Ihr habt Hass – Ich hab Angst.

14.4.2018, Dortmund, @Sebastian Weiermann

 

Mir ist schlecht. Richtig doll schlecht. Nicht, weil ich die Leute hasse, die grade im Osten den Hass verbreiten, sondern weil ich Angst hab. Angst schlägt mir immer auf den Magen. Mein Herz fühlt sich so an, als würde es aus meiner Brust springen, mein ganzer Oberkörper zieht sich nach innen. Das ist Beklemmung.

Ich habe gerade Videos vom Wochenende gesehen. Identitäre, Leute aus der Mittelschicht, andere Menschen, die Angst haben, gingen für „das deutsche Volk“ und einen Verstorbenen auf die Straße. Auf der anderen Seite Menschen, die auch hassen, nämlich die „Nazis“ (hier etxra in Anführungszeichen, weil es mir gerade nicht darum geht, Menschen zu gruppieren oder ihnen ein Label zu geben). Zwei oder xy Gruppen gegeneinander, die sich gefühlt auseinandernehmen wollen. Ich habe bis heute nicht so viel mitbekommen von dem, was da passiert ist, weswegen demonstriert wurde, weswegen getrauert wurde. Und wie gesagt, jetzt grade gab ich mir die volle Dröhnung Hass, unterschiedliche mediale Aufarbeitung der Geschehnisse. Ich habe mich durch Reportagen gekämpft, durch Interviews, durch Worte, die geschrien wurden, keiner Seite angeschlossen, denn meine persönliche Meinung ist hier gerade gar nicht von Belang. Ich habe mir einfach nur die Menschen, ihren Umgang, was sie zueinander gesagt haben, angeschaut. Ich habe ihre Wut, ihre Aggressionen, ihren Hass gesehen. Und der macht mir Angst, so sehr Angst, dass ich, ohne etwas getan zu haben, ohne selber dort gewesen zu sein, ohne, dass ich irgendwen von „denen“ persönlich kenne, auf meinem Sofa sitze und heule. Ich heule, weil ich nicht ertrage, weil ich nicht verstehe, was mit den Menschen los ist. Was ist mit euch los? Ich analysiere nicht, auch wenn ich könnte. Ich will gar nicht. Ich male mir keine Szenarien aus, was das für die politische Lage in der Zukunft auf der ganzen Welt bedeuten könnte, ich habe keine Angst vor der Zukunft, sondern vor dem Jetzt. Eure Gewalt, euer Hass, eure Angst, eure Gefühle, das alles macht mir Angst. Ich versuche mir immer viele Seiten, Geschichten anzuhören, Dinge zu verstehen, nachzuvollziehen – würde ich wahrscheinlich auch bei jedem oder jeder bei diesen Ausschreitungen momentan tun. Rechte, Linke, Mitte, Polizei, Opfer, Täter, Deutsche, Nicht-Deutsche, wie auch immer die jeweiligen Definitionen sind. Egal. Eure Gewalt ist trotzdem nicht gerechtfertigt. Niemals, jedenfalls nicht in meinem Kopf, in meinem Herzen. Hört doch auf, das wünsche ich mir. Ja, ich sitze zu Hause auf dem Sofa, alleine und heule und ich wünsche mir trotzdem einfach nur Frieden. Und irgendwie glaube ich, dass ihr das auch wollt.

Naiv, oder?

14 Kommentare

Grundsätzlich ist die Sache doch einfach: Wer Menschen jagt, hat Hass verdient und muss – zur Not auch – mit Gewalt gestoppt werden.

Deine Ansicht ist nicht naiv, sondern aktuell sehr gefährlich, weil du alles in einen Topf schmeisst und einmal umrührst. Analyse kann die Angst überwinden helfen.

500 Beamte mehr vor Ort und ein bayerisches USK, das dem ersten, den den Hitlergruß zeigte, die Zähne rausgeprügelt hätte und alles wäre ruhig geblieben. Gegen Gewalt hilft mehr Gewalt. Es ist eigentlich alles ganz einfach.

Ich muss meinem Vorkommentator widersprechen. Niemand verdient Hass. Taten können bewertet, verurteilt, sanktioniert werden aber nicht von irgendwem der sich irgendwem anders moralisch überlegen fühlt sondern von den Institutionen des Rechtsstaates. Das ist die Bedeutung des Gewaltmonopols des Staates.

Die Ansicht der Autorin „gefährlich“ zu nennen finde ich unangemessen, denn sie unterstellt m.E. eine Mitschuld. Vielmehr lese ich hier von persönlicher Not und Ohnmacht angesichts der Situation.

Ich weiß, es ist nicht opportun, aber wenn ich die Bilder aus Chemnitz Revue passieren lasse, drängt sich mir eine Lösung auf:
Die Horde für die Dauer eines Jahresurlaubes zu harter, körperlicher Arbeit verdonnern. Ich vermute ernsthaft, daß darin ein erhebliches therapeutisches Potential steckt.

Leider wurde höchstrichterlich befunden, sinnvolle körperliche Aktivität von auslastendem Charakter sei mit der Menschenwürde nicht vereinbar. Auf was für Ideen unsportliches Personal, dessen schwerstes Gerät ein langsam geschobener Aktenwagen ist, kommen kann…

@ Wolfram Obermanns

du schreibst: "Die Horde für die Dauer eines Jahresurlaubes zu harter, körperlicher Arbeit verdonnern. Ich vermute ernsthaft, daß darin ein erhebliches therapeutisches Potential steckt." wussten auch schon andere: "Arbeit macht frei"

Naiv ist das nicht unbedingt, durchaus nachvollziehbar, aber auch nicht gerade ein journalistischer Beitrag, eher was für die Therapiestunde. Von Journalismus erhoffe ich mir eigentlich weniger Ich-Bezogenheit, mehr Analyse, Einordnung, Interpretationsangebote.

@Lu: Wie vor über 80 Jahren wird auch heute in Deutschland mehr oder weniger erfolgreich von Nazis versucht, Hass und Gewalt auf die Straßen zu bringen und den vermeindlichen Grund für diese Gewalt den schwachen Gruppierungen in unserer Gesellschaft in die Schuhe zu schieben, damit die weniger "Schnelldenkenden" einen einfach einzuordnenden Sündenbock für alles Schlechte dieser Welt bekommen.

Wer sich dies immer wieder vor Augen ruft, muss diese Angst nicht entwickeln oder übersteigern und kann dagegen angehen.

@ Max
Das ist das Problem mit euch Nazis, ihr könnt nur Vernichtungslager, ein Rechtsstaat kann auch anders.

Ehrlich gesagt, ich rate jedem Freund oder Verwandten ab, in den Osten zu fahren.

Sicherheit geht vor !

@ Wolfram Obermanns

dein Problem ist, dass dein Kommentar #4 nicht von einem nazi-kommentar zu unterscheiden ist, liess ihn noch mal

Was mir in den letzten Jahren Angst macht ist, dass der Staat mit seinen Organen und den Politikern offenbar überhaupt keine Ahnung hat, was in unserem Land passiert und welche Reaktionen zu erwarten sind.

Wo bleibt ein offensives Vorgehen gegen die in vielen Bereichen vorhandenen Messer?
Wo bleiben Richter, die auch Polizisten bei Kontrollen unterstützen, statt in irgendeiner Form eine Diskriminierung zu suchen?
Wo bleibt ein offensives Vorgehen gegen Gewalttäter im Fußballumfeld?
Wo bleibt ein offensives Vorgehen gegen Straftaten bei Demos.
Wo bleibt die gezielte Videoüberwachung in Brennpunkten?

Deeskalation ist zu oft "Laissez faire". Warum ist ein Polizei oft so schlecht aufgestellt, wenn angeblich so viele szenekundige Beamte/Informanten in den jeweiligen Gruppen mit hohem Gewaltpotenzial vorhanden sind?

Die Politik scheint zurzeit auch eher zu versuchen, den Gegner zu diskreditieren als Probleme zu lösen.

Ja, diese Situation kann Angst verbreiten, da man nur bedingt handlungsfähig ist.

Sachsens Legislative, Judikative und Exekutive ist durchsetzt von Rechtsextremen; das macht mir tatsächlich Angst. Argumente spielen dort längst keine Rolle mehr. Sachsen ist ein failed state. Wo ist eigentlich die Royal Air Force wenn man sie braucht?!

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