In the Mix: Francesco Tristano und co.

Dass hier ein begabter klassischer Pianist seine hohe Kunst allzu sehr in beliebige Techno-Sauce kleiden würde, war in so mancher Kritik über den ersten von zwei Auftritten des Luxemburger Francesco Tristanos bei der Ruhrtriennale zu lesen. 

Doch wie sehr dieses Verdikt zu kurz greift, zeigte umso mehr das zweite Gastspiel des vor durchgestylter Coolness strotzenden Pianisten in der Bochumer Jahrhunderthalle. Zeigte es doch, wie die Vereinigung scheinbar konträrer Welten zum geschmeidigen Mix vonstatten geht. Tristanos idealisiertes Format in Sachen Musikvermittlung ist das  DJ-Set, in das alles hineinfließt, was passend gemacht wird – und das bewerkstelligt er so plausibel mit einer ganzen Skala aus Spurenelementen von rhythmisiertem Bachschen Tonsatz, impressionistischen Klangteppichen, Anleihen aus Jazz und Rock bis hin zu dem weiten Ozean an Möglichkeiten, mit denen seit John Cage und co. eine klug dosierte Monotonie zum Hypnotisieren und -im Falle vieler Dancefloor Genres- auch zum Euphorisieren gebracht wird. Kompositorische Traditionen sowie Tristanos überaus hellhörige eigene musikalische Studien –  all sowas zieht er mal eben hervor wie ein DJ das gerade im richtigen Moment passende Vinyl aus der Plattenkiste. Und durchbrach damit in der Jahrhunderthalle auf Anhieb die Ausschließlichkeit eines von Konventionen domestizierten stillsitzenden Konzertpublikums.

Wie der DJ-Künstler die Vinylscheiben, Plattenspieler, Mixer zu einem einzigen individuellen „Instrument“ vereint, so „spielt“ Tristano alle Glieder der versammelten Konstellation selbst. Also tritt er auch als Dirigent in Erscheinung, während die DJs Moritz von Oswald und Carl Craig als graue Eminenzen im Hintergrund walten. Überaus feinfühlig, ja leichtfüßig und formal streng zugleich weiß er die versammelten Duisburger Sinfoniker mit den elektronischen Basslinien und Piano-Grooves zu synchronisieren. Das setzt dann auch so viel Farbe und blühende Musikalität frei, wo in technoiden Gefilden doch eher die spröden Klangästhetiken avisiert werden.

Das Eis ist bald gebrochen, spätestens sobald Tristano seine rhythmisch extrem präsenten Housepiano-Phrasen pulsieren lässt. Im Sinne auf den Punkt funktionierenden Rave-Dramaturgie stürmen einzelne zum Tanzen nach vorn, gefolgt von vielen weiteren, die anscheinend schon lange nach sowas ausgehungert sind. Gleichzeitig scheint das Bild der intensiv Tanzenden die Antithese zu den Orchestermitgliedern zu suggerieren, die während der ausgiebigen Piano-Elektronik-Parts unbeweglich sitzend auf ihren nächsten Einsatz warten. Eine Koexistenz eben, bei der die sprühende perkussive Energie von Tristanos Klavierspiels Menschen und Maschinen gleichermaßen befeuert, so mutet es an. Sogar ein sehr hochbetagter Konzertbesucher reiht sich mutig ein in die temporäre Raving Society. Und viel zu schnell scheinen zwei erfrischende wie zugleich schweißtreibende zwei Stunden in der Jahrhunderthalle vorbeigegangen zu sein.

 

 

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