Ist uns die Betreuung unserer Kinder wichtiger als die der Alten und Pflegebedürftigen?

Der Autor dieser Zeilen im Kindergarten (1975). Foto: privat
Der Autor dieser Zeilen im Kindergarten (1975). Foto: privat

Ein Thema welches mich persönlich schon länger beschäftigt, wurde in der Vorwoche mal wieder medial aufgegriffen. Die Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK) in NRW möchte Hartz-IV-Empfänger in Kitas und Altenheime schicken, vermeldete u.a. die WAZ.
Und sofort regte sich Widerstand bei den Eltern, die ihre eigenen Kinder ungern von vermeintlich wenig qualifizierten bzw. evtl. sogar unwilligen bzw. unmotivierten Mitarbeitern betreut sehen wollen.

Das macht mich dann ja doch stutzig. Neu ist das Alles natürlich auch nicht. Schon seit geraumer Zeit werden von Jobcentern in der Region Arbeitslosengeld-2-Empfänger/innen zu Tätigkeiten in Alten- und Pflegeheimen gedrängt. Das habe ich in meiner eigenen Verwandtschaft selber so erlebt.
Nun war das im konkreten Falle meiner Verwandten zwar kein Problem, da sie diese Tätigkeit als Pflege- bzw. Betreuungsassistentin, für sich durchaus gerne in Betracht zog, den mehrwöchigen Qualifizierungskurs auch gerne auf sich nahm und nun auch in dieser Branche teilzeitbeschäftigt ist. Die dort vorgefundenen Arbeitsbedingungen wären allerdings ein weiteres Thema, mit dem man sich vielleicht auch hier zukünftig noch einmal ausführlicher beschäftigen könnte, denn das dort gezahlte Geld reicht bei weitem nicht aus um vom ‚Sozialamt‘ unabhängig zu werden.
Doch das soll hier diesmal gar nicht mein Thema sein. Mir geht es heute in erster Linie um den Aufschrei der Empörung, der immer dann aufkommt, wenn die Qualität bei der Kinderbetreuung in den Kitas durch solche Aktionen und Entwicklungen scheinbar in Gefahr gerät.
Die Frage die ich mir bei diesen Gelegenheiten immer stelle ist nämlich: Wo bleibt eigentlich diese Empörung, wenn es um die Betreuung ‚unserer Alten‘ und Pflegebedürftigen geht?
Da habe ich ähnliches bisher noch nicht vernommen. Da hat die Mehrheit der Verwandten offenbar kein größeres Problem, wenn Langzweitarbeitslose und nur kurz qualifizierte bzw. relativ unmotivierte Leute in der Branche tätig werden, teilweise sogar tätig werden müssen, obwohl sie sich selber gar nicht dazu ‚berufen‘ fühlen.
Zwar protestieren Altenpfleger/innen schon seit Jahren gegen die sich radikal verschlechternden Pflegebedingungen, doch verhallt ihr Protest in schöner Regelmäßigkeit auch genauso rasch wieder wie er aufkam. An den Bedingungen in vielen Pflegeheimen verbessert sich nichts. Im Gegenteil!
Wer wie ich seit ein paar Jahren auch einen eigenen Verwandten in einem Alten- und Pflegeheim untergebracht hat, der kann die sich verschlechternden Zustände auch als Laie mit bloßem Auge beobachten.
Nicht nur, dass die Anzahl der Pflegekräfte dort kontinuierlich abnimmt, der prozentuale Anteil der 1-Euro-Jobber, Praktikanten und freiwilligen Aushilfen steigt dabei offenkundig seit Jahren an. Und das ist scheinbar nicht nur in dem Heim so, welches ich seit Jahren regelmäßig besuche, das ist in vielen Einrichtungen der Fall, was einem auch Pflegekräfte bestätigen, mit denen man darüber mal das Gespräch sucht. Das Personal arbeitet dort häufig am ‚Anschlag‘ seiner Möglichkeiten, Pflegebedürftige beklagen sich über rückläufige Aufmerksamkeit, zunehmende Hektik, weniger Fachpersonal. Das die anfallenden Kosten für die Unterbringung dabei trotzdem von Jahr zu Jahr in durchaus bemerkenswertem Tempo stetig ansteigen erzeugt in diesem Zusammenhang ebenfalls Unverständnis.
Aber wo bleibt da eigentlich der gesellschaftliche Aufschrei der Verwandten übe diese Entwicklungen, so wie er ständig aufheult, wenn die Betreuung der eigenen Kinder durch den drohenden zusätzlichen Einsatz von relativ unausgebildeten Erziehern und Betreuern in den Kitas zu vernehmen ist, so wie jetzt erneut in der Vorwoche?
Wo ist da die Konsequenz der scheinbar so hingebungsvollen Eltern? Sind ihnen, plakativ gesprochen, die eigenen Eltern in den Pflegeheimen denn nicht so wichtig wie die Kinder in den Kitas?
Wenn die Gefahr von unmotivierten und schlecht ausgebildeten Betreuern für ihre Kinder so große Emotionen und eine Abwehrreaktion hervorruft, warum dann nicht auch, wenn es um eine gut qualifizierte und zeitlich angemessene Betreuung der ‚Alten‘ geht? Ich verstehe das schlicht nicht…
Davon abgesehen halte ich es weder im Einen noch im Anderen Bereich für sinnvoll Leute gegen ihren Willen in diese Berufe zu drängen. Pflege und Erziehung sind für mich unzweifelhaft beides Bereiche in denen man nur mit großer Leidenschaft und Interesse für den Beruf und den zu betreuenden Menschen tätig sein sollte. Zum Wohle der Alten UND der Kinder! Und die Arbeitsbedingungen haben fair und menschlich machbar zu sein. Das scheint mir in beiden Fällen aktuell gefährdet. Mein Respekt gebührt daher all denjenigen, die sich mit großem Engagement und nur für wenig Entlohnung in diesen Bereichen engagieren…
Die aktuell laufende stetige Herunterqualifizierung des Personals und die zeitgleich laufende Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in diesen Einrichtungen werden dabei beiden Bereichen NICHT gerecht!

Passend zum Thema:
http://www.derwesten.de/staedte/gelsenkirchen/eltern-sehen-einsatz-von-arbeitslosen-in-kitas-kritisch-id9940700.html#plx882773645

8 Kommentare

Wir sind dabei die Aufgaben der Familie an professionellen Service-Einrichtungen auszulagern.
Leider fehlt das Geld, diese auszustatten.
Auch kann ich nicht nachvollziehen, dass man heute selbst für die Betreuung von Kleinstkindern ein Diplom haben sollte.
Hohe Qualifikatioin, aber wenig zahlen klappt nicht.

Aktuell sehe ich auch viele Rentner und insbesondere auch Rentnerinnen als Verlierer im Wettlauf der Sozial-Goodies. Den Ex-Beamten geht es ja meistens ganz gut, was aber einfach Arbeiter/Angestellte, die oft schon sehr früh mit der Arbeit gestartet sind, als Rentner bekommen, ist lächerlich. Bei den Leistungen Krankenversicherungen etc. geht dies weiter.

Warum müssen bspw so hohe Auflagen an die Gebäude erfüllt werden?
Mit besserer Personal-Ausstattung wäre den Menschen eher geholfen als ein bis auf die letzte Minimalrisikoreduzierende Brandschutzausstattung. Das gilt übrigens für viele Bereiche.

Ich bin im Gegensatz zum Autor der Meinung, dass man Menschen durchaus in Jobs drängen kann, bevor sie dauerhaft arbeitslos sind. Wie viele Menschen üben einen Beruf aus, nur weil Mama und Papa das damals favorisiert hatten.

Robin,
ich denke ,für jeden vernunftbegabten Menschen, für den es zudem eine Verantwortunsethik gibt, kann es nie einen Widerspruch, ein sich gegenseitig Ausschließen geben zwischen den Pflichten von Staat und Gesellschft für die Kinder hier und den Pflicchten von Staat und Gesellschaft dort für die Alten.

Als Alter, der -noch- nicht pflegebedürftig, betreuungsbedürftig ist, dessen Pension deutlich über der Durschnittsrente liegt, habe ich sicherlich “gut reden”, wenn ich wiederhole, was ich seinerzeit -Wahlkampf- meinen SPD-Genossen versucht habe ins “Parteistammbuch” zu schreiben bzw. in das Wahlprogramm:
Deutschland muß, auch mit dem Ehrgeiz, vorbildlich in der EU zu werden,, dafür sorgen,
daß
a.)
für alle Kinder die Möglichkeit des KITA-Besuches besteht, wenn gewünscht ganztägig mit Frühstück und Mittagessen und in Gruppen von maximal 12 Kindern, betreut von gut ausgebildetem und gut bezahlten Erzieherinnen und von Erziehern
-unentgetlich!!-;

daß
b)
allen Kindern ein ganztäiger Besuch der Grundschule angeboten wird -nebst Frühstück/Mittagessen-, in Klassen von maximal 2o Kindern, betreut/unterrichtet von motivierten Lehrerinnen/Lehrern in Schulen mit gepflegten Räumlichkeiten und Außenanlagen;
-unentgeltlich; gilt auch für alle Lernmitteln/Lernhilfen-
c)
allen Kindern nach ihren Anlagen und Fähigkeiten der Besuch weiterführender Schulen angeboten wird; in einem durchlässigen System, das grundsätzlich aus jeder Klasse den Wechsel zu einer anderen Schule/Schulform ermöglicht -Klassen mit max.2o Schülern und einem Ganztagsangebot nebst Frühstück und Mittagessen;
-kostenlos; gilt auch für alle Lernmittel.

d.)
Kostenloses Studium für alle.

(M.E. könnte dabei wesentlich stärker und noch systematischer/organiserter als bisher -völlig unabhängig von der Bezeichnung des zu erwerbenden akademischen Grades- den Studenten das Angebot gemacht werden, Wissen und Fertigkeiten zu erlangen, die für einen Beruf/für eine selbständige Tätigkeit von Belang sind, das mag in sog.Fachhochschulen geschehen, oder aber sich vorzubereiten auf ein Tätigkeit in Wissenschaft/Forschung/Lehrer -an eine Universität. Das auch hier “fließende Übergänge” zu organisieren sind, müßte systemimmanent sein. )

Staat und Gesellschaft wären finanziell und organisatorisch in der Lage, ein solches ganzheitliches Bildungskonzept in Deutschland zu realisieren. Mit der Realisierung eines solchen Konzeptes wäre dem Prinzip der Chancen(!!)-gleicheit gedient -nicht einer ” Gleichheit aller im Ergebnis” – und Staat/Gesellschaft hätten in ihrem Interesse die Chance wahrgenommen, sämtliche Ressourcen der Kinder und der Jugendlichen, die in Deutschland leben, zu nutzen.

Robin,
a) das hat nicht zu Lasten der Betreuung/Versorgung der Alten zu gehen;
b) das ist in dieser Radikalität in Deutschland nicht gewünscht, auch nicht in “meiner” SPD.

Wo ein Wille………….!!
Daran mangelt es.

@2:
Ich mag den Begriff “Chancengleichheit” nicht. Jedes Kind hat Chancen. Jedes Umfeld hat Defizite und Chancen. Die Kinder müssen nur lernen, das Optimum zu erreichen. Solche Chancen wie heute gab es nie zuvor.
Zeit mit Eltern, Freunden, mit der Familie kann mehr bringen als Schule/Kindergarten. Mit Chancengleichheit wird meistens eine Entmündigung der Eltern verbunden, weil es zu viele Eltern gibt, denen es nicht gelingt, die Kinder auf die moderne Welt vorzubereiten.

Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Entwicklungsstand geprüft wird und bei hohen Defiziten in der Entwicklung Eltern und Kinder gefordert und gefördert werden.

@keine Eigenverantwortung #1: Na ja, aus Sicht der Betreuten sieht das aber manchmal dann halt doch etwas anders aus. Selber schon erlebt und die entsprechenden ‚Beschwerden‘ mehrfach angehört. Wenn lust- und wortlos das Essen auf den Tisch im Altenheim geknallt wird o.ä., dann ist das halt nicht so toll für den so betreuten Menschen. Von der Stange Geld die für diese Pflege in der Regel zu zahlen ist mal ganz zu schweigen. Ist natürlich nicht immer so deutlich zu spüren, kommt aber, bereits jetzt, immer häufiger auch vor. Gerade beim Umgang mit Hilfsbedürftigen und Kindern finde ich es daher schon wichtig, dass die in diesen Bereichen arbeitenden Menschen auch ‚Spaß an der Arbeit‘ haben. Schon im Interesse der von ihnen betreuten Heimbewohner und Kindergartenkinder. Und da läuft aktuell halt so einiges schief, wenn man sich so umsieht.

@4: Wenn ich an die Statistiken denke, wie viele Arbeiter/Angestellte eigentlich keine Lust haben, ihren Job zu machen, ist es wohl doch eher eine Illusion, vom ständig motivierten Angestellten zu träumen.

Zeitarbeit, Hire-Fire-Mentalitäten etc. tragen auch nicht zum Motivation bei.

Wenn man an das Alter des Jobendes von Lehrern denkt, kann ich allumfassende Freude am Job auch nicht immer vorhanden zu sein.

Deshalb sehe ich auch nicht, dass “Chancengleicheit” mit einer Dauerverwahrung erreicht wird.

@5: Soweit schon klar. Aber im direkten Umgang mit Menschen, speziell eben auch mit Pflege- und Hilfsbedürftigen würde ich da an die eingesetzten Mitarbeiter schon andere Maßstäbe anlegen wollen als bei einem Lagerarbeiter, Briefträger oder Straßenbauarbeiter usw. …

Der Pflegenotstand ist eine weitere Facette des Problems, das uns überall – und im Ruhrgebiet im Besonderen – umgibt. Wir kriegen nämlich gerade die Folgen davon zu spüren, dass wir seit Jahrzehnten, eigentlich sogar schon seit einem halben Jahrhundert, von der Substanz leben. Das zeigt sich in maroden Straßen, kaputten Autobahn- und Eisenbahnbrücken und verfallenden Gebäuden. Es zeigt sich in jahrzehntealten Schuldenbergen, die nie mehr abgebaut werden können und Renten- und Pensionslasten, die die aktive Generation kaum mehr zu schultern in der Lage ist. Und es zeigt sich darin, dass uns die Menschen fehlen, die in dieser Gesellschaft tatsächlich soziale Lasten tragen könnten. 100000 gute Ingenieure, die im Ruhrgebiet Top-Produkte entwickeln, würden für Einkommen sorgen, aus denen sich dann auch Pflegekräfte fair bezahlen lassen. 100000 Geringqualifizierte mit Hilfsarbeitereinkommen reichen dafür nicht aus. Da reicht es dann nur für Ein-Euro-Jobber im Pflegeheim.

Was heute auseinanderfällt, wurde aber schon jahrzehntelang vernachlässigt. Seit dem “Pillenknick” vor 50 Jahren werden nicht mehr genügend Kinder geboren. Teilweise hat man das durch Zuwanderung auszugleichen versucht, doch die oben genannten Ingenieure sind lieber nach Australien, Kanada oder in die USA gegangen, weil sie rechnen konnten und keine Lust darauf hatten, hier völlig Fremden die Renten und Pensionen zu erarbeiten. Zu uns sind eher Menschen mit geringem Qualifikationsniveau gekommen, die vermutlich aber auch gut rechnen konnten und gemerkt haben, dass es sich für sie lohnt.

So ist die Rechnung, das Kinderkriegen, -großziehen und -ausbilden einzustellen und erwachsene Fachkräfte zu importieren nicht aufgegangen. Trotzdem begreift niemand, dass alle in dieser Gesellschaft von dem leben müssen, was die Menschen können, und dass deswegen heutige Investitionen in Menschen die Finanzierung der Sozialstandards von morgen sicherstellen. Und dass gestern unterlassene Investitionen in Menschen die Finanzierung der Sozialstandards von heute erschweren. Und dabei ist ein früher investierter Euro immer mehr wert als ein später investierter: Ein Kind, das glücklich aufwachsen, seinen eigenen Weg gehen kann und dabei stets eine es unterstützende Infrastruktur vorfindet, wird weiter kommen als ein Kind, das der überalterten und selbstfixierten Gesellschaft erst mit 16 auffällt, weil es älteren Damen die Handtaschen raubt und erst ab diesem Zeitpunkt irgendeine Art von Unterstützung erfährt. Wobei diese Unterstützung nun gar nicht dem Kind dient, sondern eher als Mittel der Gefahrenabwehr der restlichen Gesellschaft zu verstehen ist.

Da dieser Zustand nun seit etwa 50 Jahren anhält, sind die Leidtragenden des Pflegenotstands wohl oftmals direkte Opfer der gesamtgesellschaftlichen Kurzsichtigkeit ihrer eigenen Generation. Sie haben nur den Trost, dass die nachfolgenden Generationen noch viel schlimmer getroffen werden, weil diese schon mit überzogenem Dispo, kaputter Infrastruktur und einer beispiellosen sozialen Verwahrlosung starten, aber gleichzeitig erhebliche Teile ihres nicht allzu üppigen Einkommens für Sozialleistungen aufwenden müssen, die die Schäden der Vernachlässigung des letzten halben Jahrhunderts notdürftig zu kaschieren versuchen, so dass ihnen kein Spielraum bleibt, aus eigenen Mitteln tragfähige Strukturen aufzubauen.

Um das Ruder herumzureißen, wird es vermutlich zunächst notwendig sein, die Uhr auf Null zu setzen. Und das gelingt, indem man das Vermögen der abtretenden Generation, das auf die oben geschilderte nicht nachhaltige Weise – also auf Kosten der nachfolgenden Generationen – erwirtschaftet wurde, spätestens bei deren Abtreten konfisziert und dazu verwendet, die Schäden zu beseitigen, die diese Generation hinterlassen hat. Das wäre nur fair.

Du hast mit deinem Artikel den Nagel auf den Kopf getroffen.
Ich stimme dir zu und hoffe das sich in Zukunft etwas bewegt, leider ist das ein Thema für die ganz lange Bank.

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