junge Welt, Respekt!

Ausnahmsweise hat auch die jW mal kapiert, was NICHT der Kommunismus ist.
Ausnahmsweise hat auch die jW mal kapiert, was NICHT der Kommunismus ist.

Die Debatte um die antisemitische Israel-Schmähung in der Süddeutschen Zeitung hat weite Kreise gezogen. Die SZ hat sich mittlerweile recht halbherzig entschuldigt, naja, so ähnlich jedenfalls. Und ich habe die ganze Zeit gespannt darauf gewartet, wann meine Lieblingszeitung junge Welt herbeieilt und der SZ solidArisch zur Seite springt. Die hat sich nun tatsächlich eingeschaltet – aber ganz anders, als ich es je erwartet hätte.

Das DDR-Blättchen junge Welt ist im Grunde so etwas wie das Zentralorgan der Antisemitismus-Verharmloser. Zwar kennt die jW Antisemitismus, aber keine Antisemiten. Bisher jedenfalls war das der rote Faden der Zeitung. Klar antisemitische Anschläge werden entweder kleingeredet oder totgeschwiegen, und wenn Grass gegen Israel hetzt, verbündet man sich sogar mit der verhassten Sozialdemokratie. Nun aber lese ich zu aktuellen Fall folgendes in der jungen Welt:

Am Dienstag staunte Ernst Kahl nicht schlecht, als er per Telefonanruf davon erfuhr, daß genau dieses Bild in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt war, versehen mit der Bildunterschrift: »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, daß es dazu gekommen ist.«

Soweit, so herkömmlich. Steht so ähnlich ja auch regelmäßig in der jungen Welt. Dann aber schlägt die Bombe ein:

Und so, ohne jedes Zutun des Autors und des Malers Ernst Kahl, wurde aus seinem Feinschmecker-Gierschlund die Karikatur eines raffgeilen Juden, ein antisemitisches Klischee par excellence.

Liebe jW, bei aller Abneigung: Respekt! Noch nie zuvor habe ich Vergleichbares bei euch gelesen. Endlich erkennt ihr mal an, dass Antisemitismus nicht beim Völkermord anfängt, und dass Antisemiten nicht am 8. Mai 1945 plötzlich ausgestorben sind. Und es kommt noch besser, man glaubt es kaum: Sogar eine kleine Analyse schickt ihr hinterher, die sich im Grunde wie eine Selbstbeschreibung eures journalistischen Wirkens liest:

Antisemitische Ressentiments sind ein zuverlässiges Depressivum. Man kann gegen sie nicht argumentieren, sie entspringen ja keiner Logik, und wer sie hegt, empfindet sie nicht als das, was sie sind.

Ich bin nachhaltig beeindruckt. Das meine ich ernst! Dass von allen Zeitungen gerade ihr, die ihr sonst gerne die Hamas, die Hezbollah und den ganzen ranzigen Rest der Antijüdischen Internationalen hofiert, die SZ kritisiert: Wow. Jetzt kann man als guter Antifaschist nur noch flammend an euch appellieren, euch diese Sätze hinter die Ohren zu tätowieren und zu beherzigen, wenn ihr mal wieder über Israel schreibt.

7 Kommentare

Wenn eins meiner Feindbilder in sich zusammenbräche. und zwar schlicht, weil ich bis jetzt Schwarz/Weiss dachte, ich weiss ja nicht, ob ich nen Blogbeitrag darüber schreiben würde. ^^

oh weia, querfrontler, ironischen subtext nicht begriffen. und ja: es gibt schwarz und weiß, richtig und falsch und nicht alles lässt sich hinter einem grauschleier verstecken, der alles miteinander in eins setzen soll. die inter-national-sozialistische junge welt hat sich über viele jahre eine in mitteleuropa einzigartige reputation im fachbereich des israelhasses und der historisierung des antisemitismus geschaffen. ganz klar und ohne grau!

Wenn eins meiner Feindbilder in sich zusammenbräche. und zwar schlicht, weil ich bis jetzt Schwarz/Weiss dachte, ich weiss ja nicht, ob ich nen Blogbeitrag darüber schreiben würde. ^^

Ach was dann legt man erst richtig los und tätowiert Leuten Dinge hinter die Ohren – so als “guter Antifaschist”! Zum Glück stinkt Eigenlob ja nicht.

oha, dass ich das noch erleben darf! waren wohl eingeschleuste LGBT-agenten! 😉

Lieber Martin Niewendick,
Sie sind also „nachhaltig beeindruckt“, lassen Sie uns wissen. Und damit wir das auch wirklich glauben, hängen Sie noch ein „Das meine ich ernst!“ direkt daran. Nun hatten Sie aber kurz zuvor schon „eine kleine (zutreffende) Analyse“ des Antisemitismus durch die jW-Redaktion mit dem – möglicherweise von Ihnen selbst als besonders gelungen empfundenen Relativsatz versehen: „die sich im Grunde wie eine Selbstbeschreibung eures journalistischen Wirkens liest“.
Jetzt weiß ich nicht: meinen Sie es vielleicht doch nicht ganz so ernst? Oder gilt Ihr „Respekt“ eher so dem Ereignis, dem konkreten ZeitPUNKT, zu dem aus dem Saulus der Paulus wird? Okay, dabei Zeuge sein zu dürfen, wäre in der Tat „nachhaltig beeindruckend“. Nur hätten Sie dann nicht schreiben dürfen: „Das DDR-Blättchen junge Welt IST im Grunde so etwas wie das Zentralorgan der Antisemitismus-Verharmloser.“ Dann hätte es ein WAR sein müssen. Das war aber nun auch nicht gewollt.
Jetzt steh ich da, ich armer Tor, und weiß immer noch nicht, was ich von der jW halten soll. Oder von Ihnen.

Vielleicht könnte man dazu sagen, dass, obgleich die junge welt ein Drecksblatt ist, Wiglaf Droste einer ist, dem man durchaus allerlei Vernünftiges zutrauen kann. Das führt natürlich zu der Frage, was er in der jw macht. Allerdings ist mir aufgefallen, dass dort der Feuilletonteil sich des öfteren einigermaßen positiv vom Politik- und sonstigen Teil der Zeitung abgrenzt. Wiglaf Droste ist übrigens einer der berühmteren Schreiber (eben auch anderswo als in der jw) und hat auch schon im jw-Feuilleton das Grass-Gedicht zerrissen.

Ok das ist aber in der Tat nicht *die* Junge Welt sondern es ist Wiglaf Droste der in dieser Hinsicht immer schon klar gesehen hat. Wenn der bei der jw ist ändert sich entweder wirklich was oder irgendwas stimmt da nicht.

Und es kann auch noch sein dass gegen ein böses Bürgerblatt wie die SZ die jw Redaktion die ‘Antisemitismuskeule’ schwingen lässt, wenn an der sog. Kölner Klagemauer aber wieder mal Bilder von kinderblutsaufenden Juden hängen oder auf der Marvi Marmara ‘Tod den Juden’ skandiert wird ist das dann u.U. wieder nur “Israelkritik”.

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