Neue Selbständige in der Kreativwirtschaft – Zwischen Freiheit und Zwang

Gestern hielt Rainer Midlaszewski auf der Libertären Medienmesse in Bochum ein Referat unter dem Titel  “Zwischen Freiheit und Zwang – Neue Selbständige in der Kreativwirtschaft”. Grundlage des Referats war ein gleichnamiger Text den Rainer 2008 gemeinsam mit Ulrike Schulz in dem Magazin Grundrisse veröffentlichte. Wir bedanken uns  dafür, den Artikel nun auch auf diesem Blog veröffentlichen zu dürfen.  

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Als Holm Friebe und Sascha Lobo 2006 das Buch „Wir nennen es Arbeit“ veröffentlichten, wirbelte ihre Rede von der „digitalen Bohème“ in der Diskussion um die Bedeutung der neuen selbständigen Arbeitsverhältnisse durchaus Staub auf.

Ihre provozierende These, dass es im Zeitalter immaterieller Produktion, jenseits der Festanstellung ein Reich der Freiheit und Coolness zu entdecken gibt, bleibt trotz vieler richtiger Beobachtungen mehr als fragwürdig. Das liegt nicht nur an der Selbst- und Marktverliebtheit ihres Vortrags, sondern auch an der Ignoranz gegenüber ganz anderen Erfahrungswelten, Untersuchungen und Interpretationen zum Thema freiberuflicher Erwerbstätigkeit.

Der nachfolgende Text ist eine Collage von Fundstücken aus wissenschaftlichen, politischen, essayistischen und ganz persönlichen Texten.

Vielleicht wirken einige Zitate so freigestellt etwas bruchstückhaft. Vielleicht verschiebt sich manchmal durch die Montage des einen mit dem anderen etwas die Bedeutung. Das ist beabsichtigt aber nie respektlos gemeint gegenüber dem ursprünglichen Kontext dem die Schnipsel entnommen sind. Die kleinen Zwischenüberschriften vergaben wir.

Die Collage folgt drei Fragen: Ist die prekäre Selbständigkeit mehr ein Ergebnis von ins Kapitalverhältnis integrierten Fluchtbewegungen und weniger das einer technologischen Entwicklung? Was stellt der „selbständige“ Arbeitsalltag mit den Subjekten an? Wie können Kämpfe unter diesen Bedingungen entstehen und in welche Richtung sollen sie gehen?

Die digitale Bohème: Früher war die Gesellschaft starrer und die Arbeitswelt restriktiver. Wenn man sich nicht in die Strukturen fügte, verdiente man kein Geld. (…) Heute muss das nicht mehr so sein, und dass es nicht mehr so ist, verdanken wir zu einem großen Teil der Entwicklung des Internet und dem Übergang von einer analogen zu einer digital orientierten Kultur. Die digitale Bohème, das sind Menschen, die sich dazu entschlossen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, (…) und die neusten Kommunikationstechnologien dazu nutzen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern. (1)

Alles gewonnen und alles verloren: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ sangen Ton Steine Scherben 1971. Auch Ende der 70er Jahre, als ich den Song zum ersten Mal hörte, drückte er noch die Explosion von Bedürfnissen aus die das fordistische Akkumulationsregime in die Krise trieb. Ich entdeckte in einer vibrierenden Zeit von Häuser- und Zaunkämpfen den »kreativen Drang, sich zu entfalten, und den nicht weniger kreativen Drang zur Zerstörung«. (2) Ich wollte nicht in die Fabrik, wo mein Vater war, und trat Anfang der 80er Jahre, nach Hauptschule und Lehre, die Flucht vor der Arbeit an. Sie führte mich durch die Arbeitslosenbürokratie und durch verschiedene Bildungsinstanzen und endete mit einem abgeschlossenen Design-Studium.

Auch wenn mich die Arbeit heute eingeholt hat und der „emanzipative Entwurf“ anders aussah, bin ich nicht geworden, was mein Alter ist. Meine Arbeit als selbständiger Grafiker enthält Freiheiten und Zwänge die mein Leben auf sehr widersprüchliche Weise strukturieren. Die lineare Langeweile tauschte ich gegen Unsicherheit und Diskontinuität. Einer relativen Zeitautonomie stehen Phasen der totalen Verdichtung der Arbeit gegenüber. Die einmal als „kreative Entfaltung“ gedachte Aufhebung der Trennung von Leben und Arbeiten, realisiert sich als Entgrenzung von Arbeit und Nicht-Arbeit. Meine Arbeit ist eine Befreiung und Gefangennahme zugleich. Insofern habe ich heute vielleicht alles gewonnen und alles verloren. (3)

Fließband bei Ford 1913 Foto: Ford Lizenz: Gemeinfrei

Von der Maschine zum Gehirn: Gehen wir von der Annahme aus, dass die Symboltechnologie des Fordismus das Fließband ist und die Symboltechnologie des Postfordismus der Computer.

Daraus ergeben sich zwei völlig verschiedene Typen von Arbeitskraft. (…) Im Fordismus haben wir es
mit einer technologischen Macht zu tun, die die Arbeitskraft unterjocht und diszipliniert, im Postfordismus hingegen mit einem technologischen Werkzeug, das mit der Arbeitskraft in einen Dialog tritt. Im Fordismus wird der Mensch paradoxerweise auf einen Affen reduziert, im Postfordismus ist der Mensch ganz Gehirn. Im ersten Fall war die Befreiung nur über eine Umkehr der Beziehung zur Maschine zu erreichen (…). Für den Postfordismus zeichnet sich ein gänzlich anderer Weg ab, denn der Computer ist (zumindest potenziell) Befreiung. (4)

Gekaufte entpersonalisierte Zeit: Gehen wir daran, den (…) Aspekt zu analysieren, der die technischen Transformationen betrifft, die sich über die Digitalisierung des Produktionszyklus vollzogen haben, so sehen wir, dass die grundlegende Frage nicht die Prekarisierung des Arbeitsverhältnisses ist (letztlich war die Arbeit immer prekär), sondern die Auflösung der Person als Agent des produktiven Handelns, als Arbeitskraft.

Wenn wir zur Sphäre der Info-Arbeit übergehen, so stellen wir fest, dass es nicht mehr nötig ist, täglich acht Stunden der Zeit irgendeiner Person zu kaufen. Das Kapital rekrutiert keine Personen mehr, sondern kauft Zeitpakete, die von ihren zufälligen und austauschbaren TrägerInnen getrennt sind. Die entpersonalisierte Zeit wird zur wahren Agentin des Wertschöpfungsprozesses, und diese Zeit hat weder
Rechte, noch kann sie Forderungen stellen. (5)

D an R: Ich brauche für meine Jobs einfach zu lange, und so fällt es mir schwer Verabredungen zu treffen, um mich nicht noch mehr unter Zeitdruck zu begeben. Man kann sagen, die Isolation läuft völlig freiwillig, ohne eine objektive und repressive Firmenhierachie.
R an D: Wenn du eine bestimmte Qualität liefern möchtest, dann braucht das einfach seine Zeit. Auch ohne blöde Überidentifikation mit deiner Arbeit hast du ja einen gewissen Anspruch an das Produkt deiner Arbeit. In einem schöpferischen Prozess entsteht ein Gebrauchswert, dessen Qualität aber von der dafür bezahlten Zeit oft nicht abgedeckt wird. Dieser „Mehrwert“ den du deinem Produkt mit auf dem Weg
gibst, ist das was an der Arbeit Spaß machen kann, was sie überhaupt erträglich macht.

Transformation der Verweigerung 1: In der Transformation des Fordismus zu einer postfordistischen Form der Regulation des Sozialen lassen sich somit politische Neubestimmungen beobachten, welche die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit ebenso wie jene von öffentlich und privat neu vermessen. Auf einer ideologisch-kulturellen Ebene werden diese neoliberalen Umbauprozesse vom Versprechen nach (mehr) Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung begleitet.

Diese Verheißungen stimmen in einem hohen Grade mit den Forderungen sozialer Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre überein.
Eingebettet in ihren ursprünglichen Kontext fungierten diese Begriffe innerhalb der „Neuen Sozialen Bewegungen“ wie auch innerhalb der Frauenbewegung als Momente einer Kritik, die den hegemonialen Arbeitsbegriff des Fordismus sowie die Form der Lohnarbeit insgesamt in Frage stellten.

Die Kritik richtete sich gegen die Trennung von entlohnter Produktionsarbeit und privater – und folglich nicht entlohnter – Reproduktionsarbeit, ebenso wie gegen Paternalismus, Autoritarismus, aufgezwungene Arbeitszeit und vorgegebene Arbeitsbereiche. (6)
D an R: Vielleicht kann man sagen, dass der Bewegung der 70er und 80er Jahre in den 90er Jahren eine technikbegeisterte Alternativbewegung folgte, die nicht nur eine „Demokratisierung” des Zugriffs auf die Computertechnik forderte sondern mit Hilfe des Internets, als „Freier Software-Bewegung“ bis heute mit neuen Formen von vernetzten, horizontalen Produktionsweisen experimentiert.

Transformation der Verweigerung 2: Die (…) Linke weiß nicht oder will nicht wissen, was in den USA mit der Heraufkunft der New Economy passiert ist (…). Sie hat vor allem nicht begriffen, dass diese Revolution auch antikapitalistische Züge getragen hat und unter dem Banner der Verweigerung von disziplinären und produktivitätssteigernden Modellen der big corporations vorangetrieben wurde (…). In diesem Zusammenhang hat sich auch jene neue Klasse herausgebildet, die von den Management-Gurus als knowledge workers bezeichnet wird. Diese haben eine neue Welt erträumt, eine neue Weise zu arbeiten, Unternehmen zu führen (…). Von den Erfahrungen dieser web class (man sehe mir diesen Neologismus nach) muss man ausgehen, um die Natur des Postfordismus und seine Fähigkeit zu verstehen, die Lage der prekären Arbeit zur Strukturbedingung zu machen. (4)

Der Arbeitskraftunternehmer: Die Freien und Selbstständigen, die Freelancer, werden zum Vorbild ganz anderer Arbeitsverhältnisse. Dafür hat man den Begriff des Arbeitskraftunternehmers“ erfunden, bald darauf aber feststellen müssen, dass man hier aufs Spiegelbild reingefallen ist. Denn das wirklich Verrückte an diesem Prozess ist, dass die Arbeit keinesfalls massenweise zur Arbeit von Freien und Selbstständigen wird – dass sie aber so strukturiert wird, als ob sie Arbeit von Freien und Selbstständigen wäre. (…) Manager nennen dies: „den Markt an jeden Schreibtisch bringen“. (7)

Eigenverantwortung als hegemoniale Ideologie: Gerade in dieser Aneignung von ehemaligen emanzipatorischen und kritischen Forderungen liegt ein zentrales Moment für die Stabilität auch des „neuen Kapitalismus“. Demzufolge kann argumentiert werden, dass ökonomische, politische und gesellschaftliche Veränderungen nicht nur über direkt repressive Mechanismen, sondern vor allem über die Organisation der Zustimmung der Individuen durchgesetzt werden (vgl. u.a. Gramsci, 1991). In diesen ideologischen Versprechen lassen sich neue Führungstechniken erkennen, die verstärkt auf dem Prinzip der Selbstführung aufbauen, die allerdings zugleich durch den „Schein der Freiwilligkeit“ unsichtbar bleiben (sollen): „Die Individuen werden in einer Weise sich selbst überlassen, dass sie frei sind,
eben das zu tun, was ihnen auferlegt wurde.

Zurückgeworfen auf sich selbst, haben sie die Freiheit, aus ihrem Leben etwas zu machen, wofür nur sie selbst verantwortlich sind“ (Krasmann, 2000, S. 201). Während hegemoniale Ideologien im Fordismus sich primär auf die imaginäre nationalstaatliche Solidarität bezogen, lässt sich im Postfordismus beobachten, dass diese nun das vereinzelte Individuum und ihre/seine Eigenverantwortung in ihr Zentrum stellen. Somit werden die gegenwärtigen Veränderungen der Arbeits- und Lebensbereiche zentral über ideologische Versprechen abgestützt, die vormals als Kritik gegen Ausbeutung und Herrschaft fungierten (vgl. dazu u.a. Boltanski/Chiapello, 2003). (6)

Das unternehmerische Selbst: Individuen sollen, wie es scheint, Unternehmer ihrer selbst werden, die ihr eigenes Leben durch die Wahl formen, die sie unter den ihnen zur Verfügung stehenden Lebensformen treffen. (8)

Modernisierte Gouvernementalität: Denn waren Lebens- und Arbeitsverhältnisse, die im Kontext sozialer Bewegungen seit den 1960er Jahren entstanden sind, tatsächlich in keiner Weise gouvernemental? Zwar wollten sich die durchaus dissidenten Praktiken alternativer Lebensweisen, die Wünsche nach anderen Körpern und Selbstverhältnissen (in feministischen, ökologischen, linksradikalen Kontexten) immer auch vom Normalarbeitsverhältnis und den damit verbundenen Zwängen, Disziplinierungen und Kontrollen abgrenzen. (…)

In den vergangenen Jahren sind jedoch genau diese alternativen Lebens- und Arbeitsverhältnisse immer stärker ökonomisch verwertbar geworden, weil sie die Flexibilisierung begünstigten, die der Arbeitsmarkt forderte.

So waren Praktiken und Diskurse sozialer Bewegungen in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren nicht nur dissident und gegen Normalisierung gerichtet, sondern zugleich auch Teil der Transformation hin zu einer neoliberalen Ausformung von Gouvernementalität. (9)

Potentiale des Begriffs „Prekarisierung“: Unseres Erachtens nach liegen genau in dieser Brüchigkeit bzw. Ambivalenz die Potentiale des Begriffs „Prekarisierung“. Denn ähnlich wie die (feministische) Kritik an dem fordistischen Arbeitsbegriff aufzuzeigen intendierte, könnte nun der Begriff der Prekarisierung wiederum die allgemeinen Strukturen kapitalistischer Arbeit und die Reduzierung der einzelnen Individuen auf Mittel zur Mehrwertproduktion sichtbar machen. Denn gerade am Grad der tatsächlichen Selbstbestimmung lässt sich der ideologische Gehalt neoliberaler Versprechen nach mehr Autonomie, Verantwortung und Flexibilität aufzeigen. Nimmt man diese Versprechen ernst, zeigt sich, dass sich die gegenwärtige Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse unter den Vorzeichen der kapitalistischen Akkulumationsdynamik gegen die ursprüngliche Stoßrichtung der Forderungen der Individuen richtet. (6)

U an R: Mit der Selbstbestimmtheit ist das so eine Sache. Ich genieße meine Flexibilität, zum Beispiel tagelang durchzuarbeiten oder spontan zu verreisen. Aber oft treibt mich das schlechte Gewissen, ich könnte doch noch etwas mehr tun oder während des Urlaubs noch einige Unterlagen bearbeiten. Oft sitze ich doch bis spät in die Nacht am Computer um den Auftrag noch fertig zu kriegen. Außerdem ist die Entscheidung, nehme ich mir die Zeit oder nicht, immer auch eine finanzielle Entscheidung.  

Das Paradox gouvernementaler Selbstregierung: Im Grunde findet gouvernementale Selbstregierung in einem scheinbaren Paradox statt. Denn sich zu regieren, sich zu beherrschen, zu disziplinieren und zu regulieren bedeutet zugleich, sich zu gestalten, zu ermächtigen und in diesem Sinne frei zu sein.
Nur durch dieses Paradox findet die Regierbarkeit souveräner Subjekte statt. Denn gerade weil Techniken des Sich-selbst-Regierens aus der Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Ermächtigung entstehen, aus der Gleichzeitigkeit von Zwang und Freiheit, werden die Individuen in dieser paradoxen Bewegung nicht nur zu einem Subjekt, sondern zu einem bestimmten modernen, ‚freien’ Subjekt.

Solchermaßen subjektiviert, (re)produziert dieses Subjekt die Bedingung für Gouvernementalität immer wieder aufs Neue mit, da in diesem Szenario überhaupt erst Handlungsfähigkeit entsteht. „Macht“, so Foucault, „wird nur auf ‚freie Subjekte’ ausgeübt und nur sofern diese ‚frei’ sind“ (Foucault 1987, 255). Im Kontext von Gouvernementalität sind Subjekte demnach sowohl unterworfen als auch gleichzeitig handlungsfähig und in einem bestimmten Sinne frei. (9)

In die Körper eingelagerte Macht: Es fällt innerhalb der neuen Arbeitsverhältnisse auch schwer, Macht eindeutig zu lokalisieren. Wir können vermuten, dass Macht vor allem in den und durch die Mechanismen der Selbstregulierung waltet. Sie ist tief in den Körper eingeschrieben und artikuliert sich im Maß der Selbstermahnung, es zu schaffen, es besser zu machen, mit den richtigen Leuten im Gespräch zu sein, Erfolg zu haben. Endlose Selbstdisziplinierung, die Last der Selbstevaluation, das Management der Eigenwerbung wie auch die Privatisierung der Enttäuschung und die Internalisierung von Kummer und Leid deuten darauf hin, dass Macht in den zeitweilig sicherlich qualvollen Praktiken eingelagert ist, die auf den normativen Anforderungen basieren, motiviert zu sein, Kontakt zu halten, sich zu bemühen, Verantwortung für den eigenen Erfolg zu tragen und die zahlreiche weitere Alltagsroutinen der Selbsterhaltung einschließen. (10)

Mikrologische Stätten des Konflikts: Sich auf dieses Gelände zu konzentrieren würde dann bedeuten, diese Stätten der Kreativität und der produktiven Aktivität hinsichtlich der Selbstbeschäftigung als mikrologische Stätten des Konflikts und der Spannung zu begreifen. Was vom Klassenkampf bleibt, wird heute auf dieses Feld der Prekarität verlagert. (11)

R an U: Ich habe mich von einem neuen PlakatJob ziemlich vereinnahmen lassen. Dass ich bei der Gestaltung weitestgehend freie Hand habe, ist im Gegensatz zu den sonstigen Aufträgen ungewöhnlich. Ich neige dann allerdings dazu achtundzwanzig verschiedene Lösungen auszuprobieren, zu verwerfen und wieder von vorne anzufangen. Oder ich beiße mich viel zu lange in zunächst unwichtige Details fest. Das Experimentieren macht Spaß und ist gut für das Endprodukt. Ökonomisch kann das jedoch katastrophal sein. Ich vergesse dass im Hintergrund die Uhr tickt und meinen Stundensatz auffrisst.

"Kreative Arbeit ist ein Raum romantischer Idealisierung" Mad Men Screeshot ZDF Neo

Romantische Idealisierung: Kreative Arbeit ist ein Raum romantischer Idealisierung, die vielleicht sogar lohnender ist als persönliche Beziehungen. (11) Spielen oder arbeiten?: Die Rolle des Affekts im Bereich der kreativen Arbeit und die normative Aussicht auf das Leid der Unsicherheit, Ungewissheit und sogar des Scheiterns sprengt jeden Vergleich mit klassischeren Formen der Arbeit oder Anstellung. Die erklärte „Freude an der Arbeit“ – effektiv die leidenschaftliche Bindung an etwas, das als „meine eigene Arbeit“ bezeichnet wird, und das die Möglichkeit der Maximierung des Selbstausdrucks eröffnet – dient als starke Rechtfertigung des eigenen Status (sowie als Disziplinierungsmechanismus), um nicht nur Unsicherheit und Selbstausbeutung erträglich zu machen, sondern auch um sich dauerhaft (und unrentabel) im Kreativsektor halten zu können und nicht einfach aufzugeben (McRobbie 1998).

Unlängst wurde die Erkenntnis, dass Arbeit in einem post-industriellen Kontext einen ihr selbst innewohnenden Ertrag bietet – etwas, das über den Gedanken der Selbstverwirklichung im Bereich „normaler Arbeit“ hinausgeht – auch im Begriff der „immateriellen Arbeit“ gefasst: Die gesellschaftliche Tendenz, bestehende Grenzen und Differenzen zu verwischen, manifestiert sich hier im Verschwinden der Unterscheidung zwischen Arbeit und Spiel (Lazzarato 1998). Die Problematik dieser Entwicklung liegt auf der Hand, nicht zuletzt weil die Überblendung von Arbeit und Spiel in der Praxis den Fortbestand der „Spielzeit“ gänzlich zu eliminieren droht. (10)

Der große Treffer: Ein einzelner großer Treffer ist das, was sich beinahe alle innerhalb der Kreativökonomie wünschen, denn möglicherweise zeitigt er einen verändernden Effekt und enthebt damit das Individuum aus dem Druck des Multitaskings und der ganzen, damit zusammenhängenden, erschöpfenden Netzwerkerei.

Der eine große Treffer schafft auch eine erleichternde Verbindung zwischen den kleinunternehmerischen Aktivitäten, die durch die selbstständige ProduzentIn ohne größere Investition abgewickelt werden können, und dem großen Unternehmenssektor, der das Kapital zur Verfügung stellen kann, um das kleine Original in ein globales Produkt zu verwandeln.

(…) Der eine große Treffer kann eine Menge bedeuten, aber im Wesentlichen bewirkt er einen wellenförmigen Effekt hinsichtlich sich öffnender Optionen und Möglichkeiten und steigert außerdem den Status wie gleichermaßen die Macht des Siegers in der Kulturökonomie. (…) in der Musik ist es ein einzelner Titel, der es nicht einmal bis an die Spitze der Charts schaffen muss, aber dennoch erfolgreich ist, wenn er vom Dancefloor direkt in den Soundtrack einer Fernsehwerbung (…) übergeht. (11) Respekt-Ökonomie: Wir möchten hier mit der Behauptung anschließen, dass das soziale Kapital gegenüber dem ökonomischen drastisch an Bedeutung gewinnt, während das kulturelle Kapital einem ebenso drastischen Bedeutungswandel unterworfen ist. Die digitale Bohème hat diese Mechanismen erkannt und bedient sie souverän, wenn vielleicht auch oft unbewusst.

Sie verhält sich ökonomisch völlig rational. Statt ökonomisches Kapital anzuhäufen (…), investiert sie Zeit, Arbeit und Energie in die Respekt-Ökonomie, das heißt in den Aufbau und die Pflege sozialer Netzwerke. (1) Permanent Networking: Stabile organisatorische Strukturen werden durch flüssige, flexible und ortlose Arbeit verdrängt, während die neue Netzwerksozialität zugleich ihre eigenen geheimnisvollen, flüchtigen und doch intimen Geographien ausbildet. Diese Clubs, Bars und anderen sozialen Räume funktionieren auf der Grundlage von interpersonalem Austausch und körperlicher Präsenz.

Für diejenigen, die diese Arbeitsform suchen, ist ein vielschichtiges subkulturelles Kapital häufig Vorraussetzung, um sich in die Nähe eines Jobs oder Projekts navigieren zu können. Zudem muss sich das freiberufliche „Personal“ bei einem solch hohen Grad an unternehmerischer Unsicherheit in einem permanenten „Bereitschaftszustand“ halten – der nächste Vertrag, das nächste Projekt könnte ja größer oder besser sein oder zumindest zu Größerem führen (Lash und Urry 1994). (10)

Coolness kaufen: Das, was wir heute erleben, das charakteristische Merkmal des „postmodernen“ Kapitalismus, ist die Verdinglichung unserer Erfahrung selbst. Was wir auf dem Markt kaufen, sind immer weniger Produkte (materielle Gegenstände), die wir besitzen möchten, und immer mehr Lebenserfahrungen wie Essen, Kommunikation, Kulturkonsum, Teilhabe an einem bestimmten Lebensstil.

(…) Michel Foucaults Idee, das eigene Selbst in ein Kunstwerk zu verwandeln, erfährt so eine unerwartete Bestätigung: Ich kaufe meine körperliche Fitneß, indem ich Fitneßclubs besuche; (…) ich kaufe meine öffentliche Identität, in dem ich Restaurants besuche, in denen jene Menschen verkehren, mit denen ich assoziiert werden möchte. (12)

Das Netzwerkunternehmen als Wunschfamilie: Anzunehmen wäre, dass in einer solch unstrukturierten und individualisierten Arbeitskultur neue Gruppierungen, Affiliationen oder Partnerschaften wie auch neue Vertrauensverhältnisse und Verpflichtungen (d.h. in nicht standardisierter, nicht vertraglich geregelter Form) entstehen, die den räumlichen Verhältnissen entsprechen, in denen die kreativen Tätigkeiten ausgeübt werden. (10)

D an U: Bei meinen Internetprojekten mache ich meist nur das Screendesign und kooperiere mit zwei Programmierern die das ganze dann umsetzen. Der dritte im „Netzwerkunternehmen“ ist K. der als Projektmanager den Kundenkontakt organisiert und uns den Rücken freihält. Auch wenn das gemeinsame „Geschäft“ im Vordergrund steht ist unser Verhältnis nicht so instrumentell wie ich es aus anderen Arbeitszusammenhängen kenne. Ich schätze unsere Offenheit bei Geldfragen und unsere gegenseitige Unterstützung auch außerhalb eines konkreten Arbeitsprojekts.

Wettbewerbsorientierte Individualisierung: Fragen der Rasse und Ethnizität, des Geschlechts und der Sexualität haben keinen Artikulationsraum, weil in diesem kulturellen Feld entweder angenommen wird, dass solche Angelegenheiten schon zur Genüge behandelt wurden und Gleichheit als gegeben gilt, oder andernfalls eine dermaßen wettbewerbsorientierte Individualisierung vorliegt, dass kein Forum, kein Raum und keine Zeit für die öffentliche Darlegung solcher Belange bleibt. Daraus folgen eine Re-Internalisierung von Angst, privatisierte Modi von Wut oder Enttäuschung, das Musttry-harder-Ethos, Muster der Selbstbezichtigung in einer hyperindividualisierten Umgebung (wie sie Bauman beschreibt), und außerdem bringt es das Fehlen von Schutz mit sich, dass auch neue Formen von Eigenständigkeit [self reliance] erfunden werden müssen (Formen, in denen es normal ist, sagen wir mal, gleichzeitig zumindest vier Projekten nachzugehen, solange mindestens eines dieser Projekte auf einem Vertrag mit einer Organisation im öffentlichen Sektor bzw. mit einer Staatsagentur beruht, da dies zumindest einige minimale Anspruchsberechtigungen aus dem Arbeitsrecht, z.B. Krankenoder Urlaubsgeld garantiert). Derart sind die Vorstellungen von Sicherheit nicht an eine Vollzeitbeschäftigung, sondern an eine Teilbeschäftigung bzw. eine gestückelte Beschäftigung gebunden. (11)

Kellnern als Brotjob? Foto: Andreas Pöschek, viennaphoto.at Lizenz: Andreas.poeschek by CC-BY-SA-2.0-at

U an R: In Bezug auf meine Zukunft bin ich grundsätzlich unbeschwert. Wenn aber für längere Zeit kein Auftrag in Sicht ist, werde ich unruhig. Dann wünsche ich mir manchmal ein geregeltes Einkommen zu haben. Die Unsicherheit, woher im nächsten Jahr das Geld kommt, führt manchmal eben doch zu Existenzängsten.

Ungewisse Zukunft: Wir wissen, wie es um die öffentlichen Rentensysteme bestellt ist, und das von
der Politik vorgeschlagene Umsteigen auf private finanzielle Vorsorge wird keine Lösung sein. (1)

Die Unmöglichkeit sich jenseits von Markt zu denken: (…) was Prekarisierung heißt: in eine Situation zu kommen, die die Verantwortung für die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft weitgehend auf das Individuum verlagert, während gleichzeitig die für diese Reproduktion notwendigen Ressourcen nicht zur Verfügung stehen. Auf diese Weise entsteht eine merkwürdige Verschiebung des Verhältnisses von Raum und Zeit, Gegenwart und Zukunft. Eine Planung des Lebens wird in dem Maße erschwert, wie wir uns an die Arbeitsmarktbedingungen anpassen. Lebensereignisse, die nicht mit dem Direktverkauf der Arbeitskraft auf dem Markt kompatibel sind, Krankheiten, ein Kinderwunsch, die Beschäftigung mit anderen Dingen als denen, die der Hype vorgibt, führen dazu, dass wir individuell vom Markt geworfen werden. Die Marktposition trägt dazu bei, dass die Konstituierung kollektiver Zusammenhänge sehr schwer ist – nicht allein, weil mensch sich in diversen sozialen und kommunikativen Zusammenhängen bewegen muss, sondern auch, weil diese selbst diskontinuierlich sind. (13)

Imaginationen von Autonomie und Freiheit?: Vielleicht sind die kreativ Arbeitenden, diese selbst gewählten prekarisierten KulturproduzentInnen deshalb so gut ausbeutbare Subjekte, weil sie ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse wegen des Glaubens an die eigenen Freiheiten und Autonomien, wegen der Selbstverwirklichungsphantasien scheinbar unendlich ertragen. Sie sind in einem neoliberalen Kontext dermaßen ausbeutbar, dass sie von staatlicher Seite sogar als Rolemodels angeführt werden. (9)

R an U: Das Paradoxe ist ja genau diese Gleichzeitigkeit von Zwang und Freiheit. Und die Freiheit ist ja nicht nur eingebildet, nicht nur eine Imagination. Dass ich z.B. niemanden nach Urlaub fragen muss. Diese Gestaltungsspielräume in der Prekarität möchte ich nicht gegen die ja auch fragwürdigen „Sicherheiten“ einer Festanstellung eintauschen.

Bei der Vorstellung den ganzen Tag in einem Büro eingesperrt zu sein, so mit Vorgesetzten, Kaffeekasse und Jahresurlaub, läuft mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Ganz abgesehen von der Möglichkeit heute überhaupt noch einmal so einen Job zu bekommen.

Fluchtbewegungen: Die „atypischen“ Arbeitsformen, wie sie sie nennen, sind jedoch oft, ja immer öfter, Formen des Selbstschutzes vor dem Elend der abhängigen Arbeit, dem niedrigen Lohn und dem Arbeitsumfeld, das immer schlimmer wird, abgesehen davon, dass viele ihre Bestrebungen nach Autonomie und Unabhängigkeit verwirklichen wollen. (4)

R an D: Das ist ja lustig, dass du dich auf der Flucht vor Hartz IV selbständig machst! Aber warum auch nicht. Selbst wenn du dabei keinen Boden unter den Füßen bekommst, verlierst du nichts wenn du nach einem Jahr wieder zurück in die Arbeitslosigkeit gehst. Das machen gerade sehr viele um eine Zeit in Ruhe gelassen zu werden.

Ausfransende Lebensbereiche: In dem Maße, wie Prekarisierung die Grenze zwischen „Leben“ und „Arbeiten“ ausfranst und die Erfordernisse der ökonomischen Reproduktion in alle Lebensbereiche ausweitet, stellt sich diese flüssige Situation in einer Totalität dar, in der der Kampf um die Bedingungen der Lohnarbeit ein wichtiges, aber kein zentrales Moment mehr darstellt. (13)

Negation des beruflichen Status: Dazu kommt, dass selbstständige Beschäftigung die Illusion einer sozialen Durchlässigkeit produziert: Als UnternehmerInnen sind wir alle gleich. Gerade in den „kreativen“ Bereichen drückt sich diese urkapitalistische „Gleichheit“ als Identität zwischen Produzenten und “moralischen“ Produkten aus, die scheinbar „unabhängig“ von ihren materiellen Voraussetzungen verortet ist.

Obwohl Konkurrenz und entfremdete Arbeitsbedingungen allgegenwärtig sind, muss man die Illusion, eine Chance zu haben oder etwas „Spannendes“ zu tun bis zu einem gewissen Grade teilen, um in diesen Bereichen zu arbeiten. Wenn es um die gemeinsame Organisierung im Kampf für gleiche soziale Rechte geht, muss diese Illusion aber durchbrochen werden, denn sie versperrt den Weg zu Kollektivität und Solidarität. In den Motiven derjenigen Kampagnen, die an ein virtuelles Prekariat appellieren, taucht leider gerade diese, zugegeben schwierige und alleine und isoliert kaum zu bewältigende Forderung nach einer Negation des beruflichen Status und der persönlichen Identifizierungen kaum auf. (13)

U an R: Ist es überhaupt sinnvoll ist in diesem Zusammenhang von „entfremdeten Arbeitsbedingungen“ zu sprechen? So wie wir unsere Arbeit nicht wie in der Fabrik boykottieren oder uns selbst krank befeiern können, wollen und können wir auch nicht diese Distanz zu ihr herstellen, weil es eine andere Art von Arbeit ist. Natürlich nimmt sie uns auch gefangen weil der kreative Output so verknüpft ist mit dem Selbst. Jedoch finde ich nicht die eigene Negation und Selbstpräsentation als „ausgebeutete“ entscheidend, sondern das Ringen um die gesellschaftliche Anerkennung der Bedeutung unserer Tätigkeit, aller Tätigkeiten, die sich in einer materiellen Absicherung ausdrücken muss. Also genau andersherum. Und sicherlich muss es darum gehen in Form von Kooperationen die Konkurrenz zu unterlaufen. Dazu gibt es ja in unseren Netzwerken schon Ansätze die viel offener propagiert werden müssen.

Fraktalisierte Arbeit – fraktalisierte Körper: Eine Erfahrung der Kämpfe der vergangenen Jahre ist, dass die Kämpfe der prekarisierten ArbeiterInnen keine Zyklen ergeben. Die fraktalisierte Arbeit mag sich da und dort erheben, das bewirkt aber noch lange keine Protestwelle. Der Grund dafür ist leicht zu finden. Damit die Kämpfe sich zyklisch organisieren, ist die räumliche Kontiguität (Berührung/Zusammentreffen) der arbeitenden Körper und die zeitliche Kontinuität der Existenzen vonnöten. Ohne diese Kontiguität und Kontinuität entstehen keine Voraussetzungen dafür, dass die zellenartig aufgeteilten Körper zu einer Gemeinschaft werden. Es kommt zu keiner Welle, weil die ArbeiterInnen nicht in einer Zeit zusammenleben, und die einzelnen Verhaltensweisen können nur dann zur Protestwelle anwachsen, wenn eine fortdauernde Nähe gegeben ist, die die InfoArbeit nicht mehr kennt. (5)

Die „web class“ als Denksystem: Es ist kein Problem der Jungen – es ist das Problem, das die neue, vom Postfordismus und der New Economy hervorgebrachte Klasse betrifft, die neue Menschheit des web und der Globalisierung. Deshalb haben wir den Begriff web class entworfen und sind der Meinung, dass er zur Beschreibung der Wirklichkeit nützlich ist. Wir haben aber auch deshalb den Ausdruck web class verwendet, weil wir darin ein positives Element sehen, ein organisatorisches Potenzial, Möglichkeiten des Selbstschutzes und der politisch handelnden Subjektivität. Web sollte hier als „Aufbau eines Netzes“ verstanden werden, als mächtiges Instrument der Kommunikation, als Sprachen-Babel, in dem wir jedoch am Ende lernen, Unseresgleichen zu erkennen, wo wir Codes zur Identifizierung erstellen, uns in Echtzeit Gehör verschaffen und auf die Dummheiten reagieren können, die täglich über uns verbreitet werden.

Web class als Kooperation unter Intelligenzen, Kompetenzen, Skills, als Aufbau eines Denksystems, das gleichermaßen komplex und klar ist, für alle verständlich, aus wenigen zentralen, schematischen, holzschnittartig vorgetragenen Ideen bestehend.

Der komplexere und schwierigere Teil, die wahre Schlacht, die es zu schlagen gilt, ist wohl der Umgang mit der Erinnerung als historischem Gedächtnis, die Auswahl des Imaginären, das uns aus der Geschichte der Arbeit überliefert ist, die Formen des Selbstschutzes und die Geschichte der Arbeiterbewegung. Dieses Gedächtnis kann sich als Bürde entpuppen, die uns daran hindert, vorwärts zu kommen, aber auch als Anregung für Ideen, Initiativen, als Ermutigung zum Handeln. Es ist klar, dass die solchermaßen verstandene web class eine kleine Minderheit innerhalb der gesamten Arbeitskraft darstellt, wenn man alle Prozesse der Globalisierung in Betracht zieht. (4)

middle class Prekariat?: Es ist unverständlich, warum viele Vertreter der Bewegung, die die Positionen des Prekariats repräsentieren wollen, glauben, sich als Proletariat verkleiden und mit den Migranten identifizieren zu müssen, und dabei weiterhin die verbrauchte Symbolsprache und die abgedroschene Bilderwelt der sozialistischen Tradition des 19. Jahrhunderts verwenden. (…) Das Prekariat ist das Massenphänomen einer mit Wissen und Kompetenzen ausgestatteten Arbeitskraft, die intensiv in Ausbildung investiert hat, einer Arbeitskraft, die ihre Skills in Dutzenden verschiedener Arbeitszusammenhänge erworben hat. (4)

U an R: Die Euromaydaybewegung, so wie ich sie in Deutschland miterlebte, hat versucht Gemeinsamkeiten in der Prekarität als Organisationsmoment zu nutzen, das über die linke Bewegung hinausgehen sollte: „Wir sind flexibel, ZeitarbeiterInnen oder ständig Beschäftigte, MigrantInnen, StudentInnen, AkademikerInnen, lustlose Tagelöhner, frustrierte und gutgelaunte TeilzeitarbeiterInnen, Jobber und glückliche oder verzweifelte Arbeitslose. Als Prekäre in Europa nehmen wir unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände und kämpfen für neue kollektive Rechte und Möglichkeiten, uns unser Leben selbst auszusuchen.“ (Aufruf zum Euromayday 2005)

R an U: Ich glaube ja, dass es als Voraussetzung für Kämpfe immer einen verallgemeinerbaren, positiven Bezugspunkt geben muss, der die verstreuten Beteiligten, trotz unterschiedlicher und diskontinuierlicher Arbeitsverhältnisse und Lebenswelten, dennoch „gemeinsam werden“ lässt. Der Streik der „frei“ arbeitenden Kulturschaffenden in Frankreich, der „intermittents du spectacle“, für den Erhalt ihrer besonderen Form der Absicherung in Zeiten der „Nichtbeschäftigung“, ist ein schönes Beispiel dafür.

Die „intermittents du spectacle“ – Vom Ich zum Wir zum Alle: (…) die Artikulationen und Forderungen blieben nicht im Partikularen des Kulturbereichs stecken. Im Slogan „Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle“ drückt sich der gesamtgesellschaftliche Anspruch der „intermittents du spectacle“ aus. Ihnen geht es nicht nur um ein garantiertes Einkommen im Kulturbereich. Allen soll ein solches Einkommen, das ein würdevolles Leben ermöglicht, zustehen – auch und gerade bei diskontinuierlichen Erwerbsverläufen.

Davon, sich wie die intermittents in Frankreich als handlungsfähiges politisches Subjekt zu artikulieren und zu kämpfen, sind die KulturarbeiterInnen in Deutschland weit entfernt. Die KulturarbeiterInnen in Frankreich haben sich auf eine Reise begeben. Im Zentrum stehen dabei die Fragen, wie aus den mannigfaltigen Ich‘s, den PraktikantInnen, den FilmemacherInnen etc., bei aller Differenz ein Wir werden kann und wie dieses immer kontingente und potentiell ausschließende Wir mit dem gesellschaftlichen Allen zum schwingen und tanzen gebracht und somit handlungsfähig werden kann. (14)

Es anders und etwas anderes tun: Wenn das System der Intermittenz den Beschäftigungsstrukturen auch einen wichtigen Spielraum für die Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen einräumt, so ermöglicht es den Intermittents gleichzeitig einen größeren Gestaltungsspielraum durch die Selbstbestimmung der Arbeitszeit, die individuelle Auswahl der Projekte und der Personen, in denen und mit denen man arbeitet. (…)

Zwischen der Zeit einer Beschäftigung und der Zeit der Beschäftigungslosigkeit sind die Perioden der „Intermittence“ (Unterbrechung) auch Arbeitszeiten, die für manche der Zeit für die Erarbeitung von Projekten entsprechen. (…) Die Intermittenz kann als „Grenzzone“ zwischen Beschäftigung und Beschäftigungslosigkeit gedacht werden, als eine hybride Form von ArbeitnehmerInnentum und unabhängiger Arbeit. Sie verschiebt die binäre Logik von Arbeitszeit, die als produktive Zeit gewertet wird, und einer Zeit der Beschäftigungslosigkeit als vergeudeter Zeit; sie verschiebt auch die Oppositionen von Autonomie und Unterordnung, LohnempfängerInnentum und ArbeitgeberInnentum.

Einmal arbeitslos, dann wieder angestellt, weder abhängig noch selbstständig, ist die IntermittentE ein Symbol für die mögliche Verschiebung der binären Logiken, die uns beherrschen und unser Leben strukturieren. (…) Es ist ein Kampf für die Einforderung der Anerkennung eines außerhalb der Erwerbsarbeitszeit produzierten Reichtums. Das System der Intermittenz zu verteidigen bedeutet (…) auch die Verteidigung der Möglichkeit (…) andere Formen von Politik, andere künstlerische Ausdrucksweisen und andere Lebensformen zu versuchen. (15)

R an U: Was würde wohl passieren, wenn es Bestrebungen gäbe, die Künstlersozialkasse als subventionierte Sozialversicherung aller Freiberufler der „Kreativwirtschaft“ abzuschaffen oder ihre Leistungen stark einzuschränken? Würde hier eine ähnliche Bewegung entstehen wie in Frankreich? Ich bin da sehr skeptisch. 

U an R: Da widerspreche ich dir nicht. Ein Angriff auf die eigenen Rechte führt noch lange nicht zu öffentlichem Protest. Derartige Hoffnungen und Erwartungen gab es auch an das Potential, das die Kampagne Agenturschluss 2005 der Einführung von Hartz IV entgegensetzte. Das Ergebnis war äußerst ernüchternd.

R an U: Auch wenn die „französischen Verhältnisse“ sich nicht auf unsere Situation übertragen lassen, hat der Streik der Intermittents doch ganz entscheidende Fragen auch für unsere Diskussion aufgeworfen: Wie lässt sich die Prekarisierung zurückweisen und wie lassen sich gleichzeitig die positiven Elemente einer „selbständigen“ Arbeitssituation erhalten? Wenn Wissen, Kreativität und Kommunikation, im Kapitalismus von heute die wichtigsten Produktivkräfte sind, die wir liefern, möchte ich auch darüber nachdenken, wie wir uns diesen lebendigen Reichtum wieder aneignen können oder tendenziell der Verwertung entziehen. Ohne eine materielle Absicherung gibt es dabei aber nichts zu lachen. Die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen – nicht als „Entlohnung des produktiven Lebens“ sondern als Anspruch auf Teilhabe und Selbstentfaltung aller – könnte helfen eine Richtung aufzuzeigen.

U an R: Sicher, die KSK ist großartig, aber emanzipierte Kämpfe sollten meines Erachtens mehr fordern als genug Geld für alle. Zwischenzeitlich setze ich lieber auf Selbstorganisation. Zum Beispiel bauen wir mit verschiedenen Leuten, die im IT-Bereich tätig sind, gerade einen „Jobberpool“ auf. Dabei geht es nicht allein um gegenseitige Jobvermittlung und projektbezogene Zusammenarbeit sondern ebenso um Abbau von Konkurrenzdenken, Austausch über Stress, Tipps zum finanziellen Auskommen, also die „ökonomische Reproduktion“ wie es ein Genosse benannte. Der Arbeit wird ein kollektiver Rahmen gegeben.

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Rainer Midlaszewski arbeitet als selbständiger Grafiker in Bochum; Ulrike Schulz als selbständige
Webdesignerin in Hamburg. Der Text erschien 2008 erstmalig in der Zeitschrift Grundrisse.

Quellen:

Quellen
1) Holm Friebe u. Sascha Lobo/Wir nennen es Arbeit/Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung/2006
2) Martin Dieckmann/Grechtigkeit und Freiheit/Die Aktion Nr. 208/2004
3) Rainer Midlaszewski/Manuskript zu einem Workshop auf dem »Prekär-Camp« 2005
4) Sergio Bologna/Uscire dal vicolo cieco!/Jungle World/Nr. 42/2007
5) Franco Berardi Bifo/Arbeit Wissen Prekarität/(www.republicart.net/disc/precariat)
6) Gundula Ludwig, Birgit Mennel/Ganz normal prekär? Feministische Aspekte zur Prekarität von Arbeits- und Lebensverhältnissen/Grundrisse Nr. 14/2005
7) Martin Dieckmann/Die Widerruflichkeit der Normalität/Über Prekarität und Prekarisierungen/(www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/rede_buko05.html)
Acht) Niklas Roses (1999)/zitiert nach: Angela McRobbie/Kreatives London – Kreatives Berlin/Anmerkungen zum Erwerb des Lebensunterhalts in der Neuen Kulturellen Ökonomie/(www.ateliereuropa.com/2.3_essay.php)
9) Isabell Lorey/Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung/Zur Normalisierung von KulturproduzentInnen/(www.transform.eipcp.net/transversal/1106/lorey/de)
10) Angela McRobbie/Kreatives London – Kreatives Berlin/Anmerkungen zum Erwerb des Lebensunterhalts in der Neuen Kulturellen Ökonomie/(www.ateliereuropa.com/2.3_essay.php)
11) Angela McRobbie/Die Los-Angelesierung von London/Drei kurze Wellen in den Kreativitäts- und Kultur-Mikroökonomien von jungen Menschen in Großbritannien/(www.transform.eipcp.net/transversal/0207/mcrobbie/de)
12) Slavoj Zizek/Die Revolution steht bevor – Dreizehn Versuche über Lenin/2002
13) Peter Birke/Flüchtige Rebellion/Prekärer Alltag und soziale Bewegungen/(www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/birke.html)
14) FelS – Für eine linke Strömung/Die heiße Phase/arranca! extra Nr. 02/01-2008
15) Antonella Corsani/„Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle“/Spuren einer Geschichte in Bewegung/(www.translate.eipcp.net/transversal/0607/corsani/de)

 

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