Krank, gestört, auffällig? Der Täter von Münster

Psychisch kranke leiden unter dem Stigma. Foto: Robert von Cube

Laut Stern ist der Täter gleich alles drei gewesen: psychisch krank, psychisch gestört und psychisch auffällig. Aber was heißen diese Begriffe überhaupt, was wissen wir wirklich und was nützt uns dieses Wissen?
In dem Stern-Bericht heißt es: „Zudem soll er laut Medienberichten psychisch krank gewesen sein, was irgendwie selbstverständlich ist, wenn einer sein Auto als Waffe missbraucht, um scheinbar wahllos Menschen zu töten.“ Dieser Satz ist in doppelter Hinsicht übel. Er stigmatisiert psychisch Kranke, die in der allergrößten Mehrheit friedfertig sind und er befördert Missverständnisse darüber, zu was gesunde Menschen in der Lage sind. Denn normalerweise sind Mörder nicht krank.


Der wissenschaftlich schärfste dieser Begriffe ist „psychisch gestört“, da im offiziellen Klassifikationssystem der WHO, dem ICD-10, seelische Diagnosen als „Störungen“ definiert werden. Auf diese Weise können auch solche Phänomene erfasst werden, die nicht unbedingt in das klassische Bild einer Krankheit passen, aber von der Norm abweichen und – das ist wichtig – Krankheitswert haben. Denn nur dann ist es ein Fall für die Medizin, wenn die Auffälligkeit auch zu einem Leiden führt.
Damit sind wir schon bei dem zweiten Begriff, der Auffälligkeit. Psychisch auffällig kann auch jemand sein, der nicht krank ist. Es kann auch jemand „beim Sozialpsychiatrischen Dienst bekannt“ sein (und auf dieses „Bekanntsein“ scheinen die Diagnosen der Presse zurückzugehen), ohne deshalb gleich psychisch krank zu sein.
Was man weiß (oder zumindest berichtet) ist, dass der Täter schon einmal mit einem Schreiben auffiel, aus dessen Inhalt „sich vage Hinweise auf suizidale Gedanken, aber keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen“ ergaben. Außerdem habe er schon mal einen Suizidversuch unternommen. Nachbarn beschreiben ihn als merkwürdigen Charakter, der häufig Streit gesucht habe. In seiner Wohnung fand man Polenböller, außerdem eine “Dekowaffe”. Der Mann war mal als Industriedesigner selbständig und besaß mehrere Wohnungen.
All das kann auf einen aggressiven, verzweifelten Menschen zutreffen, der beschlossen hat, sein Leben zu beenden und zwar auf eine Weise, die ihm eine letzte Rache und letzten Ruhm einträgt. Auch seelisch Gesunde können suizidal werden.
Weder Amokläufer noch Terroristen sind üblicherweise psychisch krank. Sie haben vielleicht auffällige Persönlichkeitsmerkmale, tendieren zu Gewalt oder Vereinsamung. Aber schwerwiegende psychiatrische Diagnosen wie Schizophrenien sind bei diesen Tätern die Ausnahme und nicht die Regel. Es führt zu falschen Erwartungen, wenn jede psychologische Labilität solcher Mörder als „psychisch krank“ etikettiert wird. 98% der gesunden Menschen sind nicht gewalttätig. Das gleiche gilt für 95% der psychisch Kranken. Es gibt also ein etwas höheres Risiko für Gewalt bei den Kranken. Aber das bezieht sich auf einen winzigen Teil und die überwältigende, harmlose Mehrheit muss sich falschen Vorurteilen stellen, wenn die Berichterstattung diesen Tendenzen folgt. Im Übrigen werden psychisch Kranke fünf mal so häufig wie Gesunde Opfer von Gewalt.
Falsche Erwartungen wecken diese Vorurteile auch deshalb, weil sie nahelegen, man könnte solche Straftaten verhindern, wenn man nur früh genug die Kranken herausfiltern würde. Aber es ist in der Praxis nur schwer möglich, solche Taten vorherzusagen. Ein Sozialpsychiatrischer Dienst, der die Meldung über so ein Schreiben erhält, wie es oben genannt wird, nimmt Kontakt mit dem Verfasser auf. Er bietet ein Gespräch an, versucht sich ein Bild zu machen. Ziel ist es, Hilfen zu vermitteln. Wenn der Betroffene daran nicht interessiert ist, wird man auch wenig von ihm erfahren. Jemand, der einen Amoklauf plant, wird das nicht berichten und nein, auch Psychologen und Psychiater können keine Gedanken lesen.
Das heißt nicht, dass es nicht Fälle geben kann, in denen so eine Kontaktaufnahme zu Hilfen führt, die eine Tat erst verhindern. Dass nicht vielleicht hier und da Krisen vermieden werden, die im Einzelfall Voraussetzung für eine Tat gewesen wären. Aber noch mal: Gewalt ist sowieso die Ausnahme und die Arbeit von Ärzten, Psychotherapeuten, Sozialarbeitern ist darauf ausgelegt, Kranken zu helfen und nicht Straftaten vorherzusehen.
Und was ist mit Zwang? Ja, wenn konkrete Hinweise auf eine unmittelbare Gefährdung vorliegen, kann ein psychisch Kranker auch gegen seinen Willen in eine Klinik gebracht werden. „Vage Hinweise auf suizidale Gedanken“ sind sicher keine ausreichend konkreten Anhaltspunkte, vor allem, wenn der Betroffene sie geschickt ausräumen kann. Vor allem aber stellt sich erneut die Frage, ob es sich überhaupt um einen psychisch Kranken gehandelt hat. Die Gesetze zur Unterbringung sind von Bundesland zu Bundesland etwas verschieden. Aber Vorraussetzung ist üblicherweise eine schwere psychiatrische Erkrankung, die die Einwilligungsfähigkeit des Betroffenen aufhebt. Etwas, das seine Wahrnehmung von der Realität so beeinträchtigt, dass er gar keine Verantwortung mehr für sein Handeln oder die Frage eines Kliniksaufenthaltes übernehmen kann. Das trifft zum Beispiel bei jemandem zu, der der wahnhaften Überzeugung ist, vom CIA ferngesteuert zu werden.
Ein frustrierter, vereinsamter, zu allem bereiter Mann im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gehört nicht zu den Kandidaten für eine psychiatrische Unterbringung. Der ist Sache der Polizei. Und auch die kann nicht handeln, wenn es keine Hinweise gibt.
Solche Taten werden sich nie vorhersehen lassen. Aber es könnte ein Anfang sein, nicht über jeden Anschlag mit der gleichen Erregung zu berichten, wie über einen Weltmeisterschaftssieg.

 

Update: Montag Nachmittag erschien dieser Artikel beim Spiegel. Es ergeben sich weitere Hinweise auf eine psychische Notlage, eine krisenhafte Zuspitzung, frühere Belastungen sowie Misstrauen und Vorwurfshaltung. Eine psychische Erkrankung ist damit immer noch nicht bewiesen (aber natürlich ebensowenig ausgeschlossen).

3 Kommentare

Danke für die ausgeruhte Reflexion. Was mich überrascht hat in der Berichterstattung: der Faktor "Sucht" fällt fast immer unter den Tisch. Von der bekifften Porsche-Fahrerin am Capdepera bis zu Anis Amri am Breitscheidplatz oder dem Lastwagen-Mörder in Nizza und diversen Messer-Stechern war Drogenmißbrauch aber immer eine konstante Komponente.

Der Sternbericht steht symptomatisch für das Dilemma, in welches sich die Medien bei der Amoktat von Münster hineingesteigert haben. "Auto fährt in Menschenmenge!", wer denkt da nicht gleich als erstes an einen terroristischen Hintergrund? Nizza, Berlin, Stockholm, London… Münster weckte schlagartig Erinnerungen und einigen Kröten aus der AfD unkten bereits sehr früh "wir schaffen das". Ein islmaistischer Hintergrund hätte vermutlich den größtmöglichen Gau bedeutet und weil der nicht eingetreten ist, braucht man sowas wie den zweitgrößtmöglichen Gau und das ist der psychisch Kranke

Der Stern, der immer gerne der Kanzlerin zur Seite springt, wenn ihr unrecht getan wird (derzeit mit von Storchs "wir schaffen das" ) lässt sich in seiner Interpretation der Fakten um die Münster Amokfahrt vermutlich von einem anderen Vorfall inspirieren, nämlich dem Amokflug des Andreas Lubitz, der vor drei Jahren 150 Menschenleben kostete, mit vielen Toten aus dem münsterländischen Haltern. Lubitz war depressiv und in den Jahren vor seiner Tat etliche Male wegen Angststörungen bei diversen Ärzten in Behandlung. Vom Hintergrund her lässt sind die Amokfahrt von Münster mit dem Germanwings Flug 2015 wesentlich besser in Einklang bringen als mit Nizza oder Berlin. Die Frage, ob es sich bei dem Täter von Münster um einen – im Pathologischen Sinne – kranken Menschen handelt, oder ob er erst durch die Medien dazu gemacht wird, halte für berechtigt.

Die Welt sprang übrigens auf einen ähnlichen Zug wie der Stern und machte aus Jens R einen drogenkranken Kleinkriminellen:

"Ein psychisch auffälliger Deutscher. Erste Anzeichen deuten auf eine Beziehungstat hin. Jens R. ist der Polizei als Kleinkrimineller bekannt; er hat Handys und Autoradios gestohlen. Beschaffungskriminalität, um seine Drogensucht zu finanzieren." (Michael Behrend u.a.: "Jens R. hat seine Tat offensichtlich perfide kalkuliert" – Welt/N24)

Was man bislang von dem Täter weiß ist, dass es sich um einen Industriedesigner handelt, der es mit einem Lampenpatent zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat. Auch wenn der Begriff Wohlstand relativ ist, so konnte sich Jens R. zumindest mehrere Wohnungen (Münster, Dresden, Pirna), sowie mehrere Autos leisten, unter anderem den VW California Camping Van neuen Datums, mit dem der Anschlag verübt wurde und der auch nicht gerade zu den günstigeren Campingvans gehört. Die juristischen Verfahren gegen Jens R. sowohl in Arnsberg als auch in Münster, sind alle eingestellt worden und um Drogen oder Autoradiodiebstahl soll es da gar nicht gegangen sein.

Von Lügenpresse kann man da sicherlich nicht reden. Aber von qualitativ hochwertigem Journalismus sicherlich auch nicht.

@Ines C. interessante Frage. Ich bin ja Laie, aber ich vermute, daß es nur wenige kriminelle Aktivitäten gibt, bei denen der freie Wille keine Hauptrolle spielt. Ich stelle mir das so vor, daß wenn Drogen eine Rolle spielen würden, sollte man doch in den jeweiligen Drogenszenen ganz viele Massaker erleben. Kenne ich aber keine Berichte dazu.

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