Live-Streaming @ Consciousness

Im September hatte ich zusammen mit meinen Buddies im Kunstmuseum Bochum die 7-Tage-Nonstop-Lesung „Tugend und Laster“ veranstaltet. Das Ganze war als Ruhr.2010-Beitrag (ohne städtische Unterstützung) gedacht und sollte Bochum als „Stadt des Buches“ so ein bisschen profilieren. 168 Stunden wurde durchgelesen. Und so trocken sich das auch anhört, wurde es doch überraschend geil. Nun ist das Buch zur Lesung erschienen. Gedacht als Würdigung aller Beteiligten, besticht es vor allem durch seine Essays. Mir kam die Ehre zuteil, über das Phänomen des Live-Streamings einen (wissenschaftlichen) Beitrag zu verfassen, der im Folgenden kostenfrei zugänglich gemacht werden soll. Digital Natives und Hacktivisten können getrost weiterklicken, denn Neuigkeiten werden dort nicht ausgeplaudert. Vielmehr dokumentiert der Text einmal mehr meinen Unwillen, einem breiteren Publikum mit der nötigen Ernsthaftigkeit entgegenzutreten und generiert – so will ich hoffen – ein gewisses Lesevergnügen.

Eine Tour de Force durch das digitale Dickicht

„Bitte setzten Sie sich so, dass die Kamera Sie sehen kann.“ – Auf der Bühne des Museums Bochum herrschte das Gebot des Blickwinkels. Schließlich wurde die Marathonlesung mittels Webcam ununterbrochen im Internet übertragen. Die Tugend-und-Laster-Lesung war ein lokales Event, an dem die ganze Welt teilnehmen konnte. So kam es nachweislich zu Grußbotschaften aus Paris, Genua, Detroit und Amsterdam. Meine Mutter beglückwünschte mich zu meiner nächtlichen Ellis-Performance via SMS aus Peking, wo sie „zeitgleich“ ein interkulturelles Seminar gab. Wahnsinn. Möglich gemacht hat dieses globale Happening der lokale Kultur-Podcast Ebland. Dazu waren im Vorfeld einige Hürden zu nehmen. So musste beispielsweise noch am Morgen der Auftaktveranstaltung ein leistungsstarker DSL-3000-Internetzugang (50 Meter LAN-Kabel) ins Museum gelegt werden, die Upload-Rate wurde auf 500 kbit/s erweitert. Groß war die Aufregung, das Ergebnis umso zufriedenstellender. Dank des unermüdlichen Engagements der Ebländerinnen Dorette Gonschorek und Britta Maas entstand von der siebentägigen Nonstop-Lesung ein Bild, das sich (weltweit) sehen lassen konnte.

Dabei war der Erfolg des Streamings keineswegs vorhersehbar. Unlängst flankierte der junge niederländische Künstler Dries Verhoeven die Premierenoffensive der neuen Weber-Intendanz am Schauspielhaus Bochum mit einer gewaltigen Life-Streaming-Inszenierung. Ein mobiles Internet-Café wurde auf dem Platz vor dem Theater aufgefahren, zwanzig Darsteller weltweit vernetzt. Die Kritiker sprachen von einem Flop, die Wohlgesinnteren von der Schönheit der Idee. Und auch Resultat der Ruhr.2010-Babel-Vernetzung im Rahmen des ambitionierten Henze-Projektes war ernüchternd. Laut Insiderinformationen seien immense Kosten von ungefähr 20.000 € allein für das Live-Streaming angefallen, dann kam es während der Vernetzung der Kulturstadt-Kirchen zu Übertragungsausfällen. Ja, der Erfolg ist nicht vorprogrammiert, wenn gestreamt wird, und was diese beiden Beispiele belegen, ist, dass Live-Streaming vor allem eines voraussetzt: Risikobereitschaft. Doch wie schreibt man stilsicher über das Phänomen des Live-Streamings? Richtig – im Stream of Consciousness. Fangen wir doch gleich damit an.

Fernrohre, Linsen, Lichtkegel

Der erste Eindruck von der Webcam war desillusionierend: die Logitech Quickcam pro 9000 sah aus wie ein schlecht designtes Babyphone. Wer eine große Kamera erwartet hatte, wurde enttäuscht. Wäre die permanente Übertragungsleistung nicht auf dem Monitor links neben der Lesebühne sichtbar gewesen, wer hätte an die Leistungsfähigkeit der Kamera geglaubt? Doch es lief. Vom Anfang bis zum Ende konnte die Lesung auf der Site des Kultur-Podcastes verfolgt werden; die Homepage der Literarischen Gesellschaft Bochum bot einen entsprechenden Link an. Ein digitales Labsal, besonders wenn einmal der Publikumsansturm ausblieb. Gerade in den langen, mitunter einsamen Nächten war, neben der genialen Graupensuppe, die Daniel Birkner von der Gesellschaft Harmonie gestiftet hatte, das Live-Streaming ein großer Trost. Meine Ellis-Performance fand um 4 Uhr in der Nacht statt. Das Publikum: vier junge Frauen, die ich mit meinen schauderhaften American-Psycho-Passagen bereits nach zehn Minuten vergrault hatte. Doch las ich weiter, da ich wusste, dass immerhin Jasmijn und Lieke in Amsterdam, meine Mutter in Peking, ja sogar der ehrenwerte Professor Durand vom Collège La Guicharde in Sanary-sur-Mer online sein würden – und wer weiß, wer noch? An all diese lieben Menschen musste ich denken, als ich in das kalte Auge der Kamera sprach, hinter der sich die Weite des leeren Auditoriums im Nirgendwo verlor. Die Welt war immer im Raum. Umso größer war naturgemäß die Sorge, wenn die Live-Übertragung auf dem Monitor einmal ausfiel. Mehrmals mussten Dorette Gonschorek und Britta Maas mitten in der Nacht via BlackBerry geweckt werden, um die größten Bedenken aufzuheben. Nein, kein Übertragungsfehler, nur ein Problem mit dem Monitor. Aha. Die Nerven lagen trotzdem blank. – Man hatte sich abhängig gemacht. Ohne Live-Streaming vorzutragen war undenkbar geworden, vor allem in den Nächten.

Die Logitech Quickcam pro 9000 war immer dabei.

Doch auch an den Tagen erfreute sich die kleine Logitech Quickcam pro 9000 größter Beliebtheit. Auch heute, mehrere Wochen nach dem Lesemarathon, kommt es bei der Literarischen Gesellschaft immer wieder zu Anfragen der Teilnehmer, ob man ihnen ihren Beitrag nicht gesondert auf DVD zukommen lassen könnte. Die Euphorie könnte nicht größer sein, was natürlich super ist, aber gleichsam auch Fragen aufwirft. Woher kommt diese Affirmation gegenüber der Webcam? Das Wort „Kamera“ ist ja durchaus nicht nur positiv belegt. Vielmehr schwingt im semantischen Kraftfeld auch immer die Dimension der Repression mit. Im öffentlichen Raum wird vor Kameras gewarnt. Die Privatsphäre wurde zugunsten der Sicherheitsbedenken geopfert. Zwar hat der Grad der Überwachung in Deutschland noch nicht das Ausmaß Englands erreicht, wo mittlerweile jeder Hinterhof kameratechnisch erfasst ist, doch auch hierzulande sorgt die anwachsende Kontrolle der Kameras für Unmut. Wie brisant dieses Thema ist, zeigten unlängst die Proteste gegenüber „Google Street View“ und auch die globale Vogelperspektive von „Google Earth“ wird nicht von jedem Zeitgenossen begrüßt. Die Angst vor der Kamera ist nicht unbegründet. Hören wir dazu doch einmal unseren Experten vom Collège de France:

Neben der großen Technologie der Fernrohre, der Linsen, der Lichtkegel, die mit der Gründung der neuen Physik und Kosmologie Hand in Hand ging, entstanden die kleinen Techniken der vielfältigen und überkreuzten Überwachungen, der Blicke, die sehen, ohne gesehen zu werden; eine lichtscheue Kunst des Lichtes und der Sichtbarkeit hat unbemerkt in den Unterwerfungstechniken und Ausnutzungsverfahren ein neues Wissen über den Menschen angebahnt. (Michel Foucault: Überwachen und Strafen)

Eine ganze Welt soll digital gerastert werden. Die permanente Sichtbarwerdung von allem unterminiert die Nischen und leistet den Normierungsstrategien Vorschub. Eine überwachte Welt ist eine arme Welt. Pluralität, Improvisation und auch Kreativität werden geopfert auf den Altären der viralen Ängste. Allein Anpassungsleistungen garantieren die persönliche Aufhebung im Auge der Kamera und suggerieren den Schein von Privatsphäre. Ein totalitäres Endzeitszenario, das George Orwell nicht besser hätte beschreiben können. Aber ist der Zustand der westlichen Hemisphäre wirklich so hoffnungslos? Mitnichten. Vielmehr ist es zum Trend geworden, den Repressionen, wie sie uns im Alltag begegnen, affirmativ entgegenzutreten. Stichwort: Industriekultur – dort, wo einst ausgebeutet und entfremdet wurde, wird heute gespielt und gefeiert. Die Kamera ist immer dabei. SmartPhones drehen kleine Videoclips und über YouTube reproduziert sich das Event tausendfach. Was einst Ausdruck totalitären Machtanspruches war, will heutzutage oft nichts weiter sein als Entertainment. Das Monopol der Unterwerfungstechniken und Ausnutzungsverfahren wird durch eine ausufernde Bilderflut, die nicht gewaltiger sein könnte, gebrochen. Längst hat sich eine Gegenöffentlichkeit etabliert, deren wichtigster Kronzeuge gegenwärtig die Internet-Plattform WikiLeaks des australischen Programmierers Julian Assange sein dürfte. Durch die anonyme Veröffentlichung höchst pikanter Dokumente (Stichwort: US-Depeschen) drehte WikiLeaks das Prinzip der Sichtbarkeit um, respektive: im digitalen Dickicht demokratisierte sich das Repressionsmoment der Überwachung. Doch bei allem Euphemismus sollte nicht vergessen werden, dass dieses Repressionsmoment nicht vollständig demokratisiert, geschweige denn aufgehoben wurde. Immerhin wurden durch das Internet Brücken geschlagen. So verstanden, steht jede neue Webcam für einen weiteren Schritt in eine menschenwürdigere Zukunft.

Die Esoterik-Keule am Bühnenrand

Doch auch auf der Ebene der Subjektkonstitution sind Fortschritte zu beobachten. Denn es ist eben nicht nur so, dass der vermeintlich kalte Blick der Kamera ausschließlich sein Objekt ausliefert, vielmehr kommt es zu reziproken Strategien, da sich das Subjekt im Spiegel der Kameralinse selbst erkennen kann. Sprachen wir einst mit Jacques Lacan vom Spiegelstadium, so sprechen wir heute von der Showtime, denn medientheoretisch ist der Körper ein Projektionsapparat:

Prinzipiell ist dabei die Auffassung, dass man vermittelst eines jeden Apparates, der Schwingungen des Äthers (Licht in unserem Falle) aufzunehmen vermag, umgekehrt auch Schwingungen des Äthers (Licht) produzieren kann oder dass man mit einem Apparat, der für Schwingungen der Luft (Töne) empfindlich ist, auch wieder Schwingungen der Luft (Töne) hervorbringen kann. (Ludwig Staudenmaier: Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft)

So. Fehlt noch was? – Ach ja, die Ontologie. Das Sein steckt in unserem Beispiel natürlich in den Texten selbst, schockgefroren sozusagen. Hier bedarf es der Axt. Beim Vortragen geht der Lesende mit der Axt in den Text hinein und bricht ihn auf. Das kann mal zart, mal hart von statten gehen. Allerdings sollte man nicht allzu zimperlich sein, schließlich soll der Text Funken schlagen. Handelt es sich nun um einen „guten“ Text, dann ist er ontologisch aufgeladen und es kommt zu Synergie-Effekten mit dem Vortragenden, die zusätzlich befeuert werden vom Rauschen der Welt, hineingelassen durch die digitale Schnittstelle der Webcam. Einfach zauberhaft. Und jenen Kritikern, die jetzt mit der Esoterik-Keule am Bühnenrand drohen, sei erwidert, dass all das ja wirklich geschehen ist im Museum Bochum auf der Lesebühne. Als ich um 4 Uhr nachts meine schauderhaften American-Psycho-Passagen vortrug, war ich gleichzeitig der Vortragende Carsten Marc Pfeffer, der Autor Bret Easton Ellis sowie der Protagonist Patrick Bateman. Ein ontologischer Super-Gau als Produkt aus Text, Performance und Webcam. Und wenn ich nun anführe, dass mich am folgenden Tag der geniale Regisseur Hans Dreher, der meine Performance ebenfalls im Live-Stream gesehen hatte, anrief und mir die Rolle des Ellis in seinem neuen Theaterstück anbot, dann tue ich das nicht, um meine Eitelkeit, deren größtes Opfer ich ja selbst bin, weiterhin zu befeuern, sondern allein, um meine Thesen zu untermauern. Bald schon werden alle Lesungen über Live-Streaming im Internet übertragen werden, weil kein Veranstalter mehr auf den ontologischen Zauber der Webcam wird verzichten wollen.

Doch gab es auch Probleme. Denn leider müssen wir Jacques Derrida recht geben, wenn er sagt: „Das Zentrum ist nicht das Zentrum.“ – Ja, es gab Leerstellen. Was heißt beispielsweise „Direktübertragung“, wenn die Bilder zeitverzögert im Internet sichtbar werden? Oder wie verhält es sich mit dem begrenzten Blickwinkel der Webcam? – Ungeheuerliches trat zutage. So wurden die Vortragenden immer nur aus dem Off anmoderiert, derweil sie selbst bereits am Lesepult vor dem Objektiv der statischen Webcam saßen. Wie leicht hätte man dieses Manko mit einem beherzten Kameraschwenk, oder besser noch: einer zweiten Kamera beheben können? Aber wie hätte all das organisiert werden sollen? Allein vier Personen (Museumspersonal miteingerechnet) waren nötig gewesen, um den ordnungsgemäßen Betrieb der Nonstop-Lesung zu gewährleisten, und das 24 Stunden am Tag. Besonders in den Nächten wäre es unverantwortlich gewesen, für einen „Kameraschwenk“ weitere Kräfte hinzuzuziehen. Oft ging es so hoch her, dass sogar die Graupensuppenausgabe im Museumsfoyer vernachlässigt werden musste. So kam es vor, dass ein Gast eine Graupensuppe essen wollte, sich jedoch niemand einfand, ihm diese auszuschenken, weil das Team zu diesem Zeitpunkt mit Organisationsproblemen beschäftigt war. Oft musste umdisponiert und eingesprungen werden. Jedes Mitglied des Organisationsteam ging bis an seine Grenzen und oft auch darüber hinaus. Permanenter Schlafentzug einhergehend mit Schwindel und Fieber waren keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund von einem „Kameraschwenk“ zu reden, wäre grob fahrlässig gewesen.

Das Monopol der Graupensuppe

Doch wollen wir uns angesichts der gelungenen Veranstaltung nicht in Larmoyanz ergehen, sondern einen letzten Blick durch das Auge der Webcam wagen und über die digitale Schnittstelle hinausgehen. Brechen wir also auf ins dezentralisierte Rhizom, ins rhizomatische Labyrinth. Willkommen im Web 2.0, einem Ort, der wie kein anderer, den Status der Ruhrgebietsliteratur in all seiner Vielseitigkeit verkörpert. Denn hier gibt es kein Zentrum, was zählt, das sind allein die Aufmerksamkeitsökonomien. Nur keine Angst, öffnen Sie sich. Lassen Sie die ganze Welt an ihrem Alltag, Projekten und Freundschaftkreisen teilhaben. Social Networks wie der Marktriese Facebook garantieren Ihnen Tuchfühlung zu ihren Freunden, selbst wenn diese soeben den Himalaya besteigen. Verlinken Sie den Live-Stream der Nonstop-Lesung auf ihrem Account. Posten sie ihre Tweets, Smart-Phone-Filmchen oder den neusten Song, den Sie letzte Nacht in einem Anfall von sentimentaler Verzweiflung in das Studio-App ihres IPhones gesungen haben. Verschenken Sie sich. Aber bitte vergessen Sie dabei nicht Sartres Satz von der Selbstverleugnung: „Wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle.“ – Also: bleiben Sie bei allem, was sie posten, Sie selbst dabei. Und bitte vergessen Sie Marshall McLuhan – nicht das Medium ist die Botschaft, sondern Sie selbst sind es. Arbeiten Sie an ihrer Performance, denn Sie selbst sind das Geschenk, das Sie der Welt bereiten, und dieses Geschenk sollte von Herzen kommen. In 15 Minuten ist ihr Auftritt. Hölderlin, sagen Sie? Den ganzen Hyperion in zwei Stunden? Das wird ja eine richtige Tour de Force. Ja freilich, das Ganze wird live im Internet übertragen. Ach, Sie haben Freunde im Ausland. Und die schauen zu? Na, die werden sich aber freuen. Stärken Sie sich zuvor im Museumsfoyer mit einer Graupensuppe. Sie ist wirklich gut. Wie bei Proust die Madeleine führte sie bei mir zu einem Epiphanie-Erlebnis. Gleich beim ersten Löffel musste ich an meine leider verstorbene Großmutter und ihre Eintöpfe denken. Ich war ganz verliebt in diese wohldosierte Traurigkeit, so dass ich, immer bevor ich zum Lesen auf die Bühne ging, einen Teller Graupensuppe aß. Immer wenn ich die Lesebühne betrat, hatte ich alles losgelassen. Nur so erreichte ich die höchste Interpretationsleistung der Texte, was mir wichtig war, schließlich war meine Performance auf der ganzen Welt potentiell sichtbar. Epiphanie kann hilfreich sein, egal ob mit oder ohne Kamera. Wobei mit Kamera – wir sagen „Webcam“ – natürlich schöner ist, wegen der Realpräsenz der Bilder. Der französische Filmkritiker André Bazin ging sogar soweit, an ein Transsubstantiationsmoment der Bilder zu glauben. Die Heiligkeit der Bilder… – Vielleicht reden wir später darüber weiter, jetzt müssen Sie auf die Bühne. Bitte setzten Sie sich so, dass die Kamera Sie sehen kann.

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