Hamburg: Kontrollwahn und Schwarzfahren

Wie schön sich Ressentiments kombinieren lassen, zeigt folgender Beitrag des „Hamburg Journal“ – einer Nachrichten- und Informationssendung aus der Hansestadt, die das NDR Fernsehen täglich ausstrahlt: Seit dem 1. März müssen Fahrgäste des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) in Bussen nämlich vorne einsteigen und ihren Fahrausweis vorzeigen – bisher war man liberal genug, die Kunden überall einsteigen zu lassen.

Erwartungsgemäß bilden sich nun vor allem an stark frequentierten Haltestellen lange Schlangen, damit alle Bürger, die auf den ÖPNV angewiesen sind, ihrer Vorzeigepflicht nachkommen, während die bedauernswerten Busfahrer den Grüßaugust spielen. Besonders spaßig ist es natürlich, wenn Eltern im Berufsverkehr ihre Kinderwägen hinten in den Bus schieben, um sich dann durch die Massen vorbei nach vorne drängeln zu müssen, um sich dort als legitme Mitfahrer auszuweisen.

Das Hamburg Journal schlägt dagegen eine andere Lesart vor: Die Schlangen bilden sich nach Meinung des Beitrags offenbar nur, weil die ganzen Schwarzfahrer jetzt endlich bezahlen, ein Hurra auf die Kontrollgesellschaft. Besonders schön aber, wenn man sein Ressentiment gegen vermeintliche Betrüger auch noch mit einem tollen „Negerwitz“ kombinieren kann – und den Satz „keine Chance den Schwarzfahrern“ hübsch damit illustriert, in dem man einen dunkelhäutigen Hamburger sein Ticket in die Kamera halten lässt – ein echter Schenkelklopfer. Das glauben Sie jetzt nicht? Ab Minute 00:35 geht es im nachfolgenden Link los. Zum Totlachen!

16 Kommentare

Und wo ist jetzt der Negerwitz? Da wird eine Reihe Fahrgäste gezeigt die einsteigen und einer hat halt eine dunkle Hautfarbe. Und er macht sich halt den Spaß – zumindestens wirkt es so – , sein Ticket Richtung Kamera zu halten, während die anderen das nicht machen. Warum soll das rausgeschnitten werden? Wenn man sich das Video angeschaut hat, bleibt nicht viel übrig von diesem “ich möchte ein Shitstorm auslösen”-Posting.

Mal abgesehen das Schwarzfahren nichts mit der Farbe zu tun hat, wie ein Blick bei wikipedia auch verraten hätte: http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzfahren

Hier wird was konstruiert, was ziemlich haltlos ist, aber hauptsache man fühlt sich gut, als den scharfen Aufdecker von Rassismus.

In Düsseldorf gilt das schon eine Weile, daß man vorn einsteigen muß. Die Fahrer exerzieren das völlig unterschiedlich. Den meisten könnte man auch einen Fahrschein von gestern oder von letztem Monat vor die Nase halten, so oberflächlich, wie sie draufgucken, würden sie das nicht merken. Andere weigern sich, von der Haltestelle loszufahren, wenn sie nicht auch ganz bestimmt von allen Fahrgästen die Fahrscheine gesehen haben. Wie richtig berichtet, macht das besonders viel “Spaß”, wenn Menschen mit Kinderwagen einsteigen, besonders dann, wenn da noch ein Kind dabei ist, das dann mit durch die Menge wuseln will. Aber auch, wenn man Gepäck dabei hat, weil man vom Bahnhof kommt oder dorthin will, kann das sehr aufwendig sein.

Kontrollwirkung: Null.
Nervfaktor: optimiert.
Verspätungswirkung: kann man sich ausrechnen …

Gruß, Frosch

Ich würde mal sagen, dass nur Leute, die den Negerweitz eh schon im Kopf haben, hier auch einen Negerwitz sehen, Herr Kontekakis.

@Bebbi

Wie du schreibst, ist es ja nun nicht.

Der Ausschnitt mit dem “Schwarzen” ist ja nur ca. 3 Sekunden lang und beinhaltet nichts sonst als den Einstieg dieses Mannes. Und exakt dabei ist im Beitrag die Rede von “Keine Chance den Schwarzfahren”.

Ob schwarzfahren etwas mit der Farbe schwarz zu tun hat, spielt in diesem Fall wohl keine Rolle, denn die Assoziation ist in jedem Fall da.

Man kanns auch übertreiben ;-). Wo war den jetzt der Negerwitz? Leute, Leute ich hab echt schon bessere Artikel gebracht. Naja, vielleicht bietet sich momentan ja kein wirklicher Anlass auf Israelkritikern herumzuhacken, könnte man meinen ;-).

Schwarzfahren – Wer hat Angst vorm schwarzen Mann (niemand, und wenn er kommt, dann laufen wir) … Jaja, alles ‘tüüürlich nicht rassistisch gemeint, etymologisch völlig unrassistisch und so… Aber die rassistische Wirkung (!) von Wahrnehmungsmustern, die durch solche Begriffe geprägt werden, lässt sich schwer leugnen. Lesetipp, bevor hier einfach so oder rassistische Witz zur Seite gewischt wird: http://www.deutschland-schwarzweiss.de/

@ #4 | Peter Plötzlich

#3 | Julian hat da wohl Recht. Auf diese Verbindung wäre ich von alleine gar nicht gekommen als jemand, der da durchaus um Sensibilität bemüht ist.

@ #6 | fhfdskj

Aber bei Schwarzfahren denkt doch keiner (?) an Farbige so wie bei “schwarzen Mann”, oder?

@ #7 | Bebbi

Die Assoziation zwischen “Schwarzfahrer” und “Schwarzer” geschieht UNBEWUSST (weil einfach in beiden Wörtern das Wort “schwarz” vorkommt). Deswegen geschieht das auch unabhängig davon, ob jemand BEWUSST sensibel mit dem Thema Rassismus umgeht oder nicht. Somit ist man auch nicht Rassist, nur weil einem diese mögliche Assoziation auffällt.

Passend dazu:

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.diskriminierung-ist-schwarzfahren-rassistisch.aec794c2-fc1e-442f-bae1-d98461ccfe89.html

Ist “Schwarzfahren” rassistisch?

Dass man Cola-Weizen bestellt und keinen „Neger“, ist inzwischen Standard. Auch der Begriff „Schokoküsse“ hat sich für die früheren „Mohrenköpfe“ weitgehend durchgesetzt.

Jetzt startet der Linken-Stadtrat Orhan Akman einen weiteren Vorschlag zur Befreiung der Sprache von rassistischen Begriffen. Konkret stört er sich am Wort: „Schwarzfahrer“. Über die Ticketsünder war gerade viel geschrieben und geredet worden. Weil der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen härtere Strafen für sie fordert (AZ berichtete). Das hat Stadtrat Akman jetzt zum Anlass für einen Antrag genommen. Und darin fordert er unter anderem: Die Münchner Verkehrsgesellschaft soll dem Stadtrat darstellen, wie sie das Wort „Schwarzfahrer“ in den U-Bahnen, Trambahnen und Bussen „durch einen anderen Begriff, der nicht-rassistisch ist, ersetzen kann“.

Man sollte auch den Rest beachten des Artikels

Als Christiane Wanzeck, Linguistin an der Ludwig-Maximilians-Universität, von dem Vorstoß des Stadtrats hört, sagt sie: „Das ist jemand, der keinen Sprachverstand hat!“ Mit der Hautfarbe habe der Begriff Schwarzarbeiter rein gar nichts zu tun. So wie ein blinder Passagier nichts mit Blinden zu tun habe. Vielmehr stehe „schwarz“ in dem Fall für illegal. Für etwas, das im Dunkeln, im Verborgenen passiert. Schon vor Jahrhunderten seien solche Kombinationen aus Farbadjektiven und Hauptwörtern weit verbreitet gewesen. Dass „Schwarzfahrer“ ein rassistischer Ausdruck sein soll, hält sie für „sprachlich null haltbar und an den Haaren herbeigezogen“. Eric Fuß von der Universität Leipzig erklärt, dass der Begriff nach weit verbreiteter Auffassung auf den jiddischen Ausdruck „shvarts“ für „Armut“ zurückgeht. „Schwarzfahrer sind demnach diejenigen, die sich kein Ticket leisten können.“ Um bei bunten Formulierungen zu bleiben: Die Sprachwissenschaftler geben grünes Licht, der Begriff sei unbedenklich.

“Schwarzarbeiten”, “Schwarzärgern”, “Schwarze Zahlen”, “Schwarzbier”, bla-bla-bla.

Man kann hier jetzt 100 Links und 20 Dissertationen posten, warum “schwarzfahren” nichts mit Rassismus und Hautfarbe zu tun. Wahrscheinlich stimmt das auch, aber mir kann doch keiner erzählen, dass es Zufall ist, dass genau in dem Moment, wo von schwarzfahren die Rede ist, jemand mit schwarzer Hautfarbe ins Bild kommt. Da wollen die Autoren entweder (un)witzig sein oder sind einfach nur bescheuert, weil ihnen das nicht aufgefallen ist

In Essen wird in den Bussen auch vorne eingestiegen, hat schon Jemand Auskunft über die Effektivität erhalten?

Nehmen wir an, dass 1 von 100 Einwohnern eine dunkle Hautfarbe hat. Wenn es 100 Beiträge zum Thema “Erschleichung einer Beförderungsleistung” gibt in dem jeweils 3 einsteigende Fahrgäste gezeigt werden, würden also insgesamt 300 Personen gezeigt und wenn es repräsentativ sein soll, müssten 3 eine dunkle Hautfarbe haben. Würden aber gar keine Mitbürger mit einer dunklen Hautfarbe gezeigt, wäre das schlussendlich diskriminierend. Wer sagt mir dann, ob ich nicht gerade einen der 3 Beiträge habe, in denen einer der drei Fahrgäste eine dunkle Hauptfarbe hat, gesehen habe?

Wer so argumentiert wie hier manche, macht es sich zu einfach und führte neue Diskriminierungen ein und gibt sich dabei auch noch als gegen Diskrimierungen einsetzend aus. Das wiederum ist das doch arg selbstgerecht.

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