Im Nahostviertel

Synagoge Aachen Foto: Foto: Michael Klarmann
Synagoge Aachen Foto: Foto: Michael Klarmann, Archiv

„Was treibt der da?“ Kalle sah in dieselbe Richtung, in die auch Hardy blickte. Nachdem er erkannte, was sein Kumpel genau meinte, sah auch er sich das Schauspiel an. „Vielleicht Regentanz?“ Sie konnten hören, dass der Mann wild herumschrie, während er sich wie ein schlechter Karatekämpfer bewegte und dabei wild mit einem Regenschirm fuchtelte. „Und was grölt der?“ Hardy schüttelte den Kopf. „Mensch macht Sachen,“ nuschelte er. „Lass uns mal näher ran gehen und hören,“ sagte Kalle. Von unserem Gastautor Michael Klarmann.

Beide waren Hooligans, Gewalttäter Sport. Ihr Vorstrafenregister besaß eine Reihe von Einträgen. Stadionverbote waren ihnen nicht fremd. Mancher mochte denken, dass Hooligans nur Schwachköpfe sind, asoziale Kriminelle, Nichtnutze, Säufer. Nun, beide tranken gerne und viel, ansonsten arbeitete Kalle als Sachbearbeiter bei einer Versicherung. Hardy war Dachdecker und noch nie in seinem Leben ohne Job gewesen. Sie betonten immer, wie stolz sie darauf waren, Deutsche zu sein. Nazisprüche oder das zeigen des Hitler-Grußes jedoch, so meinten sie, nutzte der Mob nur um Linke, Polizisten und gegnerische Fans zu provozieren.

Freilich standen die Hooligans im Ruf, Nazis und Rassisten zu sein. Sie hatten sich nicht nur mit den Fans anderer Clubs und der Polizei, sondern auch mit Antifaschisten und Linken geprügelt. Eine mit den Jahren stark gewachsene, lokale und, wie sie immer witzelten, äußerst unterhaltsame Feindschaft. Immer unterlagen nämlich die Linken, und das nicht ohne den ihnen gebührenden Schmerz. Hardy und Kalle und die anderen Hooligans fanden, sie seien die Geraden. Und als solche musste man gelegentlich die Dinge eben gerade rücken. Mit der Faust. Oder einem Sidekick. Oder so.

Die Kneipe besaß eine große Fensterfront, die den Blick auf den Synagogenplatz, das große Denkmal für die Opfer der Nazis und die in den 1980er Jahren neu gebaute Synagoge erlaubte. Beide waren die letzten Gäste, mitten in der Woche kurz nach Mitternacht. Die Bedienung schrubbte schon den Tresen. Und Kalle und Hardy standen nun volltrunken draußen. Der Mann fuchtelte noch immer mit dem Regenschirm herum und trat mit seinen Beinen ins Nichts. „Der ist doch auf Drogen,“ befand Kalle. Das Geschrei war unverständlich. Dann schlug der Mann mit dem Regenschirm immer wieder auf das Mahnmal ein und schrie: „Scheiß Israel! Kindermörder Israel! Hurensöhne Judenscheißer!“

Hardy und Kalle blickten sich erstaunt an, als könnten sie nicht fassen, was da passierte. In den letzten Monaten war es mehrfach im Umfeld dieser Stammkneipe der Hooligans zu Gewalttaten gekommen. Mal waren ein paar Linke frech geworden, als sie hier vorbei wollten. Man jagte sie durch das halbe Viertel und schlug einige davon zusammen. Andermal hatte man sich zum Mob aufgestellt für ein Gruppenfoto. Passanten gingen vorbei und riefen ihnen zu, sie seien Nazis. Tatsächlich befanden sich auch eine Reihe von Neonazis im Mob.

Genau sie griffen die Passanten an, unter den Augen mehrerer Überwachungskameras, die an der Synagoge, einem Kauf- und Parkhaus hingen. Kalle und Hardy sahen sich das Verprügeln der Leute unbeteiligt aus der Ferne an. Eine städtische Antirassismus-Initiative schrieb später in einer Pressemitteilung, es sei unerträglich, dass ausgerechnet eine Hooligankneipe mit Nazipublikum direkt neben der Synagoge lag. Auf Nachfrage einer Lokalzeitung musste aber selbst die Polizei zugeben, dass es durch die Hooligans noch nie zu Straftaten gegenüber der Synagoge oder deren Besuchern gekommen war.

„Hat der einen Knall?“ fragte Kalle Hardy, der immer noch erstaunt und mit offenem Mund dastand. Unterdessen war der Mann die gut zehn Meter vom Denkmal zur Synagoge gesprintet und trat nun wie besessen gegen Teile der dortigen Glasfront. Dazwischen schlug er mit dem Regenschirm gegen die Scheiben. „Scheiß Israel!“ schrie er. Und: „Judenscheiß!“ Und: „Adolf Hitler!“ Kalle stieß Hardy mit dem Ellenbogen an. Hardy schüttelte ungläubig den Kopf. „Alter! Der Kameltreiber ist ja drauf!“ Beide lachten.

Stunden später. Kalle erwacht. In seinem Kopf dröhnt ein Panzer. Nachdem er sich mehrere Minuten gesammelt hat, schaltet er das Radio neben dem Bett ein. Vielleicht hilft das gegen den Panzer, denkt er. Lokalnachrichten. Die Polizei, verliest die Sprecherin, ermittle gegen einen 22-jährigen Algerier, der in der Nacht vor der Synagoge randaliert und volksverhetzende Parolen gerufen habe. Der Mann sei betrunken gewesen und habe sein Handeln damit begründet, dass Israel Gaza bombardiere.

Kalle erinnert sich nun wieder schlagartig – und er muss lachen. Er erntet deswegen Stiche und Schmerzen im Kopf. Gottverdammter Dreckskater, denkt er. Und erinnert sich auch wieder daran, dass die Polizei vier Streifenwagenbesatzungen benötigte, um den Kerl zu bändigen. Als sie ihn dann in Handschellen in einen der Wagen bugsierten, applaudierten er und Hardy. Die dämlichen Cops, denkt Kalle, waren auch noch so blöd, dass sie dachten, wir hätten ihnen zugejubelt.

Er muss wieder lachen. Abermals folgen hämmernde Kopfschmerzen und es zucken sogar kurz Blitze vor seinen Augen auf.

In seinem neuen Blog „True Crime Stories? – Abschweifende Blicke hinter die Kulissen der Polizeiberichte“ veröffentlicht der Journalist Michael Klarmann Kurzgeschichten. Klarmann, Jahrgang 1968, lebt und arbeitet in Aachen, sein Arbeitsschwerpunkt ist die extreme Rechte. Stories wie „Im Nahostviertel“ sind inspiriert durch die Presseberichte der Polizeibehörden in Aachen, Düren und Heinsberg. Am Ende sind im Blog zu den Geschichten immer der oder die ursprünglichen Polizeiberichte verlinkt. Die optische Gestaltung der Seiten ist bewusst sehr reduziert und könnte an alte, zu dunkel kopierte Bleiwüsten aus Zeiten der Heftromane und Pulp-Mags erinnern.

4 Kommentare

Vielleicht möchte Herr Klarmann zu einer Autorenlesung in die Dortmunder Kneipe Hirsch-Q eingeladen werden …

Vielleicht wollte uns der Autor mitteilen, dass das Hool-Dasein in der Regionalliga West noch viel, viel, viel trostloser ist, als wir uns das in den schlimmsten Träumen vorgestellt hatten.

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