Nicht verteufeln, nicht bejubeln…

Eine Antwort auf Gerd Herholz’ Beitrag zu Duisburg. Von unserem Gastautor Werner Streletz.

Lieber Gerd!

dein Duisburg-Porträt ist wirklich fair, fundiert und fantastisch gut geschrieben. Ich hab’s sehr gern gelesen. Obwohl ich mich in und mit Duisburg beileibe nicht so gut auskenne wie Du, ist mir der Zwiespalt, den Du Duisburg gegenüber empfindest, natürlich nicht unbekannt. Im Hinblick darauf, was „meine“ Revier-Städte anbelangt: Bottrop, Marl, Bochum. Nicht verteufeln, nicht bejubeln: Das ist die einzig mögliche Haltung. Soweit man hier wohnen bleibt. Und aus dieser unausgeglichenen Gemengelage – die andrerseits ja auch so verflixt interessant ist – Humus ebenso wie Widerstand für das literarische Schreiben schöpfen. Das sollte es sein. Für mich jedenfalls. Zeiten des Übergangs waren und sind – wie Du weißt – für die Kultur meist sehr fruchtbar. Und ich glaube, dass das, was man so hölzern Strukturwandel nennt, der hoffentlich nicht mit einem Mentalitätswandel (ins Großspurig-Metropolenhafte) einhergehen wird, noch lange nicht an ein Ende gekommen ist.

Es ist für eine an Grenzen schrammende Literatur- und Kulturproduktion beinahe zu wünschen, dass der ausklingende Kohle-Stahl-Komplex als Bereich, der originär zum Gründungsmythos des Reviers zählt (und der damit verbundenen Menschenschlag), auch in Zukunft das Selbstverständnis im Ruhrgebiet mehr oder minder deutlich unterfüttert. Weil sich daran Zerrissenheit menschlicher Existenz beinahe beispielhaft demonstrieren lässt. Im weitesten Sinne natürlich. Das hat mit plattem Regionalismus selbstredend nicht die Bohne zu tun. Aber wem sag‘ ich das… Verzeih‘ den Anflug von Pathos.

Ein überzeugendes Beispiel, wie mit den sichtbaren Relikten der Montanzeit umgegangen werden kann, hat sich mir – sehr zu meiner Freude – im Pina-Bausch-Film von Wim Wenders eröffnet. Wie selbstverständlich darin die sogenannte Industriekultur (Zollverein z.B.) in das dramaturgische Konzept einbezogen worden ist, das empfand ich als befreiend. Die Erinnerung an die ehemaligen Funktionen spielte keine Rolle mehr, was nicht weiter schlimm ist: Stattdessen wurden die Industriemonumente als ästhetische Eigenwilligkeiten ganz eigener und autarker Kraft ins Bild gesetzt. Industriearchitektur nicht als Überbleibsel einer vergangenen Epoche, sondern als überzeugende Beispiele Konkreter Kunst: machtvoll, imposant. Ich habe diesen Eindruck – wie Du weißt – auch in meinem Kiosk-Roman kurz angerissen.

Diese Art der Aneignung, wie sie im Pina-Film zu sehen ist, scheint mir ein gangbarer Weg zu sein.

Du merkst, ich bin vom eigentlichen Thema, Deinem Duisburg-Porträt, etwas abgekommen.

Darum zum Schluss noch einige Sätze zu „meinem Ort“ Bottrop. Ich habe dort die ersten 26 Jahre meines Lebens verbracht. Unlängst bin ich in Bottrop eine große Runde spazieren gegangen. Ich mache das hin und wieder, schwelge in der vertrauten Stimmung (nicht unbedingt in „alten Zeiten“). Dabei ist mir aufgefallen, dass alle die Menschen, die ich früher mit dieser Stadt verbunden habe, tot sind: Großeltern, Eltern, andere Verwandte, einige Freunde. In all diesen Fällen hat sich der Lebenslauf gerundet, kommt nichts mehr Neues dazu. Und plötzlich drängte sich mir beim Gehen ein ungemein träumerischer Eindruck auf; als sei dieses Bottrop nunmehr keine reale Stadt mehr, sondern ein alltagsenthobenes Geflecht aus klar benennbaren Erinnerungen und in sich abgeschlossenen Vergangenheitsebenen, mit den damit für mich verbundenen Gefühlen und Einsichten. Kein Heute mehr, nur noch ein gestriges Panorama. Ein Kunstraum gleichsam. Nur noch für mich nachvollziehbar, in dieser Konstellation, als dieses Kaleidoskop somit auch nur noch von mir literarisch zu erschließen, als eigene Geschichte oder als Folie für eine Geschichte.

Ich verspürte dabei übrigens kein Gefühl der Verlorenheit, Vereinzelung gar, da nunmehr allein gelassen, sondern ich fühlte mich wohl in einer Anmutung der Vertrautheit, des Aufgehobenseins jenseits aller (uns letztlich gelingenden) Alltagsbewältigung. Es war übrigens kein religiös-mythisches, sondern ein in hohem Maße poetisches Erlebnis.

Herzlicher Gruß

Werner

5 Kommentare

“Dabei ist mir aufgefallen, dass alle die Menschen, die ich früher mit dieser Stadt verbunden habe, tot sind: Großeltern, Eltern, andere Verwandte, einige Freunde.”
– Beim Spaziergang. Wie denn? Oder anders gefragt: weiß man so etwas nicht vorher?

Mehrmals im Jahr besuche ich meine Heimatstadt Bottrop. Ich bin gerne in Bottrop, denn hier habe ich eine schöne Kindheit und Jugendzeit verbracht. Wenn ich so durch die Stadt streife, überlagern sich Erinnerungen und Gegenwart. Begegnungen, Stimmungen und Orte der Vergangenheit dringen in mein Bewußtsein und machen vergangene Erlebnisse wieder lebendig. Z.B. das erste Gespräch mit dir, Werner. Seit 1959 gingen wir in die gleiche Schule, die Städtische Realschule Bottrop. Aber erst 1963 wurde ich auf dich aufmerksam. Da begegnete mir nämlich am Schuleingang ein skurriler Typ, an dessen Fahrradgepäckträger ein Fuchsschwanz hing und das Schutzblech die Initialen von Elvis schmückten. Lieber Werner, verzeih mir diesen Ausdruck, aber das war schon damals neben der Kapp’ und nicht erst seit der Mantafahrerzeit. Trotzdem, ich war von deinen Worten fasziniert. Begeistert sprachst du über Elvis Musik und über eine Liverpooler Musikgruppe , den Beatles, deren Namen ich vorher nie gehört hatte. Als wir dann 1969 im Ruhrgebiet in einem für damalige Verhältnisse wahnsinnigen Unterfangen Literatur und Jazz miteinander verknüpfen wollten, musste das Projekt an dem kulturfeindlichen Umfeld scheitern. Deine Literatur war dann doch zu radikal und wir Musiker nicht konsequent genug. Die Originalmanuskripte habe ich noch in irgendwelchen Koffern liegen.

Ich lebe seit 5 Jahren im Ruhrgebiet und hatte vorher nichts mit Kohle, Bergbau oder Stahl zu tun. Natürlich war es hier vor allem überraschend grün. Auch für mich. Aber das Grün rückerobert sich das Grau und das macht es besonders. Denn hier lebt man zwischen Geistern und Ruinen – um Zeiten des Übergangs mal pathetisch zu formulieren.

Manchmal fühle ich mich hier, als wäre ich im Holodeck bei Star Trek und würde die Kohl-Stahl-Virtualisierung verpasst haben, aber nur gerade und so knapp, dass ich sie noch rieche, nach ihr Ausschau halte, denn alle anderen sind noch im Spiel, sie verstehen das Echo, das mir nichts nachvollziehbares sagt. Dass auch die Einheimischen ein eher “gestriges Panorama” erkennen, beruhigt mich.

Manchmal bekomme ich auch den Eindruck, ich wäre nicht zugezogen, sondern in die Zukunft teleportiert worden, und die Epoche der Industriegläubigen, der Maschinenfreaks und der Wirtschaftswundermacher, aus der ich als Frankfurter ungebrochen komme, sei hier längst zu Ende gegangen. Man ist hier schon weiter.

Das Ruhrgebiet – und damit jetzt auch ich – scheint mir, zwischen den Epochen zu hängen, scheint mir einen Schritt weiter zu sein als der Rest der Republik, hat sich schon von den ewigen Wachstumswahrheiten verabschiedet und hat die Paradigmen bereits ausgebaut, aber so ganz klar ist mir noch nicht, welche neuen eingebaut werden.

Ich habe immer gerne Philip K. Dick gelesen. Ihm würde das Ruhrgebiet sicher gefallen, es wäre ihm wahrscheinlich nur ein bisschen zu grün;-)

Schon möglich, dass im Ruhrgebiet Entwicklungen vorweggenommen werden, die andere Regionen erst später erreichen. Das könnte Walter Ulbricht gefallen haben. (überholen ohne einzuholen) Zumindest ist das Leben im Ruhrgebiet großstädtischer geworden. Parallelwelten nehmen zu, die Unübersichtlichkeit wächst, alte soziale Gemeinschaften zerfallen und das Gesicherte wird durch Chaos ersetzt. Das Ruhrgebiet ist gerade dabei, erwachsen zu werden.

Wie sehr das Ruhrgebiet einen Teil des Provinziellen schon überwunden hat, zeigt das Für und Wider mit der über die Abschaffung des Straßenstrichs in Dortmund gestritten wird. 1967 musste ich noch 5 DM Strafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses bezahlen, weil ich meine Freundin vor dem Essener Handelshof geküßt habe. Leider habe ich die Quittung nicht mehr.

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