Wieso ich meinen Kiez nicht leiden kann

Berlin – es ist ein Elend. (Foto: Judith Sevinc Bassad)

Ich kann meinen Kiez nicht leiden. Als ich von Stuttgart nach Berlin zog, war ich mir sicher, endlich dem deutschen Spieß in Form von Kleingeist und Wutbürgertum entkommen zu sein. Jetzt lebe ich im Bergmannkiez. Manchmal kommt es eben schlimmer als gedacht.
Der Mythos, dass die Schwaben Berlin verspießen würden, ist Blödsinn. Eine Gastwürdigung Berlins von Judith Sevinc Basad.

In meiner Hausgemeinschaft sind es vor allem alteingesessene Berliner, die mir raten, meine Dusche nach jedem Mal mit einem Abzieher zu reinigen, weil sich sonst das Kalk im Plastik festsetzen könnte.

Dabei weiß ich häufig gar nicht, ob es sich bei meinen Nachbarn um Neurotiker oder um Spießbürger handelt. So pinnte kurz vor Weihnachten ein Paar aus dem Vorderhaus einen Zettel in unseren Hausflur. Darin entschuldigten sich die zwei Bewohner dafür, dass sie bei „der augenblicklichen Bedrohungslage durch Bombenpakete bis auf weiteres keine Pakete mehr annehmen wollen.“ Und weiter: „Wenn „Oma“ ein Paket schicken will, lasst uns vorher folgendes wissen: Empfänger (also ihr), Absender mit Adresse. Vielen Dank, Kordula und Manfred. (Name geändert)“

Es ist nicht nur der Spieß, der meinem Kiez so unattraktiv macht, sondern das Gehabe von Leuten, die fest davon überzeugt sind, dass ihr Lifestyle der Bessere ist. Das merkt man vor allem im Kaisers in der Bergmannstraße. Dort erklären Eltern ihren 4-järhigen Kindern, welche Lebensmittel man nicht kaufen darf, weil sie Aromen enthalten. „Nein, Agathe, das ist Zuckerwasser!“ herrschte einmal ein Vater seine kleine Tochter an, weil sie neugierig auf eine Fanta zeigte. Ich frage mich dann immer, ob die Kinder noch eine Resilienz entwickeln können oder ob sie den Bio-Zwang ihrer Eltern schon internalisiert haben.

Ausnahmezustand herrscht im Sommer im Hinterhof. Wegen Hitze haben hier gefühlte 200 Hausbewohner rund um die Uhr die Fenster geöffnet, die Akustik gleicht einem Amphitheater. Wie im Theater genießen es manche Pärchen und Familien auch, ihre privaten Angelegenheiten einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Meistens geht es dabei um „mein Manuskript!“, um „unverschämte Klienten!“ oder darum, ob Gerd jetzt beim italienischen Abend am Donnerstag die Tapenade selbst macht oder nur die Zutaten mitbringt. Diese Gespräche gehen manchmal bis drei Uhr morgens, meisten halbbesoffen vom 20-Euro-Rotwein vom Tempranillo-Fachhändler um die Ecke, meisten über drei Balkone hinweg. Ich kann meinen Kiez einfach nicht leiden.

Am nächsten Morgen schreien dann ab 08:00 Uhr die Kinder aus dem Kindergarten. Der ist auch im Hinterhof. Ab 17:00 Uhr mischen die frommen Stimmen aus dem Bibelchor mit. Zu Hause arbeite ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Aber hey, wir leben hier ja im „I-am-open-minded“-Berlin. Hier kann man einiges aushalten.

Von wegen. Gestern kam ich nach einem misslungenem Date etwas angesäuselt nach Hause, setzte mich ans Klavier und kommentierte mein trostloses Singleleben mit kitschigen Bluestonleitern. Das ging etwa 20 Minuten lang so, danach hatte ich genug vom Selbstmitleid und ging ins Bett. Was ist nicht wusste: Es war ca. 00:30 Uhr und mein Fenster war gekippt.
Am nächsten Morgen stand eine ganze Delegation der Hausgemeinschaft vor meiner Tür und beschwerte sich. Die Klaviermusik hätte durch den ganzen Hinterhof gehallt, die berufstätige Tochter konnte deswegen nicht einschlafen und wäre heute Morgen „total fertig“ aufgewacht. „Weißt du Judith, das Haus und der Hinterhof sind eben einfach sehr, sehr hellhörig!“, sagte die Mutter und lächelte.

Ich hasse meinen Kiez.

22 Kommentare

Nun ja – wer am morgn um 05:00 raus muss, der hat, und das weiss ich selbst am Besten, kein Verständnis für Menschen, die ihr Kiez damit gleichsetzen, dass jeder das tun kann wonach im ist und das zu jeder Zeit.

Solche Orte gibt es sicher, die muss man eben auch finden und nicht die reportieren, die sich in ihrer Art zu leben bereits zusammen gefunden haben.

Eine Person, die ihren Lifestyle besser findet als den ihrer Nachbarn in Stuttgart ("Kleingeist und Wutbürgertum") findet ihren Lifestyle besser als den ihrer neuen Nachbarn in Berlin, und regt sich darüber auf, dass diese Nachbarn ihren Lifestyle besser finden als andere. Finde den Fehler, bzw. gleich und gleich verträgt sich halt nicht immer gern.

Sich über die Lärmbelästigung durch andere aufregen, um dann besoofen nachts schlecht Klavier zu spielen…
Dieser Artikel ist (m)ein weiteres Argument gegen staatlich subventionierten "Journalismus".

Nur zur Info: Der Bergmann Kiez ist mittlerweile in Berlin einer der gefragtesten. Wer da jetzt noch preiswert unterkommt, kann sich glücklich schätzen. Ansonsten muss man schon sehr gut verdienen, um dort eine Wohnung zu bekommen.Es sei denn, Vati und Mutti geben reichlich was dazu.

@ 10 + 11: Kiez war meines Wissens nach dem Krieg nur noch in Hamburg gebräuchlich und die Bezeichnung für das Vergnügungsviertel im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Erst Ende der 90er wurde es auch in Berlin wieder üblich, von Kiez zu sprechen; klingt wahrscheinlich irgendwie cooler als Stadtviertel. Seit einigen Jahren ist auch das sprachlich anspruchsvollere Quartier im Gespräch, setzt sich nach meiner Beobachtung nur auf Sektempfängen zur Stadtplanungsvorstellungen und in der Presse wirklich durch.

@ Davbub #12

Sie schreiben: "Erst Ende der 90er wurde es auch in Berlin wieder üblich, von Kiez zu sprechen; klingt wahrscheinlich irgendwie cooler als Stadtviertel."

"Kiez" war Mitte der 80iger Jahre in Berlin "normal". Sag ich aus eigener Erfahrung.

Ob "Kiez" heute "chic" ist, weiß ich nicht. Ich benutze das Wort nicht.

Augen und 8hren auf bei der Wohnungssuche. Da es nicht gelingen eird, alle anderen mit Pentaoniken und auch nicht harmonisch Moll zum Auszug zu bewegen,wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als selbst…..

@ 13: Dann hätte ich vielleicht statt "meines Wissens" "meines Erlebens" nach schreiben sollen. Das Wort stand in meinem sozialen Umfeld immer für St. Pauli. Aber Berlin (West) hatte ja auch schon vor der Wende gut 2Mio. Einwohner, die kann man nicht alle kennen…

Wie war es nur damals als noch viel mehr Personen in den Häusern lebten.
Zumindest braucht man keine Doku Soaps im Fernseher.

Irgendwie gefällt mir meine Dortmunder Vorstadtwohnung jetzt deutlich besser

Andreas -13–
auf der Fischerinsel in Berlin gab es in den 197o/198o Jahren eine Kneipe namens "Fischerkiez" -heute auch noch ?-wohl in Erinnerung an die historische Bezeichnung Fischerkiez für ein umliegendes größeres Wohn-/Geschäftsviertel.
Kiez war 'mal -nicht nur in Berlin- die Bezeichnung für ein Gebiet, in dem Fischhandel betrieben wurde -sh. Fischerinsel mit der Kneipe Fischerkiez in Berlin-.
Kiez ist im übrigen eine in ganz Deutschland gängige Bezeichnung für Viertel, in denen der Prostitution nachgegangen wird (" Ich gehe auf den Kiez", z.B. in St. Pauli.
Letzteres werden die Bewohner des Bergmann-Kiez, so wie von Arnold Voss -9 und 11- geschildert, für ihren Kiez nicht hören wollen, sondern den Begriff Kiez mit " Quartier", in diesem Fall für "gehobenen Ansprüche" gleichsetzen.
Im übrigen:
Das "Sich-Wohlfühlen" oder das "Sich-Nichtwohlfühlen" in dem Quartier, in dem man wohnt, ist doch eine sehr subjekitve Empfindung. Ich denke, darüber läßt sich folglich nicht streiten, also auch nicht mit den Menschen, die im sog. Bergmann Kiez in Berlin zu Hause sind und sich dort wohl- oder eben nicht wohlfühlen.

@ke Ich war von 53 bis 70 oft bei meiner Großmutter in der Kreuzberger Graefestraße. Wenn ich heute den "Graefekiez" sehe, dann hat dieser "Kiez" deutlich gewonnen. Von einem "Graefekiez" war damals eh nicht die Rede.

@ Walter Stach #18

die "Fischerinsel" ist nicht mein "Kiez", um mal das Wort zu gebrauchen, ich wohne in "Westberlin".

Ich bezweifele aber, dass eine Kneipe Namens "Fischerkiez" aus den "1970/1980 Jahren" die Wende überlebt hat – mit dem Mauerfall hat sich, wie in ganz Berlin, sehr viel verändert. Ohne Rücksicht auf Verluste (das folgende Opfer wird im wikipedia-Artikel "Fischerinsel" gezeigt):

https://de.wikipedia.org/wiki/Großgaststätte_Ahornblatt

"1997 verkaufte die Oberfinanzdirektion Berlin das Gelände mit dem mittlerweile denkmalgeschützten Gebäude an die Objekt Marketing GmbH.[4] Trotz zahlreicher Proteste gegen die Vernichtung der Architektur der Moderne in der DDR, unter anderem von der Berliner Architektenkammer,[5] wurde dem Käufer des Geländes eine Abrissgenehmigung für das Ahornblatt erteilt."

Andreas,
danke für die Infomationen.
Beim nächsten Besuch in Berlin werde ich auf jeden Fall die Fischerinsel 'mal wieder besuchen und dann 'mal sehen, was sich dort seit der sog. Wende baulich/wohnlich getan hat.
Die umliegenden neugebauten Hochhäuser um die von mir erwähnte Kneipe, wurden während der DDR-Zeit überwiegend von Offizieren der Volksarmee und deren Familien bewohnt. Das zeigte sich u.a. daran, daß an diversen "Staatsfeiertagen" an jedem Fenster (!) die DDR-Flagge herausgehängt wurde, was nicht für alle Wohnhäuser im Zentrum der ehemaligen Hauptstadt der DDR galt. Und wenn ich mich mit "meinen Studenten" an einem solchen Feiertag in der betr. Kneipe -meistens auf der Terrasse davor- aufgrund des reichlichen Alkoholgenusses- dazu habe hinreißen lassen, politisch brisante Themen lauthals zu diskutieren, bekamen wir dann und wann von einer Kellnerin leise zugeflüstert, uns zurückzuhalten, denn die Kneipe wurde überwiegend von besonders staatstreuen Bewohnern der umliegenden Hochhäuser aufgesucht.

Erinnerungen an eine Kneipe namens Fischekiez auf der Fischerinsel als diese noch zur Hauptstadt der DDR gehörte.
Lang, lang ist's her, aber nicht vergessen, vor allem nicht wegen der Begegnungen in und an dieser Kneipe Fischerkiez mit Bürgerinnen/Bürgern der DDR , die uns Besucher aus der BRD beneideten unserer Freiheit wegen, DDR-Bürger, die wir folglich deswegen oftmals durchaus traurig zurückgelassen haben , was uns nicht nur regelmäßig sehr, sehr betroffen gemacht hat, , sondern auf dem Rückweg in das freie Westberlin spürbar belastend wirkte.

Kommentar verfassen