Keine Huren mehr am Straßenrand

Protest gegen Straßenstrich-Verbot Foto: Barbara Underberg
Protest gegen Straßenstrich-Verbot Foto: Barbara Underberg


Vor fünf Jahren schloss Dortmund seinen Straßenstrich. Im gesamten Stadtgebiet wurde Straßenprostitution verboten. War die radikale Maßnahme erfolgreich?

Es ist ein kalter und grauer Frühlingsmorgen. Auf der Mallinckrodtstraße stehen die Männer vor Zockerbuden und Cafés, schlagen die Zeit tot oder warten auf dem Arbeitsstrich darauf, dass ihnen jemand für ein paar Euro einen Job für den Tag anbietet. „Gleich da vorne an der Bornstraße“, sagt Bastian Pütter, der Chefredakteur des Dortmunder Obdachlosenmagazins Bodo, „war früher der Junkiestrich. Da standen an die hundert heroinabhängige Prostituierte und warteten auf ihre Freier.“ In der ganzen Gegend rund um den Nordmarkt und die Mallinckrodtstraße hätte es Straßenprostitution gegeben und das schon immer: „Bereits vor 100 Jahren war das so. Prostitution in der Nordstadt gab es immer“. Seitdem 2011 in der gesamten Stadt die Straßenprostitution verboten worden wäre, sei die Zahl der Frauen und Männer, die auf der Straße anschaffen, stark zurückgegangen. „Ein paar sieht man manchmal noch auf kleinen Plätzen in der Seitenstraße stehen, aber es sind nicht mehr viele.“

Es war aber nicht nur der Junkie-Strich, der Probleme machte. Auch der von der Stadt im Jahr 2000 eröffnete Straßenstrich an der Ravensburger Straße war den Menschen in der Nordstadt ein Dorn im Auge. Für den Stadtteil, durch hohe Arbeitslosigkeit und Armut ohnehin stark belastet, war die Prostitution zu einem Problem geworden. Der von der Stadt eingerichtet Straßenstrich und die mit der EU-Erweiterung verbundene Freizügigkeit für Südosteuropäer ließen die Zahl der Prostituierte explodieren: Aus ein paar Dutzend Huren waren innerhalb weniger Jahre hunderte geworden.

Andrea Hitzke, die Leiterin der Mitternachtsmission, eine Beratungsstelle, die sich seit 1918 in Dortmund um Prostituierte, ehemalige Prostituierte und Opfer von Menschenhandel kümmert, erinnert sich an die Situation: „ Viele Frauen die dort arbeiteten wohnten in der Nordstadt und gingen schon in Arbeitskleidung dorthin und wenn sich die Gelegenheit zu arbeiten auf dem Weg ergab, nutzten sie die und stiegen zu ihren Kunden ins Auto. Viele Frauen die dort arbeiteten, waren zudem keine normalen Prostituierten. Vor allem Frauen aus Bulgarien waren Opfer von Menschenhandel.“

2009 demonstrierten 2500 Menschen gegen den Straßenprostitution in ihrem Viertel, 4500 Unterschriften wurden gesammelt. Die Stadt reagierte mit dem Verbot der Straßenprostitution im gesamten Stadtgebiet.

Seitdem ist der Verfolgungsdruck auf alle Prostituierte, die ihr Geld auf der Straße verdienen wollen und ihre Freier hoch: 1189 Ordnungswidrigkeitenanzeigen gegen Freier gab es seit dem Verbot. Dazu kommen noch einmal 351 Ordnungswidrigkeitenanzeigen und 787 Strafanzeigen gegen Prostituierte.

Den Entschluss der Stadt, den Straßenstrich zu schließen unterstützte die Mitternachtsmission. „Wir sind nicht generell gegen Straßenprostitution, aber in Dortmund gab es keine Alternative zur Schließung.“

Aber das Verbot hat nicht alle Probleme im Bereich der Straßenprostitution gelöst: „Seitdem sind immer zwischen 15 und 20 Frauen in Haft, weil sie kein Geld haben, die Ordnungsstrafen zu zahlen“, sagt Hitzke. Nur noch zumeist deutsche Heroinabhängige würden auf der Straße anschaffen, getrieben von der Not, das Geld für den nächsten Schuss zusammen zu bekommen.

Für sie gibt es, wie für alle Drogenabhängigen in Dortmund, eine Vielzahl von Hilfsangeboten. Neben Beratung gibt es verschiedenen Methadonprogramme: „Aber die Frauen, die da jetzt noch stehen, erreichen diese Programme nicht. Wir würden uns wünschen es gäbe wie in anderen Städten auch die Möglichkeit für Süchtige, legal an Heroin zu kommen.“ Modellprojekte für eine kontrollierte Heroinabgabe gibt es in Städten wie Stuttgart und Berlin, aber nicht in Dortmund.

Viele Prostituierten haben seit der Schließung des Straßenstrichs Dortmund verlassen und sind in andere Städte abgewandert. Andere warten in den Kneipen und Zockerbuden der Nordstadt auf Freier oder gehen ihrer Arbeit in der Linienstraße nach, dem klassischen und von Mauern abgetrennten Puffviertel der Stadt, das von der Sperrbezirksverordnung ausdrücklich ausgenommen ist.

Viele arbeiten auch in Wohnungen. In einschlägigen Portalen werben über 200 in Appartements tätige Prostituierte. Auch wenn sie von dem Verbot des Straßenstrichs nicht betroffen sind, wird es ihnen von der Stadt nicht einfach gemacht, ihrer Tätigkeit nachzugehen. Auch die Wohnungsprostitution ist in weiten Teilen der Stadt verboten, in der Nähe von Schulen und Kirchen ist die Sexarbeit untersagt. Die Auflagen der Stadt im baurechtlichen Bereich sind zum Teil so hoch, dass viele Frauen ihrer Arbeit in Wohnungen nachgehen, die nicht als entsprechende Arbeitsstätten angemeldet und damit illegal sind.

Durch das in dieser Woche vom Bundeskabinett beschlossene Prostitutionsschutzgesetz wird die Lage für die meisten Prostituierten noch komplizierter. Das Gesetz schreibt unter anderem vor, dass es künftig getrennte Duschen und Toiletten für die Prostituierten und ihre Freier geben muss. Eine Anforderung, die in den kleinen Wohnungen in denen die meisten Frauen entweder alleine oder zu zweit arbeiten, sich nicht umsetzen lässt. Und auch das die Hausbesitzer, die Wohnungen an Prostituierte vermieten, künftig als Betreiber von Prostitutionsstätten gelten und eine Genehmigung benötigen, wird deren Bereitschaft an Frauen im legalen Rahmen zu vermieten nicht erhöhen und könnte viele Prostituierte in die Illegalität treiben.

Andrea Hitzke von der Mitternachtsmission sieht auch die im Gesetz vorgesehene Meldepflicht skeptisch: „Wir wünschen uns, dass eine Prostituierte ihre Gewerbe wie jeder Unternehmer anmelden kann, aber leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit.“ Frauen, die sich in einer Kleinstadt als Prostituierte anmelden würden, könnten gleich den Möbelwagen bestellen.

In vielen Bundesländern werden sich Prostituierte künftig bei der Polizei registrieren lassen müssen. In NRW, schätz Heike Tassilo, beim Dortmunder Ordnungsamt für Prostitution zuständig, wird dies jedoch nicht der Fall sein: „Hier werden wohl das die Gewerbeämter übernehmen.“

Seit dem Verbot des Straßenstrichs gibt es kaum noch offene Prostitution in der Nordstadt. Geblieben ist der Menschenhandel. Nach wie vor betreut die Mitternachtsmission zwischen 150 und 200 Frauen im Jahr, die Opfer dieses Verbrechens wurden, nur sie kommen nicht mehr aus Bulgarien. „Heute sind die meisten Frauen, die wir als Opfer von Menschenhandel betreuen, Flüchtlinge aus Nigeria, Gambia oder anderen afrikanischen Ländern und einige Frauen aus Albanien und dem Kosovo. Viele von ihnen sind aus Italien und anderen EU-Ländern. Viele von ihnen sind aus Italien nach Deutschland vor den Banden geflohen, die sie zur Prostitution gezwungen haben.“

Ordnungsamt und Polizei haben die Lage im Griff. Das Hafenviertel am Rand des Quartiers wandelt sich langsam aber sicher zu einem Szeneviertel mit Kneipen, Cafe´s und Galerien. Rund um den Nordmarkt hingegen sind die alten Probleme die den Stadtteil prägen geblieben. Die Männer, die auf der Straße herumlungern und keine Arbeit haben, die Junkies und Trinker, die verwahrlosten Kinder und die heruntergekommen Häuser. Ein Problem wurde gelöst, die anderen sind unverändert da und bestimmen das Leben der Menschen.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt.

2 Kommentare

"Das Hafenviertel am Rand des Quartiers wandelt sich langsam aber sicher zu einem Szeneviertel mit Kneipen, Cafe´s und Galerien."

Oh nein! Bitte kein Deppenapostroph bei den RUHRBARONEN!

Für den Dortmunder Norden war der späte aber dann konsequente Eingriff der Stadt ein Gewinn.
Ich bin auch eher der Meinung, dass in der Nordstadt viele zumindest von außen schöne Häuser sind. Die Alleen wären ebenfalls Bestandteil eines Boomviertels, wenn denn in Dortmund mehr gut bezahlte Arbeit vorhanden wäre. Der Hafen verschenkt sein Potenzial als Szeneviertel. Die Achse U -> Hafen hat ein enormes Potenzial.

Die Kritik der Prostituierten kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich würden auch viele Hausfrauen gerne einen Essensservice oder eine Kinderbetreuung in der Wohnung anbieten. Aber auch hier gibt es Auflagen. Wie in vielen anderen Berufen auch. Ein Arzt stellt sich ja auch nicht an die Strasse und behandelt.

Kommentar verfassen