„Mich mangeln die Wörter“ (13): Bildungs-Fernweh

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Promotionsferner Ex-Minister

Manchmal ärgern mich nicht nur Phrasendrescher, sondern ich zürne auch der Sprachspreu, die sie ausscheiden. Deshalb würde ich heute nur zu gern einmal dem Wort „bildungsfern“ ordentlich die Silben polieren, diesem aufgeblasenen Adjektiv, das es zu Unrecht längst in den Duden geschafft hat. Kein Wunder: Adjektiv, das kann man aus dem Lateinischen auch mit „das Drangeworfene“ übersetzen und so ein promiskes Adjektiv schmeißt sich wirklich an jeden ran. Die, die es mit ihm öffentlich treiben, können dieses Strichwort für den traurigen Abstieg des gezielt verdooften Menschen in die vollkommene Dummheit sogar noch steigern: bildungsferner, am bildungsfernsten.

Ein Wort, das erst im Duden steht, gewinnt sogleich Realität.
Politiker, die sich gern volksnah, ja am volxnächsten geben, sprechen heute also nicht mehr gern über „Bildungsbenachteiligung“ und deren Ursachen, sondern lieber über „Bildungsferne“ – das hört sich doch gleich ganz weit weg und ganz anders an.
Wenn Menschen im Abseits nämlich jeder Bildung fern stehen oder fern bleiben… wollen, so haben sie es halt nicht besser verdient, da kann man ‚irgendwie‘ nichts machen. Außer… der ortsansässige Vikar versucht’s mit einem gottgefälligen „Liebe deinen Fernsten wie dich selbst“. Oder man schickt ein paar Sozialarbeiter im Taxi los, die die bildungsfernen Verweigerer ein letztes Mal da abzuholen versuchen, wo sie sinn-und arbeitsfern herumstehen oder sich anderweitig herumlümmeln.

Women are the nigger of the world
Gelegentlich paart sich so ein Adjektiv wie „bildungsfern“ im obszönen Wortgetümmel sogar mit Prä- und Suffixen und schon hört man im Dampfradio das Wort „ausbildungsfern“ aus dem Munde einer moderierenden Kampfdüse. Ginge es nach ihr, soll es da jetzt weltweit nicht nur „bildungsferne“, sondern gar „ausbildungsferne Schichten“ geben. Man könnte geradezu von einem völlig bodenlosen globalen Schicht-Käse sprechen.
Wie auch immer: Ausbildung und gewisse Gruppen (darunter vor allem Frauen) scheinen eine Art trister Fern-Beziehung zu führen, sie treiben sich an völlig unterschiedlichen Orten herum und können zueinander nicht kommen. Nehmen wir nur mal die ungefähr 25-50 % arbeitslosen Jugendlichen in Spanien. Viele von ihnen harren dort in der extremen Ausbildungsferne aus, weil Ausbildungsplätze eben verlorengingen mit jenen Unternehmen, die Ausbildungsplätze noch hätten stellen können. So kennt man in Spanien jetzt zwar das Bildungs-Aus, aber kaum noch Ausbildung.

Es grünt so welk, wenn Spaniens Blüte fliehet
Doch manch junge Spanierin reist den frei flottierenden Ausbildungsplätzen anderswo mutig hinterher und arbeitet nach Sprachkursen und Hospitationen später zu Niedriglöhnen etwa als Pflegerin in den Reha-Kliniken Bad Ödhausens. Dort schauen deutsche Kassenpatienten während der Reha zur Erhaltung ihrer Arbeitskraft von ihrem trostlosen Klinikzimmer brüderlich aufs Schwesternheim der radebrechenden spanischen Heilberuflerinnen und freuen sich, dass endlich alle gemeinsam glücklich zur Arbeit gefunden haben oder bald wieder zurückfinden werden.
„Zeitnah“ (dazu hat Wiglaf Droste alles Nötige gesagt) gelingt so weitab jeder Ausbildungsferne schönste solidarische Bildungsnähe. Nur ein paar vom nordischen Walken ermüdete Patienten maulen beim Vollwertessen ihrer hirnoperierten Tischnachbarin in deren Vorsuppe, dass diese Spanier uns Deutschen die Arbeit wegnähmen, ohne sich auch nur im Geringsten für einen Mindestlohn einzusetzen.
Aber davon lassen sich junge Spanier nicht unterkriegen, kennen sie doch solch schlitzohrige Sprichworte wie „A los bobos se les aparece la madre de Dios“ was so viel heißt wie „Den Dummen erscheint die Mutter Gottes“, was vielleicht im Deutschen einem „Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln“ entsprechen dürfte.
In aktuellem Politsprech müsste das heute natürlich heißen: „Die bildungsfernsten Agraringenieure ernten die höchstsubventionierten Gen-Kartoffeln.“

Und wir fressen sie dann, diese naturferne Bio-Kost und mit ihr jede Menge gedankenferner Sprachlosigkeit.

19 Kommentare

Grundsätzlich ist schon zuzustimmen, aber einen Einwand habe ich doch:
Was ich in meiner Arbeit, die auch ‘bildungsferne’ Familien (oft mit – noch so ein Wort – Migrationshintergrund) mit einschließt, auch immer wieder erlebe, dass es nicht der fehlende Zugang zu Bildung ist, sondern eine andere Bewertung: Bildung wird weniger gesehen als Instrument der Teilhabe, der Sicherung des Lebensunterhalts (sowohl in materieller Hinsicht, aber auch hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit), sondern dies versucht man durch die Einbindung in die Familie zu erreichen. Der Familienzusammenhalt ist das Wesentliche; hier wird investiert, auf die Familie zielen die Anpassungsleistungen, sie ist Orientierungsinstanz.
Das hat teilweise fatale Folgen, weil die Familie die Kinder und Jugendlichen sehr bindet, Ausbildungs- und Lebensziele auf die Werte der Familie abgestimmt werden. Eine Individuierung findet dann nur eingeschränkt statt, und das hat auch Auswirkungen auf die Lernbiographie.
Da fehlt auch Vermittlung der Bedeutung von Bildung (und der Bedeutung guter Deutschkenntnisse), nicht nur um beruflich zurecht zu kommen sondern als Möglichkeit der Teilhabe an der Gesellschaft und der Wahrnehmung eigener Interessen.

# 3: Ich stimme zu, vielen Dank, sehe es aber nicht als Einwand, sondern als Ergänzung. Ich wollte oben nur die Fahrlässigkeit, den Zynismus derer erhellen, die Wortungetüme wie “bildungsferne Schichten” verbreiten. Sie deklassieren die Deklassierten immer weiter für ihre politischen Zwecke.
Aber natürlich gibt es auch den Horizont der Eigenverantwortung.

Immanuel Kant hat 1784 in der Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ geschrieben:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, (…), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. (…)“

Kant tadelt also selbstverschuldete Unmündigkeit, weiß aber wohl auch schon, dass Unmündigkeit sehr wohl das Ergebnis gesellschaftlicher Strukturen sein kann, die Menschen dumm halten. Auch einen Verstand, den man aus Faulheit nicht benutzt, muss man erst einmal entwickeln dürfen.

Da wo Bildung fehlt, Kultur, menschliche Zuwendung und die Chance politischer Teilhabe, da wird man eben eher weniger nur von ‘Bildungsferne’ oder „selbstverschuldeter Unmündigkeit“ sprechen können, sondern muss von ‘verschuldeter Unmündigkeit’, Bildungsbenachteiligung, sozialer Auslese usw. reden. Im Nachklapp der Pisa-Studie ist Deutschland ja in dieser Richtung allerhand attestiert worden. Viel geändert hat sich aber nicht.

“Bildungsfern” ist genau so ein Synonym wie “Migrationshintergrund”, weil man nicht mehr Ausländer sagen soll oder darf.

Mit bildungsfern sind grundsätzlich alle gemeint, die wenig Geld zur Verfügung haben, weil man arm nicht mehr sagen soll oder darf.

Das Problem/Phänomen ist grundsätzlich wie man manche Probleme/Phänomen nennen kann/darf, ohne denjenigen, der damit in Verbindung gebracht wird zu diskreditieren/-pathologisieren etc.
Aus lauter Unsicherheit wird dann das Problem kaum thematisiert – also auch keine Lösung gefunden.
Bei der Bildungsferne geht es aber eben neben den ‘harten’ Fakts wie schulische Möglichkeiten, Geld, Auslese eben immer auch um Einstellungen. Die ist nicht vom Einkommen abhängig.
Es scheint nicht so weit hergeholt, dass Kinder, deren Eltern der schulisch Erfolg ihrer Kinder wichtig ist, bessere Chancen haben, auch eben mehr bereit sind, das was sie können, dafür zu tun. Da ist auch gerade die Frühförderung ein zentrales Thema.
Die Frage nach der sinnvollen Bennbarkeit bleibt: Aus meiner Sicht werden zu viele Probleme nicht angegangen, weil nicht die passenden Begriffe zur Verfügung stehen, um sie zu beschreiben bzw. die Sprache auch zur Abwehr genutzt wird.

#6: Einverstanden, nicht thematisieren ist so schlecht wie falsch etikettieren.
Nur die von Ihnen genannten “Einstellungen” kann ich nicht von den gesamtgesellschaftlichen Kontexten abkoppeln. Sie haben oben beschrieben, wie Menschen mit einer bestimmten Familienorientiertheit die Bildung eher geringschätzen. Aber auch das ‘verdankt’ sich kulturellen, sozialen, religiösen… Einflüssen oder biografischen Traumata z.B.
Was so ‘individuell’ erscheint, ist eben doch immer auch stark gesellschaftlich vermittelt, aber kaum noch als “gesellschaftlich vermittelt” erkennbar.
Nach dem, was mir befreundete Lehrer erzählen: Wie kann ein Kind aus einem libanesischen Clan im Altenessen erkennen, dass Bildung es von seinen familiären Prägungen/Überlebensbindungen nicht nur weg-, sondern auch weiterführen könnte?
Und ist die chancenvergebende Schule, die es dafür durchlaufen müsste, auf dieses Kind eingestellt? Und ich meine die Institution Schule, nicht den engagierten lehrer als Person. Die Diskussion darum läuft nicht nur zurzeit von Precht … bis Kahl in der taz.
http://www.taz.de/!5051/ und letztes wochenende in der taz am wochenende mit dem beitrag “Input, Output, Putput. Plädoyer für eine aufrichtige Schule, die Kinder weder beschämt noch sie zum Bluffen verführt.”
Mehr auch unter: http://www.archiv-der-zukunft.de/

@Roberta Sanders,
das, was Sie in (3) als Gruppenphänomen beschreiben, kannte ich bisher aus persönlicher Beobachtung nur im Zusammenhang mit einer einzigen Familie.
Da paßt alles zu 100%.
Ich wäre niemals darauf gekommen, daß es sich dabei nicht um ein lokales, auf eine Familie begrenztes, Einzelphänomen handeln könnte.
Warum es diese starken innerfamiliären Beziehungen gibt, weiß ich nicht, halte es aber für absolut sicher, daß nicht erst seit 5 Generationen so stark sind. Ich würde die Kausalitätskette anders aufbauen.
Trotzdem halte ich Ihren Satz: “Eine Individuierung findet dann nur eingeschränkt statt, und das hat auch Auswirkungen auf die Lernbiographie,” für absolut richtig.
Ich neige zu der Überlegung, daß solche Familien (mit starken innerfamilären Beziehungen) unter gewissen ungünstigen Umständen, schlechter (kollektiv schlechter) im Sinne der gesellschaftlichen Beurteilung zurecht kommen, als andere Familien.
Es erübrigt sich eigentlich zu erwähnen, dass Nachbarfamilien mit ähnlichen Rahmenbedingungen ihren Kindern ein Studium ermöglichen. Das zeichnet sich schon bei der Hausaufgabenbetreung durch die Eltern ab.

@Gerd Herholz (hatte heute morgen schon mal was geschrieben, das war aber futsch, weil ich vergessen hatte den Namen einzugeben) Also nochmal, ein bisschen kürzer
Die starke Familienbindung hatte ja mal eine Funktion der Existenzsicherung – auch wenn sich sicher auch noch kulturelle Unterschiede entwickelt haben, sind also auch kulturell vermittelt. Das Dilemma ist, dass sie mittlerweile hinderlich sein können, wenn sich der einzelne entwickeln muss um sich zu behaupten und sein leben selber gestalten kann/darf/soll/muss. Da wären Einstellungsänderungen vonnöten, die das moderne Leben ja ohnehin fordert. Das kann auch die Schule nicht (alleine) lösen. Selbst mit anderen Hilfen kommt man da auch nicht immer weiter.
In den Auseinandersetzungen in Istanbul geht es doch unter anderem um ähnliche Konfliktlinien: Eigenständige Lebensgestaltung gegen herkömmliche Rollenbilder/autoritäre Strukturen.

P.S. Die aktuelle Kritik an der Schule (die alles andere als neu ist) gerade von Herrn Precht sehe ich eher kritisch, da doch die Sachkenntnis fehlt – und auch eine aus der Mittelschichtperspektive. Aber das ist eine andere Diskussion.

@Helmut Junge
Ich denke schon, dass die Familienbindung etwas Tradiertes ist, weil sie früher ja sehr wichtig war, auch wenn sie auch unterschiedliche Formen annehmen kann. So gelten ja z.B. Italiener als ausgesprochene Familienmenschen, die auch eine hohe Skepsis allem Staatlichem gegenüber haben.
Die ‘Investitionen’ die in den Familienzusammenhalt wandern, fehlen dann für anderes bzw. die Lernentwicklung ist weniger im Blick, wird auch weniger unterstützt – nicht nur in praktischer Hinsicht weniger, sondern auch weniger motivierend. Es findet eine Anpassung an die Familienregeln statt, die Außenwelt hat weniger Berechtigung, kann vielleicht auch als feindlich angesehen werden.
Hier gab es das früher ja auch, vielleicht in anderer Ausprägung, wenn die Familie das stützende System war. Das fast Paradoxe ist, dass manche Familien dann auch noch durch Alg2-Bezug eher gefangen bleiben, weil der eben die Existenz sichert und weniger Grund da ist sich nach außen zu orientieren.

@Roberta Sanders,
eine Theorie zu diesem Thema kenne ich nicht, ich bin quasi nur zufälliger Beobachter. So ist Ihr Kommentar mein erster theoretischer Zugang.
Aber ich schrieb schon, dass ich wiedererkenne, was ich beobachten darf, eher zwangsläufig beobachten muß.
Ob man verallgemeinernd sagen darf, dass “Bildungsferne” allein vom sozialen Umfeld, bzw. dem Einkommen der Eltern abhängt, oder ob andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, ist aber eine Fragestellung, die häufig diskutiert wird und wurde. Rein statistisch betrachtet führen Untersuchungen, die ich kenne, zur Aussage, dass Bildungsbereitschaft ganz klar von den sozialen Vorausetzungen her definiert wird. Mir ist aber immer wieder mal ein Beispiel vor Augen gekommen, das erheblich weit von diesen Aussagen abweicht. Einen wichtigen Faktor haben Sie genannt. Es wird noch andere geben.
Jedenfalls bin ich froh, auf Ihren Kommentar gestoßen zu sein.

@ Helmut Junge
So war das auch nicht gemeint, sicher ist es nicht der alleinige Faktor, sondern einer von vielen. Es ist auch nicht zwangsläufig so, dass eine hohe Bedeutung von Familie zu Bildungsferne führen muss – es wirkt sich dann hinderlich aus, wenn Bildung und Lernentwicklung nicht als wesentlich angesehen wird für die Entwicklung der Familie und die einzelnen weniger in der individuellen Entwicklung gefördert werden.

Ich denke nicht, daß starke Familienbande ein Grund für “Bildungsferne” sind.

In Deutschland standen bis ungefähr Mitte der 1980er Jahre Familie und Familienbande hoch im Kurs. Und der Anteil der “Bildungsfernen” war, wenn ich das richtig erinnere, wesentlich geringer.

Seit aber das Modell Familie als veraltet, überholt und teilsweise sogar als “wirtschafts- und gesellschaftszersetzend” betrachtet wird, weil es z.B. immer noch Mütter gibt, die sich dem Arbeitsmarkt verweigern, steigt der Anteil der “Bildungsfernen”.

Die immer wieder beklagte “Bildungsferne” die von der Politik beklagt wird, ist größtenteils selbst auf das Agieren der Politik zurückzuführen. Die seit den 1970er Jahren permanenten “Schulreformen” wie auch die Rechtschreibreform und zum Teil ungeeignete Lehrmethoden zur Befähigung zum Lesen und Schreiben sind da nur noch das Sahnehäubchen auf einem ungenießbaren Brei, den man für die Schüler (und ihre Eltern) angerichtet hat.

Hallo KClemens, es ging um die Frage, inwieweit die Lebensstrategie, eher in das Funktionieren der Familie zu investieren und weniger in die Entwicklung des eigenen Kindes. Das hat klar Auswirkungen auf die Bildungsbiographie haben – ganz konkret: das Mädchen wird zur Hausarbeit herangezogen, um die Mutter zu unterstützen, die Schulaufgaben sind nachrangig. Oder es wird starke Loyalität zur Familie erwartet, die schulischen Anforderungen als weniger bedeutend gewertet.
So eine pauschalierende Kritik des schulischen Lernens greift aus meiner Sicht schon sehr zu kurz. Es gibt eine beachtliche Bandbreite bei der Qualität des Unterrichts an Schulen, es spielt eine Rolle, was die Kinder mitbringen*, wenn sie eingeschult werden und wie die Eltern (oder andere Instanzen) sie unterstützen können während der Schulzeit.
*Letztes Jahr hieß es in Berlin, es würden immer mehr Kinder eingeschult, die nicht schulfähig seien. Die ersten 6 Jahre sind sehr entscheidend – nicht nur für den Spracherwerb.

#14 | Roberta Sanders

das Heranziehen zur Hausarbeit oder die Loyalität zur Familie bedeuten nicht zwangsläufig, daß die Schule hinten ansteht.

Ich denke auch, daß das nur auf eine absolute Minderheit zutrifft.

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Letztes Jahr hieß es in Berlin, es würden immer mehr Kinder eingeschult, die nicht schulfähig seien. Die ersten 6 Jahre sind sehr entscheidend – nicht nur für den Spracherwerb.
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In Berlin haben keine Kinder mehr für die “ersten 6 Jahre”. Hier werden Kinder mit 5 Jahren eingeschult.

Dort sitzen sie dann, dank JüL (Jahrgansübergreifendes Lernen) mit Kindern zusammen, die teilweise schon 7 Jahre oder älter sind, wenn sie noch etwas im gleichen Klassenverbund “verweilen”. Sprich eine “Ehrenrunde” drehen.

Jeder, der Kinder hat, weiß, wie viel Unterschied zwischen 5 und 6 Jahren beträgt, und dann sitzen die armen I-Dötzchen da mit Kindern in einer Klasse, die wesentlich weiter in der Entwicklung, und gut einen Kopf größer gewachsen sind.

So kann man sich die “bildungsfernen” Schichten auch selbst heranzüchten.

JüL hat in Berlin letztes Jahr dazu geführt, daß etliche Lehrer und Schulleiter einen Brandbrief an die Senatsschulverwaltung geschickt haben. Auch die Einschulung mit 5 Jahren, manche sind gerade erst einmal ein paar Monate 5 Jahre alt war schon in der Kritik.

Aber die Senatsschulverwaltung hält eisern an ihren Reformen fest.

“Aber die Senatsschulverwaltung hält eisern an ihren Reformen fest.”
Es heißt es wären schon viele Schule wieder zum alten System zurückgekehrt.
So ist das mit den Neuerungen – die Idee an sich ist ja nicht schlecht, in Hessen gibt/gab es nur einige wenige Versuchsschulen (freiwillig).
Ich sehe da aber keinen Widerspruch zu dem was ich gesagt habe, denn gleich trotzdem ist entscheidend, was in den Jahren vor der Einschulung passiert ist. damit meine ich eine spielerische, aber durchgängige Förderung – kein ‘Trimmen’ o.ä. Eine frühe Einschulung für alle Kinder halte ich auch für problematisch – es sei denn wie in den gängigen Modellen einer freiwilligen Vorklasse, die eine Mischung aus Kindergarten und Schule ist. Vor allem wenn das alles übers Knie gebrochen wird.
Einzelfälle würde ich das nicht nennen. Aus meinem Arbeitsbereich kenne ich viele Beispiele, in denen Familienleben – oder auch religiöse Praxis (z.B. Ramadan, wenn schon Viertklässler fasten, und damit überfordert sind) – Vorrang vor der Schule hat.

Warum sagt es hier keiner offen? Die religiöse Domestizierung von Kindern ist ein wesentlicher Teil ihrer Bildungsbenachteiligung, und zwar je strenger umso mehr. Diese in jeder Weise konsequente religiöse Bevormundung ist nämlich der Hauptgrund für die relative Abgeschlossenheit der religiösen Familie von dem Teil der Gesellschaft, der als weniger oder sogar als antireligiös empfunden wird. Dazu zählt bei vielen Islamgläubigen ganz besonders eine Schule, die nach den Prinzipien der Aufklärung organisiert ist.

Es ist also nicht eine grundsätzlich Ablehnung von Bildung sondern die Ablehnung einer ganz speziellen Bildung, die hier für die sogenannten Bildungsferne sorgt. Religion und Bildung schließen nämlich keineswegs grundsätzlich einander aus, wie Kinder anderer Religionszugehörigkeit beweisen.

Voraussetzung ist allerdings in allen Fällen, dass die Eltern den Kindern die Religion nicht zum erzieherischen Zwang sondern zum wählbaren Angebot machen. Das heißt, dass sie Religiosität und Weltoffenheit miteinander zu verbinden in der Lage sind. Genau das aber ist bei vielen islamischen Eltern nicht der Fall. Leider auch nicht bei einem, wenn auch erheblich kleineren Teil,christlicher oder jüdischer Eltern.

@Arnold Voß,
wenn es sich um religiöse Familien handeln sollte, die Frau Sanders meinte, muß ich gestehen, dass ich sie mißverstanden habe. Die mir bekannte Familie ist nicht religiöser als andere.
Aber jetzt ist sie gefragt, wie sie es meint.
Ich jedenfalls habe eigentlich nicht an Familien mit Migrationshintergrund gedacht, als ich meine Zustimmung signalisierte. Ich habe nicht mal an religiöse Familien gedacht.

Für eher fundamentalistische Familien trift das sicher zu, was Herr Voß meint.
Aber es gibt auch viele Familien in denen es z.B. einfach um die tradierte Rollen und Verhaltensweisen geht, die von dem einzelnen eine Einordnung in die Familie verlangen, bzw. wenn die Interessen der Familie im Vordergrund stehen, .z.B. 15 Mädchen (aus Ffm) wird in der Schule schlechter, HS-Abschluss ist gefährdet, kurz danach erfährt man, dass sie in der Türkei verlobt wurde. Oder 18-Jähriger, der sehr unselbständig ist, keine Ausbildungsplatz findet, keine Orientierung hat, erhält Möglichkeit in eine Wohngruppe zu ziehen, um selbständiger zu werden, Mutter lehnt dies ab, weil die Familie zusammengehalten werden soll. Wenn besonders Mädchen sehr ans Haus gebunden werden, sie nicht lernen, selbständig zu handeln und zu denken, ist das nicht unbedingt förderlich.
Wenn Religion fundamentalistisch ist, gilt ja auch für Christen, ist sie mit autoritären Verhalten gekoppelt. Werte wie Selbstbestimmung spielen keine Rolle, und die Kinder werden nicht ausreichend auf die Wirklichkeit um sie herum (ist ja der Elternjob) vorbereitet bzw. nicht in die Selbständigkeit entlassen. Herr Voß hat insofern recht, dass diese Themen in muslimischen Familien stärker ausgeprägt sind. Wie stark, dazu kenne ich keine Zahlen (wäre interessant), und es ist auch so, dass dies viel zu wenig – auch gerade im päd. Bereich thematisiert wird. Das finde ich ein weitreichendes Versäumnis.

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