Don’t hate the media, become the media – die 63. Kurzfilmtage von Oberhausen


Auffallend viele junge und junggebliebene Menschen, oft aus gutem Hause und wohlgebildet, waren in den vergangenen Tagen in Oberhausen unterwegs – ein Ausnahmezustand, der ein jährliches Ritual markiert: Die Internationalen Kurzfilmtage.

Das Festival scheint vor allem vom Ruhm längst vergangener Jahre zu zehren, als von Oberhausen Impulse für das Kino ausgingen, als die „Westdeutschen Kulturfilmtage“ Ort für Debatten und Experimente waren. In der Kommunikation des Festivals steht 2017 einmal mehr das eigene Alter im Mittelpunkt. Über allem scheint diese Aussage zu thronen: Wir sind noch hier und feiern zum dreiundsechzigsten Mal das Immergleiche.

Zumindest einer oberflächlichen Überprüfung hält dieser erste Eindruck stand. Die Stimmung zwischen den Filmblöcken ist bestenfalls entspannt, unaufgeregt, schlimmstenfalls routiniert und gelangweilt – oft auch schlicht erschöpft, was bei einem Programm aus 500 Filmen nicht verwundert. Wahrnehmbare, gar erregte Diskussionen über die Filme, ihre Macher, ihre Aussagen, sind die Ausnahme. Wenn überhaupt. Das Festival zeigt Filme, es dokumentiert Filme. Ein theoretisches Rahmenprogramm findet kaum statt. Das diesjährige Schwerpunktthema ist, wie gewohnt, ein spannendes, ein wichtiges, dessen Brisanz und politischer Subtext aber erst bei genauem Hinschauen erkennbar wird und sich auch leicht ignorieren lässt. Das muss freilich nicht schlecht sein. Im Gegenteil: Fragen in den Raum zu stellen, statt Parolen an die Wand zu schreiben – das ist gutes Kuratorium. Ob die Filmhochschulen heutzutage noch Publikum nach Oberhausen spülen, das sich für diese Fragen jenseits einer oberflächlichen Versicherung des eigenen Standpunkts zu interessieren bereit ist, steht auf einem anderen Blatt.

Im Fokus: Social Media vor Youtube und Facebook

„Soziale Medien vor dem Internet“ heißt dieser Schwerpunkt, er beschäftigt sich mit der Zeit, als Produktionsmittel wie Schneideraum und Kamera noch nicht in jeder Hosentasche steckten und das Publikum mehr als nur einen Klick entfernt war. Die Zeit der VHS-Aktivisten und der ersten freien Radios. Es ist eine Geschichte der Selbstermächtigung, die von den Lochis und LeFloids heute auf Youtube weitergeschrieben wird, wenn auch unbewusst. „Don’t hate the media, become the media“, jene alte linke Parole zur Schaffung einer fortschrittlichen Gegenöffentlichkeit, ist heute zumindest technisch leicht umsetzbar. Aber auch rechte Hetzer machen ihre eigenen Medien – allerdings ohne dabei ihren Hass auf die Presse abzulegen. Hat sich der emanzipatorische Gehalt dieser Losung damit erledigt? Die Filme in der Oberhausener Lichtburg können darauf freilich keine Antwort geben, aber sie erinnern daran, welches Potential in der Demokratisierung der audiovisuellen Werkzeuge liegt.

Neben den grundsoliden Wettbewerben sind die „Profile“ eine weitere lohnende Möglichkeit, um sich im Programmdickicht zurecht zu finden. Sieben Filmemacher aus sieben Ländern (darunter Portugal, Israel und Australien) werden mit Werksschauen portraitiert. Der auffälligste der Sieben ist zweifellos Khavn. Der 1973 in Manila geborene Musiker, Schriftsteller und Filmemacher wird im offiziellen Programm als Punk und „bester Barbier der östlichen Hemisphäre“ bezeichnet. Darüber hinaus hat er sich in bisher 51 kurzen Filmen für das Gute eingesetzt und das, gelinde ausgedrückt, mit Verve. Seine Filme rauschen über die Leinwand und durch den Kopf, aber nicht ohne Fetzen des Geflackers im Hirn zu hinterlassen. Khavns Filme beschäftigen sich mit seiner Heimat, aber ohne jede Slum- und Elendsromantik. Und er bewegt sich in seinen Streifen voller Brüche weitgehend außerhalb formaler Konventionen. Das gilt auch für seine Kunst abseits der Leinwand. Die Kurzfilmtage zeigen die bislang größte Khavn-Ausstellung außerhalb der Philippinen. Seine Ausstellung heißt HAPPYLAND und ist ein Slum in Manila. Am zweiten Tag des Festivals trafen sich dutzende Festivalbesucher im Elend des Oberhausener Hauptbahnhofs mit Khavn und zogen, unter verwunderten Blicken der Autochthonen, musizierend ins Happyland.

Im Potrait: Punks und Zärtlichkeiten

Viel leiser geht es in den Filmen von Barbara Sternberg zu. Einfachen Deutungen widersetzt sich die kanadische Künstlerin konsequent. Oberhausen zeigt eine weite Spanne ihres Werks, beginnend mit dem frühen Film Opus 40, der als Dokumentarfilm in einer Fabrik beginnt, um dann in repetitive Bilder der Arbeitsabläufe überzugehen. Der Bildschirm teilt sich, wir sehen den gleichen Arbeiter in beiden Bereichen bei der gleichen Arbeit, zu unterschiedlichen Zeiten. Die Abfolge der Bilder ist monoton und spricht damit über die Arbeit, aber auch über den Film selbst. Es ist die ständige Reflektion, die vielen von Steinbergs Filmen gemein ist. Dem Druck, zu einer einfachen Antwort, einer Pointe zu kommen, widersteht sie. Es gibt keine punch lines. Steinberg schwebt über den Themen, stupst sie an, belässt sie in einem Zustand zwischen Magie und Wirklichkeit. Körperlichkeiten und Abstraktes spielen gleichermaßen eine Rolle. Steinbergs Kommentare zu unserer Zeit beinhalten Zärtliches und doch auch Unmittelbares, Eindringliches – auf der Suche nach dem ganz Anderen.

Die Preisträger der Oberhausener Kurzfilmtage werden am morgigen Dienstag ab 19 Uhr in der Lichtburg präsentiert. Die 63. Ausgabe endet damit. Die 64. beginnt in einem Jahr.

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