Mein Opa, der MSV, das Leben und überhaupt

Hamborn in den 50ern. Foto: BlackIceNRW Lizenz: CC BY-SA 3.0
Hamborn in den 50ern. Foto: BlackIceNRW Lizenz: CC BY-SA 3.0


Warum es ausgesprochen schön war, dass der Meidericher Spielverein gestern gewonnen hat…  Von unserer Gastautorin Elke Wittich

Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört ein Radio. Und zwar nicht irgendein Radio, sondern das im Erker des großen Wohnzimmer meiner Großeltern. Im Sessel davor: Opa, ein karierter Block, zwei, drei Kulis und eine Rauchwolke (zu der wir später kommen). Und ich.
Opa war Fußballfan, eine Leidenschaft, der die restliche Familie vollkommen ignorant gegenüberstand, und Workaholic, was alle vollkommen okay fanden – aber samstags, samstags war der einzige Tag, an dem Opa zu Hause blieb. Weil da nämlich Bundesliga (und Zweite Liga natürlich) lief, erst im Rundfunk und dann im Fernsehen, aber Rundfunk war wichtiger.
Opa saß also vor dem Radio und rechnete Tabellen, Chancen, Auf- und Abstiege aus. Das war hochspannend, und vor allem schloss es die restliche Familie aus, die Fußball nur dann zur Kenntnis nahm, wenn WM war, weswegen ich die Samstagnachmittage bei ihm vorm Radio verbrachte. Wo ich alles lernte, was man als Fußballfan wissen muss – inklusive der Tatsache, dass man sich als MSV-Fan niemals große Hoffnungen auf irgendwas machen sollte, geht nämlich sowieso immer alles schief.

Womit wir zur Rauchwolke kommen: Die wurde immer dann besonders dicht, wenn zum MSV geschaltet wurde, was nun erst einmal nicht besonders verwunderlich ist (obwohl Opa auch eine Statistik darüber führte, dass die Zebras, selbst wenn sie gerade in der Bundesliga waren, in den Livesendungen krass unterrepräsentiert waren. Andererseits war Opa Bankdirektor und konnte alles schön- oder schlechtrechnen, je nachdem, wies gebraucht wurde, weswegen dieser statistischen Erhebung nicht unbedingt zu trauen war).

Aber zurück zur Rauchwolke: Die bestand aus Zigarre, denn Opa war zwar Pfeifenraucher, fand aber Pfeifentabak doof, weswegen er Zigarren viertelte, in seine Pfeife steckte und rauchte. Was nicht gut roch, aber nicht so sehr stank wie die schrecklichen Ungerechtigkeiten, die dem MSV Woche für Woche wiederfuhren.

Und so ging das jahrelang: Der MSV stieg auf und ab, Opa erklärte seiner Enkelin Tabellenausrechnen, spekulatives Addieren, das Leben und die Abseitsregel. Während dieser Verein aus Duisburg verläßlich das tat, was er am besten konnte, nämlich nicht Meister werden, wurde Opa irgendwann umquartiert und musste mitsamt seiner Rauchwolke samstags im Badezimmer sitzen. Was ihm übrigens vollkommen egal war.

Tja, und nun das: Aufstieg!

Opa kam ursprünglich aus Hamborn und hatte als Kind großes Glück: Eine unverheiratete, alte Tante (“Ein wunderbarer Mensch, obwohl sie überzeugte Sozialistin war”, pflegte er über sie zu sagen) nahm ihn auf und sorgte dafür, dass er aufs Gymnasium gehen konnte.
Heute wäre er ziemlich stolz auf seine Zebras, das steht mal fest. Aber gleichzeitig hätte er sicher auch statistisch bewiesen, warum der MSV exakt nullkommanull Chancen auf eine langfristige Existenz in der 2. Liga hat. Und trotzdem hätte er gehofft – Fußballfan und vor allem MSV-Fan sein heißt nämlich, trotzdem ein bisschen Hoffnung zu haben. Und zwar immer, auch noch in der 93. Minute.

War schön, dass der MSV gestern gewonnen hat.

Elke Wittich ist Redakteurin der Jungle World

1 Kommentar

Auch das gehört zur MSV-Geschichte und bleibt für mich unvergesslich. Der MSV lief zur ersten BL-Saison mit Helmut Rahn auf, der auch gleich im ersten Spiel beim KSC ein Tor schoss und der erste Platzverweis? Genau, der Boss, ich glaube, das war am 4. Spieltag.

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