Moers 2011: “Kulturell überhaupt ganz weit vorne…”

An Selbstbewusstsein hat es den wirklichen und selbsternannten Protagonisten Moers Festival noch nie gemangelt. Nicht, als Burkhard Hennen die Veranstaltung mehr als 30 Jahre steuerte und entwickelte und auch nicht nach seinem Ausscheiden im Jahr 2005, als Reiner Michalke die Federführung über das Programm übernahm. Beim offiziellen Bürgermeisterempfang am Sonntag jedoch übertrafen sich die Akteure in Superlativen: Von der Hauptstadt des Jazz war die Rede, Moers sei kulturell überhaupt ganz weit vorne. Jazz, Schlosstheater, Comedy – etwas vergleichbares gebe es in ganz NRW nicht. Noch nicht einmal in Deutschland. Wer den Worten von Bürgermeister Norbert Ballhaus (SPD) und Co unbefangen zuhörte, der konnte meinen: Alles bleibt gut. Als dann noch NRZ-Chefredakteur Rüdiger Oppers mit tiefer Stimme und ohne roten Kopf davon erzählte, wie er zu Pfingsten im Freizeitpark das erste Mal im Leben die Vorzüge der freien Liebe kennenlernte, herrschte im kleinen Pressezelt eine Stimmung wie auf dem Oktoberfest – Freibier und Fingerfood inklusive.  Von unserem Gastautoren Holger Pauler.

Wenn wirklich alles so toll ist am linken Niederrhein: Warum wird dann an jeder kulturellen Ecke gespart? Warum werden Institutionen gegeneinander ausgespielt, wird das Festival mal eben um einen Tag verkürzt, steht, wie so häufig in der Vergangenheit, sogar dessen Existenz auf dem Spiel? Antworten darauf gab es nicht. Auch weil die Fragen ausblieben.

Sylvia Löhrmann (Grüne), Vize-Präsidentin im Düsseldorfer Landtag, deutete zumindest  an, dass der Etat für das kommende Jahr gesichert sei. Welche Rolle die Landesregierung bei der Finanzierung spielt, bleibt aber unklar. Den Großteil der Kosten übernimmt die Stadt: 600.000 Euro – bei einem Kulturetat von insgesamt neun Millionen Euro liest sich das relativ bescheiden. Trotzdem wollen etliche Kommunalpolitiker die Ausgaben für den Jazz möglichst komplett streichen.

 

Ende März zitierte die Rheinische Post die Vorsitzende des CDU-Stadtverbandes, Brigitte Glocker, mit den Worten, dass es angesichts der Finanzlage der Stadt Moers keine “heiligen Kühe” mehr geben dürfe. Die Christdemokraten seien demnach durchaus bereit, das von Fraktion und Partei „sehr kritisch” gesehene Jazzfestival zu Pfingsten einzusparen. Auch Schlosstheater und Comedy-Arts Festival stünden auf dem Prüfstand.

 

Die Kommune ist verschuldet und der Haushalt fällt unter die Haushaltssicherung. Vor diesem Hintergrund gebe „immer wieder Versuche, Dinge gegeneinander auszuspielen“, sagte Schlosstheater-Dramaturg Felix Mannheim kürzlich bei einer Veranstaltungg, an der auch Landtagsvizepräsident Oliver Keymis (Grüne) teilnahm. Und Holger Ehrich, künstlerischer Leiter des Comedy Arts Festival, ergänzte: „Wir stehen vor größeren Umstrukturierungen.“ Dabei gehe es nicht mehr nur darum, einzelne Programmpunkte einzusparen. Die Substanz der kommunalen Kultur bröckelt.

Moers-Festival-Chef Reiner Michalke hätte sich eine klare Aussage von Bürgermeister Norbert Ballhaus (SPD) gewünscht. Doch der schweigt. „Warum ist der erste Bürger der Stadt nicht stolz auf seine Festivals, sein Theater? Der Bürgermeister müsste jeden mit stolzgeschwellter Brust am Niederrhein auf und abtingeln mit dem Alleinstellungsmerkmal, das diese Stadt hat“, sagte Michalke. Moers sei seiner Zeit in Sachen jugendkultureller Bildung weit voraus. „Das, was es hier gibt, kenne ich von keiner anderen Stadt in der Republik. Nur die Moerser wissen es nicht zu schätzen.“ Die Erkenntnis ist nicht neu.

 

Die Eingeborenen fühlen sich seit Dekaden allein vom Anblick der Festivalbesucher provoziert. Der sonntägliche Pfingstausflug im idyllischen Schlosspark endet für sie im Albtraum: Lärm, Müll, Drogen und freie Liebe. „Eure Freiheit kotzt uns an“, denken sie. Dabei reicht eigentlich schon ein Blick in die Polizeiberichte um festzustellen, dass es auf dem Moers Festival friedlicher abgeht als in jedem Bierzelt. Lediglich einmal sorgte das Festival in diesem Jahr für negative Schlagzeilen: Am Samstagabend sollen laut Augenzeugenberichten mehrere Security-Leute auf einen wehrlos am Boden liegenden Mann eingeschlagen und -getreten haben. Erst das Eingreifen von Augenzeugen hätte die Situation deeskaliert. Wer soll hier eigentlich vor wem geschützt werden?

Zumindest das Programm blieb von den Störfeuern relativ ungestört: Am Sonntag, als endlich auch die Lautstärke stimmte, feuerte die im Ruhrgebiet verwurzelte Bigband The Dorf“ laute, halsbrecherische Riffs aufs Publikum, bewegte sich das Michiyo Yagi Double Trio zwischen energetischem Freejazz und verträumten Improvisationen über Fragmente des Songriters Nick Drake und störte das norwegische Duo Monolithic die Pfingstidylle mit gnadenlosen Grindcore und Black Metal Fetzen. Dass auch bei geringer Lautstärke ähnlich beeindruckende Auftritte möglich sind, zeigte das Jon Irabagon Trio mit dem seit mehr als 40 Jahren auf den Jazzbühnen der Welt aktiven Schlagzeuger Barry Altschul. Saxofonist Ibagon und Bassist Peter Brendler spielten sich in knapp einer Stunde schlafwandlerisch sicher und faszinierend durch die Jazzgeschichte.

Offizielle Zuschauerzahlen gab es am frühen Sonntagabend noch nicht. Die Auslastung im Zelt dürfte sich aber auf dem Niveau der vergangen Jahre bewegen: 10.000 plus minus. Nicht schlecht für ein Festival, dass sich nur in den wenigen schwachen Momenten in den Niederungen des Mainstream bewegt.

 

7 Kommentare

Was so alles geht, wenn man denn nur will, und dass man auch Musik und Fans, mit denen der Einzelne auch dauerhaft wenig anfangen kann mit Wohlwollen und Toleranz begegnen kann, zeigt ein Festival, das den Namen eines kleinen Dorfs weltberühmt gemacht hat: Wacken.

Holger,

sachet wie et iss.

Die Rede von dem Oppers war jedenfalls volle Elle Fremdschäm.

Aber – auch superkomisch.

Mir ist so an den geplanten Pointen, die ja auch nicht gezündet haben, der vom Blatt abgelesenen Rede von Freimaurer Rüdiger der Kreislauf versackt.

Weil ich mich ausgeschüttet hab’ vor Lachen.

Moers ansonsten?

Alles wird gut.

Ich hoffe – selbst ohne Oppers.

Moers würde schön blöd sein, wenn es das Jazz-Festival abbläst. Zu Moers fallen mir als Münsteraner spontan nur drei Dinge ein: HW-Hüsch, Niederrhein und Jazz-Festival. Eins würde dann wegfallen, blieben nur noch Hüsch und Niederhein und Hüsch (so dolle war der nicht) vergisst man auch irgendwann; bliebe nur noch Niederrhein, aber an dem liegen ja auch andere Orte.

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