Müsste Jürgen Klopp beim BVB aktuell dringend entlastet werden?

Sportdirektor Michael Zorc. Foto: BVB
Sportdirektor Michael Zorc. Foto: BVB

Auch zwei Tage nach der neuerlichen Bundesliga-Niederlage gegen Hannover und dem Abrutschen auf Platz 15 nach dem 9. Spieltag beschäftigen sich die Medien noch intensiv mit Borussia Dortmund. Die üblichen Mechanismen greifen, nur den Trainer stellt bisher kaum jemand in Frage. Sechs Spiele reichen nach übereinstimmender Meinung wohl nicht dazu aus die Arbeit von Jürgen Klopp grundsätzlich in Frage zu stellen. Völlig nachvollziehbar und gut so!
Trotzdem mehren sich vielerorts die kritischen Aspekte in der Berichterstattung über den BVB. Und das ist ebenfalls gut und richtig so. Es wird die Harmonie in der Mannschaft und auch die Neuverpflichtungen der letzten Zeit kritisch beleuchtet. Passt ein Ciro Immobile wirklich zum Spielsystem eines Jürgen Klopp, hat Shinji Kagawa noch die Form vergangener Jahre bzw. Kann er sie noch einmal erreichen? Alles berechtigte Fragen aktuell.

Auch, dass nun scheinbar Streit im BVB-Kader aufkommt, so wie zwischen Mats Hummels und Roman Weidenfeller vermutet, ist in Zeiten sportlichen Misserfolgs in Sportmannschaften gar nicht ungewöhnlich.

Der BVB ist es halt nur nicht mehr gewohnt vier Ligaspiele in Folge zu verlieren, nun deutlich mehr Niederlagen als Siege in der Bundesligatabelle auf de Konto zu haben. Dass es da ungemütlicher wird, auf vielen Ebenen gleichzeitig, das ist ganz normal und kann ja auch zur Aufarbeitung der tatsächlichen Problematik beitragen.

 
Schon Franz Beckenbauer kritisierte in der Vorwoche, dass sich Roman Weidenfeller nach dem unglücklichen Gegentor von Köln bei der Mannschaft entschuldigt habe. Beckenbauer hielt ein Reizklima in dem sich die Beteiligten gegenseitig mal ordentlich ‚in den Arsch treten‘ sollen aus seiner Erfahrung heraus für heilsamer. Dieses scheint sich nun einzustellen. Man darf gespannt sein.
Aus den ganzen Ansätzen der Kritik die über die letzten Tage öffentlich zu vernehmen waren ragt ein Ansatz aber, zumindest meiner Meinung nach, heraus. Ausgerechnet Oliver Kahn war es, der gestern in der Sendung ‚Sky90‘ anmerkte, dass Jürgen Klopp in der aktuellen Situation vielleicht überfordert sei.
Auf ihn wirke das jedenfalls manchmal so, sagte Kahn dort.

Und wer nun vermutet, dass sich dahinter schlicht ein leicht schadenfroher Einwurf eines Ex-Bayern-Spielers in Richtung der Borussia verbirgt, der sah sich getäuscht. Die Begründung, welche Kahn auf Nachfrage lieferte, kann einen nämlich durchaus stutzig und tatsächlich nachdenklich machen: Er führte nämlich aus, dass Jürgen Klopp in der jetzigen Krise beim BVB relativ allein in der Verantwortung wirke.
Klopp müsse und würde sich all der Kritik scheinbar allein stellen, so der Ex-Torhüter. Und damit hat er, zumindest was die Wirkung nach Außen betrifft, durchaus Recht, wie ich finde. Und darüber sollte man vielleicht auch beim BVB schon mal nachdenken.

 
Das Klopp über all die Jahre, im Erfolgsfall, die strahlende Überfigur im Rampenlicht beim BVB war, könnte sich jetzt als Nachteil erweisen.
Es fällt ja grundsätzlich schon auf, dass man von Michael Zorc und auch von Aki Watzke aktuell doch relativ wenig sieht und hört.
Jetzt könnte es sich schon als Nachteil erweisen, dass Jürgen Klopp beim BVB immer alles überstrahlt hat, während die Bayern traditionell mit vielen Führungspersönlichkeiten aufwarten können.
Für die Bayern spricht längst nicht nur Trainer Guardiola. Auch Sammer, Rummenigge, früher auch Hoeneß waren stets in den nationalen Medien präsent. Was dann natürlich auch gerne mal zu Streitereien und Kommunikationsproblemen untereinander führen kann.

 
Aber gerade jetzt, wo ungewohnt viele Brandherde beim BVB ausbrechen und vermutlich noch weiter auszubrechen drohen, würde es Jürgen Klopp wohl ganz gut tun, wenn auch mal jemand anderes aus dem Verein ein weinig von dem aufkommenden Druck, von der Verantwortung übernehmen würde.

Gerade die Rolle eines Michael Zorc erscheint mir da im Moment durchaus kritikwürdig…

10 Kommentare

Und wenn sich auf einmal alle äussern heisst es wieder: Person XY trägt Unruhe in den Verein. Wenn viele Leute sich äußern, und diese Äußerungen sich nicht aufs Haar gleichen ist das einfach Futter für die Presse die dann Unstimmigkeiten in der Vereinsführung diagnostiziert und weiter am Krisenkarussel dreht. So ist es natürlich langweiliger als auf Schalke wo mal Tönnies und mal Held den Trainer anzählen und die Zeitungen was zu schreiben haben.
Keine Angriffspunkte bieten, konzentriert weiterarbeiten und dann wird der Erfolg auch wieder zurückkommen.

Kahn, Beckenbauer, Sky90… ausgerechnet die Bayern-Sudelecke des Bezahlfernsehens als Maßstab für öffentliche Wahrnehmung herzunehmen, ist dürftig. Klopp *ist* die Öffentlichkeit des BvB – im Guten wie im Schlechten. Und er weiß das sehr genau, deswegen verfällt er auch jetzt noch nicht in die Einsilbigkeit des gescheiterten, abgewandten Trainers, sondern lässt alle am “neuen Scheitern” teilhaben. Gewagt zwar, aber dreimal besser als das permanente “Wir stehen voll (so ca. 100 Meter) hinter dem Trainer”-Blabla anderer Vereine.

Keller und Dutt kann jeder Hobby-Intrigant, Klopp kann nur Klopp.

Klaus Lohmann:
-Zustimmung-
Wer meint, der BVB müsse die Ratschläge eines Beckenbauer, eines Kahn oder der “intellektuellen Größen” von Sky90 aufgreifen, bedenken und ggfls. umsetzen, den kann nicht nicht Ernst nehmen!
Daß diese Typen stets und ständig, jetzt in Richtung BVB, Ratschläge zur Hand haben, zeigt doch, wessen Geistes Kinder sie sind.

Intellektuelle Fußballgrößen, ernstzunehmende Fußballwaise wie z.B. Guardiola, werden nie von sich aus dem BVB einen Rat geben.

Ob der BVB, ob Jürgen Klopp von sich aus Dritte um Rat fragen -intelektuelle und vertrauenswürdige Fußballgrößen- weiß ich nicht. Ich spekuliere auch nicht darüber. Vereinsvorstand, Fans, Spieler werden an ihren Erfolgen/Mißerfolgen gemessen. Das geschieht bekanntlich -und richtigerweise- völlig unabhängig davon, ob man Dritte um Rat gefragt hat oder nicht.

Ich jedenfalls bin ob der Situation des BVB rat- und sprachlos -nicht hoffnungslos-.

@Michail K: Mir geht es im Kern gar nicht um die Frage ob sich alle gleichzeitig äussern, es geht um die Einschätzung von Kahn, dass Klopp aktuell, zumindest nach aussen, doch ziemlich alleine im Wind steht. Das finde ich zumindest diskutabel, denn den Eindruck kann man zumindest haben. Und das ihn das dann schnell auch an seine Grenzen bringt, bringen könnte, das ist doch nur menschlich. Man sollte zumindest mal über die Nachteile nachdenken die es haben könnte, dass der BVB mit Klopp in den letzten Jahren so eine alles überstrahlende Figur sich hat entwickeln lassen. Das Zorc gerne im Hintergrund arbeitet ist ihm ja nicht grundsätzlich vorzuwerfen, ist in der jetzigen Lage aber zumindest kein Vorteil, um es mal vorsichtig zu formulieren.

@Robin #5:
Nochmal – Wenn derjenige im Verein, der bislang alle Fragen zu Taktik, Einstellung und Zustand der Mannschaft äußerst eloquent, medienwirksam und auch -kritisch sowie in für alle erkennbarer Eigenverantwortung beantwortet hatte, nun in einer Krise durch irgendwelche 0815-Statements seitens Watzke oder Zorc aus der Schusslinie genommen würde, DANN würde ich mir echte Sorgen machen.

@Klaus: Soweit schon richtig. Das sehe ich auch so. Trotzdem erscheint mir der grundsätzliche Gedanke sich da nach der aktuellen Erfahrung für zukünftige Problemphasen in der ersten Reihe vielleicht doch etwas breiter aufzustellen ganz nachdenkenswert. Dann müsste Klopp den medialen Druck nicht ganz alleine stemmen, was ihm aktuell ja sichtbar etwas schwer fällt.

@leoluca: Genau das meinte ich. Es gibt momentan Niemanden, der das Dilemma bei uns plakativer und eindringlicher zumindest zu begreifen versuchen kann, wie Klopp selbst. Die Ziele wurden ja von den meist noch international wenig erfahrenen jungen Spielern teilweise selbst schon vorformuliert, bevor der Verein da was Offizielles verlauten ließ.

Und noch sind wir kein Verein, der wie die Bauern fast ausschließlich Spieler transferiert, die als eine der wichtigsten Disziplinen die mentale Wettbewerbs-*Festigkeit* für 3 oder sogar 4 Parallel-Wettbewerbe mitbringen. Da haben wir noch viel aufzuholen.

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