Loveparade: Alle wollen Opfer sein

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Adolf Sauerland: "Immenses Leid"

Zum ersten Mal seit der für 21 Menschen tödlich endenden Technoveranstaltung Ende Juli saßen sich heute die Verantwortlichen der Stadt, des Veranstalters Lopavent und der Polizei im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags gegenüber. Sie würdigten sich keines Blickes. Erstmals trat auch CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf. Mit Schweißperlen auf der Stirn saß er wortkarg im voll besetzten Saal.

Schnell nahm der Duisburger Stadtchef die Rolle eines Opfers ein. „Alle Duisburger und ich besonders leiden entsetzlich unter diesem schrecklichen Unglück“, sagte Sauerland mit brüchiger Stimme. „21 Tote bedeuten ein immenses menschliches Leid und damit eine Bürde, die mich und meine Kollegen und Kolleginnen gewiss unser Leben lang nicht mehr verlassen wird.“ Die Aufarbeitung der Katastrophe sei zu komplex, „als dass man es bei schnellen Lösungen belassen könnte”. Deshalb habe er sich entschlossen, trotz eines „fast beispiellosen öffentlichen Drucks mein Amt auszuüben”. Diese Form der Aufklärung sei er auch den Opfern und Hinterbliebenen schuldig. Der 55-Jährige saß geduckt neben seiner Juristin Ute Jasper, die aufrecht und mit überzeugter Stimme die Stadt von Verfehlungen frei sprach.

Dies tat allerdings auch erneut NRW-Innenminister Ralf Jäger – allerdings sprang er für die ihm unterstellte Polizei in die Bresche. Selbst wenn die Beamten Fehler gemacht haben sollten, so die Logik des Sozialdemokraten, seien daran andere Schuld. „Es ist unrealistisch, bei dem unfassbaren Chaos auf Veranstalterseite einen fehlerfreien Polizeieinsatz zu erwarten.“

Zentraler Punkt aller Fragen der Abgeordneten sind immer noch eine Reihe von Entscheidungen, die offenbar die verheerende Massenpanik im Tunnel ausgelöst haben. Dort wurden die 21 verstorbenen Besucher im dichten Gedränge erdrückt. Aber wie kam es zu dieser Dichte? Waren es die drei Personen-Ketten, die die Polizei kurz vor den Todesfällen bildete? Oder sorgten nachlässig auf dem Gelände verbliebene Zäune des Veranstalters für die Enge?

Laut Innenministerium hat Lopavent die Schleusen zum Hauptgelände um 12 Uhr viel zu spät geöffnet, obwohl sich dort schon ab zehn Uhr morgens Menschen anstellten. Dies habe zu einem sehr frühen Stau geführt. Auch steht die Frage im Raum, ob die Musik-Wagen still standen, weil Schaller ein Fernseh-Interview gab und der McFit-Fload im Hintergrund zu sehen sein sollte. Laut Sicherheitskonzept sollten die Wagen rollen, damit die Leute auf die Fläche gezogen werden.

Der Veranstalter hingegen bemängelt Polizeiketten, die auf den Zugangsrampen die Menschen in den Tunnel gedrängt hätten. „Lopavent hat die Loveparade zusammen mit Experten der Landespolizei geplant“, so der Anwalt des abwesenden Geschäftsführers Rainer Schaller. „Die Polizei fühlte sich für die Sicherheit der Parade verantwortlich.“ Die mehr als 30 Fragen der Abgeordneten, etwa nach den fehlenden Ordnern von Lopavent, beantworteten die Gesandten von Schaller hingegen nicht.

Für Politiker und Gutachter aller Parteien bot der Innenausschuss offenbar nur eine willkommene Gelegenheit, auf den Gegner zu zeigen. Die öffentlich zelebrierte Konfrontation im Düsseldorfer Landtag ist nicht zuletzt auch politisch motiviert: Der erst wenige Tage vor der Loveparade zum Minister berufene Ralf Jäger gehört der SPD an, CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist Christdemokrat. Und zwar ausgerechnet in Duisburg, im Wahlkreis von Jäger.

Bislang bleibt es den eigentlich Betroffenen und den Familien der Opfer vorbehalten, nicht voreilig Schuld zuzuweisen. Der Rechtsanwalt der Loveparade-Opfer, Gerhart Baum, rechnet noch mit monatelangen Ermittlungen bis zur juristisch sauberen Klärung der Schuldfrage. „Ich kann mir vorstellen, dass es überschneidende Verantwortungsbereiche für das Unglück gegeben hat“, sagte der FDP-Politiker und frühere Bundesinnenminister am Donnerstag. Erst nach Abschluss der Ermittlungen werde sich endgültig herausstellen, wer strafrechtlich oder zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne.

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