Nordkorea, mon amour – Laibachs progressiver Klammerblues


Eine sehr griffige Anekdote aus der Frühzeit des mit Laibach eng verknüpften Kollektivs NSK (Neue Slowenische Kunst) ist die einstige Teilnahme beim traditionellen Jugendkunstwettbewerb im Rahmen von Titos Geburtstagszeremonien: Mit einem Gemälde eines athletischen Fackelträgers mit Standarte, auf der ein Emblem der jugoslawischen Flagge und eine Friedenstaube abgebildet waren, wurden sie zum Sieger gekürt. Kurz darauf wurde erkannt, dass das Bild die Überarbeitung eines Werks des Nazikünstlers Richard Klein war. Die jugoslawischen Farben überdeckten ein Hakenkreuz und wo die Friedenstaube abgebildet war, sieht man im Original einen anderen Vogel… 

Ein Gastbeitrag von Julian Gerhard

Zu kurz greifende Analysen von Laibach gibt es zuhauf: Sie seien Provokateure, Sarkasten, Anarchisten, etc. Dabei speist sich ihre eigentliche künstlerische Strategie aus ganz anderen Motivationen – ist ebenso genial wie sie simpel ist: Verschiedene vordergründig widersprüchliche oft totalitäre Symbole und Gesten werden nebeneinandergestellt, verlieren so ihre ursprüngliche Gültigkeit, offenbaren Leere und Austauschbarkeit und gehen eigentümliche Beziehungen miteinander ein. In den Visuals ihres aktuellen Live-Programms verschwimmen entschlossene, im Stil des sozialistischen Realismus gezeichnete Arbeitergesichter gemeinsam mit eisernen Kreuzen, historischen Videos von Militärparaden und Charakteren aus „My Little Pony“. Laibach behält zentrale Elemente von Traditionals und Popsongs bei, kehrt aber ästhetische Aspekte so um, dass die Inhalte wie propagandistische Werkzeuge einer mystischen Diktatur erscheinen. Ihr frühes Werk „Geburt einer Nation“ (https://www.youtube.com/watch?v=ZZAD7W3M4zc) , das auf Harmonien und Text eines Queen-Songs basiert, verdeutlicht dieses Prinzip recht anschaulich. Der andere viel zitierte Klassiker ist „Opus Dei“ (Life is Life) . (http://www.youtube.com/watch?v=LB9lObWclFQ])

Laibach nimmt wie folgt in einem ihrem Manifest Stellung: „All art is subject to political manipulation (…), except for that which speaks the language of this same manipulation.“

Durch ihr Prinzip von Überidentifizierung, Vermischung und Verkehrung entsteht bei denjenigen, die sich darauf einlassen, etwas Komplexes und Ambivalentes auf emotionaler Ebene: Die Musik, mit ihren Marschrhythmen, der orchestralen Cheesiness und all den absolutistischen Gesten lullt auf merkwürdige Art und Weise vielmehr ein, als dass sie abstößt. Es ist eben keine Band die den moralischen Weg weist, sondern ein Kunstwerk, das ganz bewusst mit den manipulativen Mitteln politischer Macht arbeitet – Kunst, die in erster Linie Fragen aufwirft, Kunst, zu der man sich positionieren muss.

Bedauerlicherweise überschattet Laibachs einstiges Schaffen im jugoslawischen Staat, der sie verbieten ließ, bis heute ihren aktuellen Status. Sie sind dabei viel mehr als eine kunsthistorische Fußnote – es lohnt sich so sehr zu verfolgen, wie sie sich immerzu fortentwickeln. Erst kürzlich haben sie den wohl besten James-Bond-Song (https://www.youtube.com/watch?v=gwJH_vuVDJ4) aller Zeiten veröffentlicht – allerdings für den Film Iron Sky 2.

https://www.youtube.com/watch?v=2oD0W6SSBUA

Der ganz große Coup gelang ihnen mit einem Auftritt in Nordkorea. Der Dokumentarfilm „Liberation Day“ (im Testabo frei anzuschauen bei Sundance Now) begleitet das Großereignis von 2015. Auch wenn hier etwas zu viel Aufmerksamkeit auf die organisatorischen Anstrengungen in Pjöngjang gelegt wird – vom Sich-Arrangieren mit der veralteten Technik über das von großem Augenrollen begleitete, scheinbar willkürliche zensorische Eingreifen in ihre Songs – ist diese Dokumentation eine kleine Sensation. Ein Konzert von Laibach trifft auf die Menschen Nordkoreas: Viele lächeln, manche schauen hoch konzentriert, einige gequält, ein paar schlafen – eine konforme Masse sieht anders aus. Laibach selbst ist aufgeregt wie Sau und wird sich an diesem verwegenen Ort noch einmal ganz neu hinterfragt haben. Insgesamt ist es eindeutig die interessantere Begegnung als die zwischen Kim und Donald.

Bei den Songs zu ihrem aktuellen Album „The Sound of Music“ und der dazugehörigen Live-Show ist die signifikante Härte der Band in den Hintergrund getreten: Eine neue Zärtlichkeit wohnt den Songs inne – Laibach tanzt den Klammerblues mit Kim Jong-un. Und damit wäre nun wieder ein ganz neuer Grad der Verstörung erreicht.

 

Laibach in der Christuskirche Bochum (23. März 2019) © Julian Gerhard

 

Laibach in der Christuskirche Bochum (23. März 2019) © Julian Gerhard

 

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