Nirgendwo ist Armut so unsichtbar wie in Dortmund

Nirgendwo in Deutschland ist das Armutsrisiko so groß wie in Dortmund. Das hat das Statistitische Bundesamt errechnet. Insgesamt geht es mit dem Ruhrgebiet bergab. Steil bergab. Trotz Milliarden-Subventionen in den vergangenen drei Jahrzehnten – Dortmund hat es erfolgreich geschafft, die Augen vor der eigenen Armut zu verschließen.

Dortmunder Nordstadt
Dortmunder Nordstadt

Jeder Vierte in Dortmund ist arm. Oder von Armut bedroht. So steht es im Bericht. Nachrichten wie diese überraschen das bürgerliche Dortmund regelmäßig. Dortmund arm? Kann nicht sein! Ich fahre doch mit meinem Porsche Cayenne durch Kichhörde und meine Frau hat den neuesten Mini in der Garage, denken viele Dortmunder. Keine Stadt hat es in den vergangenen Jahrzehnten so gut geschafft, die eigene Armut zu verstecken.

Angefangen hat das alles einmal in den 80er-jahren als die Drogenszene vom Platz von Leeds in den Norden verdrängt wurde. Plötzlich war von Junkies keine Rede mehr. Aus den Augen – aus dem Sinn. Ein Rezept, das danach dutzendfach kopiert wurde. Das Arbeitsamt – verlegt vom bürgerlichen Viertel am Polizeipräsidium in den Norden. Die Bulgaren und Rumänen – an den Nordmarkt gedrängt.

Letztendlich passt auch der Bau des Phoenix-Sees in diese Reihe. Hörde gehört zu den wenigen armen Stadtteilen im Süden der Stadt. Durch das neue Naherholungsgebiet steigen die Mietpreise und angestammte ärmere Dortmunder werden aus dem letzten Armutsviertel im Süden verdrängt.

Verdrängung statt Lösung der Probleme – das ist der Dortmunder Weg. Damit lässt es sich als Bürgerlicher sehr gut in dieser Stadt leben. Ob beim Latte Macchiato am Alten Markt oder beim Rotwein im Kreuzviertel – wer es nicht darauf anlegt, bekommt in dieser Stadt nichts von der Armut mit. Er darf halt nur nicht hinter den Hauptbahnhof fahren, was das bürgerliche Dortmund ohnehin nicht tut. Und wenn wird das Auto von innen verriegelt und Gas gegeben.

Es gibt durchaus Menschen in Dortmund, die auf dieses Problem aufmerksam machen. Die ehemalige SPD-Ratsfrau Marita Hetmeier beispielsweise, die schon seit Jahren davor warnt, dass der Dortmunder Norden sich zum Slum und zur Abladestation für Armut entwickelt. Doch statt gehört zu werden, hat sie inzwischen keine Posten mehr in der SPD.

Der SPD-Ratsfraktion fällt als erste Reaktion auf den neuen Armutsbericht nichts Besseres ein als ihr politisches Süppchen zu kochen. Deutschland benötigt den Mindestlohn und der schwarz-gelb regierte Bund muss die Städte endlich von Sozialkosten entlasten. Zumindest Letzteres ist eine durchaus berechtigte Forderung. Ob Mindestlohn Arbeitslosen im Norden helfen würde, sei einmal dahin gestellt.

Trotzdem entlarvt diese Stellungnahme die Politik: Statt vor der eigenen Haustür zu kehren, wird mit dem Finger auf den anderen gezeigt. Die SPD hätte auch eigenes Versagen in der Stadtentwicklung zugeben können. Oder einen lauten Apell an die eigene Landesregierung loslassen können. Dortmund würde es beispielsweise helfen, wenn nicht fast ausnahmslos alle Landesbehörden in Düsseldorf oder Köln sitzen würden. Mehr Regierungsbehörden für das Ruhrgebiet – das könnte einen Schub geben. Wie gut es sich als Behördenstadt leben lässt, zeigt beispielsweise das bürgerliche Münster.

Immerhin hat sich die SPD als einzige Partei überhaupt zum Armutsbericht geäußert. Der Rest ignoriert die Zahlen bislang. Warum sich auch mit dem Problem beschäftigen? Die Wahlbeteiligung liegt im Norden ohnehin nur bei 30 Prozent. Hier werden Wahlen weder gewonnen noch verloren. Also warum sich um den Norden oder ärmere Stadtteile wie Scharnhorst kümmern? Nein! Dann doch besser weiter das Bild von der Vorbildstadt für den Strukturwandel pflegen. Wer als Besucher einen Bogen um die Problem-Stadtteile macht, könnte glatt glauben, dass es stimmt. Wenn da nur nicht diese ständigen Statistiken über Armut wären.

 

4 Kommentare

Sehr guter Bericht, aber eine Lanze für Frau Hetmeyer zu brechen, ist dabei unnötig. Die ist vor allem durch die Verquickung ihrer Interessen als Immobilienmaklerin und als Rassistin politisch aufgefallen. Das gehört leider bei ihr mit dazu. Zum Glück ist sie (erstmal) von der politischen Bühne verschwunden, ebenso wie die Nordstadteltern. Sonst hätten wir hier Verhältnisse wie in Duisburg oder in Marzahn-Hellersdorf.

Die einzige Chance für den Norden wäre es, wenn sich endlich eine linke, sozialpolitische Opposition zusammenfinden würde, die sich *gegen* die ordnungspolitsche Elendsverwaltung auflehnt. Einige zarte Ansätze gibt es ja …

Mir gefällt der Bericht auch ganz gut, jedoch hätte der Autor sich wirklich genauer mit den rassistischen und klar rechtspopulistischen Äußerungen von Frau Hetmeier im Zuge der Straßenstrich-Debatte beschäftigen sollen, schade.
“Frau Hetzmeier” als “Wahrheitsverkünderin” zu stilisieren, finde ich unnötig und ärgerlich. Ich bin mehr als froh, dass sie sich politisch nicht mehr betätigt.

Michael, zu Deiner Verklärung des Hetmeierschen Populismus wurde ja schon genügend im Vorgang kommentiert.

Darüber hinaus ist es wie immer äußerst relativ, zwischen “Porsche Cayenne in Kirchhörde” und Tatort-gerechtem Krimiklischee in der Nordstadt zu polarisieren.

Ich kenne nach über 50 Jahren Dortmund nun fast jede Ecke, sei es neben Osten und Westen der angeblich so bürgerliche Süden und der angeblich so schmuddelige Norden. Und glaube mir, es gibt in diesem nach Deiner Sicht so “mondänen” Süden genau die gleichen “armen” Bevölkerungsschichten – Leute, die zum Unterhalt und zum Drogenkonsum klauen müssen oder Mülleimer nach Flaschen durchforsten. Genauso, wie es im Norden Porsche-Fahrer und “Wohn!Design”-Abonnenten gibt.

Der Unterschied mag rein marginal-quantitativer Art sein oder sich durch historisch bedingte Infrastrukturen und Baugestaltung nicht sofort öffentlich zu manifestieren, aber das rechtfertigt keine so plumpe “Differenzierung”, wie Du sie hier versuchst (und wie sie in den letzten 30 Jahren regelmäßig von Politik und Möchtegern-Kulturaktivisten für Wahlkampf und Fördermittel-Erpressung genutzt wurde).

Nachwuch droht Gehalt auf Hartz-4-Niveau

Ende der Wohlstands-Ära: Die Jungen werden ärmer als ihre Eltern

http://www.stern.de/wirtschaft/geld/mckinsey-studie–die-jungen-werden-aermer-als-ihre-eltern-6971346.html

oder auch ganz lecker: Verarmung als Megatrend – siehe auch: https://www.berlinjournal.biz/verarmung-kinder-aermer-als-eltern/

Laut Politik müsse man sich "integrieren" (nach Definition der Politik was das denn angeblich sei). Dazu braucht es in der heutigen Zeit üppige Geldmittel, die die meisten Leute, die angeblich "nicht integriert" sind (auch sehr viele Deutsche), gar nicht aufbringen können.

Auf einen Zusammenhang stieß die britische Soziologin Marii Peskow in der European Social Survey (ESS): Demnach sei die Bereitschaft zur Wohltätigkeit in egalitären Gesellschaften deutlich schwächer ausgeprägt, als in solchen mit großen Einkommensunterschieden. Die Erklärung dafür liege im sozialen Statusgewinn, den Wohlhabende in ungleichen Gesellschaften erfahren würden, wenn sie Schwächere unterstützten. In egalitären Gesellschaften herrsche hingegen das Bewusstsein vor, dass dank des Sozialstaats für die Schwachen schon gesorgt sei.

Faulheit gilt in den westlichen Industrienationen als Todsünde. Wer nicht täglich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbezahlte Überstunden verweigert, lieber nachdenkt als malocht oder es gar wagt, mitten in der Woche auch mal bis mittags nichtstuend herumzuliegen, läuft Gefahr, des Schmarotzertums und parasitären Lebens bezichtigt zu werden.

Nein, stopp: Nur die armen Arbeitslosen fallen in die Schublade »Ballastexistenz«. Millionenerben, Banker- und Industriellenkinder dürfen durchaus lebenslang arbeitslos und faul sein. Sie dürfen andere kommandieren, während sie sich den Bauch auf ihrer Jacht sonnen.

Früher glaubten viele Menschen an einen Gott. Wie viele heute noch glauben, da oben säße einer, der alles lenke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Gottes ersten Platz hat im modernen Industriezeitalter längst ein anderer eingenommen: Der »heilige Markt«. Der Finanzmarkt. Der Immobilienmarkt. Der Energiemarkt. Der Nahrungsmittelmarkt. Und der Arbeitsmarkt.

Der Arbeitsmarkt ist, wie der Name schon sagt, zum Vermarkten von Arbeitskraft da. Wer kein Geld und keinen oder nur sehr wenig Besitz hat, verkauft sie. Die Eigentümer der Konzerne konsumieren sie, um daran zu verdienen. Das geht ganz einfach: Sie schöpfen den Mehrwert ab. Sprich: Der Arbeiter bekommt nur einen Teil seiner Arbeit bezahlt. Den Rest verrichtet er für den Gewinn des Unternehmers.

Arbeit verkaufen, Arbeit konsumieren: So geschieht es seit Beginn der industriellen Revolution. Denn Sklaverei und Leibeigenschaft wurden ja, zumindest auf dem Papier, abgeschafft.

Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist das wirkliche Gewissen noch gar nicht zur Wort gekommen. (VIKTOR FRANKL)

Die Todsünde der Intellektuellen ist nicht die Ausarbeitung von Ideen, wie fehlgeleitet sie auch sein mögen, sondern das Verlangen, diese Ideen anderen aufzuzwingen (Paul Johnson)

Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden, in lockende Gestalt… (Shakespeare)

Das Heimweh nach der Barbarei ist das letzte Wort einer jeden Zivilisation (Cioran)

Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher (Voltaire)

Die Gefahr ist, dass die Demokratie zur Sicherung der Gerechtigkeit für diese selbst gehalten wird (Frankl)

Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen (John Adams)

Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer (Schopenhauer)

Unser Entscheiden reicht weiter als unser Erkennen (Kant)

Denn mancher hat, aus Furcht zu irren, sich verirrt (Lessing)

Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus… (Goethe)

Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen (Hölderlin)

So viele Gefühle für die Menschheit, dass keines mehr bleibt für den Menschen (H. Kasper)

"Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden" (Helmut Schmidt)

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