Inklusion: Lehrer unter Druck

Sylvia Löhrmann Foto: Privat/PR
Sylvia Löhrmann Foto: Privat/PR

Ein Schulamtsdirektor wurde von der Bezirksregierung Köln vom Dienst suspendiert. Er soll sich kritisch über den Lehrermangel in der Region Aachen geäußert haben.

Zu wenig Lehrer, die Bezirksregierung in Köln reagiere nicht auf ihre Klagen – dies teilten im Sommer Leiter von Förderschulen aus der Region Aachen den Bürgermeistern in einem Brief mit. Die Städte sind die Träger der Schulen – sie auf Probleme hinzuweisen, könnte man als Engagement oder Pflicht der Schulleiter  ansehen.

Nicht in NRW: Als Reaktion auf den Brief wurden Schulleiter zum Rapport bei der Bezirksregierung bestellt und der zuständige Schulamtsdirektor Norbert Greuel vom Dienst suspendiert, wie die Aachener Nachrichten berichteten. Am Mittwoch hatte die Angelegenheit dann ein parlamentarisches Nachspiel.

Die FDP-Landtagsabgeordneten Yvonne Gebauer wollte von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann  (Grüne) im Rahmen einer dringlichen Frage vor dem Schulausschuss wissen, wie die Ministerin das Vorgehen der Bezirksregierung beurteilt.

Eine Frage, der Löhrmann auswich. Die Bezirksregierung habe in eigener Verantwortung entschieden, es ginge  nicht um ihre Einschätzung, wiederholte Löhrmann immer wieder. Aber immerhin, einige Lehrer hätten ja ihr Fehlverhalten eingesehen:   „Im Ergebnis“, sagte Löhrmann,  „haben 14 von 20 Betroffenen eingeräumt, mit dem nicht abgestimmten Schreiben an die Schulträger ihrer Pflichten zur Mäßigung, vertrauenswürdigem Verhalten und Amtsverschwiegenheit nicht sorgsam beachtet zu haben.“

Sicher, die Situation an den Schulen sei im öffentlichen Interesse, aber das gäbe den Beamten nicht das Recht, sich auch an die Öffentlichkeit zu wenden, sprang ein Mitarbeiter des Ministeriums  der Ministerin bei. Anders könne man eine Verwaltung nun einmal nicht ordentlich organisieren.

Löhrmann betonte, dass ihr Meinungsfreiheit am Herzen läge – und die zu ihrem Amtsverständnis gehören würde. Jeder solle Beispiele nennen, wo sie sich nicht an dieses Verständnis gehalten habe.

Yvonne Gebauer (FDP) wollte dies nicht tun: „Ich werde ihnen keine Beispiele nennen, weil ich genau weiß, was dann mit den Lehrern passiert.“ Und auch Monika Pieper von den Piraten, selbst Förderschullehrerin, bemängelte die Konsequenzen aus dem Vorgehen der Bezirksregierung: „Jetzt sagen sich die Lehrer doch endgültig „Wir sagen, nichts mehr, wir halten den Mund.““

Petra Vogt (CDU) wollte Löhrmann nicht aus der Pflicht um eine Stellungnahme entlassen: „Es geht schon um ihre Einschätzung. Es stellt sich die Frage, was sie meinen wenn sie von Transparenz reden.“

Piratin Pieper hält nicht viel von Löhrmanns Bekenntnis zur Meinungsfreiheit: „In anderen Bereichen bejubeln die Grünen jeden, der gegen den Willen seiner Chefs an die Öffentlichkeit geht – trifft es sie selbst, ziehen sie sich aufs Dienstrecht zurück. Hier wurden Lehrer bestraft, weil sie die Wahrheit sagten.“ Es gäbe vor allem im ländlichen Raum  eine Unterversorgung mit Förderlehrern und darüber müsse man auch öffentlich diskutieren können.

Bei SPD und Grünen sah man das anders. Für Gudrun Zentis (Grüne) ist der ganze  Streit um das Vorgehen der Bezirksregierung ein „plumper Versuch, von den eigentlichen Probleme abzulenken.“ FDP und CDU hätten in Ihrer Regierungszeit den Lehrermangel verursacht. Und Renate Maria Hendricks (SPD) bedankte sich für die Möglichkeit der Akteneinsicht in das Verfahren um Schulamtsrat Greuel.

Bei den Pädagogen immerhin kam die Botschaft an: „Da wird eine Meinung geäußert und dann wird suspendiert“, sagt ein Kölner Förderschullehrer zu Welt am Sonntag, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Jetzt ist man vorsichtiger.“

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

10 Kommentare

Wenn man keine Ahnung hat…

Wer hat Kinder mit Förderbedarf denn in so genannte Förderschulen gesteckt, den GU verhindert und die Kinder Bildchen malen lassen? Schwarz-Gelb. Die Inklusion ist der einzige Weg gerechten Lernens. Durch den von der vorherigen Regierung verursachten Lehrermangel fehlen jedoch die Sonderpädagogen, deren Arbeit nun an Regelschulen benötigt wird. Wenn dann noch die Klassen verkleinert werden, sehe ich kaum noch einen Grund zur Klage.

Und nebenbei: Frau Löhrmann hat schon recht, wenn sie sagt, dass die Bez.Reg die Verantwortung,für eigenes Hsnfeln trägt.

@HULK

und nebenbei: Sie wurde nicht gefragt, wer die Verantwortung trägt.
Sie sollte ihre Meinung sagen. Und das hat sie nicht gemacht.

Unter den Landtagsabgeordneten gibt es viele Lehrer und Lehrerinnen.
Auch Frau Löhrmann ist Lehrerin.
Sie hat sich m.W. mit Schulpolitik bei den Grünen profiliert.
Ich frage mich, wie das geht, wenn Lehrer heutzutage gemaßregelt und bezichtigt werden “ihrer Pflichten zur Mäßigung, vertrauenswürdigem Verhalten und Amtsverschwiegenheit nicht sorgsam beachtet zu haben.“
Das muß dann wohl im Wege der Karriereplanung von Frau Löhrmann von der damaligen Landesregierung anders bewertet worden sein.

@Hulk

Das größte Problem, das die 5 Jahre Rüttgersregierung Nordrheinwestalen gebracht haben, ist die Möglichkeit der rot-grünen Landesregierung jeden Missstand in unserem Bundesland diesem schwarz-gelbem Intermezzo in die Schuhe zu schieben.

Ich bin in den 1980er Jahren zur Schule gegangen und da fiel schon sehr viel Unterricht aufgrund fehlender Lehrer aus. In den 1990er Jahren habe ich erst auf Lehramt studiert, mich aber irgendwann umorientiert, weil es in NRW trotz Lehrermangels einen Einstellungsstop für Lehrer gab.

In NRW ist Bildung immer schon stiefmütterlich behandelt worden. Und natürlich wird es auch vor 2005 schon an der schwarz-gelben Regierung von Rüttgers gelegen haben. Alles klar?!

Ihr “Alles klar?!” ist mir zu aggressiv. Diese eh zu konservative Diskussion ist für mich beendet. Naja fast: jedem sollte klar sein dass Bildungspolitik, obwohl Ländersache, extrem vom Bund blockiert wird.

@Hulk, wenn Sie sich so gut in dieser Frage auskennen, wissen Sie sicher auch, wie hoch der Teil der Eltern ist, der bisher von der freiwilligen Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, ihre Kinder von der Förderschule abzumelden, um sie an einer Regelschule anzumelden? Ich vermute nämlich, dass vielen Eltern die Förderschule atraktiver zu sein scheint, weil dort auch die Fachkräfte sind, die beispielsweise Kinder mit Lernbehinderungen entsprechend fördern können.

Meinungsfreiheit, Transparenz … Muhaha
Unter https://fragdenstaat.de/anfrage/ergebnisse-der-lernstandserhebungen/ habe ich mal versucht, nach dem IFG an vorliegende Daten zu kommen, die von allgemeinem Interessen sind – da ist nix mit der für die Meinungsfreiheit notwendigen Transparenz. Der Landesdatenschutzbeauftragte hat sich hier auch nicht gerade hervorgetan.

Über Schulen existieren viele interessante Daten: Abiturergebnisse, Ergebnisse von Zentralen Prüfungen und Lernstandserhebungen, Ergebnisse der Qualitätsanalysen etc. Alles liegt elektronisch vor, da lässt sich mit ein bisschen Zeit und dem leider anscheinend notwendigen Anwalt sicherlich die ein oder andere interessante Geschichte rausholen: Vergleich von Gymnasien und Gesamtschulen, Wohnortabhängigkeit von Leistungen, evtl. sogar Statistiken zu Unterrichtsausfall. Wäre sicherlich lehrreich zu beobachten, was Frau Löhrmann dann sagt, wenn die Teppiche mal ordentlich angehoben und gelüftet werden.

@Michael Küster,
das ist mir auch schon aufgefallen, dass es im Bereich Schule kaum verwertbare öffentlich zugängliche Daten gibt.
Ich habe folgenden Eindruck gewonnen, dass
da seit Jahrzehnten frei von allem Wissen, rein ideologisch herumgeschwafelt wird.

Naja, öffentlich zugänglich eigentlich schon seit dem Informationsfreiheitsgesetz in NRW. Leider schert sich das Ministerium einen Dreck um geltendes Recht, da muss man schon mit dem Anwalt kommen.

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