In North Rhenum-Vesfaliam cogitur discere Latinam cito desinit?

Tausende Studenten müssen Jahr für Jahr das Latinum an den Universitäten nachholen. Eine Petition des AStAs der Ruhr Universität Bochum will helfen, das zu ändern.

Peter Silbernagel ist ein Freund des Lateinischen. Der Lehrer für Mathematik und Katholische Religion ist Vorsitzender des Philologenverbandes Nordrhein-Westfalen und überzeugt davon, dass es Schülern und Studenten gut tut, sich mit der Sprache Cäsars  und Ciceros zu beschäftigen. Doch das tausende von Lehramtsstudenten in Nordrhein-Westfalen innerhalb von drei Semestern den Stoff von sechs Jahren Lateinunterricht nachholen müssen, hält auch er für einen Fehler: „Die Studenten sind  heute durch die neuen Bachelor und Masterstudiengänge zeitlich stärker belastet als in früheren Zeiten. Es stellt sich die Frage ob, die Lateinkenntnisse in jedem Fach dem entsprechen müssen, was an der Schule für das Latinum verlangt wird. In machen Fächern könnten Lateinkenntnisse völlig ausreichen.“

Nicht in NRW. Hier ist das Latinum für viele Lehrer Pflicht. Die Konsequenzen sind Studienabbrüche, eine oft deutlich verlängerte Studiendauer und eine Belastung der Studenten.

Der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Ruhr Universität Bochum will das ändern. In einer Resolution vom April verlangten die Studenten von der Landesregierung, die Lehramtszugangsverordnung (LZV) für Gymnasien und Gesamtschulen zu ändern. Für die Fächer Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch soll die Latinumspflicht abgeschafft werde, für Geschichte und Philosophie künftig Latein-Kenntnisse ausreichen. Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, wurde nun eine Petition auf den Weg gebracht. Innerhalb weniger Tage schlossen sich 4.462 Unterzeichner den Forderungen des AStAs an.

Moritz Fastabend, Juso und Referent für Hochschulpolitik im AStA-Bochum, ist mit dem bisherigen Verlauf der Resolution, die noch zwei Monate gezeichnet werden kann, zufrieden: „Die Resolution läuft gut. Es geht uns nicht darum, das Latinum abzuschaffen, aber die Latinumspflicht bei den Lehrämtern ist eine Hürde, die überholt ist. In vielen Fächern würden Lateinkenntnisse vollkommen ausreichen.“

Unterstützung bekommen die Studenten auch von Seiten der Politik. Die Piraten stehen hinter der Petition. Fraktionsvorsitzender Joachim Paul, Inhaber des kleinen Latinums: „Wir möchten im Sinne einer verantwortlichen Freiheit die Entscheidung darüber, ob Latein gelernt werden soll, dem lernenden Individuum selbst überlassen.“ Auch Ruth Seidel, die wissenschaftspolitische Sprecherin der Grünen, will die Studenten entlasten: „Wir sind offen für eine Debatte zur Abschaffung des Latinums in den Lehramtsfächern.“ Die Lehrergewerkschaft GEW unterstützt die Studenten und sieht im Latinumszwang ein Studienhemmnis, das ausgeräumt werden könnte.

Die FDP-Wissenschaftspolitikerin Angela Freimuth kann sich immerhin „eine Reform nach bayerischem oder niedersächsischem Vorbild  mit an der Fachrichtung orientiertem Kompetenz- und Kenntnisstufen-System“ vorstellen. In beiden Ländern reichen Lateinkenntnisse aus.

Auf Granit beißen die Studenten hingegen bei der CDU und dem Verband der Altphilologen. Beide lehnen eine Reform ab, stehen treu an der Seite Cäsars und halten das Latinum für unabdingbar.

Cornelia Lütke Börding vom  Altphilologen-Verband hält Latein für Alternativlos: “Als Ursprung, Ausgangspunkt und somit Mutter aller romanischen Sprachen auch für Französisch, Italienisch und Spanisch; für Englisch, obwohl germanische Sprache, insofern, als sich diese Sprache aus dem Angelsächsischen unter starkem Einfluss des Französischen und somit wieder einer romanischen Sprache entwickelt hat.” 

Auch für  Geisteswissenschaften wie Geschichte , Philosophie und Religion sei ein Latinum notwendig.

Für die CDU  geht ebenfalls nichts ohne Latinum: „Diese Forderung ist ein weiterer Anschlag auf die Bildung“, sagte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende, Klaus Kaiser. „Wir wollen, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer weiterhin eine qualitativ anspruchsvolle Ausbildung bekommen. Das Latinum gehört dazu. Wer fordert, dass Latein keine Pflicht mehr für bestimmte Fächer sein soll, der hat keine Ahnung von den Grundlagen eines fachwissenschaftlich fundierten Studiums.“

Sie stehen nach Einschätzung der GEW-Vorsitzenden Dorothea Schäfer auf verlorenem Posten: „SPD und Grüne sind für eine Überprüfung der Latinumspflicht. Schulministerin Sylvia Löhrmann hat einen Bericht zu Umsetzung und Qualität der Lehrerausbildungsreform bis Ende 2013 im Landtag angekündigt.“ Ob weiterhin das Zwangslatinum bleibt, ist unklar. Die Landesregierung will die Lateinpflicht „ergebnisoffen prüfen“, teilte das Schulministerium auf Anfrage mit: “Das Schulministerium wird dem Landtag bis Ende 2013 einen Bericht über die Umsetzung und Qualität der Reform der Lehrerausbildung von 2009 zuleiten. In diesem Zusammenhang wird das Schulministerium auch die Forderung nach einer Anpassung der Latinumspflicht für Lehramtsstudierende sorgfältig prüfen. Im Vordergrund stehen dabei Aspekte der Fachlichkeit und Studierbarkeit. Leitfrage ist: Welche Sprachkenntnisse werden auf welchem Anforderungsniveau für das Lehramtsstudium in bestimmten Fächern benötigt? Es gibt keinerlei Vorentscheidung, sondern eine ergebnisoffene Prüfung im Rahmen der Evaluation.”

Aufgrund mangelnder Lateinkenntnisse des Autors wurde die Überschrift mit dem Google-Übersetzer erstellt 

 Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag.

4 Kommentare

Wie ich bereits hier an der RUB zu sagen pflegte und auch pflegen: per aspera ad astra.
Natürlich ist die Fülle des Stoffes viel zu viel, jedoch sollten Lateinkenntnisse vorhanden sein. Daher kannnich große Teile des Textes (ausnahmsweise) bejahen.

Keine Frage: Latein ist der Hammer. Die Sprache hört man nirgends im Radio oder Fernsehen und man kann in die entlegensten Ecken der Welt fliegen, ob beruflich oder urlaubstechnisch, und wird kaum eine Menschenseele finden, außer vielleicht ein paar Klerikale und Mediziner, mit denen man sich in dieser Sprache austauschen kann. Latein ist eine tote Sprache.

Trotzdem halte ich Latein für die meisten oben angeführten Fächer für unabdingbar. Das A und O wissenschaftlichen Arbeitens ist nun mal die Quellenarbeit. Bei einer Geisteswissenschaft wie Geschichte kommt man deshalb um Latein nicht herum, immerhin besteht Geschichte nicht nur aus der Neuzeit, sondern auch aus Mittelalter und Antike und in beiden letztgenannten großen Epochen sind für uns Mitteleuropäer die meisten Schriften in Latein verfasst.

Ähnlich sieht es mit Romanischen Sprachen aus. Universitäten sind keine Dolmetscherschulen, in denen es lediglich darum geht, eine Sprache zu erlernen oder zu perfektionieren. Universitäten sind Wissenschaftsbetriebe, in denen Sprache erforscht wird. Man studiert in erster Linie auch gar nicht Spanisch oder Italienisch, sondern Romanistik, was voraussetzt, dass man nicht nur eine romanische Sprache beherrscht, sondern auch Grundkenntnisse in zwei weiteren romanischen Sprachen nachweisen muss, eine davon ist dann in den meisten Fällen Latein.

Ich sehe das Problem dort, wo der Student gezwungen ist, eine Sprache innerhalb kürzester Zeit zu erlernen. Viel bleibt da oft nicht hängen, denn man lernt nur für eine Prüfung und danach vergisst man das meiste recht schnell wieder. Das gilt übrigens nicht nur für Latein, sondern für jede Sprache und für viele andere Scheine auch, für die man im Rahmen seines Studiums einen Nachweis erbringen muss. Den Studenten sollte deshalb mehr Zeit für das Erlernen der Lateinischen Sprache eingeräumt werden, was eine längere Studienzeit zur Folge hätte. Latein aber ganz aus dem Anforderungsprofil eines Studenten der Romanistik oder Geschichtswissenschaften zu streichen würde bedeuten, auf das Erlernen fundamentaler Grundlagen zur Erschließung romanischer Sprachen und diverser Geisteswissenschaftlicher Fächer zu verzichten. Das kann es nicht sein.

@ der, der auszog:

Es geht hier aber nicht um Sprachwissenschaftler in spe, die die Sprachen auf akademischem Niveau erforschen wollen, sondern um zukünftige Lehrer. Die sollen lernen, wie man sprachliches Wissen vermittelt. Und keine Sau braucht Lateinkenntnisse, die dem großen Latinum entsprechen, um Englisch bis zur Oberstufe zu unterrichten.

Pfh, “Ursprung, Ausgangspunkt und somit Mutter” aller Sprachen? Ist die Wiege des europäischen Kulturerbes nicht Griechenland? Ich fordere das Pflicht-Graecum für alle, nicht nur Lehrer – sonst sieht es bald zappenduster aus für Europa.
Panta rhei!

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