„Mich mangeln die Wörter“ (12): „Noch“ einmal alles Gute für das nächste Jahr!

Nicht zuletzt der IKEA-Slogan „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ verspottet gezielt Konsumgehemmte, die allzu langsam up to date leben, als reif für die Reste-Rampe. Während das Adverb „schon“ frühstreife Karriere-Mitläufer, Finanz-Söldner und sogar schraubwillige Kreative in Kauflaune versetzen sollte, enerviert mich dagegen zunehmend das Wörtchen „noch“.
Frauen wissen’s sowieso: „Für Ihr Alter sehen Sie aber noch gut aus!“  Das kommt als abgestandenes Kompliment daher und ist doch nichts als hinterhältig unverfroren. Der Subtext heißt natürlich: Angesichts der Tatsache, dass Frau an Jugend, Fruchtbarkeit und Attraktivität verloren hat, könnte sie „aber noch“ schlimmer ausschauen, als sie es in den Augen des jovialen Schmeichlers längst tut.
Mir welken männlichen Blüte (einem sog. „Mann im besten Alter“) sagt man seit einigen Jahren, man sähe mir die 58, 59, 60 Jahre gar nicht an, also wirklich nicht. Ich hätte mich „noch gut gehalten“. Ja, sicher, klar, etwa so wie ein tiefgefrorenes Haschee, das man zur Not „noch“  auftauen könnte, wenn’s denn nach einer Jahrhundert-Missernte gar nichts anderes gäbe.
„Und? Arbeiten Sie noch in diesem … äääh … Kulturbüro? Bleibt das denn erhalten?“ Wie lange wollen Sie das noch machen?“ „Schreiben Sie noch?“ „Treiben Sie noch Sport?“ „Immer noch naiv-zornig, politisch so voller Illusionen?“
Oft werde ich auch gefragt: „Wohnen Sie noch im Ruhrgebiet?“ Dann würde ich gern antworten: „Ja, ich bin hiergeblieben, anders als Sie jedoch nicht zurückgeblieben.“ Aber „noch“ bleibe ich höflich.
Das schamlose Fragen nach dem „Noch“ soll im Wortsinne von „obszön“ nur eines: beschämen. Wer fragt, der führt und drängt den so Befragten gerne in die Rolle desjenigen, der sich zu rechtfertigen hat. Wer nach dem „Noch“ eines Lebens fragt, spricht seinem Gegenüber als einem Menschen, der nur von gestern sein kann, beides ab: die gegenwärtige Existenzberechtigung und jede zukünftige Existenzberichtigung.
Im Grunde soll vor allem der Alternde endlich aufgeben – und zugeben, dass seine Bedürfnisse, Wünsche, Interessen, Tätigkeiten, seine Liebe, sein Zorn, sein Denken überholt seien, ja, dass man sich wohl als Ganzes, als Ganzer eigentlich überlebt hätte. Vom Leben bleibe trotziges Über-Leben und damit das Überlebtsein. Wer obszön nach dem „Noch“ eines Lebens fragt, beharrt auf dem bevorstehenden Ab-Leben des Befragten, als ob bei diesem keine Entwicklung mehr möglich wäre. Zukunft gesteht sich der Fragende, dieser selbsternannte Menschenmüllsortierer, nur selbst zu – und merkt nicht einmal, dass die vergreiste Haltung, die seinen Fragen zugrunde liegt, ihn selbst nicht erst im Alter ersticken wird, sondern schon jetzt die Luft zum Atmen nimmt.
Dabei gäbe es doch ein ebenso befreiendes Fragen und Sagen wie auch ein wohlwollendes Sichbefragen. Kaum jemand will auch von Alternden (die wir alle sind) wissen: „Wen möchten Sie lieben – und wie?“ „Reisen Sie nächsten Frühling?“  „An was arbeiten Sie als Nächstes?“
Andere wunderbare Fragen stellten einst Hermann Peter Piwitt und Nicolas Born zusammen, Fragen, von denen ich hier nur einige (manche leicht verändert) wiedergebe:
Könnten Sie sich ein Leben vorstellen, in dem Sie jedem Menschen, dem Sie neu begegnen, mit Freude begegnen? Werden Sie gerne regiert? Glauben Sie, mit einem neuen Anzug wären Sie ein anderer Mensch? Würden Sie es unerträglich finden, nichts zu besitzen, wenn allen alles zur Verfügung stünde? Sie haben drei Wünsche, die Ihnen unter der Bedingung erfüllt werden, dass sie allen anderen auch erfüllt werden. Wie lauten diese Wünsche? (…) Möchten Sie einmal etwas Verbotenes tun? (…) Was macht Ihnen Spaß, das kein Geld kostet? (…) Wenn Sie einmal zu Hunderttausenden sprechen könnten, was würden Sie sagen?“

(Fragen aus Hermann Peter Piwitts „Deutschland – Versuch einer Heimkehr“. Hoffmann und Campe Verlag, 1981).

P.S.:
Für den Kolumnentitel „Mich mangeln die Wörter“ danke ich Jürgen Lodemann. Das schöne Sprachspiel stammt aus „Essen Viehofer Platz”. Roman. Zürich: Diogenes, 1985.

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