Der Harald aus Erasmia

Die einen freuen sich auf die 64 WM-Spiele, doch der wahre Kenner freut sich auf rund 30 deutsche Pressekonferenzen. Ab heute. Am Mittag begann die große Show direkt aus dem “deutschen Lager”, per Livestreamticker oder Zattoo/phoenix. Immer mit dabei: Harald Stenger, geiler Typ.

Früher, als die Frankfurter Rundschau noch eine richtige Zeitung war und kein Heftchen im Hochformat, gab Harald Stenger die Stimme Hessens. Jeden Sonntag ließ er sich ins Kempinski Airport Hotel München einfliegen, um das Phrasenschwein zu füllen, bis es platzte.

Stenger tat so, als würde ihm Bier am Vormittag schmecken, als wüsste er alles über Eintracht, Fleckschneise und Bertis Kabinenpredigt. Kurzum: Stenger war die Idealbesetzung am DSF-Krombacherstammtisch, trug die gleichen Polohemden, schwitzte den gleichen Schweiß, hatte die selben Sprüchen auf Lager, wie sein Publikum im Foyer des Airporthotels.

Doch irgendwann wurde das Stenger zu wenig. Er wurde zur Stimme Fußballdeutschlands, zum DFB-Mediendirektor, näselnd, babbelnd, “gerodirichs-bitte”-sagend, oder: “bitte, keine weitere Fragen mehr an die Spieler”. Oder: “Wenn Sie auf das Mikrophon warten würden!”

Und Stenger kriegte sie alle vor die Mikrophone in Miyazaki, Almancil oder Tenero. Die Völlers, Klinsmanns, Löws, die Bundesscouts, Torwarttrainer, Teammanager, Fitmacher und natürlich die Nationalspieler von Tim Wiese bis Arne Friedrich. Aber jetzt nach neun Jahren ist es wohl vorbei. Die WM in Südafrika soll Stengers letztes Turnier sein, DFB-Präsident Theo Zwanziger protegiert offenbar andere, jüngere Leute. Aber immerhin hat er seine letzte große Bühne.

Seit heute heißt es wieder, Daily Stenger, Mittagsfernsehen, halb eins. Aus Erasmia, was lateinisch klingt und ein wenig nach einem Irrtum. Mercedes hat Transparente aufgehängt, beschwört kryptisch einen vierten Stern. Und die Kollegen lassen Stenger nicht hängen, fragen, was das Zeug hält. Das ist nicht nur ein nettes Mäuschenspielen für  Daheimgebliebene, sondern vor allem ist das supergünstige Fernsehware für Phoenix und die Nachrichtenschiene.

Und wollen wir das nicht alle wissen? Heute ist es ja angenehm warm, abends wird es aber doch empfindlich kühl, welche Auswirkungen hat das auf die Akklimation, Herr Teamarzt? Arne, haben Sie irgendwelche Rituale, bevor sie auf den Platz laufen? Wer ist der Leitwolf? Vuvuzelas? Der WM-Ball? Wer ist der Chef im Strafraum? Wenn man sie nur ließe, die Kollegen, sie würden so lange fragen, dass sie wirklich mal etwas Interessantes erfahren könnten.

Aber darum geht es nicht, und Stenger, der Profi, weiß sowieso wann Schluss ist. Dann sagt er: “Dann sagen wir Danke, dem Arne, und machen jetzt den Break, dann geht es sofort weiter mit dem Per.”

Von Christoph Schurian

Christoph Schurian ist freier Journalist, lebt in Tallinn und Bochum, arbeitet für Printmedien und Rundfunkanstalten, Museen, Film- und Medienproduktionen.

3 Kommentare

Gottseidank gibt es auch Leute, die mit Fussball nichts zu tun haben und die sich um wichtigere Dinge Gedanken machen!

Es gibt nahezu nichts auf diesem Erdenrund, das mich weniger interessiert als Fußball. Okay, Hallenhockey vielleicht. Aber nach diesem Bericht werde ich mir mal ne Mittagspause mit einer dieser Pressekonferenzen versüßen.

Gottseidank gibt es auch Leute, die so eine große Auffassungsgabe haben, dass sie sich sowohl über wichtige Dinge, als auch über Fussball Gedanken machen.

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