Heute: Im Angesicht der Quote

Heute Abend um 21.45 Uhr geht in der ARD die beste Serie zu Ende, die ich jemals im Fernsehen gesehen habe. Ok, ich bin erst 24 und auch kein übergroßer Fernsehmensch. Und ein Fan von Serien bin ich allein aus dem Grund nicht, weil ich eh jedes zweite Mal doch keine Zeit habe, sie zu gucken. Für “Im Angesicht des Verbrechens” habe ich mich aber sogar bemüht, den Videorecorder zu programmieren (was sonst fast nie geschieht). Und bin unglaublich begeistert. So ziemlich jedes große Medium dieses Landes sieht das genauso. Trotzdem verkürzt die ARD die Ausstrahlung der Serie um eine Woche. Alte Tatort-Folgen bringen mehr Quote.

Heute Abend um 21.45 Uhr geht in der ARD die beste Serie zu Ende, die ich jemals im Fernsehen gesehen habe. Ok, ich bin erst 24 und auch kein übergroßer Fernsehmensch. Und ein Fan von Serien bin ich allein aus dem Grund nicht, weil ich eh jedes zweite Mal doch keine Zeit habe, sie zu gucken. Für “Im Angesicht des Verbrechens” habe ich mich aber sogar bemüht, den Videorecorder zu programmieren (was sonst fast nie geschieht). Und bin unglaublich begeistert. So ziemlich jedes große Medium dieses Landes sieht das genauso. Trotzdem verkürzt die ARD die Ausstrahlung der Serie um eine Woche. Alte Tatort-Folgen bringen mehr Quote.

Sieben von zehn Folgen sind bislang gelaufen. Es geht um russische Mafia-Clans in Berlin-Charlottenburg. Es geht “um Familie und Verbrechen und die damit verbundenen Themen Loyalität, Verrat, Liebe und Hass”, beschreibt Christopher Keil die Grundzüge der Serie in der Süddeutschen Zeitung schon Anfang des Jahres, als sie bei arte lief. Ganz grob: Ein Polizist sucht nach Vergeltung für seinen von der Russenmafia erschossenen Bruder. Seine Schwester hat jedoch einen dieser Mafiosi geheiratet. Außerdem gibt es verräterische Kollegen, viel Geld, Alkohol, Drogen und Prostitution. Was ist gut, was böse und wo verläuft die Grenze – so richtig weiß man das nicht, bei “Im Angesicht des Verbrechens”. Alles in allem: Unglaublich packend, gut recherchiert und gespielt, tolle Musik. Ausführlicher beschrieben findet sich das hier im Tagesspiegel.

Zehn Millionen Euro soll die Produktion der 480 Minuten laut Tagesspiegel gekostet haben. Beteiligt waren neben dem federführenden WDR auch die ARD Degeto, BR, SWR, NDR, ARTE und ORF. Erste Gespräche, so schreibt die ARD-Presseabteilung den Ruhrbaronen, gab es bereits im Jahr 2005. Doch jetzt steht “Das Erste” nicht mehr zu seiner Produktion. Ursprünglich war die Serie in Doppelfolgen angesetzt. Verschiebungen ergaben sich dadurch, dass einige Folgen, darunter Folge 7, mit FSK 16 belegt und daher nicht vor 22 Uhr gezeigt werden durften. Doch statt die restlichen Teile wie geplant am heutigen Freitag und darüber hinaus nächste Woche zu zeigen, kommen heute gleich alle drei Folgen hintereinander. Der ARD war die Quote zu schwach.

Regisseur Dominik Graf spricht laut SZ vom “Einknicken vor der Quote” und einer “Ohrfeige für den treuen Zuschauer”. 2,11 Millionen Zuschauer hätten die Serie bislang im Schnitt gesehen, so die ARD-Pressestelle. Die sonst üblichen Wiederholungen des Tatorts würden etwa 3,5 Millionen Menschen sehen. “Bester Mehrteiler” beim Deutschen Fernsehpreis und die Auszeichnung “Besondere Leistung Fiktion” reichen wohl nicht, um in Würde zu Ende gespielt zu werden. Die ARD bedient lieber die Masse.

Auf die Frage, warum die letzte Folge vorgezogen wurde, tut die Pressestelle so, als sei dies programmtaktisch sinnvoller: “Wir haben mit solchen En-suite-Programmierungen beste Erfahrungen gemacht. Die Zuschauer, die dem spannenden Finale entgegenfiebern, können sich auf drei Folgen am Stück freuen.” Bei einer gleichzeitig erfolgten, ganz normalen Anfrage an die Zuschauer-Redaktion, bekommen die Ruhrbarone dagegen die ehrliche Antwort: “Die ursprünglich für den 26.11.2010 eingeplante 10. und letzte Folge der Serie wird aufgrund des geringen Zuschauerzuspruchs auf den 19. November 2010 vorgezogen und im Anschluss an die Folgen 8 und 9 gezeigt.”

Zum Glück gibt es die Serie bereits auf DVD. Für alle, die an einem Freitagabend etwas besseres zu tun haben. Oder einfach keine Lust haben, von 21.45 Uhr bis 0.15 Uhr vor der Glotze zu hängen.

Alle Folgen gibt es bislang auch noch in der ARD-Mediathek (solange sie nicht gelöscht werden, das weiß man derzeit ja nie so genau). Einen Link zur Mediathek sowie Hintergrundmaterial gibt es hier. Auch eine Facebook-Seite gibt es.

16 Kommentare

Das ist die beste Krimi-Serie, die ich in der ARD je gesehen hab. Da stinken die meisten Sonntagstatorte so was von ab.
Nur für die Serie zahle ich gerne GEZ. Sollen die anderen doch “In aller Freundschaft” und diesen ganzen Käse schauen.

marc
@daniel du brauchst dringend einen digitalen PVR. Ich schaue nie live Fernsehen. Woher sollen die auch wissen, wann ich zeit habe 😉

@marc: Manchmal nehme ich über onlinetvrecorder.com auf … aber das ist aufwändig und nervig.

Es gibt keine klugen Serien im deutschen TV. Es wird auch keine geben, schminkt’s Euch ab.

Außer der Lindenstraße vielleicht, aber Geißendorfer ist ja auch Anarchist und hat sich durchpenetriert.

Das Phänomen, was Du beschreibst, ist noch nicht mal die Ausnahme.

Deswegen verzweifeln die ambitionierten Drehbuch-Autoren in Deutschland, ich weiß wovon ich rede.

Das Problem ist im Prinzip, daß man keine ambitionierte Crimeserie stricken kann aus zwei Gründen:

Erstens – weil das Land, der Handlungsraum so klein ist. Die Fantasie hört irgendwie an den Grenzen von Schimanski auf.

Zweitens – die Produktionsfirmen gehen keine Risiken ein.

Die genialischen Sachen, einst in den Bezahlkanäeln der US, wie House, das ja nur ein Sherlock Holmes-Derivat ist, waren auf Top or Flop getrimmt.

Bezahlsender drüben sagten: Schaun wir mal.

Jetzt ist House der einträglichste Werbeteppich von RTL. Immerhin.

Aber:

Die Sopranos sind nur in Minderheitenkanälen zu Minderheitenzeiten gelaufen.

Weeds wird immerhin in ZDF Neo wiederholt.

Und Breaking Bed, die beste zeitgenössische Crimeserie läuft hierzulande Samstag Nacht auf Arte.

Keiner nimmt Notiz.

Es werden halt keine Risiken im Mainstream eingegangen, nicht mal Bambitexte dürfen die Autoren auf originell gemützt schreiben.

Was rauskommt, ist die Nonnenserie von Wepper.

Deren Bücher kann ein Autor praktisch nur im Vollrausch schreiben, weil der Mist so schlecht sein soll.

Ich verstehe schon, warum Billy Wilder in die Staaten ausgewandert ist.

Unter anderem wegen der Unterhaltungsfunktionäre hier.

Und ganz genau das ist auch das Problem von Graf.

Der sich mittlerweile weigern soll, eine Schimanski-Regie zu führen.

Obschon er das bekanntlich seinerzeit in der Folge Schwarzes Wochenende gemacht hat, ich glaube 1985, sehr gutes Buch jedenfalls, Quote etwa: Straßenferger. Umsetzung genial.

http://www.imdb.com/title/tt0092061/

Und das von Hajo Gies, der nicht mehr Schimanki regieren darf.

Oder will, weil die Bücher so schlecht sind. Getrimmt auf ohne Risiko.

Und das ist das ganze Problem: Risikolose Drehbücher machen Alte Leute vor und im TV satt.

Als ich die Überschrift in meinem Feedreader las, hab ich mir erst mal die Augen ungläubig gerieben, einen Schluck Kaffee genommen und dann fiel mir ein: Kann nicht dein Artikel sein, du hast doch den Titel noch geändert! Denn mit dem gleichen Thema ging ich auch gut eine Woche lang schwanger, bevor ich dann gestern den Beitrag dazu rausgehauen habe.

Von daher: D’accord in allen Punkten. Nur eine Frage: Meinst du mit Videorecorder wirklich dieses Ding mit Magnetband?

@Thomas #3: Ja, Billy Wilder war toll, mein favorite ist “eins, zwei, drei”, übrigens in Berlin/Potsdam gedreht mit dem großartigen Hotte Buchholz. Aber die “Funktionäre” von damals mit denen von heute zu vergleichen, ist doch etwas verharmlosend, finde ich. Die restliche Kritik zu deinem Kommentar hab ich gestern schon mal prophetisch in meinem Blog geschrieben, das mag ich jetzt hier nicht nochmal wiederholen.

@BoleB: Schon so mit DVD und digital und so. Aber immerhin nicht am Laptop, sondern am echten Röhrenfernseher. Und Videorecorder klingt so viel besser!

Ich stimme nicht überein, die Serie habe ich auf arte gesehen und fand sie ok, war aber alles andere als beeindruckt nach den Lobhudeleien in nahezu jeder (Print-)Rezension.

Die Story ist ganz unterhaltsam, wenngleich stellenweise ordentlich klischeebehaftet und dünn, die dauernden Rückblenden – vor allem in späteren Folgen – sind nur mäßig spannend, das “authentische” Nuscheln der Darsteller reichlich überzogen und insgesamt sicherlich nicht die Beste Serie seit der Erfindung von geschnittenem Brot.

Ich finde es eher erschreckend, wie miserabel der Durchschnitt im TV sein muss, wenn diese Serie derart hoch gelobt wird.

Bevor jemand fragt, nein, ich kenne auf Anhieb aktuell keine bessere TV-Serie in den öffentlich-rechtlichen, dadurch wird “Im Angesicht” aber trotzdem nicht die beste Serie, die ich jemals im TV gesehen habe.

Kommissarin Lund (Forbrydelsen v.a. I aber auch II, läuft im ZDF, glaub sogar: erfolgreich) ist um LÄNGEN besser, spannender, wirklicher, trickreicher.
Das Problem deutscher Serien liegt vielleicht in den Entstehungsbedingungen, der Mutlosigkeit, mehr aber an der begrenzten Qualität der hiesigen Schauspieler. Das merkt man auch bei “Im Angesicht…” Wenn du die Darsteller mit The Wire (im übrigen, lieber Thomas, ist das die beste, leider abgedrehte zeitgenössische Krimiserie, mit Abstand) – vergleichst, wirkt das überspielt, gestelzt, die Leute gibt es nicht, das merkt man.

@ Thomas

“Ich verstehe schon, warum Billy Wilder in die Staaten ausgewandert ist. Unter anderem wegen der Unterhaltungsfunktionäre hier.”

Dazu hat Billy Wilder einmal selber gesagt (im TV gesehen):

„Die Optimisten endeten in Auschwitz, die Pessimisten in Beverly Hills“

@ christoph#7+stephan#6: ist ja alles Geschmackssache zum Glück, man kann die Serie mögen oder nicht, so wie Harzer Roller. Aber mal ganz ehrlich: Es gibt nur mittelmäßige Schauspieler in Deutschland? Da muss ich echt widersprechen. Nein, ich zähle jetzt keine Namen auf, ich wollte das nur ganz allgemein mal sagen, überall gibt’s Idioten, aber eben auch großartige Schauspieler (manchmal sogar in einer Person).
Das mit den Produktionsbedingungen mag sein – dazu verweise ich mal auf die Diskussion hier http://www.indiskretionehrensache.de/2010/08/heroes-mad-man/ – sehr viele differenzierte Informationen darüber, wie unterschiedlich in den USA und hierzulande produziert wird.

@Daniel #5: Wegen diesem “Video”recorder von dir (ich sag halt immer Festplattenrekorder) hab ich jetzt nen Ohrwurm: Funny van Dannens “Als Willy Brandt….” – kleines OT-Zitat: Damals war Video noch Latein, und bei CD wusste jeder: das kann nur Seife sein” – naja, es gibt schlimmere…

@Apunkt#8: Danke!

Da kann ich BoleB nur zustimmern.
Es gibt großartige Schauspieler in diesem Lande, leider entscheidet mittlerweile immer weniger die Regie oder die Caster die Besetzung, sondern immer mehr die Redakteure bei den Sendern und die besetzen im Zweifelsfall immer die bekannten Filmfressen. Die Risikobereitschaft tendiert immer mehr gen Null… von den sinkenden Gagen gar nicht zu sprechen, teilweise verdienen die Filmtiere in den Produktionen mehr als die Schauspieler.
Die Neuordnung des deutschen Fernsehpreises spricht eine eindeutige Sprache.

Hier ein offener Brief:
http://blog.bffs.de/2010/08/offener-brief-an-die-stifter-des-deutschen-fernsehpreises/

Michael Bitala schreibt heute auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung unter anderem:

“Graf aber orientierte sich dabei weniger am deutschen Generationenfilm als an den großen Erzählungen aus Amerika, an Serien wie ‘The Wire’, ‘The Sopranos’ oder auch ‘X-Files’ und ‘Homicide’. (…) Bei der Vorstellung des neuesten Epos ‘Boardwalk Empire’, betreut von Martin Scorsese, sagte ihr Erfinder Terry Winter: ‘Wenn man als Drehbuchautor die Wahl hat zwischen der vierten Fortsetzung einer Comic-Verfilmung oder einem 60-stündigen psychologischen Drama, ist doch klar, wofür man sich entscheidet.’ Die 60 Stunden aber sind nur im Fernsehen möglich, ebenso die 500 Minuten von Graf oder die mehr als 1000 Minuten von ‘Kommissarin Lund’, in der nur ein einziger Kriminalfall aus Dänemark erzählt wird – das aber mit Tiefe, Vielschichtigkeit und Opulenz.”

Also. Skandinavische Plots in Crime sind jetzt nicht so mein Fall. Ich finde, die sozialkritische, die Beziehungsnummer hat sich abgenudelt. Das alles rekurriert doch allzusehr auf Dinner Krimi exposed. Am Ende kommt noch Harry Potter raus.

Krimis stellen auch immer eine Sphäre dar, die besten Stücke der klassischen Literatatur sind doch so, Dramen, da wird jemand um die Ecke gebracht, hallo Hamlet.

Exellente Krimis, Spannungsbögenbücher, im Film,

Fargo –

Du verstehts am Anfang erst mal nix, dan schimmersts Dir

– leben vom Kontrast und vom weitem Land, es ist dies TC Boyles Grün ist die Hoffnungs-Gefühl

Die Amis können das.

Mit dem großen Land und den Folks darin in der Kathastrophe spielen.

Bei uns heißt das nur im modischen Regionalkrimi: Ein Mord in Dortmund-Aplerbeck.

Gottlobe Mannix, der hatte keine Fragen:

http://www.imdb.com/title/tt0061277/

Ich will damit sagen: Ich würde Hauptrollen besetzen mit Herrn Udo Lindenberg, Frau Ruth-Maria Kubitschek, Herrn Wepper und Frau Cosma Shiva Hagen.

Auch gut für die Quote.

Du hast vollkommen Recht, Daniel. Eine wunderbare Serie. Und dass die letzten Folgen nun verramscht werden ist nichts weniger als unverschämt. Siehe hierzu auch:

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/9107/highlight/Im&Angesicht&des&Verbrechens

Aber die Überschrift habe ich schon einmal woanders gelesen:

http://www.juedische-allgemeine.de/blogs/ber/2010/10

http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EEDC8798A2BB9456DA555AAFE96F29E4C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

@ Thomas Meiser:

“Ich verstehe schon, warum Billy Wilder in die Staaten ausgewandert ist.”

Du weißt, aus welchem Grund Wilder aus Deutschland geflohen (und eben nicht “ausgewandert”) ist?

@ Phil.

“Du weißt, aus welchem Grund Wilder aus Deutschland geflohen (und eben nicht “ausgewandert”) ist?”

Hab ich Thomas auch schon gesagt, so (siehe #8):

Dazu hat Billy Wilder einmal selber gesagt (im TV gesehen):

„Die Optimisten endeten in Auschwitz, die Pessimisten in Beverly Hills“

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