Gewalt gegen Essener Feuerwehrmann ist nur die Spitze des Eisbergs

Helfer im Einsatz. Quelle: Wikipedia; Foto: Sylvain Pedneault; Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Helfer im Einsatz. Quelle: Wikipedia; Foto: Sylvain Pedneault; Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die Aufregung ist aktuell groß in Essen. Da war ein Feuerwehrmann bei Ausübung seiner Tätigkeit schwer verletzt worden, weil ihm ein Feuerwerkskörper im Gesicht explodierte. Und offenbar hatte der Werfer den 40-Jährigen dabei absichtlich unter Beschuss genommen.

Essens Ordnungsdezernent Christian Kromberg sprach nach der Böller-Attacke auf einen Essener Feuerwehrmann in der Silvesternacht jedenfalls gegenüber der WAZ von einer „absichtlichen Form der Körperverletzung“.

Aufregung und Kritik sind hier in diesem Falle natürlich grundsätzlich völlig unstrittig und auch verständlich. Es ist natürlich tatsächlich ein Wahnsinn, wenn andere Bürger, zumal auch noch ausgerechnet freiwillige Helfer, von scheinbar `unreifen Krawallbrüdern‘ mit Feuerwerkskörpern mutwillig und direkt attackiert werden.

Doch wer sich bei all der aktuellen Aufregung einmal ein paar Minuten Zeit nimmt die Gesellschaft auf ähnliche Vorgänge hin zu hinterfragen, der merkt rasch, dass solche Taten inzwischen gar nicht mehr so ungewöhnlich sind, wie man zunächst meinen könnte.

Natürlich bleibt der Essener Fall eine extrem unsinnige und verwerfliche Tat, doch eine Entwicklung hin zu mehr Egoismus, sogar zu asozialem Verhalten, die kann man in vielen Bereichen beobachten, wenn man denn will.

So gesehen ist die aktuelle Aufregung, auch vom Essener Ordnungsdezernenten, doch vielleicht etwas zu naiv, wenn er nun sogar mit dem Abrücken der Feuerwehr bei ähnlichen Vorkomnissen in der Zukunft droht und um die Mithilfe der Bürger bittet.

Abgesehen davon, möchte ich mal erleben was passiert, wenn z.B. ein benachbartes Haus gleich mit abbrennt, weil die Feuerwehr sich aufgrund solcher Vorkomnisse zukünftig wirklich einmal komplett zurückgezogen haben sollte. Den darauf folgenden Ärger kann man sich ja vorstellen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Worauf ich heute hier hinaus will, das ist die Tatsache, dass es in den letzten Jahren deutlich sichtbare Tendenzen in diesem Lande, in dieser Region gibt, die die Basis für dieses komplett irre unter Beschuss nehmen von Feuerwehrleuten vorrausgeht, der alltägliche Wahnsinn, an den viele sich offenbar entweder schon gewöhnt haben, oder der weite Teile der Gesellschaft schon gar nicht mehr zu interessieren scheint.

Hierzu reicht es in der Regel ja schon, wenn man sich die Geschehnisse vor der eigenen Haustür einmal näher betrachtet.

Wer, wie ich, einmal in der Nähe einer Schule gewohnt hat, der hat ähnliche Erfahrungen sicher auch machen dürfen. Über Jahre hinweg habe ich dort z.B. Schüler beobachtet, welche auf dem Weg zur Schule gezielt mit Kieselsteinen auf Häuser und Autos am Wegesrand geworfen haben, ich habe gesehen wie Verkehrsschilder und Grünpflanzen am Straßenrand abgebrochen bzw. herausgerissen wurden, wie Flaschen absichtlich zerworfen wurden um Scherben auf Geh- und Radwegen zu produzieren.

An den Wochenenden ist auf dem Weg in die örtliche Innenstadt häufig ganz ähnliches zu beobachten. Um Silvester herum wurde hier am Ort ein geparkter Motorroller absichtlich abgefackelt, zwei Telefonzellen im Nachbarort regelrecht gesprengt. Diverse Anwohner beklagten zudem einen durch Böller demolierten Briefkasten an ihrem Haus bzw. Ihrer Wohnung.

So twitterte u.a. auch Jens Matheuszik vom `Pottblog‘ Anfang des Jahres, als er auf dem Weg zur Arbeit durch die Stadt Datteln fuhr, er habe aktuell den Eindruck er befände sich in einer Art Krisengebiet, so viel Vandalismus sah er dort in Form von umgeknickten Verkehrsschildern und einer offenbar ebenfalls mutwillig beschädigten Ampel.

Alles für sich betrachtet sicherlich relativer ‚Kleinkram`. Doch vom vermehrten, absichtlichen Zerstören von privaten und öffentlichen Gegenständen und Eigentum bis zum Bewerfen eines Feuerwehrmannes mit Knallkörpern ist es dann ja auch gar nicht mehr ganz so weit…

Wenn man in Essen also nun völlig zu recht entsetzt ist ob der aufgetretenen völlig sinnlosen Gewalt und scheinbar überraschenden Missachtung von anderen Personen, sogar von freiwilligen Helfern, dann sollte man bei dieser Gelegenheit vielleicht auch einmal über die dazugehörige grundsätzliche Entwicklung in unserer Gesellschaft nachdenken.

Die Jagd auf diesen zweifelsohne verabscheuungswürdigen Einzeltäter greift da in der Sache meiner Meinung nach zu kurz. Hier kommen scheinbar bereits viele Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung bei einigen zusammen. Selbst wenn man diesen Einzeltäter tatsächlich dingfest machen können sollte, das grundsätzliche Problem bliebe uns erhalten.

Gefragt ist inzwischen also wohl nicht nur die Ermittlung einiger Einzeltäter, sondern auch eine grundsätzlich andere Erziehung, ein anderer, respektvollerer Umgang mit den Mitmenschen und auch mit deren Eigentum..

Würde man den Hebel  zukünftig bereits vermehrt hier ansetzen, dann hätte man bald sicherlich auch wieder wesentlich mehr freiwillige, ehrenamtliche Helfer in unserer Gesellschaft und gleichzeitig auch wesentlich weniger Schäden durch Vandalismus…

18 Kommentare

Die städtische Gemeinschaft zieht sich in ihr Haus zurück und schaut schnell weg, wenn etwas passiert.

Es ist Angst vor den Tätern, Hilflosigkeit, evtl. sogar Angst vor juristischen Konsequenzen (was passiert, wenn ich etwas falsch mache?).

Das kann sich nur ändern, wenn Menschen, die sich für das Einhalten von normalen Höflichkeitsnormen und für eine Gemeinschaft einsetzen auch unterstützt werden. Wenn Personen sich hier einsetzen, gibt es ja auch schnell Beschimpfungen.

Hier muss jeder bei sich selber anfangen.

Früher hat der Nachbar die Kinder miterzogen und der Lehrer wurde im Regelfall nicht direkt mit einer Klageandrohung vom Ausüben des Jobs abgehalten.

Was sollen hier gesonderte Straftatbestände etc. nutzen, wenn Feuerwerkattacken selbst im abgeschirmten Bereich eines Fußballstadions etc. angeblich nicht verfolgt werden können.

Dei Gesellschaft, und das sind wir alle, muss aktiv werden. Dies gilt insbesondere bei Rettungseinsätzen.

@2:Bitte erklären.
Setzt das Rauchverbot Menschen unter Entzug, die dann gewaltätig werden?

Mein Eindruck ist eigentlich, dass wir in einer freundlichen, hilfsbereiten Umgebung wohnen. Das unterscheidet das Ruhrgebiet von anderen Städten wie z.B. Berlin.

@Frank: Ich kann mir schon denken auf was die Bemerkung abzielen soll, aber was bitte hat z.B. die Erziehung von Kindern und Jugendlichen, wieder hin zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit anderen Menschen und deren Eigentum in diesem Zusammenhang hier mit konkreter Parteipolitik zu tun?
Wollen denn nicht am Ende fast alle Menschen eine Gesellschaft in der die Menschen respektvoll und tolerant miteinander umgehen? Und darum ging es doch hier, nicht um `Volkserziehung` o.ä..

@ TuxDerPinguin: Dem stimme ich zu. Grundsätzlich erscheinen auch mir die Menschen hier im Ruhrgebiet noch toleranter und offener als in anderen Regionen der Republik. Aber an dem von mir beschriebenen Problem ändert das, meiner Meinung nach, nichts. In den letzten Jahren schwindet bei vielen Leuten einfach der Respekt vor den Mitmenschen und auch vor deren Eigentum. Und das eben auch hier im Revier.

Im Prinzip ist an der negativen Bewertung solcher Verhaltensweisen ja alles richtig, aber:

1. Ich glaube nicht, dass so etwas heutzutage wesentlich öfter vorkommt als früher. Gewalttaten gehen ja zB erkennbar zurück. Über die Gewalt von “Halbstarken” dagegen wurde ja schon in den 50ern geklagt (um nicht bis in die Antike zurückzugehen).

2. Ich denke, Respekt vor den Institutionen der Gesellschaft (und den für sie arbeitenden Personen) und dem Eigentum anderer und der Gesellschaft hat viel damit zu tun, wie stark sich tatsächlich alle als Teil der Gesellschaft fühlen können und als wie gerecht die Eigentumsverteilung empfunden wird. Wenn sich ein Teil der Leute, insbesondere ein Teil der Jugend, völlig zu Recht als abgehängt empfindet, kann das nicht nur mit “Erziehung” gelöst werden.

3. Außerdem halte ich zumindest die materiellen Schäden, die durch Vandalismus verursacht werden, für Peanuts im Vergleich zu den Schäden, die durch Wirtschaftskriminalität etc. verursacht werden. Auch wenn natürlich das eine nicht das andere rechtfertigt, aber in die richtigen Maßstäbe sollte es schon gesetzt werden. Die wesentlichen Schäden am gesellschaftlichen Eigentum kommen von oben, nicht von unten.

Wir hier in den Kommentaren überinterpretiert? Vermutlich ja.

Es werden Grenzen getestet und man merkt, dass man sie immer weiter ausdehnen kann. D.h. das eigene egoistische Verhalten (Verkehr, Müllwegwerfen bis zur Gewalt) hat keine Konsequenzen.

Den Beitrag #2 hatte ich jetzt eher auf die Erziehungsideale bezogen.

Ich glaube auch, dass es ein Problem ist, dass man insbesondere Jugendliche immer wieder auf eine angebliche Benachteiligung hinweist, anstatt sie einfach zu fordern.

Noch nie gab es so viele Chancen wie jetzt. Wir haben günstige Flüge um den Erdball, Internet mit vielen Bildungsmöglichkeiten etc. Was hätten vorherige Generationen gegeben, um solche Chancen zu bekommen?

Man kann sie als sog. “Benachteiligter” natürlich auch beim Abhängen vorbeiziehen lassen.

@Paule T.
Jetzt halte Dich fest!
Alle drei Deiner Punkte finden meine volle Zustimmung! Was ist los?

@Paule T.: Zu 3.: Mag ja so sein. Es spricht aber doch auch gar nichts dagegen die Schäden durch beides zukünftig deutlich minimieren zu wollen. 🙂

Im Mittelalter wurden Brandstifter, aber auch Mitmenschen, die die Lösch- und Bergearbeiten während eines Brandes mutwillig behinderten, gleichartig als tiefster Abschaum, weit unter dem Sozialrang eines Mörders empfunden und bekanntermaßen nicht selten sofort vom wütenden Mob gelyncht.

Die Urangst des Menschen vor Feuer und dessen zerstörerischer Kraft hat sich heutzutage nicht allzusehr verringert, also sind die hochschlagenden Emotionen bei solchen Feuerwehrberichten nachvollziehbar. Übrigens auch direkt für mich, der vor 15 Jahren eine Brandserie von Sperrmüll, Mülltonnen und Autoreifen in seiner Straße u.A. auch an seinem frisch erworbenen HausundGut erlebte und der vorher in seinem Leben keine derartige Hass- und Wutsolidarität unter den Nachbarn gekannt hatte, wie sie sich durch diese Brände bildete. Der Täter lebte übrigens in der gleichen Straße und wurde nach Verurteilung und Haft später in einem anderen Stadtteil rückfällig.

Der Grund, warum solche Meldungen evt. mehr Aufmerksamkeit bekommen wie div. Vandalismus-News, sollte damit klar sein. Und es gibt darüber hinaus auch keinen Grund, bei *allen* derartigen Meldungen irgendetwas zu relativieren oder zu verharmlosen, bloß weil man seine eigenen Erfahrungen nicht stark genug berücksichtigt glaubt.

Paule T. hat Recht! insbesondere der zweite Punkt muss, wenn es um die “Lösung” dieser Probleme geht, Berücksichtigung finden.

tatsächlich frage ich mich, wie naiv man bitte sein kann, von Jugendlichen ohne Perspektive irgendetwas zu erwarten

@#5: Also hat der Drängler auf der Autobahn mit seinem Porsche, der keinen Respekt vor dem Tempo-Limit und anderen Autofahrern hat, also haben die wohl situierten Jugendlichen, die im Kino während des Films mit ihren Smartphones rumspielen, quatschen und alle anderen nerven, also hat die junge Frau in der U-Bahn, die nicht für eine alte Frau aufstehen will, alle ein Problem mit der Wohlstandsverteilung? Ähm, nein. Abnehmender Respekt in allen Bereichen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und nicht eines der sozial benachteiligten Unterschicht.

Robin, ich nehme keine Verschlechterung des gesellschaftlichen Zusammenhalts o.ä. War.
Ich glaube eher durch mediale Berichterstattung wirkt es schlimmer, obwohl es nicht schlimmer wird

@#3 Tux:
@#4 Robin:
Nein, hat mit Entzugserscheinungen nichts zu tun. Sondern mit der politischen Botschaft, vor staatlichen Kräften (Lehrern, Polizisten und nun sogar Rettungskräften) keinen Respekt mehr haben zu müssen.
In manchen Bezirken oder Stadtteilen etabliert sich aber auch ein Cosa-Nostra-Prinzip, das Polizisten und Rettungskräften mit Steinen bewirft.
Wo Grüne mitregierten, haben sie so etwas verharmlost und laufen lassen. Und die SPD-Linke appelliert bei so etwas oft nur an unsere “Toleranz”..

@#5 Paule:
Trotz Dementi liest sich Ihr Beitrag wie eine Rechtfertigung Schuld sind die “Verhältnisse”? Wenden Sie Ihre Erklärungen und Vergleiche auch bei rechter Gewalt an?

@#6: KE
Sehe ich auch so. Nicht den Tätern werden Grenzen gesetzt, sondern von uns wird Toleranz erwartet.

Es geht hier um Grundlagen im sozialen Verhalten (“Ultra-Light-Erziehung).

Wenn so ein Verhalten nicht erwartet werden kann, weil irgendwo ein Sack Reis umfällt, muss man sich nicht wundern, dass das Ruhrgebiet und ähnliche Regionen immer weiter abgehängt werden.

Unsere Rettungskräfte verdienen hier jede Unterstützung. Wie will man denn sonst freiwillige Helfer motivieren, die Silvester bspw. eben nicht als Betrunkene am Straßenrand stehen.

Was mich an deinen eigenen Erfahrungen interessieren würde, wäre übrigens ob du dann eingeschritten bist, als die Leute sich ihrem Vandalismus in deinem Beisein gesuhlt haben? Weil sonst empfinde ich das Meckern darüber als ziemlich heuchlerisch.

@Friddi: Natürlich habe ich, haben auch Nachbarn, wiederholt die Leute direkt darauf angesprochen, wenn man die Aktionen den direkt beobachtet hat. Wer lässt z.B. schon gerne und unkommentiert gezielt Kieselsteine auf sein eigenes Haus bzw. seine Wohnung werfen, wenn er das sieht? Gebracht hat das direkte Ansprechen allerdings herzlich wenig. Meiner Nachbarin wurde daraufhin sogar direkt gedroht. Danach war die ältere Dame dann lieber still und hat eher ängstlich aus dem Fenster geguckt, in der Hoffnung, dass ihre Scheibe(n) doch bitteschön auch in Zukunft verschont bleiben würden.

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