar sein, klimapolitisch ist es für die beiden Roten eher ein Selbstmordkommando.

Es sei denn, die Kosten einer konsequenten Klimapolitik werden vor allem von denen aufgebracht, die sich einer erhebliche Reduzierung ihres Einkommens ohne einschneidende Probleme leisten können. Diese Menschen werden das aber, selbst wenn sie Grün gewählt haben, mehrheitlich nicht einfach hinnehmen. Erst recht nicht, wenn die Maßnahmen, die sie finanzieren sollen, in der Wirkung fragwürdig, oder wohlmöglich sogar kontraproduktiv sind. Obendrein würde die so aufzubringende Summe, selbst wenn sie freiwillig bereitgestellt würde, in Anbetracht selbst der niedrigsten Bedarfsschätzungen bei weitem nicht ausreichen.

Übrig bleibt dann nur noch eine erhebliche Produktivitätssteigerung, weil nur die überhaupt erst die Wachstumsgewinne einspielt, auf der eine konsequente Klimapolitik ohne massenhafte Verarmung möglich wäre. Dazu zählten dann vor allem gewaltige Investition in die Erforschung, Erprobung und Einführung klimaneutraler Technologien in allen Bereichen der Daseinsvorsorge, besonders aber in der der weltweiten Nahrungsmittelproduktion und der Mobilität. Produktiv kann nur der sein, der auch genug zu essen und zu trinken hat und räumlich hoch beweglich ist. Dazu wäre aber, und das machen sich die wenigsten klar, auf absehbare Zeit erst einmal mehr Energie erforderlich.

Es sei denn, man präferiert die feudalistische Lösung, in der nur noch die hoch mobil, gut ernährt und technisch angemessen ausgerüstet sind, die den wirklichen Preis dafür problemlos aus der eigenen Tasche bezahlen können. Dies wiederum, lässt sich mit denen nicht machen, die dabei den Kürzeren ziehen, bzw. noch mehr ausgebeutet werden müssen, um der Oberschicht auch im Zeitalter des Klimawandels den Lebensstil zu ermöglichen den sie gewohnt ist  Aus diesem ersten Ökodilemma können auch die Grünen nicht ohne Blessuren heraus.

Es besteht nämlich im Kern darin, dass eine ökologische Politik, die aus einhelliger Expertensicht Jahrzehnte zu spät einsetzt, nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie für eine Übergangszeit die ökologischen Probleme weiter vergrößert, bzw. verstärkt auf Technologien zurückgreifen muss, die dem angestrebten ökologischen Standard (noch) nicht entsprechen. Es handelt sich dabei um eine Art Rückschritt für den Fortschritt, der schlicht der Tatsache geschuldet ist, dass neue und alte Systeme eine Zeit lang parallel laufen müssen, wenn das Ganze nicht in einem Desaster enden soll.

Es handelt sich dabei zugleich um einen Wettlauf mit der Zeit, denn das völlige Misslingen des Wandels steht auf der anderen Seite der Gefahr gegenüber, dass wenn er zu lange dauert, sein Miss- oder Gelingen egal wird, weil die ökologischen Schäden irreversibel geworden sind. Was nichts anderes heißt, dass weder für arme noch für reiche Menschen der Planet weiter bewohnbar bleibt. Der einzige Ausweg aus diesem zweiten Ökodilemma ist der Einsatz von Technologien, die zwar technisch riskant aber dafür besonders klimaneutral sind, um den unabdingbaren weiteren Einsatz von klimaschädlichen Techniken zu kompensieren.

Bei der Nahrungsmittelproduktion ist das die Gentechnik und bei der Energieproduktion die Atomkraft. Dazu kämen verschieden Formen der CO2 Lagerung sowie des Recyclen von CO2.Es handelt sich dabei um Gefahrenkonstellationen, die wenn überhaupt, nur unter einer gemeinsamen und globalen Kontrolle beherrschbar sind, womit mir beim dritten Ökodilemma sind: die völlige Überforderung eines kleinen Landes wie Deutschland. Es sei denn, die Grünen begreifen ihre internationale Vorreiterrolle und starten zuallererst eine Initiative für ein weltweit koordiniertes Forschungs- und Technologieprogramm, in dem alle Länder, die dazu finanziell in der Lage sind, einzahlen, und das die UNO unter Beratung führender globaler Experten leitet.

Diese Ökologische Internationale wäre allerdings auch nicht ohne Feinde, weil die drei sich imperial gebärdenden Weltmächte USA, Russland und China schon bei der bisherigen internationalen Klimapolitik keine vorbildliche, ja sogar teilweise eine kontraproduktive Rolle spielen. Deswegen muss die Diskussion weg von negativen Grenzwerten zu positiven technischen Entwicklungszielen, die im Interesse auch der großen Nationen liegen. Hier liegt vor allem die wasser-, land- und luftbezogene Transporttechnik auf der Hand sowie die gemeinsame weltweite Abstimmung und Normierung der dazugehörigen Logistik.

Ebenso könnte es gemeinsame Anstrengungen geben, nicht recyclebare Schadstoffe im Ernstfall auch massenhaft im Weltall zu verbringen. Dazu käme eine weltweite Klima-Task-Force, die unter der Leitung der UNO in besonders betroffenen Gebieten massive technische Hilfeleistungen in kürzester Zeit ermöglicht. Einschließlich der Versorgung von Klimaflüchtlingen. Alles zusammen, und vieles mehr, lässt sich nicht durch besondere deutsche Betroffenheit und klimamoralischer Überheblichkeit lösen, sondern nur durch gemeinsame internationale Anstrengungen verwirklichen, bei der auf jeden Vorwurf und jede Besserwisserei verzichtet werden sollte.

4 Kommentare

Es ist an Absurdität kaum zu überbieten, dass unser jetzt so grünes Land es einfach nicht schafft, selbst einfachste Verbrauchsdaten zu reduzieren, die noch nicht einmal einen Komfortverzicht darstellen würden.
Hierfür zählen für mich:
– große Wohnungen
– Flugreisen, Reisen
– große Autos mit viel Gewicht
– Fleischkonsum insbesondere von Rindfleisch, da die Klimaauswirkungen von Fleisch erheblich von der Art abhängen)
– große Fernsehen und hohe Datenraten (bspw. UHD), die zu vielen Datenübetragungen führen
– Reduzierung der Kleidung etc.
Erst heute wurde im Ruhrpilot auf
https://www.welt.de/politik/deutschland/article194985317/YouGov-Umfrage-zum-Klimawandel-Mehrheit-offen-fuer-Verzicht.html
verwiesen.

Wir sind alle so Öko, aber nicht willens in Stadtparks trotz Urban Outdoor Expeditionskleidung aufs Streuen der Wege zu verzichten.
ARMES HILFLOSES GRÜNES DEUTSCHLAND
Aktuell legt eine Raupe das Revier lahm.

Es ist gut, dass im Artikel auf internationale Zusammenarbeit verwiesen wird. Wenn es um Flüchtlinge geht, zeigt sich die Internationale Solidarität. Es gibt sie fast gar nicht.

Deutschland wird nicht das Klima retten und auch nicht alle Flüchtlinge der Welt versorgen können.

Viele kluge Gedanken.
Aber vergesst die UNO. Ein Verein, in dem SA verantwortlich für Menschenrechte sein soll, wird bei ökologischen Themen ähnlich Diktatoren-freundlich agieren.

Außerdem wird durch den Klimawander weder die Menschheit ausgerottet noch der Planet im ganzen unbewohnbar. In D wird es aller Wahrscheinlichkeit nach, neue Standards beim Deichbau, neue Versicherungspolicen für Sturmschäden, restriktivere Einwanderungsgesetze etc. geben. Dafür wird z.B. der in HH angebaute Wein auch für nicht Lokalpatrioten trinkbar. Das ist zugegebenermaßen in der Gesamtbilanz nicht unbedingt ein Haben.

Für viel kritischer als erhöhte mittlere Jahreshöchsttemperaturen, die sich für unsere Region in der Nähe des mittelalterlichen Klimaoptimums bewegen, halte ich die Vermüllung der Natur durch Kunststoffe und Medikamente, die eine völlig neue Mikrobiologie produzieren wird.

Einen Politikwechsel könnte diesen Land bestimmt nicht schaden, da sich ein gewisser alternativloser Mehltau ausgebreitet hat. Keine Frage, durch die Grünen könnte da Bewegung in den aktuellen Politikbetrieb kommen.

Was ich seit Jahren schon staunend beobachte, dass die Grünen es bisher immer irgendwie geschafft haben ihre Botschaften zu platzieren, ohne dabei einschneidende Auswirkungen auf das bisherige Verhalten ihrer eigenen Klientel zu benennen.

Der Realitätsschock könnte für manchen Anhänger der Grünen arg heftig werden, wenn das bequeme Zeigen auf andere Bevölkerungsschicht einen selber trifft …

Die Analyse halte ich für weitestgehend zutreffend. In diesem Kontext ist es schade, dass die typische FDP-/Lindner-Position dazu, man müsse anstatt des plumpen Verzichts den Wohlstand mehren und durch Innovation (sowie eine grundsätzlich "optimistische" Haltung) die Klimaproblematik adressieren, nur, weil sie von der FDP kommt, oftmals zu wenig Beachtung findet.
Und genau das noch unangenehm zurück kommen.
Ich spiele jetzt Mal Prophet und sage einen Satz, den Ulrich Deppendorf nach der 18-Uhr-Prognose immer mal wieder bei den "Demoskopen" einfängt, die um 17:59 noch von einem "Kopf-an-Kopf-Rennen" gesprochen haben: "Es ist(war) eine klare Wechselstimmung zu verspüren".
Offenbar ist der Groko-Verdauungsvorgang an einem Ende angekommen und nach einer langen Phase der Orientierungslosigkeit zeichnet sich Mal wieder so etwas wie eine Richtungsentscheidung ab. Danach aber kommen vermutlich: Innerer Richtungsstreit, nicht erreichte Ziele und all das verpackt in dem hier skizzierten Dilemma.
Und dennoch: Vermutlich werde ich sie auch wählen. Mir gehen zwar Gendersternchen (Fun fact: Google Chrome streicht dieses Wort gerade als Fehler an) und viele andere Dinge auf den Senkel, aber auch ich möchte einen echten Wechsel. Die Grünen liefern noch so etwas, das allen anderen abhanden gekommen ist: Ein Modell, eine Vision. Die FDP wäre mir in einer Koalition zwar lieber gewesen, aber sorry Christian, ich verschenke meine Stimme gerade nicht.
Außerdem freut es mich so richtig, den AfDlern, die sich als stille Repräsentanten des "wahren Volkes" gerieren, mit ihrem Lieblingsfeind eines auszuwischen. Ich glaube, an dieser Vorstellung habe ich derzeit den meisten Spaß.

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