lit.RUHR: Was gut tut?

Köln sei Dank: demnächst »lit.RUHR« Von unserem Gastautor Ludger Claßen.

Köln vermeldet: „Großes Literaturfestival für das Ruhrgebiet lit.RUHR startet im Oktober 2017“. Absender war ein eingetragener Verein, dessen erster Vorsitzender Rainer Osnowski zugleich einer der drei Geschäftsführer der lit.Cologne GmbH ist. Der Verein hat dieselbe Anschrift wie die gewinnorientierte GmbH. Osnowski tat ego-stark kund, im Ruhrgebiet würden „erstmals Autoren auftauchen, die bislang daran vorbeigegangen sind“, und Verlage seien interessiert, „für die das Ruhrgebiet bislang noch Diaspora ist“. Ergänzt um den Hinweis, München, Hamburg, Berlin und Wien hätten sich vergeblich bemüht, einen Ableger der lit.Cologne zu bekommen.

Auf diese Art von Marketing ist das Ruhrgebiet schon immer reingefallen: Appelle an den gepflegten Minderwertigkeitskomplex („Diaspora“) in Verbindung mit dem Hinweis, die vermeintliche „Metropole Ruhr“ könne etwas vorzeigen, das selbstbewusstere Metropolen nicht haben. Regionale Sponsoren stellen 500.000 Euro Förderung zur Verfügung.

Die Offerte vom Rhein wurde von Politik und Medien gleich freudig begrüßt. „Literatur wird der Region gut tun“, kommentierte die NRZ. Auf Nachfrage in Hamburg und Berlin ist keinerlei Bestätigung für derartiges Bemühen zu erhalten, Filiale der lit.Cologne zu werden – im Gegenteil. In Hamburg gibt es seit acht Jahren das Harbour Front Festival, in Berlin seit 16 Jahren das Internationale Literaturfestival, München hat seit sechs Jahren das Literaturfest. Weshalb da Konkurrenz zu den bewährten Formaten?

Offenbar ist denen, die auf die clevere Offensive so begeistert reagieren, nicht bewusst, welch’ reiche Literaturszene das Ruhrgebiet besitzt. Unter den zahlreichen Vereinen und Initiativen ragen das Literaturbüro Ruhr in Gladbeck und die Literarische Gesellschaft Ruhr in Essen heraus, die seit Jahrzehnten mit namhaften Autoren/innen Lesungen veranstalten: Paul Auster, Don DeLillo, Peter Esterhazy, Navid Kermani waren ebenso da wie H.C. Artmann, Gunter Grass, Harry Mulisch oder James Salter. Da wird sich die lit.RUHR schwer tun, Neues aufzubieten.

Und mit dem von außen angezettelten Festival ahmt man bestenfalls etwas nach und bestätigt so Vorurteile und Komplexe, die man doch gern überwinden möchte. „Im Ruhrgebiet feiert man die Kanonen, die anderswo ihr Pulver schon verschossen haben“, kommentierte Erik Reger vor 90 Jahren die Neigung, auf Reize nach gleichem Muster zu reagieren.

 

Der Artikel ist in der April-Ausgabe von KWEST erschienen.

5 Kommentare

Zeltfestival Ruhr, Bochum Total, Juicy Beats Festival etc. – Im Musikbereich ist es gelungen, starke Marken zu schaffen und ziemlich große Veranstaltungen zu finanzieren. Im Literatubereich haben sie das in Köln geschafft – hier nicht. Man könnte sich ja auch mal fragen, was man über Jahrzehnte falsch gemacht hat, warum es hier nicht gelungen ist, so etwas wie die lit.COLOGNE aufzubauen und jetzt selbst zu expandieren.

Stimmt, Stefan,
ich arbeite gerade an einem Beitrag, in dem ich auch darüber nachdenke, warum die "Szene" eine solche "Marke" nicht geschaffen hat. Allerdings gibt es schon einige starke Marken wie die Schreibfeft-Lesungen, die Herbstreihen des Literaturbüros Ruhr, den "Mord am Hellweg" des Litbüros Unna usw. usf.
Und wir dürfen nicht vergessen: Köln hat die großen Sender, Verlage, Kritiker, Lektoren, mehr 'große' Autoren usw., da kumuliert sich einiges zu einer lebendigen Literaturstadt. Das fehlt hier.
Und ich bitte um Verständnis dafür, dass z.B. das Litbüro Ruhr in der Tat zumeist nur mit zwei 30-Stunden-Stellen plusminus arbeiten durfte, kein Sekretariat, kein eigener Programmetat. Und den meisten Kolleginnen und Kollegen geht es ähnlich. Da bleibt einfach keine Luft mehr, um mehr als die eigene gute Literaturförderung auf die Beine zu stellen.
Und die 500.000 € jährlich, die die Ruhrgebietsstiftungen jetzt nach Köln geben, hat uns hier- trotz vieler – Versuche, Nachfragen, Projektvorschläge noch niemand nachgeworfen.
Was die blamable Literaturpolitik in der Region angeht?
Mit deiner Erlaubnis – bei den Revierpassagen hatte ich in meinem Artikel zur lit.RUHR dazu ausgeführt:
"Kleinmut und Mittelmaß –
Unterm Strich bleibt aber auch eine andere Fehlleistung festzuhalten. Im Ruhrgebiet haben es sowohl Stiftungen, Unternehmen als auch öffentliche Kultur- bzw. Literaturpolitik in Kommunen oder beim RVR jahrzehntelang versäumt, die regionale Literaturförderung beherzter und intelligent so auszustatten, dass sich hier mehr gute Ideen bis zur Bühnenreife hätten entwickeln lassen. An Konzepten wie dem zum Europäischen Literaturhaus Ruhr oder zum Literaturnetz Ruhr (wichtiger Literaturveranstalter) ist hierzulande niemand interessiert.
Geldgeber an der Ruhr misstrauen Ideen und Programm-Machern, die aus der Region kommen, sowieso. Vielleicht, weil ihnen selbst Mittelmaß so vertraut ist? Warum zum Teufel in der Region Innovatives behutsam aufbauen, wenn man erfolgreichen Mainstream für den Kulturtourismus viel einfacher abkupfern kann? Also ab nach Köln oder anderswo zum Shoppen und eingereiht ins austauschbare Event- und Marketingbusiness der großen Festivals. Und dann demnächst noch dreist von 'Alleinstellungsmerkmal' schwafeln.
Dass allerdings die geschäftstüchtige lit.COLOGNE diese Geistlosigkeit und Marketinggeilheit an der Ruhr nutzt, um an neue Töpfe zu kommen, darf man ihr nun wahrlich nicht vorwerfen."

Immerhin fand hier die erste deutsche Comic-Con statt. Vielleicht sollte man in dieser Beziehung mehr Akzenze setzen, könnte ja vielleicht was werden.

@Gerd
Ein Kölner Verein will im Ruhrgebiet aktiv werden. Das interessierte Publikum wird das Angebot annehmen, oder eben nicht. Abgesehen von der Art der Werbung, daß dieses Angebot eben besser sein wird, als das, was bisher im Ruhrgebiet auf diesem Sektor existiert, und daß solche Sprüche die hiesige Konkurrenz verärgern, ist mir nichts daran aufgefallen.
Andererseits bin ich jetzt neugierig geworden. Sollten die Kölner tatsächlich so frisch herüber kommen, daß ich mich davon angesprochen fühlen könnte? Der Unterschied zwischen den Konzepten scheint ja zu sein, daß die Kölner Literaten vorstellen wollen, die hier noch niemand kennt, während die hiesigen Macher " seit Jahrzehnten mit namhaften Autoren/innen Lesungen veranstalten" und ausführen, wen sie bereits gewinnen konnten, hier zu lesen:" Paul Auster, Don DeLillo, Peter Esterhazy, Navid Kermani waren ebenso da wie H.C. Artmann, Gunter Grass, Harry Mulisch oder James Salter"
Ob mich das Kölner Konzept ansprechen wird, oder nicht, ist noch nicht entschieden, aber diese Konkurrenz wird man hier wohl hinnehmen müssen.

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