Graffiti ohne Grenzen?

Farbschmierereien in Waltrop sorgen aktuell für Diskussionen. Foto(s): Robin Patzwaldt
Diese Farbschmierereien auf dem ‘Kreuzweg’ sorgen aktuell für Diskussionen. Foto(s): Robin Patzwaldt

Mal wieder eine spannende Debatte direkt vor der eigenen Haustür. Die Stadt in der ich lebe, Waltrop im Kreis Recklinghausen, entwickelt sich seit Jahren inzwischen schon zu einer Art Hochburg für Graffiti und andere scheinbar gerade moderne Arten der Sachbeschädigung.
Der schleichende Prozess ist eigentlich für alle Bürger mit bloßem Auge leicht zu beobachten und beschleunigt bzw. verstärkt sich in letzter Zeit zudem noch deutlich.

Das mag unter anderem auch an der Tatsache liegen, dass die örtliche Polizeiwache nur noch stundenweise besetzt ist, nachts komplett verwaist ist.
Speziell auch an den Wochenenden sind (warum auch immer) in letzter Zeit häufig frisch umgeknickte bzw. herausgerissene Verkehrsschilder, frisch zerstörte Blumenkübelbepflanzungen, mit roher Gewalt abgeknickte Bäume, aber eben auch regelmäßig neue Graffiti und Aufkleber im gesamten Stadtgebiet zu verzeichnen.
Die Schriftzüge der Graffiti zeugen dabei von durchaus unterschiedlichen Urhebern. Teils offenkundig politisch motiviert, teils aber auch offenkundig den Fanlagern von BVB und S04 zuzurechnen, oder eben Mitmenschen auf einem merkwürdig gearteten ‚Egotrip‘, die nur ihren Schriftzug möglichst hundertfach im Stadtgebiet vorfinden möchten. Alle Formen sind irgendwo vertreten.

 

Das ist für viele Bürger, egal aus welcher Motivation heraus sie auch entstanden sein mögen, natürlich ein großes Ärgernis, sorgt aber trotz allem doch eher selten für großen öffentlichen Wirbel. Auch der örtliche Handel ist davon stark betroffen, wie ein Spaziergang durch die Fußgängerzone sofort offenbart. Die Schäden werden dann in der Regel alle paar Wochen mal wieder zähneknirschend aber stillschweigend beseitigt. Zumindest so gut es geht.
So ist das halt und auch an anderen Orten hier im Revier, ja wohl sogar im ganzen Lande grundsätzlich nicht wesentlich anders.
Einen neuen, durchaus diskutablen Aspekt des Ganzen, hat nun allerdings eine spezielle Sprüh-Aktion am letzten Wochenende entfacht. Diesmal betroffen, neben einem Schulgebäude, einem alten Pumpenhäuschen am örtlichen alten Zechenteich, eben auch ein kirchlicher Kreuzweg, ganz in der Nähe der Waltroper Zechenhalde. Und eben hier scheint für viele Zeitgenossen nun offenbar noch einmal eine Grenze überschritten worden zu sein.

 

Plötzlich greift die Lokalzeitung die jüngsten Geschehnisse voller Verwunderung und Empörung groß auf, werden Betroffene wutschnaubend und drohend zitiert und den unbekannten Tätern mit harter Strafverfolgung gedroht. Offenbar ist es in den Augen vieler wesentlich schändlicher ein Kreuz am Wegesrand auf einer Zechenhalde zu beschmieren als ein Kirchengebäude in der Innenstadt, ein paar Geschäfts- oder Privathäuser.

In der Innenstadt.
In der Innenstadt.

Sogar das Strafgesetzbuch wird mit Paragraf 304 ausführlich ins Spiel mit der Öffentlichkeit gebracht, von einer ‚gemeinschädlichen Sachbeschädigung‘ ist im Zusammenhang mit dem Kreuzweg die Rede. Dieser bezieht sich zum Beispiel auf die Beschädigung oder Zerstörung von Grab- oder Denkmälern, oder Gegenständen der Kunst. Die ‚normale Sachbeschädigung‘ wird hingegen in Paragraf 303 geregelt.

 

Ob das die Verursacher aber nun beeindrucken wird? Ob sie die Debatte überhaupt jucken wird? Und ob es den örtlichen Hausbesitzern und Geschäftsbetreibern tatsächlich auch weniger ‚schlimm‘ vorkommt, wenn zum Teil wiederholt ihr privates Eigentum verunstaltet bzw. beschädigt wird?

 

So hat zum Beispiel die örtliche Woolworth inzwischen offenbar ein professionelles Malerteam im Einsatz, welches die in regelässigen Abständen am Geschäftsgebäude durchgeführten Farbattacken wieder befreit. Zumindest für ein paar Tage. Allerdings geschieht das dort eben mehr oder weniger stillschweigend.

Direkt an der St. Peter Kirche.
Direkt an der St. Peter Kirche sieht es seit Jahren so aus.

 

Ob der aktuelle öffentliche ‚Aufschrei‘ aus dem Umfeld der Kirche die vermutlich jugendlichen Sprayer jedoch nun wirklich einschüchtert bzw. ängstigt, ihnen die Lust an ihren Taten nehmen kann, oder nicht doch eher zusätzlich motiviert? Das bleibt zunächst erst einmal noch abzuwarten.

 

Unverhältnismäßig erscheint mir der plötzliche öffentliche Aufschrei vor dem Hintergrund der seit Jahren schon zunehmenden Farbschmierereien im gesamten Stadtgebiet jedenfalls allemal…

An der Zechenhalde findet man unterschiedlichste Graffitis.
Auch an der Zechenhalde findet man inzwischen viele sehr unterschiedliche Graffitis.

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15 Kommentare

“Die Stadt in der ich lebe, Waltrop im Kreis Recklinghausen, entwickelt sich seit Jahren inzwischen schon zu einer Art Hochburg für Graffitis”

Ähm… nein.

@Manuel: Alles ist bekanntlich relativ. Aber mir (und vielen anderen) ist das inzwischen wahrlich Hochburg genug. 😉

Was ist eigentlich aus dem angekündigten Projekt des Schalkefans geworden, der vor etwa 1 Jahr aus einem Blumenbeet alle gelben Blumen herausreißen und mit Krokussen bepflanzen wollte, die später Blau-Weiß blühen sollten, damit die “Zecken”, wie er schrieb sich im Frühjahr ärgern würden?

@Helmut: Echt gutes Erinnerungsvermögen! 🙂 War eine ‘leere Drohung’ eines mir unbekannten Lesers hier im Kommentarbereich damals. Die Blumen wurden am Ende, wie alle Waltroper Saisonblumen in den Kübeln der Fußgängerzone übrigens, weitestgehend ein Opfer des normalen ‘Alterungsprozesses’ und sind inzwischen fast alle verfault. 😉 😀

Robin, “echt Sch……”.

Mein Bedauern gilt vor allem dem Künstler Paul Reding -Waltrop-, der die “Stahlskulpuren”geschaffen -Weg vom Fuß der Halde -gegenüber Manufactum – zur Ausscihtsplattform -geschaffen vom Künstler Jan Bormann,Cas-R.

Was kann “man” tun? Wohl nichts außer “Frust schieben” oder?

#1 Manuel

Der kleine Bildungsbürger möchte Dich gern darauf hinweisen, daß Robin Patzwald offensichtlich besser weiß, wie der Plural von ‘graffito’ lautet …

@ discipulussenecae: Um ehrlich zu sein haben wir das hier vorhin intern auch schon kurz diskutiert. Ich selber hatte es zuerst anders geschrieben, dann direkt nach der Freischaltung aber geändert, nur um dann festzustellen, dass man offenbar Graffiti und Graffitis schreiben darf. Aber sei es drum 😉

Wie auch immer man es richtig schreibt, es sieht auf jeden Fall richtig scheiße aus. 🙁

Um von einer Graffiti-Hochburg zu reden, sind die Graffiti in Waltrop einfach zu schlecht. Die Zahl derer, die sich im Betätigen von Farbspraydosen üben, ist in Waltrop aber sicherlich sehr hoch…

Dagegen machen kann man erstmal nichts. Man kann ja nicht alle Orte rund um die Uhr bewachen. Und selbst wenn, die Kosten dafür wären höher als der Schaden durch Graffiti.

Vielleicht helfen legale Sprayflächen, so wie öffentliche Mülleimer i.d.R. dafür sorgen, dass weniger Müll auf der Straße liegt

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