Lass die Brust ruhig ausgepackt

Nach Aufforderung verhüllt: Stillen im Öffentlichen ist leider keine Selbstverständlichkeit (Foto: Screenshot Facebook)

Die weibliche Brust ist alles andere als ein Elend. Ein eben solches ist aber, immer noch und wieder, der Umgang, der mit eben jener Brust im öffentlichen Raum, sei es online oder offline, gepflegt wird. Ein aktueller Fall bei Facebook illustriert es leider gut. Das Problem: Menschen, die weder Brüste akzeptieren noch sich einfach um ihren eigenen Scheiß kümmern können.

Eine Frau will ihr Baby stillen. Dafür packt sie ihre Brust aus und legt das Baby an. Irgendein Typ meint, sie solle verhüllen. Das tut sie dann auch – indem sie das Moltontuch über ihr eigenes Gesicht legt. Das entsprechende Foto dazu geht derzeit auf Facebook rum – ein humorvoller Umgang mit der Forderung, nicht in der Öffentlichkeit zu stillen.

Als Vater zweier Söhne (der eine jetzt bald 6 Jahre, der andere gute 10 Monate alt) war ich davor der ganzen Stillthematik ungewahr. Ja, ich wusste, in diese Babys gehört Milch, und ich wusste, einige trinken Muttermilch und andere diese Industriemilch. In Mutter-Kind-Kursen lernte ich dann, dass Muttermilch das Beste überhaupt ist und ich sah wirklich ein WHO-Werbevideo, in dem eine skifahrende Frau kurz anhielt, um das Baby anzulegen, und dann weiterfuhr. Ich sah in diesem Clip auch Kinder, die meines Erachtens eigentlich bereits im Playstation-Alter waren und trotzdem bei Mama an der Brust hingen. Das Ganze irritierte mich zwar, aber ich nahm es nicht all zu ernst. Bis ich dann merkte, welcher Druck auf Müttern lastet, zu stillen, und wie sehr dabei aus einer individuellen Entscheidung ein normativer Anspruch gemacht wird. Nicht, dass wir uns missverstehen: ja, Muttermilch ist gut bis verdammt perfekt für Babys. Aber ich habe trotzdem viele gute – aber auch minder gute – Gründe gehört, wieso Eltern entscheiden, dass ein Baby eben nicht mit Muttermilch gestillt wird. Kinder teilen die Lebenswirklichkeit ihrer Eltern. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern auf dem des Bundesverfassungsgerichtes. Leider wird das von vielen anderen Eltern, Großeltern und Nicht-Eltern aber komplett ignoriert, generell bei Fragen der Erziehung, aber noch mehr beim Thema Stillen.

Das Paradoxe ist jedoch: zwar wird eine Mutter mit dem Druck konfrontiert, gefälligst zu stillen, doch soll sie das Stillen dann auch gefälligst im Stillen, und am besten zuhause, machen. Das wiederum konnte ich mir vor über 6 Jahren noch weniger vorstellen, als den soeben beschriebenen Druck zum Stillen an sich. Wer sollte sich denn bitte daran stören, wenn ein Baby gestillt wird? Entsprechende Hinweise in US-Sitcoms hielt ich immer für satirische Überzeichnungen, für einen US-running-gag oder schlimmstenfalls für ein Problem der bekannt-prüden US-Amerikaner, denen wir ja auch verdanken, dass das Zeigen einer nackten Frauenbrust auf Facebook ein Problem ist, das Zeigen von Hakenkreuz und Holocaustwitzen aber nicht. Amis halt. Dachte ich mir als Europäer.

Aber nein, so ist es nicht. Die deutsche Gesellschaft ist keine kinderfreundliche, und sie ist noch mehr keine stillfreundliche. Das merkte ich direkt im Ländervergleich: in Irland unterwegs stört sich niemand an einer stillenden Frau, und auch nicht an schreienden und spielenden Kindern. In Deutschland erlebte ich selbst, wie wir in einem Kaffeehaus saßen und meine Frau unseren Älteren stillte, mit Tuch über der Brust, und am Nachbartisch Getuschel anfing. Ich hörte irgendwas von “Unmöglich” und “Kann man doch zuhause machen”. Zuerst war ich ehrlicherweise baff, dann sauer, dann wurde ich von meiner Frau zurück gehalten, diesen alten Omas ihre Scheißkaffeetassen vom Tisch zu hauen. Ich habe wenig Lust, wie man vielleicht merkt, den freundlichen und wohlüberlegten Akademiker in dieser Frage zu geben.

Mütter haben es echt nicht leicht in diesem Land. Eltern generell nicht. Was also ist das Scheißproblem, wenn eine Mutter in der Öffentlichkeit stillt? Ab diesem Vorfall achtete ich darauf, und mir wurde klar, dass öfter irritiert bis missbilligend geschaut wird, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit stillt. Meinem persönlichen Gefühl nach schauen und tuscheln dabei andere Frauen häufiger als Männer, aber vielleicht ist das ein Beobachtungsfehler. Kann gut sein. Schlimm ist, dass es überhaupt statt findet.

Was ist euer Problem? Seid ihr wirklich so regressiv, dass eine Frauenbrust in der Öffentlichkeit enthüllt für euch ein öffentliches Ärgernis darstellt? Ist es, dass ihr es nicht geschissen bekommt, eine Brust als Sexualobjekt von einer Brust als Ort der Nahrung eines Babys zu unterscheiden? Ist es der bloße Neid, dass diese Frau ein Baby hat, und ihr nicht? Ich verstehe es tatsächlich nicht. Dann kommt die Aussage “Ich habe da ja kein Problem mit, aber man kann das doch auch abseits machen, das ist doch auch bestimmt fürs Kind besser”. Klar, und du hast auch kein Problem mit Ausländern, aber die AfD ist doch ganz in Ordnung?! Am Arsch. Glaubt mir, Elternsein ist Stress und Stillen ist für viele Frauen noch mehr Stress als das Elternsein per se. Und man kann Babys auch nicht einstellen, wie eine verdammte iPhone-App. Manche haben bestimmte Intervalle beim Stillen, andere nicht. Manche Eltern glauben an das Stillen in Intervallen, manche an das Stillen nach Bedarf. Und es ist toll, wenn eine Mutter wieder unter Menschen kann und kommt. Wer bist du denn bitte, dass du ihr erklären willst, was da zu tun ist?

Wieso können also die Stillhasser nicht einfach weg schauen? Doch, das geht. Ich habe es selbst erlebt, mehrfach und auch in einem Rahmen, der mir Hoffnung machte: in einer Verhandlung des Familiengerichts hatte die Verfahrensbeiständin ihr eigenes Baby im Maxi-Cosi (das sind diese Tragedinger mit “Überrollbügel”) dabei. Es wurde einige Stunden verhandelt und während der Verhandlung hob sie das Baby aus der Trageschale, legte es an und stillte. Niemanden störte es – und das ist gut so.

Ich selbst habe, nach den Erfahrungen in Irland, an die Eingangstür meines Ladens das Internationale Symbol fürs Stillen gepackt und halte in dem hinteren, verschließbaren Raum, immer auch ein Stillkissen bereit. Das Ganze ist noch nie genutzt worden und ich habe das Zeichen auch noch nie anderswo in Deutschland gesehen. Wie sieht das Zeichen überhaupt aus? Hm. Naja, schaut mal hier. Ich denke, in Sachen Stillen im öffentlichen Raum ist noch einiges zu tun.

Also, Mütter da draußen: lasst die Brust ruhig ausgepackt.

6 Kommentare

Was soll die Aufregung?
50% der Weltbevölkerung hat eine IQ unter 100. Ist so.
Das Getuschel eines sozial offensichtich eher inkompetenten Seniorinnenkreises kann einem doch auch gepflegt am Heck vorbei gehen.
Und FB, die Krücke fürs Sozialleben, wer braucht die wohl?

Und jaaaaaa, die Erziehungsberater in Buchform, den Medien allgemein und in persona, das ist die analog Form von FB. Das wußten wir damals nur noch nicht.

Was die Aufregung soll? Warum liest du ein Beitrag, wo über das Problem gesprochen wird, dass die Deutschen so prüde sind, dass sie sogar eine nackte Brust nicht tolerieren, wenn es um das Stillen eines Babys geht, wenn es dir nicht gefällt? Ich finde nicht, dass das unausgesprochen bleiben soll. Ich habe keine Kinder, aber ich möchte irgendwann welche haben und ich habe die Hoffnung, mein Baby in der Öffentlichkeit stillen zu können, ohne angepöbelt zu werden. Und sollte das dann doch passieren, werde ich meine Erfahrung privat UND im Internet erzählen und möchte sowas wie deinen Kommentar nicht unter meinem Beitrag sehen, denn für Leute wie dich gibt es extra ein kleines x oben rechts.

Ja, trotz tollster Techniken bei der Fortpflanzung und vielen versch. möglichen Kombinationen der Elternzusammensetzung, muss in diese kleinen Dinger immer noch Nahrung rein.
Das mit dem Stillen funktioniert schon seit >100 Mio auf unserem Planeten und hat sich bewährt.
Wo soll da das Problem sein?
Wenn eine Frau stillt, lässt man sie in ihrem intimen Moment mit dem Kind unbeobachtet, fertig!

Ja, die älteren Damen scheinen durchaus Probleme mit dem Nachwuchs zu haben. In Dortmund hatte ich erst vor ein paar Wochen eine ältere Dame mit Rollator gesehen, die sehr emotional und gut beweglich 3 Mütter mit Kindern in der Bahn weggescheucht hatte. Da sieht man auch wieder, dass unsere Bahnen einfach nicht für Kinderwagen/Rollatoren ausgelegt sind.

Seien Sie mir bitte nicht böse, aber in Köln-Worringen holte letzte Jahr ein Passant sein Gemächt an der Straße zum Rheinufer heraus und erledigte vor der Häuserzeile und zwischen den Blumenkübeln eben dass, was der Körper so manchmal macht. (Obwohl der Forst nur drei Minuten entfernt war.)

Setzen Sie sich für kinderfreundliche Toiletten mit Babywickeltisch ein oder lassen Sie es halt. Das schwedische Möbelhaus bekommt es doch auch hin. Nur, weil das Ruhrgebiet nicht so schnieke ist wie Oberbayern, muss man nicht gleich so tun, also wären wir der Wüste Gobi.

Danke.

@Alina
Einfach nochmal mein Posting lesen.
Meine Frau und ich haben das Drama schon hinter uns. Meiner Erfahrung nach gelingt Elternschaft am besten, wenn es die Eiche nicht stört, wenn sich die Säue an ihr scheuern.

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