Mangelware Psychotherapie: Über Sucht, Selbsthilfe und das Smartphone als Therapeut

„Ich heiße Karl und bin Alkoholiker“. Um die organisierte Selbsthilfe ranken sich viele, popkulturell aufgeladene Mythen. Vor allem die US-amerikanische Filmindustrie hat Selbsthilfegruppen als soziologisches Phänomen aufgegriffen, so z.B. bei der Romanverfilmung „fight club“. Trotz der vermeintlichen Alltäglichkeit können Scham, aber auch andere Hürden, den Zugang zu professioneller Hilfe erschweren.

Dagegen eröffnet das Web 2.0 Ratsuchenden mit psychischen Problemen den Zugriff auf eine breite Palette an sog. „E-Mental-Health“-Dienstleistungen. Neben der psychosozialen Online-Beratung über gemeinnützige Organisationen und Patientengruppen könnte zukünftig auch die psychotherapeutische Behandlung als Internettherapie zur Verfügung stehen. Über die Risiken und Nebenwirkungen der Entwicklungen zur internetbasierten „Hilfe zur Selbsthilfe“ sprach unsere Gastautorin Jennifer Apolinário-Hagen mit Siegfried Tasseit.

tasseit_siegfried-1Dr. Siegfried Tasseit, Soziologe und Psychologischer Psychotherapeut mit  Praxis in Bad Gandersheim, ehemals Leiter von ambulanten Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe in Südniedersachsen sowie Lehrbeauftragter an den Universitäten Stuttgart, Göttingen und Koblenz/Landau. Bis heute Autor zahlreicher Beiträge zur Suchttherapie und Suchtforschung, zuletzt „Alkoholismus und Sozialstruktur“.

 Jennifer Apolinário-Hagen (JAH): Bevor wir zum eigentlichen Thema übergehen: Wie kamen Sie eigentlich von der Soziologie zur Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Alkoholismus, einer schwerwiegenden Erkrankung mit hohen Rückfallquoten. Mögen Sie Herausforderungen?

Siegfried Tasseit (ST): Ja, gewissermaßen schon. Jeder Alkoholismus-Patient ist im Grunde, was eine ihm angemessene Sucht- und Psychotherapie anbelangt, für mich eine neue Herausforderung. Doch zunächst zur Soziologie: Unter den Stichwörtern „abweichendes Verhalten“ bzw. „Devianz“ und „soziale Kontrolle“ beschäftigt sie sich, vor allem in den USA, seit langem mit dem sozialen Problem „Alkoholismus“ und seiner Behandlung. Ich begegnete 1969 zum ersten Mal bei einem medizinsoziologischen Praktikum auf der Reisensburg, einer Außenstelle der Universität Ulm, diesem Thema. Es war dort Gegenstand der Forschungsarbeit von Klaus Antons, von dem wenig später der Doppelband „Normales Trinken und Suchtentwicklung“ erschien, für viele Jahre eines der wichtigsten Bücher zu dieser Fragestellung. Kurze Zeit danach, im Zuge des obligatorischen Sozialforschungspraktikums an der Universität Mannheim, war Alkoholismus das von mir bearbeitete Thema, wo es darum ging, die Situation der Bewohner eines Obdachlosenquartiers am Rande von Mannheim zu verbessern.

JAH: Die Analyse der Rahmenbedingungen des Alkoholismus ist ja schon anspruchsvoll, aber Sie sind noch einen Schritt weitergegangen – in Richtung der Behandlung. Ist das nicht eine Sisyphos-Arbeit?

ST: Zur wirklichen Herausforderung wurde es für mich, als ich Anfang der 80er Jahre während der Weiterbildung zum Psychotherapeuten hören musste: “Mit Gesprächspsychotherapie kann man keine Alkoholiker behandeln“ und dann wenige Jahre später beim Aufbau einer Suchtambulanz mit der Möglichkeit, Einzeltherapie anzubieten: „Alkoholiker kann man, wenn überhaupt ambulant, dann nur gruppentherapeutisch behandeln“. Beide Sätze waren Ausdruck von Ideologien. Seit 1997 gibt es den von den Rentenversicherungen als Kostenträgern anerkannten suchttherapeutischen Weiterbildungsgang „klientenzentriert/gesprächspsychotherapeutisch orientiert“. Und mittlerweile gehört es zum Basiswissen, dass Alkoholiker beispielsweise mit einer sozialen Angststörung als Begleiterkrankung zunächst nicht vom Anschluss an eine Therapie- oder Selbsthilfegruppe profitieren.

JAH: Alkohol wird ja gerne als Volksdroge bezeichnet; leicht verfügbar, billig und in gewissen Maßen sozial akzeptiert oder erwünscht. Wann aber wird es problematisch, wann Konsum zur Sucht?

ST: Da gibt es klare Kriterien. Die einschlägigen und hierzulande geltenden klinisch-diagnostischen Leitlinien aus der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), abgekürzt: ICD-10, besagen, dass eine Abhängigkeit vorliegt, wenn der Konsum von Alkohol anderen Verhaltensweisen vorgezogen wird, die von dem Betroffenen früher höher bewertet wurden. Ein wesentliches Merkmal ist außerdem der außerordentlich starke, manchmal übermächtige Wunsch, nahezu eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren, die Patienten sprechen von „Saufdruck“. Dazu kommen als weitere Charakteristika: der sog. Kontroll- als Steuerungsverlust hinsichtlich der Trinkmenge und des Aufhören-Könnens; die Toleranz-Entwicklung als Dosissteigerung, um die früher durch geringere Alkoholmengen erreichte Wirkung zu erzielen; dann auch Entzugserscheinungen bei Beendigung oder deutlicher Reduzierung der Trinkmenge; schließlich das Weitermachen, obwohl bereits schädliche Folgen in körperlicher, seelischer oder sozialer Hinsicht aufgetreten sind. Wenn mindestens drei dieser Merkmale im Laufe der vergangenen zwölf Monate gleichzeitig vorhanden waren, kann von „Sucht“, das ist der ältere Begriff für „Abhängigkeit“, gesprochen werden.

JAH: Auch Suchttherapeuten brauchen sicherlich eine hohe Frustrationstoleranz. Sicherlich kostet es viel an Überzeugungsarbeit, Patienten nach einem Rückfall zu motivieren, vor allem langfristig. Hinzu kommt, dass Alkoholismus noch häufig als eigenes Verschulden angesehen wird. Erschwert dies Betroffenen nach dem Entzug, sich ambulant weiterbehandeln zu lassen?

ST: Die Alternative wäre für den Patienten das Weitertrinken. Doch er hat sich aus einem, für ihn wichtigen Grund gerade jetzt für eine Behandlung seiner Krankheit entschieden und für den nicht leichten Schritt: die Schwelle eines Allgemein- oder eines Psychiatrischen Krankenhauses zu überschreiten mit dem Ziel der Entgiftung. Das ist dabei das Erfreuliche und zugleich der Anknüpfungspunkt, um sofort und noch während des Entzugs ihn zu einer Weiterbehandlung zu motivieren: für eine sich an den Entzug anschließende Entwöhnungsbehandlung und – bei Gruppenfähigkeit – für den unmittelbaren Anschluss an eine in sozialer Hinsicht zu ihm passenden Selbsthilfegruppe. Ob die Entwöhnungsbehandlung dann stationär in einer Suchtfachklinik oder ambulant in einer Tagesklinik oder in einer Fachambulanz stattfinden soll, kommt auf den Einzelfall an.

JAH: Trotzdem werden manche Patienten immer wieder rückfällig. Was soll man machen, wenn ein Patient nach dem 15. Entzug resigniert oder nach dem Entzug eine ambulante Therapie ablehnt?

ST: Und wenn es gar der 15. Entzug wäre, dann ginge es um Harm Reduction: um die Sicherung des Überlebens und die Minderung des Leidens dieses Patienten. Doch auch unter dieser Konstellation wäre die sog. Motivierende Gesprächsführung immer einen Versuch wert. Bei dieser provokanten Zählung gescheiterter Versuche übersieht man allerdings leicht jene nicht gerade kleine Gruppe von alkoholabhängigen Patienten, die es gleich beim ersten Mal schaffen, langfristig abstinent zu bleiben. Und man vergisst beispielsweise jene Patienten mit einer chronischen Schmerzstörung, die es in der gleichen Zeit auf eine ähnlich hohe Zahl von stationären und ambulanten Behandlungsversuchen bringen, oder Patienten mit einer bislang nur körpermedizinisch, doch noch nicht psychotherapeutisch behandelten somatoformen autonomen Funktionsstörung. Was ich damit sagen will, ist, dass bei der Verwirklichung neuerer multidisziplinärer Konzepte unter Einschluss der Motivierenden Gesprächsführung, etwa beim sog. Qualifizierten Entzug, und zugleich einer besseren Ausbildung der Ärzte im Bereich der sprechenden sowie der Sucht-Medizin die Anzahl von Entzügen zurückgehen wird.

Unter- und Überversorgung in der Psychotherapie – ein Fall fürs Sozialgesetzbuch

JAH: Aber zuerst bräuchten wir wohl mehr Behandlungsplätze in der ambulanten Psychotherapie – die Daten der Krankenkassen zeigen alljährlich, dass die Nachfrage die Kapazitäten deutlich übersteigt. Patienten müssen sich gedulden, oft monatelang auf ein Erstgespräch warten. Mit welchen Wartezeiten muss man als „Kassenpatient“, z.B. mit Suchtproblematik, rechnen?

ST: Was die Behandlung der Alkoholabhängigkeit nach einer Entgiftung anbelangt, sie unterliegt übrigens den Bedingungen des Sechsten Sozialgesetzbuches, gibt es keine Wartezeiten – im Gegensatz zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung beispielsweise von Depressionen, Zwängen, Angst-, Anpassungs-, somatoformen oder Persönlichkeits-Störungen. Diese fällt in den Bereich des Fünften Sozialgesetzbuches und damit in die Kostenträgerschaft der Krankenkassen. In Deutschland fehlen circa 4.000 Psychotherapeuten, das erklärt die langen Wartezeiten teilweise bis zu zwei Jahren beispielsweise in meiner Region. Nach Auskunft der Kostenträger für Suchtbehandlungen, hier sind es, wie bereits erwähnt, in der Regel die Rentenversicherungen, ist die Nachfrage beispielsweise nach stationären Entwöhnungsbehandlungen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Es warten sozusagen Suchtfachkliniken auf Patienten. Auch für die gerade angesprochene Entzugsbehandlung bekommt man nahezu zu jeder Uhrzeit in Deutschland ein Krankenhausbett.

JAH: Trifft diese Schieflage bei den Ressourcen auf den ambulanten Suchtbereich zu?

ST: Angesichts von gegenwärtig ungefähr 1.300 Suchtberatungsstellen in Deutschland kann zudem jeder Behandlungswillige in kürzester Zeit mit einem Suchtberater oder einer Suchttherapeutin sprechen. Bei dieser Versorgungslage mutet es übrigens dann seltsam an, dass einige Suchtforscher den weniger Informierten weißmachen wollen, dass es im Falle von Alkoholproblemen lange Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz gäbe. Sie propagieren mit diesem Hinweis nachdrücklich die Nutzung eines neuen Medikamentes, das bei Behandlungswilligen zwischenzeitlich die Reduktion der Alkoholmenge herbeiführen soll. Doch unter ihren Publikationen in Fachzeitschriften können wir lesen, dass sie auf der Honorarliste eben jener Pharmafirma stehen, welches dieses Medikament produziert und vertreibt.

JAH: Das klingt absurd. Wenn man schon nicht das Gesundheitssystem ändern kann, bleibt noch die Selbsthilfe. Beim Stichwort „Selbsthilfegruppe“ fallen mir als Erstes die Anonymen Alkoholiker ein. Stellen Selbsthilfe und Abhängigkeit nicht eigentlich einen Widerspruch dar? Oder gelten für den Alkoholismus andere Regeln als für andere psychische Erkrankungen?

ST: So ist es. Denn abgesehen von den bereits angesprochenen Patienten mit einer zusätzlichen, bislang unbehandelten Angststörung halte ich für Alkoholismus-Patienten den regelmäßigen Besuch einer Selbsthilfegruppe – und zwar noch während der Entzugsbehandlung und mindestens für einen Zeitraum von zwei Jahren – für eine notwendige Bedingung für den sog. Genesungsprozess, denn es gibt keine Heilung wie bei anderen Erkrankungen. In den Selbsthilfegruppen begegnen die Patienten einer Auswahl von ebenfalls Betroffenen als Verhaltens-Modelle für eine abstinente Lebensführung. Zugleich kommt es gerade bei den Anonymen Alkoholikern und ihrer Orientierung an Formen einer quasi-religiösen Meeting-Gestaltung zu bislang noch nicht zureichend soziologisch erforschten, allerdings den einzelnen Patienten in seiner Abstinenz stabilisierenden sozialen Gruppenphänomenen.

E-Mental-Health – die Selbsthilfe 2.0?

JAH: Und wenn man mit so was nichts anfangen kann oder sich nicht vor einer Gruppe offenbaren möchte, gibt es die anonyme Selbsthilfe im Internet. Selbst unsere grüne Gesundheitsministerin, Barbara Steffens, betont immer wieder die Chancen von E-Health. Funktionieren Health Apps auch bei psychischen Problemen ähnlich wie Apps zum Schritte zählen?

ST: Durchaus. Bleiben wir beim Alkohol und der Frage, wie kann ich zu Hause im stillen Kämmerlein rasch feststellen, ob ich wirklich ein Alkoholproblem habe, wie es mir etwa meine Lebensgefährtin seit einiger Zeit einzureden versucht? Ich stoße beispielsweise, nachdem ich bereits in ein paar einschlägigen Internet-Foren Beiträge von Betroffenen gelesen habe, beim Gebrauch einer Suchmaschine auf den CAGE-Test. Google weist den nur vier Fragen umfassenden Test mit annähernd 67 Millionen Einträgen im Internet aus. Klicke ich auf der ersten Seite einen der Einträge an, erfahre ich, wenn ich bei den dort gestellten Fragen viermal mit „Ja“ antworten musste, dass es sich bei mir mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 % um Probleme handelt, die im Zusammenhang mit einem Alkoholmissbrauch stehen. Anschließend kann ich dann nochmals in einem Forum nachlesen oder selbst an andere die Frage richten, was sie nach einem solchem Testresultat gemacht hatten. Ich kann mir schließlich über das Internet heraussuchen, welche Suchtberatungsstelle oder welcher Arzt mit einer suchtmedizinischen Zusatzausbildung in nächster Nähe mich am meisten anspricht, und äußere dann per E-Mail einen Terminwunsch. Nebenbei bemerkt: Von einem Programm zum sog. kontrollierten Trinken, auch wenn es von Hochschul-Professoren im Internet angeboten wird, halte ich nichts!

 Empowerment durchs Netz – immer noch eine Frage des Sozialstatus

 JAH: Selbsthilfe im Internet und Kontrolliertes Trinken für Süchtige. Aber im Alltag ist man mit der Sucht auch allein. Internethilfen haben ein besseres Selbstmanagement als Ziel, sogar von Empowerment, und Patienten als Experten, ist die Rede – klingt doch fabelhaft.

ST: Ja, insgesamt sind das für das Gesundheitswesen, für die ambulante und stationäre Arbeit im Rahmen von Diagnose und Therapie durchaus erstrebenswerte sozial- und gesundheitspolitische Ziele. Wobei man sich allerdings vergegenwärtigen muss, dass sie in erster Linie von jenen verfolgt werden können, die aufgrund ihres Bildungsgrads und ihrer sozialen Position im Schichtgefüge unserer Gesellschaft dazu in der Lage sind. Das scheint mir nicht zu gelten beispielsweise für die schätzungsweise sieben Millionen Analphabeten in Deutschland, für Migranten der ersten Generation, für aus dem Arbeitsleben längst Ausgeschiedene, die zuvor als Angelernte oder Ungelernte ihre Tätigkeit verrichteten. Doch mit Blick auf den bislang in unserem Gespräch im Vordergrund stehenden Alkoholismus gilt außerdem zu bedenken, dass bei all diesen wohlgemeinten Zielformeln, die sogar in Parteiprogrammen aufgeführt werden könnten, etwas vorausgesetzt wird, was in Wirklichkeit erst am Ende einer Suchtbehandlung stehen kann: der in jeglicher Hinsicht mündige Patient. Denn solange er körperlich und seelisch vom Alkohol abhängig ist, muss man ihn als einen sehen, der sich selbst wie auch andere hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Partizipationsfähigkeit täuscht. Unter Alkohol fährt er beispielsweise Auto oder im Betrieb einen Gabelstapler oder greift in der Freizeit als Jäger zum Gewehr – und gefährdet damit andere. Seine durch Alkohol nachhaltig getränkte und daher wenig informierte Entscheidung ist, in Ruhe gelassen zu werden, um ungestört weitertrinken zu können.

JAH: Nun ist selbst das Wort „Patient“ vorbelastet, zu passiv. Neuerdings liest man in Fachartikeln von Nutzern, Kunden, Konsumenten, Koproduzenten von Gesundheit, Prosumenten. Das klingt nach Arbeit an lockeren Schrauben. Das wird sich in der Alltagssprache doch nicht durchsetzen – wie der „Kunde“ von der Agentur für Arbeit. Was ist aber ein Prosument?

ST: Sie verweisen mit „Prosument“ auf einen nicht im Alltag, sondern in der Soziologie verwendeten Fachbegriff, der gebildet wurde aus der Vorsilbe von Produzent und dem Stammwort Konsument. Er dient der Beschreibung des Sachverhalts einer mittlerweile in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft beobachtbaren verstärkten, allerdings unbezahlten Mitarbeit der Kunden bei der Fertigstellung von Sach- und Dienstleistungen. Man findet sie etwa unter dem Stichwort „Selbstbedienung“ im Fast-Food-Bereich der sog. Systemgastronomie mit ihren Kettenbetrieben. Und diese Mitarbeit gibt es auch bei den web-basierten Selbsthilfeprogrammen, wo es für Patienten möglich ist, die Texte durch eigene Eingriffe zu verändern.

JAH: Bei Dienstleistungen im Web 2.0 ist „Selbstbedienung“ als Schlagwort zumindest noch nachvollziehbar, auch wenn es bei Selbsthilfeprogrammen einen komischen Beigeschmack hat. Verwischen Dr. Google & Co. allmählich die Grenze zwischen Kundschaft und Patienten?

ST: Ich halte die Unterscheidung zwischen Patient und Kunde für sinnvoll. Nehmen wir Karl aus Ihrem Eingangsbeispiel: Wenn er mir mitteilt, dass er aufgrund seiner Alkoholismus-bedingten Folgeerkrankungen nicht in der Lage ist, im Dunkeln Auto zu fahren, dann gebe ich ihm im Winter einen Termin, wo er noch im Hellen nach Hause kommt. Das nenne ich kundengerecht. Wenn er mir allerdings sagt, dass ich ihm doch volles Vertrauen schenken könne hinsichtlich seiner Angabe, er halte weiterhin die Abstinenz ein und brauche dies daher nicht durch einen von mir verlangten Laborbefund nachzuweisen, dann wäre es ein Kunstfehler, ihn hierbei auch als Kunden zu behandeln und ihn, wo er als Alkoholismus-Patient zu mir kommt, von dieser hierbei therapeutisch notwendigen Auflage zu befreien.

JAH: Der Kunde ist ja nicht zwangsläufig der Experte. Aber das sollen Online-Dienste auch fördern: Experten der eigenen Krankheit. Haben Sie denn den Eindruck, dass so ein Selbststudium übers Internet die Ansprüche Ihrer Patienten verändert hat?

ST: Ja, nicht wenige Patienten oder deren Angehörige haben sich bereits vor dem Erstgespräch im Internet über das Krankheitsbild anhand ihrer bei Google eingegebenen Symptome informiert und vereinbaren über E-Mail einen Termin. Einige gehen mittlerweile sogar davon aus, dass ich auf ihre, teilweise anonym an mich gerichteten E-Mail-Anfragen antworte. So wollte neulich jemand von mir wissen, was ich in seinem Fall von Hypnose halte, wo es ihm während der laufenden, jahrelangen psychiatrischen Behandlung seiner Borderline-Störung nicht gelinge, sein Übergewicht zu reduzieren. Oder es kommen E-Mail-Anfragen zu den Chancen und Kosten einer Raucherentwöhnungs-Behandlung.

Die Internettherapie – bald eine Kassenleistung?

JAH: Neben der Informationssuche und Selbsthilfeforen bietet das Web 2.0 ja noch weitere Möglichkeiten für psychisch belastete Menschen: In den Niederlanden ist die Internettherapie, also eine internetbasierte Psychotherapie, bereits als Kassenleistung zugelassen. Was meinen Sie, werden wir bald auch in Deutschland am Rechner therapiert, also ohne persönliche Gespräche?

ST: In Deutschland gibt es – man muss betonen: noch – das Fernbehandlungs-Verbot. Das heißt: Psychotherapie verlangt den persönlichen Kontakt von Therapeut und Patient. Angesichts der vielfältigen Verheißungen der Onlinetherapie-Anhänger und vor allem deren ständiger Hinweise auf die besonders niedrigen Kosten werden die Leistungsträger, hier sind es die Krankenversicherungen, nicht zögern dafür zu sorgen, Internettherapien bald auch in Deutschland – jenseits der Forschungsprojekte von Universitätsinstituten zu den Chancen der Online-Behandlung – hoffähig zu machen. Vielleicht stehen sie sogar am Ende im E-Health-Gesetz, das im Bundestag zur Beratung ansteht.

JAH: Das würde mich nicht wundern. Aber nochmal zurück zur Internettherapie: wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden? Was reizt Sie daran?

ST: Im Zuge meiner soziologischen Beschäftigung mit McDonaldisierungs-Tendenzen im Gesundheitswesen, insbesondere in der Suchttherapie, – wobei die kostenlose Mitarbeit von Laien im schönen Gewand bürgerschaftlichen Engagements auftritt und politisch gefördert wird -, rückte die Internettherapie, vor allem mit ihrer Variante der Web-basierten Selbsthilfe-Programme, ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts mehr und mehr ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Zugleich geht es mir um ein Stück soziologischer Aufklärung. Sie soll dabei helfen, alle Facetten dieser sozialen Innovation kritisch anzuleuchten.

Zu Risiken und Nebenwirkungen der Internettherapie

JAH: Was finden Sie problematisch an Internettherapien, wem könnte so eine Therapie schaden?

ST: Schädlich können Online-Therapien dort sein, wo vollkommen unklar ist, wer mit welcher psychologischen oder medizinischen Aus- und Weiterbildung wie auch einer hierbei notwendigen längeren beruflichen Erfahrung sie ins Internet gestellt hat. Die Gefahr ist groß, dass Scharlatane und selbst ernannte Therapeuten, gerade aus der Alternativmedizin, in diesem Bereich ihre Dienste anbieten. Auch die Abklärung diagnostischer Fragen bis hin zur Suizidgefährdung wie auch die unmittelbare Betreuung in seelischen Krisen und Notfällen ist überhaupt noch nicht zureichend sichergestellt. Mit Blick auf das hier mehrfach angesprochene Thema Alkoholismus halte ich es geradezu für verwegen, Internet-Angebote zur Therapie der Alkoholabhängigkeit zu unterbreiten. Erforderlich ist in jedem Fall und gerade im ambulanten Bereich ein multidisziplinäres Vorgehen, bei dem Ärzte, Klinische Psychologen bzw. Psychologische Psychotherapeuten und Suchttherapeuten aus der Sozialarbeit und Sozialpädagogik vor Ort eng und unter regelmäßiger Supervision zusammenarbeiten.

JAH: Können Sie bitte noch genauer auf die Hürden eingehen? Was machen z.B. Patienten in ländlichen Regionen, die kein „schnelles Internet“ haben?

ST: Ich denke, die Schnelligkeit einer Internet-Verbindung ist noch das geringste Problem. Die Hürden werden vielmehr dort sichtbar, wo deutlich wird, dass zum zweiten Mal in der kurzen Geschichte der Psychotherapie die Partizipations-Chancen ungleich verteilt sind. Tendenziell ausgeschlossen bleiben – allerdings ohne Absicht der Anbieter – ältere Menschen, Frauen und Bildungsferne. Das zeigen auch neuere Daten aus der Umfrageforschung zur Nutzung des Internets. Nur 38 % der Befragten über 65 Jahren gingen in den zurückliegenden drei Monaten ins Internet. Und was die modernen Hightech-Geräte angeht, besitzen 14 % der Senioren ein Smartphone und erst 10 % einen Tablet-Computer. Überdies könnte man zugespitzt sagen: Die Nutzung des Internets und damit von Online-Therapien ist ein Bestandteil der Angestellten-Kultur. Dort, wo tagtäglich vor allem schriftlich kommuniziert wird, fällt es auch wesentlich leichter, die Tasten eines Smartphones oder eines Laptops zu drücken. Auf die Verbreitung des funktionalen Analphabetismus in unserer Gesellschaft wurde ja schon hingewiesen – ein Problem, das sich zunehmend auch in den traditionellen Therapieformen, z.B. in Suchtfachkliniken zeigt, wo verlangt wird, dass Patienten ein Therapietagebuch führen und daraus am nächsten Behandlungstag vortragen sollen. Eine Suchttherapie nur mit Smileys oder im Szenejargon à la „is voll krass ey und total cool“ wird vermutlich nicht zielführend sein.

Internettherapie im Home-Office des Patienten – wenig Kritik von Psychotherapeuten

JAH: In NRW wird der Entwurf zum vorher erwähnten „E-Health-Gesetz“ vor allem von Ärzten und Datenschützern kritisiert. Mich wundert, dass kein Interessenvertreter der Psychotherapeuten auf mögliche negative Folgen der Internettherapie aufmerksam macht. Es handelt sich doch um „sprechende Medizin“ –   ist das kein Thema für die Psychotherapeutenkammer?

ST: Ich kenne im Moment als kritische Position nur jene der hessischen Psychotherapeutenkammer, die Prof. Ulrich A. Müller im Rahmen eines Forums einer großen deutschen Krankenkasse vorgetragen hat. Er erinnert zu Recht daran, dass die Begegnung mit dem Patienten nicht nur ein reiner Austausch von Informationen und Wörtern ist. Denn es kommen gleichermaßen für Diagnostik und Therapie so wichtige Aspekte hinzu wie das Gesprochene in all seinen Facetten, die Mimik und Gestik des Patienten, es geht um die wechselseitige Wahrnehmung des bei jedem Patienten und natürlich auch bei jedem Therapeuten anders gearteten leib-seelischen Ausdrucksvermögens und die adäquate therapeutische Reaktion darauf.

JAH: Bisher habe ich hauptsächlich sehr positive Aussagen von Psychologen zur Internettherapie gelesen. Schaffen sich Psychotherapeuten mit ihrem Enthusiasmus für die Online-Therapien nicht selber ab? Könnte diese Entwicklung Ihrer Einschätzung nach zum Personalabbau führen – nicht nur bei Psychotherapeuten, sondern bei anderen Berufsgruppen, die in Kliniken und Praxen arbeiten?

ST: Es besteht in der Tat diese Gefahr. Darüber gibt es zwar noch keine verlässlichen empirischen Befunde. Doch einzelne Berichte, vor allem aus dem Ausland, über die Ersetzung ausgeschiedener Psychotherapeuten durch Informatiker, weisen in diese Richtung. Unter dem Aspekt der Zentralisierung und der Konzentration auf nur noch wenige Dienstleistungsanbieter braucht man vor Ort in den ambulanten Einrichtungen und den Suchtfachkliniken nicht mehr so viel therapeutisches Personal vorzuhalten. Hinzu kommt die Frage der Gehälter-Einstufung, wenn einige Dienstleistungen im Rahmen der internetbasierten Therapie über Call-Center laufen werden. Denn dort braucht man keine Mitarbeiter, die lange Aus- und Weiterbildungszeiten an den Hochschulen verbracht haben, – es sei denn, sie sind mit einem 450,- Euro-Salär zufrieden.

Die Zukunft der Psychotherapie

JAH: Zum Schluss wagen wir noch einen Blick in die Glaskugel. Wie soll es weitergehen: Psychotherapeuten, die durch Software ersetzt werden, – übrig bleiben Prosumenten, die in ihrem Home-Office eigene Empowerment-Tools für ihre psychischen Probleme programmieren? Wie sieht denn Ihre Vision für die Zukunft der Psychotherapie aus?

ST: Glaskugel, Blick in die Zukunft, das klingt ein wenig nach Esoterik. Und ich bin auch kein Zukunftsforscher. Doch mit dem Begriff „sollen“ sprechen Sie ja in Wirklichkeit ein ethisches Problem an. Ich orientiere mich an Joseph Weizenbaum, dem früheren Professor für Computerwissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.). Der hat bereits 1976, lange bevor das Internet aufkam, sinngemäß gesagt, es sei unmoralisch, Computer als Psychotherapeuten einzusetzen. Denn in der Psychotherapie gehe es um Verständnis, Respekt und positive Wertschätzung. Dieser humanistischen Sichtweise und dem Blick auf die Begegnung zweier Menschen in einem Behandlungsraum entspricht dann auch, nach all dem, was wir bislang wissen, dass viele Teilnehmer an Onlinetherapien nach einiger Zeit nicht nur den Wunsch nach einem Foto, sondern auch nach einer wirklichen Begegnung mit der Psychotherapeutin äußern, die man in der Zentrale verborgen hinter dem Server sitzend wähnt. Das heißt mithin: Dort, wo es zuvor bereits eine face-to-face-Begegnung von Patient und Psychotherapeutin gegeben hat, ich spreche von der Nachsorge-Phase, lässt sich der therapeutische Kontakt nach Behandlungsende durchaus über elektronische Medien, etwa über ein Smartphone, halten. Zugleich werden mit seiner Nutzung als Telefonapparat heute noch die meisten Erstgesprächs-Termine mit der Psychotherapeutin verabredet, wenn es nicht bereits im Rahmen des Austausches von e-Mails geschieht. Danach sollte allerdings möglichst rasch die persönliche Begegnung stattfinden, in der neben der biografischen Anamnese alle diagnostischen Fragen und dann die der geeigneten Behandlungsform und der weiteren therapeutischen Schritte im Gespräch geklärt werden.

 

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