Industriekultur: Launisch-Zufällige singulärer Einzelförderung beenden

Zeche Zollverein FotoLizenz © Jochen Tack/Stiftung Zollverein
Zeche Zollverein FotoLizenz © Jochen Tack/Stiftung Zollverein


Preußen ist auch zwei Jahrhunderte nach dem Wiener Kongress in Nordrhein-Westfalen historisch präsent. Man erinnert sich gerne: Unter der Losung »Danke* Berlin« gibt es seit Frühjahr 2015 ein umfangreiches Programm. Von unseren Gastautoren Stefan Berger,  Ulrich Borsdorf und Dieter Nellen.

Veranstaltet wird es von einer breiten Allianz institutioneller Akteure im Rheinland. Der westfälische Landesteil feiert im Jubiläumsjahr etwas verhaltener und eröffnet Ende August die Ausstellung »200 Jahre Westfalen« in Dortmund. Die Reminiszenz bezieht sich auf die konstituierende Beschlusslage der europäischen Mächte von 1815. Damals waren Rheinland und Westfalen als künftige Provinzen mit eigener Verwaltungshoheit dem Königreich Preußen zugeschlagen worden.

Zwischen diesen oder besser mittendrin entwickelte sich das Ruhrgebiet. Es verdankt seine geschichtliche Bedeutung weniger politisch-territorialen Vorgaben. Seine räumliche und soziale Gestalt ergab sich vielmehr aus geologischen Gegebenheiten, technologischem Fortschritt und der darauf basierenden expansiven Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Für Preußen wurde dieser Raum bald extrem wichtig. Denn hier entstand die Kernzone der Industrialisierung Deutschlands, die wiederum die Reichsgründung unter preußischer Führung entscheidend beförderte. Michael Stürmer hat mit Verweis auf den amerikanischen Ökonomen J.M. Keynes in seinem Standardwerk über das Kaiserreich dazu festgestellt: »Geschichtlich ist der deutsche Nationalstaat durch Kohle und Stahl weit machtvoller vorbereitet als durch Blut und Eisen verwirklicht worden. Erst als Industriemacht wurde Preußen im neunzehnten Jahrhundert Großmacht«. Namen wie »Zeche Zollverein« dokumentieren den synchronen Bezug mit ihrem Verweis auf den 1834 gegründeten Deutschen Zollverein als ökonomischen Schrittmacher der deutschen Nationalstaatsbildung.

In keiner anderen Region Deutschlands und Europas wurde in der Folge Industriegeschichte so prägend wie hier geschrieben — mit ihren wirtschaftlich-sozialen Segnungen für Wohlstand und Prosperität, aber auch mit den Verwerfungen in zwei Weltkriegen und den ökologisch und sozial belastenden Folgen bis heute. Und bis in die späten Zwanzigerjahre, bis zum Ruhreisenstreit 1928 fanden hier die im gesamten deutschen Reich erbittertsten Kämpfe mit Streik, Aussperrung und Straßenkampf statt, um sich dann nach 1945 in ein Modell partnerschaftlichen Sozialfriedens zu verwandeln.

Die große produktionsstarke Industrie war im Westen räumlich konzentriert und erlangte gesamtstaatliche Bedeutung. Sie machte Deutschland zum immer stärkeren Mitglied in der Gesellschaft der aufstrebenden Industriestaaten in Europa. Der »Mythos Krupp« symbolisiert bis heute im breiten Bewusstsein die historisch prägende Verbindung von ökonomischer Macht, politischer Wahrnehmung und persönlicher Faszination in dieser Zeit.

Die Epoche ist deshalb nicht nur verdichtete Regionalgeschichte im Monografie-Format, sondern Bestandteil eines viel weiter reichenden nationalen Erbes in Deutschland. Das Industrierevier machte zwar keine große politische Geschichte aus eigener Bestimmung. Es schrieb dafür aber umso mehr ein wichtiges Kapitel der nationalen und europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ohne dass die politischen Entwicklungen gar  nicht möglich waren.

Dem Schwergewicht dieser Tatsachen entsprach aber lange nicht dessen Wahrnehmung in der Hauptstadt. Das namenlose Industrie-Gebilde diente nur als »Waffenschmiede des Reiches«. Es dauerte dann bis zur Besetzung des Reviers durch französische und belgische Truppen im Jahre 1923 bis es auf dem Wahrnehmungsradar in Berlin stärkere Konturen bekam. Das »Ruhrgebiet« wurde für seinen nationalen Widerstand gleichsam mit einem Namen belohnt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg, mehr noch in den Zwanzigerjahren, wurde die Region zu einem preußischen Wirkungsort der industriellen Moderne in Europa:

Kunst, Design und Architektur blühten in diesem Westen auf

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Industrie des Ruhrgebietes, die die Energie und das Material für das Wirtschaftswunder lieferte. Und aus den supranationalen Institutionen zur Zügelung der deutschen Schwerindustrie an der Ruhr entwickelte sich schrittweise die Europäische Staatengemeinschaft. Die Ende der 1950er Jahre beinahe unmerklich einsetzende Kohle- und Stahlkrise machte das Revier innerhalb von einem Jahrzehnt zum »kranken Mann« an Rhein und Ruhr. Seitdem ist der Strukturwandel unterwegs. Er schloss aber seit den späten 1960er Jahren auch den bewussten Erhalt industriekultureller Landschaften mit ein und wurde in den 1990er Jahren mit der IBA Emscher Park Programm.

Preußens kulturelles Erbe wird seit 1957 von der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz« bewahrt, an der der Bund und die Bundesländer beteiligt sind. Sie leistet Vorbildliches für die im Zuge der deutschen Einheit notwendige Neuausrichtung der Berliner Museumslandschaft. In einem ähnlich bundesstaatlich gesicherten Rahmen bewegen sich die nach 1990 restrukturierungsbedürftigen Stiftungsorganisationen der preußischen Schlösser und Gärten.

Die Bundesregierung ergreift zunehmend kulturpolitische Initiativen für Berlin. Beim Neubau des Berliner Stadtschlosses umschließt dieser Einsatz Investition, Trägerschaft und Konzeption zugunsten der preußischen Stadtikone. Berlin erhält die Möglichkeit, sich dort unter dem Label »Welt.Stadt.Berlin« dem internationalen Publikum zu präsentieren.

Doch der alleinige Bezug auf Berlin, ein gewissermaßen geschichtspolitisches Monopol der alten neuen Hauptstadt wäre für die Bundesrepublik, das föderale Gebilde, zu wenig. Die Geschichte ist weiter zu fassen und muss auch das nationalstaatliche Erbe an der Ruhr einbeziehen.

Die Nobilitierung der Industriegeschichte und eine neue Rolle des Bundes

Die historiographische Emanzipation der Ruhr-Geschichte mit deren spezifischen Ausformung von Zeit und Raum begegnet leider trotzdem immer noch einer weit verbreiteten Unterbewertung und geschichtspolitischen Ignoranz.

Die Wirklichkeit ist erfreulicherweise weiter: Für die Geschichte und Zukunft an der Ruhr hat das Land NRW in den letzten Jahrzehnten vorbildlich gehandelt. Es hat die großen regionalen Industrie-Parcours baulich saniert, mit Gestaltungsprofilen versehen und Geschichte und Kultur bewahrt. Die für die Regionalgeschichte zuständigen Landschafts- und Kommunalverbände haben über räumlich und konzeptionell verbindende Projekte konstruktiv zusammengearbeitet. NRW als das größte Bundesland war und ist sich seiner geschichtspolitischen Verantwortung bewusst.

Alles in allem ist dabei im Ruhrgebiet mit seiner vergleichbar jungen und monothematisch geprägten Geschichte anstelle »hohler Regionalität« ein inhaltliches Selbstbewusstsein entstanden. Dieses reicht inzwischen über die eigenen Grenzen hinaus. Gerade die Universitäten suchen international den komparativen Diskurs über die Entwicklung von Industrieregionen.

Im Ruhrgebiet ist ein im globalen Vergleich einzigartiges industriekulturelles Ensemble entstanden, das die industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet bewahrt. Es vermag an entscheidenden Punkten zu zeigen, wie die industriellen Machtzentren Europas und Nordamerikas, die in der Moderne deren Überlegenheit gegenüber anderen Kontinenten, besonders Asien, zu begründen halfen, funktionierten.

Um auch in Zukunft die einzigartige Chance nachfolgenden Generationen die Geschichte der Industrialisierung des Westens, welche mitnichten eine reine Triumpherzählung ist, sondern ganz wesentlich auch von Leid, Armut, sozialen Kämpfen und globalem Imperialismus handelt, erzählen zu können, bedarf es verstärkter Bemühungen um den Erhalt und die Gestaltung dieses industriellen Erbes. Nirgendwo sonst auf der Welt ist diese Industrialisierungsgeschichte so eindrücklich beschrieben wie an Rhein und Ruhr.

Darüber hinaus steht ein epochaler Einschnitt bevor: 2018 ist zwar nicht das globale, aber das nationale Ende der Kohle, deren universale Bedeutung im Ruhrgebiet begonnen hat. Die ökonomische und soziale Verantwortung des Bundes für diese Ära der deutschen Industriegeschichte geht dann nach vielen Jahrzehnten zu Ende.

Sollte dieser im Gegenzug künftig mehr kultur- und geschichtspolitische Aufgaben an der Ruhr übernehmen, könnte man von gelegentlichen Einzelbewilligungen zu einer stärker institutionellen Förderung industriehistorischer Projekte und Standorte gelangen. Der finanzielle Umfang bliebe gegenüber den bisherigen energiepolitischen Subventionsbudgets geradezu winzig, das geschichts- und identitätsbezogene Signal dagegen erheblich. Vereinzelt ist der Bund über Städtebau hinaus an der Ruhr aktiv: So unterstützt er die Ruhr-Festspiele, das traditionelle Festival der Gewerkschaftsbewegung, die Forschungen des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum und über die Bundeskulturstiftung herausragende Produktionen der Ruhrtriennale, eines relativ jungen Festivalformats.

Das denkbar stärkere Engagement des Bundes mag künftig — um nur einen ersten Vorschlag zu nennen — über eine »Stiftung Industriekultur Ruhr« oder eine andere denkbare Konstruktion laufen. Dazu sollte man jetzt eine plausible Strategie entwickeln.

Ein solches System könnte auf jeden Fall das Launisch-Zufällige singulärer Einzelförderung beenden und sich auf den historisch begründeten und strategisch richtigen Weg einer institutionellen Anerkennung des nationalstaatlichen Erbes an Rhein und Ruhr begeben.

Das verstärkte Engagement würde etablierte Besitzstände, Trägerschaften und Verantwortungen oder insbesondere die Kulturhoheit der Länder nicht berühren, vielmehr eine neue Kooperation begründen und ein wichtiges föderales Zeichen des Bundes in der Kulturpolitik setzen. Es betrifft natürlich Geld und dessen sachgerechte Verteilung. Noch mehr geht es um Wahrnehmung und Nobilitierung einer Epoche, die mit Zeit und Raum deutsche und europäische Geschichte geschrieben hat.

Zu unseren Gastautoren: Stefan Berger ist Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum sowie Vorsitzender der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets. Ulrich Borsdorf war von 1986 bis 2011 Direktor des RuhrMuseum in Essen und zuletzt auch Vorstand der Stiftung Zollverein. Dieter Nellen war bis 2014 Leiter der Abteilung Kultur beim Regionalverband Ruhr Essen.

Der Text erschien bereits in Politik & Kultur, Zeitschrift des Deutschen Kulturrats Berlin 4/201

2 Kommentare

Was für ein stolzes Ruhrgebiet!!!!
Wie haben wir es nur geschafft, diese gute Ausgangslage so zu "vergurken"?
Gibt es hierzu eigentlich Forschungen?

Zum Text:
– Das Stadtschloss als Plagiat gefällt mir nicht. Erichs Lampenladen hätte es verdient gehabt, als Zeichen für die DDR erhalten zu bleiben. Warum müssen wir in unseren Städten nur so viel nachbauen. Dafür sind doch die Vergnügungsparks zuständig.
– Es ist für mich fraglich, ob wirklich so viele alte Anlagen im Ruhrgebiet sinnvoll erhalten werden sollten. Die Kosten sind gewaltig, der Nutzen ist gering. Aber selbst auf Gewerbegebietsflächen passiert nahezu nichts (Gneisenau, Minister Stein, Westfalenhütte ..).
Sinnvoller fände ich bspw. dauerhafte "Schachtzeichen" in Form von ca. 3-5 Meter hohen Fördergerüsten.
– " Die ökonomische und soziale Verantwortung des Bundes für diese Ära der deutschen Industriegeschichte geht dann nach vielen Jahrzehnten zu Ende."
Ein schnelleres Zechensterben hätte der Region aus meiner Sicht deutlich mehr gebracht und Dynamik erhalten. Ebenso hätten die Subventionen in die Zukunft investiert werden können.
– Dauerhafte Kultur-Förderungen sind aus meiner Sicht wenig hilfreich und sollten eine Ausnahme sein. Auch Kultur muss einen Markt finden bzw. sich neuen Auswahlverfahren stellen. Sonst wird ein Hobby von in der Regel wohlhabenen Menschen lediglich vom Steuerzahler subventioniert.

Gibt es alles schon: Stiftungen … ich zähle jetzt nicht alle auf, die es im Bereich Industriekultur gibt …
Es gibt auch eigentlich zu viele Födergeldtürme in dieser Region, viel zu viele.
So identifiziert sich jeder nur mit dem vor der eigenen Haustür, so wird das mentalitätsgeschichtlich nie etwas mit dem "regionalen Bewusstsein". Alle 10 Km eine – mehr oder weniger – erhaltene Zeche und alle 35 Km eine Kokerei. Weniger ist mehr …
Die Region ist wirklich voller Potentiale, aber mit noch mehr Institutionalisierung wird der (Aus)Weg aus der Talsohle der wirtschaftlichen Entwicklung und kultureller Profilierung nicht erreicht. Mehr von demselben hat noch nie andere Ergebnisse gebracht.
Ich glaube bzw. unterstelle allen Autoren den guten Willen und die besten Absichten, inhaltlich stimme ich einigen Punkten auch absolut zu, aber ein zentraler Subventionstropf macht genau so abhängig, wie gelegentliche Subventionsspritzen. Anschubfinanzierung – ja, natürlich. Siehe Grundstücksfonds etc., aber es muss auch eine Exit-Strategie geben. Wir reden, je nach Quelle über alleine 1500 bis 3500 Industriedenkmäler! Das ist definitiv zu viel.
Ein überzeugendes Zukunftsszenario denkt auch über den von der IBA angedachten "kontrollierten Zerfall" nach, nicht über den ewigen Erhalt aller Anlagen der Montanindustrie. Die IBA hat das – meiner Meinung und Kenntnis nach – auch nur als Übergangs- bzw. Zwischennutzung – aus strategischen und finanziellen Gründen so mit dem städtebaulichen Denkmalschutz gedacht.
Das "kulturelle Gedächtnis" im Sinne Assmanns hat auch andere Ebenen als inflationäre monumentale Artefakte.
Ergo, gerne ein zentrales strategisches Management, dass dann so unabhängig aufgestellt wird, dass es auch lokal unpopuläre Entscheidungen treffen kann 😉
Glück Auf!

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