Gänsefüßchen-Affäre: Scheiß auf den Doktor!

Auf einen Doktortitel mehr oder weniger kommt es nicht an. „Scheiß auf den Doktor“, rät deshalb die Bildzeitung … und liegt damit – diesmal, ausnahmsweise – ziemlich daneben.

Nein, es kommt nicht auf einen Doktortitel mehr oder weniger an. Selbstverständlich nicht. Auf wen die magischen zwei Buchstaben so ähnlich wirken wie ein Adelstitel, der macht sich auch etwas aus Adelstiteln. Der wird nicht imstande sein zu erkennen, wie wenig edel so mancher Blaublüter agiert geschweige denn, wie viele mit akademischen Graden ausgestattete Flachköpfe mit Wort und Tat die Gegend verunsichern. Da jedoch unverkennbar auch noch das 21. Jahrhundert übervölkert ist mit Leuten, denen ein Herr Doktor allein durch seine Präsenz Minderwertigkeitsgefühle bereiten kann, und die vor einem Herrn Baron beinah vor Ehrfurcht erstarren, gleichzeitig aber dieselben Leute mit dem in modernen Demokratien üblichen Wahlrecht ausgestattet sind, sind diese Kindereien ganz so belanglos dann eben doch nicht. 

Davon abgesehen ist die politische Relevanz des Umstands, dass Guttenberg bei seiner Dissertation gepfuscht hatte, gleich Null. Afghanistankrieg, Bundeswehrreform, Skandale um zweifelhafte Männlichkeitsrituale in der Truppe – das wären eigentlich die Themen, die eine demokratische Öffentlichkeit zu beschäftigen hätten. Fairerweise muss erwähnt werden, dass diese politischen Fragen ja auch tatsächlich medial erörtert wurden und werden. Offensichtlich nicht annähernd mit der Leidenschaft, mit der Guttenbergs Schummelei gegenwärtig durchgekaut wird. Politisch an und für sich  vollkommen irrelevant; doch es lässt sich einfach nicht davon absehen, dass auch heute (noch?) die angeführte „demokratische Öffentlichkeit“ gegen die dominierenden Elemente vordemokratischen Bewusstseins wenig ausrichten kann. 

Wäre es anders, wie viele Leute würden sich einer solch strapaziösen Prozedur eines Promotionsverfahrens ohne Not unterziehen? Wie hoch wäre im Falle einer „demokratische Öffentlichkeit“, die sich auf politisch relevante Vorgänge konzentriert, die Auflage der Bildzeitung, wie viele Visits hätten dann – nur mal so als ein Beispiel – die Ruhrbarone? Warum interessieren selbst wir uns für die Glaubwürdigkeit eines Politikers, gerade so, als wenn es in einer Demokratie darauf ankäme, einem Politiker irgendetwas zu glauben? Ein offenkundig vordemokratisches Bewusstseinselement. In einer Demokratie – so sollte man meinen – tritt ein Politiker / eine Politikerin / eine Partei vor der Wahl mit einem Programm an, um dann nach der Wahl regelmäßig Rechenschaft abzulegen, sprich: sich demokratisch kontrollieren zu lassen. 

Wir glauben gar nichts; wir kontrollieren. Glaubwürdigkeit unterstellt – aus nachvollziehbaren Gründen -, dass Politiker bescheißen. Der nachvollziehbare Grund: es sind hinreichend Leute vorhanden, die sich bescheißen lassen. Ich bin darüber hinaus fest davon überzeugt, dass eine überaus große Zahl der Wähler sich bescheißen lassen will. Dies ist jedoch in der aktuellen Gänsefüßchen-Affäre nicht der springende Punkt. Und selbst wenn: der Beschiss sollte nicht so offensichtlich zutage treten, dass es selbst den romantischsten Zeitgenossen schwer fällt, sich weiterhin selbst zu bescheißen. Man will es lieber nicht so genau wissen. Und wer versteht schon etwas von den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens – in einem Land, in dem es kein Privileg der Boulevardpresse ist, den Lesern erklären zu müssen, was eine Dissertation ist? 

Insofern wohnt, wie die Frankfurter Rundschau (FR) kommentiert, dem jetzigen Schlamassel für Guttenberg eine „tiefere Gerechtigkeit“ inne. Oder sagen wir besser, weil Gerechtigkeit ein ebenso abgründiger Begriff ist wie Glaubwürdigkeit, so dass man gar nicht wissen möchte, was wohl eine tiefere Gerechtigkeit sein könnte: der ganze Schlamassel kommt nicht von ungefähr. „Es war Guttenberg, der diesen Weg der apolitischen Selbstvermarktung – man könnte auch sagen: der Trivialisierung von Politik – betrat. Genau das fällt jetzt auf ihn zurück.“ (FR – nichts mehr ohne Quellenangabe!). 

Und weil das so ist, hilft auch der Hinweis, seine Doktorarbeit sei doch völlig schnurze, kein Stück weiter. Da kann dieser Franz Josef Wagner in der Bildzeitung flehen, so laut er will: „Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor“. Es nützt nichts. Natürlich kann man auf den Doktor scheißen; das denkt sich auch der beknackteste Bildzeitungsleser. Aber man darf nicht bescheißen. Das machen zwar alle anderen Politiker ohne Unterlass, denkt sich der Bildzeitungsleser. Alle anderen Politiker außer Guttenberg. Der Guttenberg, der eben nicht. Genau der, das war einer mit Glaubwürdigkeit – plus Adelstitel, plus Doktortitel, hübsche Frau, süße Kinder. Und ausgerechnet der hat „seine“ Universität beschissen, alle diese hohen Herren, Damen und Herren – nur Professoren!

Die Verteidigungslinie „Scheiß auf den Doktor“ ist also völlig daneben gebaut. Thema verfehlt, setzen, sechs. Auch das Gequater von einem “politisch motivierten Angriff von ganz Linksaußen” (CSU-Friedrich) wird nicht viel helfen – jetzt, wo die Frankfurter Allgemeine und die Neue Zürcher an der Spitze der Bewegung stehen. Auch die Mahnung um Besonnenheit, man möge doch erst einmal die Untersuchungsergebnisse abwarten, sind nichts als Tinnef: die Belege sind eindeutig, mannigfaltig, und … sie stehen im Internet. Obwohl: genau das ist es! Untersuchungsergebnisse abwarten. Na klar! Für Guttenberg wird alles davon abhängen, ob er sich „nur“ eine Rüge einfängt oder ob ihm der Doktortitel aberkannt wird. Das ist die Frage aller Fragen. 

Bleibt es bei einer Rüge, hat Merkel immerhin 2013 Ruhe vor ihm. Ist der Doktortitel futsch, haben wir alle Ruhe vor ihm. Für immer.

26 Kommentare

Lustige Idee, die Diskussion über die Untersuchungsergebnisse abwürgen zu wollen, indem man sagt man solle doch erst mal die Untersuchungsergebnisse abwarten… 😉

Manch eine versteht politische Zusammenhänge nicht.
Das kann Desinteresse an solchen Fragestellungen sein, aber auch defizitäre Vorbildung.
Solche Personen kommen aber dennoch immer zu einer Grundüberzeugung.
Und die kommt daher, daß man die Meinung, die von einer Person des Vertrauens verkündet wird, übernimmt.
Also vom Gefühl her.
Guttenberg war solch eine Person, die es verstand, vertrauensvoll zu wirken.
Das war seine Stärke.
Und genau das wird sich jetzt ändern. Wer sich bisher seinen Ansichten vertrat hat, wird sich zwangsläufig umorientieren müssen.
Weil das aber für seine Partei ein Verlustfaktor ist,wird ein Guttenberg, der nur noch wenig Glaubwürdigkeit verkörpert, zum politischem Risikofaktor für seine Partei. Und weil jeder erfolgreiche Politiker ein paar Feinde unter den eigenen Leuten hat, werden jetzt schon ein paar “Freunde” das Messer wetzen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Kompromiss lautet: Titel freiwillig zurückgeben, trotzdem weiter im Amt. Quasi als Jugendsünde.

Das passt allen: Merkel ist ihren größten potenziellen Aus-Dem-Amt-Dränger los, und die Opposition freut sich über einen angeschlagenen Gegner (besser als wenn der ganz weg ist).

Aber eigentlich ist mir das ganze völlig egal. Die Kommission entscheidet was und das war’s dann.

Bei solchen Beweisen ist der Lack beschädigt, ob er seinen Titel behält oder nicht.
Für die Öffentlichkeit (abgesehen vielleicht in Bayern, wo die Welt noch in Ordnung ist) ist er ihn schon los.

Auf der Ebene gilt:

“Pack schägt sich, Pack verträgt sich.”

Interessant wäre auch, mal zu hinterleuchten, wie Minsterin Kristina Schröder neben ihrem Bundestagsmandat ihren Doktortitel erreicht hat. Das geht eigentlich nicht, wg. der Arbeitsbelastung, mal so eben nebenbei.

Weiss jeder. der studiiert hat, dass eine Doktorarbeit ein Vollzeitjob ist, aber wundersamerweise haben diese Leute alle ihre Dr. Titel.

Lauter Dr. Titel in der Regierung, doch wie wurden sie erworben?

“Fragen über Fragen” formulierte einst Bertolt Brecht.

Da muss man doch die Frage stellen, müssen manche sich ihre Dr. Titel mühsam erarbeiten und andere aus dem Politikzirkus bekommen sie quasi nachgeworfen?

Da lohnt es sich, mal die Dissertation von Ex-Kanzler Helmut Kohl zu lesen, um dieses korrupte System zu verstehen.

http://www.sprache-werner.info/Dissertation-von-Helmut-Kohl.11895.html

Als ich studierte hatten wir noch kein Internet, aber sie war in der Bibliothek der Uni Köln für jeden zu erhalten, wie alle Doktorarbeiten. Keiner von uns Studierenden hätte seinerzeit, Anfang der achtziger, mit so einem Pamphletchen jemals einen Doktortitel bekommen.

Kohl merwürdigerweise schon.

Mich wundert bei dieser Regierung gar nichts mehr!

Da muss ich widersprechen:
Wenn man sich viel mit dem Thema Urheberrecht befasst und sich über die meist aus der konservativen Ecke kommenden z.T. völlig überzeugten Forderungen nach Strafverschärfungen usw. ärgert, dann ist durchaus interessant, dass die prominenten Vertreter dieser Parteien es mit eben diesem Recht nicht ganz so genau nehmen.
Das ist für zukünftige Diskussionen durchaus nützlich …

@Flusskiesel: In der Tat!

Die Konservativen haben auf jeden Fall noch ein Problem: Den Widerspruch zwischen dem konservativem Standesdünkel und dem aktuellen Fall Guttenberg. Entweder können sie ihre Titelgläubigkeit begraben oder Guttenberg.

Die Statuten für eine Doktorarbeit sind da — übrigens bei allen wissenschaftlichen Arbeiten, also etwa auch bei Magister- oder Diplomarbeiten — sehr eindeutig: Eine Leistung gilt als nicht erbracht, wenn sie wesentliche Zitate nicht als solche kennlich macht. Da gibt es keine Ausreden. Naivität vorzuweisen ist an der Stelle fehl am Platze: Vor dem Hintergrund des zu erbringenden Nachweises der Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten wäre das ein Widerspruch in sich.

Das ist gerade der Unterschied zur Politik: Hier zählt ein “wusste ich nicht” einfach nicht. Das ist aber politisch gesehen fatal, denn das zu wissen (was geht möglicherweise, was geht auf keinen Fall) gehört zum politischen (Grund-)Handwerk.

“Wer es in kleinen Dingen mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt, dem kann man auch in großen Dingen nicht vertrauen”

Albert Einstein (Hätte aber auch von meiner Mutter, hab sie selig, sein können.)

Mir gefällt besser weil ganz auf der Höhe der Zeit:

Wer nichts mehr glaubt, glaubt noch zuviel.

Maurice Blanchot

Ich behaupte: Guttenberg hat seine Doktorarbeit in dem Wissen um das Risiko geschrieben, dass seine Abschreiberei irgendwann herauskommt.

Ich behaupte weiter, dass er ein Mann ohne Gewissen ist, weswegen er auch problemlos sagen kann, die Arbeit nach bestem Gewissen erstellt zu haben. Für ihn muss es nämlich möglichst schnell nach obern gehen, wie, ist ihm dabei in dem Moment etwaig unrechten oder unredlichen Handelns egal.
Das ist übrigens das klassische Verhalten eines Soziopathen bzw. Psychopathen (nein, die gibt es auch in Nadelstreifen und ohne blutige Axt). Und ebenfalls klassisch für diese Leute ist es, dass sie alles abstreiten, wenn man sie mit der Wahrheit konfrontiert, da ist keinerlei echtes Unrechtsbewusstsein oder Reue sichtbar (na, vielleicht spielt er es uns ja noch vor).

Ich halte ihn für einen Blender, einen Schwindler und einen Hochstapler.

Und das ist das wirklich Schlimme an der Geschichte. Denn die Leute lieben Hochstapler. Wir werden jetzt gerade Zeuge dieses Vorgangs, man schaue sich nur an, wie oft in Foren seine Kritiker angegriffen werden, die Auseinandersetzung als Schmierentheater diskreditiert wird (was ist daran Theater, wenn man eine Diss auf Plagiate untersucht und diese findet? Nichts) und die Abschreiberei in dieser Arbeit klein geredet wird.
Ein Stück weiter geht es dann bei dem gemeinen Bildzeitungsleser, da gibt es den Effekt, jetzt erst Recht zu ihm zu halten (ob offen oder heimlich sei dahingestellt, F J Wagner hilft dabei), oder schlimmstenfalls ihn zu bewundern frei nach dem Motto “Da hat er die Herren Professoren aber schön an der Nase herumgeführt”. Der “beknackteste Bildzeitungsleser” solidarisiert sich (auch dank Wagner). Guttenberg hatte bisher Scharen von Bewunderern, nun hat er auch heimliche Bewunderer.
Wie gesagt, die Leute lieben Hochstapler.

Nur handelt es sich hier nicht um einen Hauptmann von Köpenick, auch nicht um einen Felix Krull, sondern einen eiskalt berechnenden Mann, der jetzt schon Minister ist und noch mehr Macht will. Der bereit ist, dafür alles zu tun und dabei auch hohe Risiken eingeht. Weil er annimmt, selbst im Falle bei einer Gaunerei oder Untat entdeckt zu werden, damit durchzukommen.

Gnade unserem Land, wenn dieser Mann nicht von der Bildfläche verschwindet.

Ein gewisse Schadenfreude macht sich bei mir breit.

Entdeckt wurde der ganze Beschiss im Land der Pisa-Verlierer Bremen.
Die strahlenden deutschen PISA-Gewinner und Bildungssieger in Bayern stehen auf einmal dumm da.
Wenn man den Guttenberg mit der Nummer davonkommen lässt, stehen die bayrischen Unis noch viel blöder da. Denn peinlicher gehts nicht mehr, wenn das Beste, was die Rechtswissenschaften in Bayern zu bieten haben -und das ist ein ein Doktorarbeit mit “Summa cum laude”- ein Plagiat ist, dass sogar in der Einleitung(!) aus Tageszeitungen abgeschrieben wurde.

Aus der Nummer käme der Guttenberg nur noch dann raus, wenn er den Beschiss offen zugeben würde. Mal sehen, ob jemand, der angeblich konservative Werte wie Ehrlichkeit hochhält, soviel Grandezza besitzt.

Trotzdem Schade, dass das einzig “positive” Gefühl, das man für Politiker noch entwickeln kann, die Häme über ihren Niedergang ist.

@ Jens König # 11

Keine Sorge, der Mann geht bzw. wird gegangen. In Italien könnte er ein echter Volksheld werden, in Deutschland höchstens – und auf Zeit – der heimliche Held des dumpfen Bildzeitungslesers.

Wir sind das Land des “Anstandes”, der “Bildung” und vor allem des Neids. Alle die deutschen Bildungsbürger die bei ihren Leistungen und Titeln nicht gemogelt haben werden einfach nicht dulden, dass Guttenberg mit Reue davon kommt. Und genau auf die muss die CDU-CSU besonders Rücksicht nehmen. Da hilft auch kein Wagner.

Ach ja, man mag über Merkel denken was man will, aber man kann mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie bei ihrer Doktorarbeit nicht gemogelt hat.Und dass sie Leute auch ganz persönlich nicht mag, die das getan haben.

@Arnold,
Auch wenn ich zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen bin wie Du, ist mir der Gedanke unheimlich, daß wir schon längst nicht mehr nur auf positive Werte setzen, wie Anstand, Ehrlichkeit usw., sondern daß wir einen größeren Anteil der
Problemlösung von solchen Werten, wie z.B. Neid der Konkurrenten, erwarten.
Dabei ist mir überhaupt nicht wohl.
Aber ich sehe an vielen Reaktionen von Haarpomenadefans, daß in diesem speziellen Fall, die üblichen Anstandsregeln (bei ihnen) nicht ziehen. Auf viele solcher Leute macht nicht einmal eine absichtliche Täuschung nach einer vorausgegangenen Ehrenerklärung, wie sie bei einer Dissertation vorab gegeben werden muß, Eindruck. Ein gebrochenes Ehrenwort also, das nicht mehr bewertet wird!
Manchmal glaube ich, daß es in großen Teilen der Bevölkerung einen langen Trend gab, der über Jahrzehnte wirken konnte, und dazu geführt hat, daß
@Jens König(11) heute sagen kann: “Denn die Leute lieben Hochstapler.”
Andererseits sehe ich aber in Duisburg, daß einmal gekennzeichnete Repräsentanten nur noch wenig Spielraum in ihrer Öffentlichkeitsarbeit haben.
Wenn also Dr. Guttenberg jetzt nicht gehen sollte, wird er zum schlechten Werbeträger für seine Partei. Das wird mittelfristig auch die Anhänger gestylter Ministern verwirren. Vielleicht ist ein Dr. zu Guttenberg, der bei vielen, als nicht vertrauenswürdig gilt, auch wenn er noch eine Fangemeinde in der Kosmetikbranche hat, ein größerer Negativposten für seine Partei, als wenn er jetzt stürzen würde.

Zwei Dinge stören mich an dieser “Affäre”:

Erstens wird Guttenberg im Stil von BLÖD-Zeitung, Regenbogenpresse etc. vorverurteilt, in vielen Beiträgen, auch hier. Die Beurteilung des Sachverhaltes ist allein Sache seines Doktor-Vaters und seiner alma mater. Auch wenn er in der Darstellung z.B. der FAZ derzeit nicht gut aussieht.

Zweitens geht es hier in offenkundiger Weise nicht Mitgliedern der einschlägigen wissenschaftlichen Gemeinde um Aufklärung von Unterschleif oder gar Scharlatanerie (was ein seriöses Anliegen wäre), sondern einzig darum, Guttenberg anzupissen.

@Bert (# 16):
“Die Beurteilung des Sachverhaltes ist allein Sache seines Doktor-Vaters und seiner alma mater.” Das meinen Sie ernst, nicht wahr?!
Ich kann freilich nicht beurteilen, was Sie unter dem Begriff “Beurteilung” so ganz genau verstehen. Sollten Sie damit meinen, qua Urteil Recht zu setzen, haben Sie freilich in gewissem Sinne Recht. Wobei dieses “ist allein Sache” doch ein wenig obrigkeitsergeben daherkommt. Nun denn. Gemeinhin wird “Beurteilung” anders definiert, nämlich – so z.B. bei Wikipedia als “eine Wahrnehmung eines Sachverhaltes oder einer Person … eng mit dem Urteil im nicht-rechtlichen Sinne verwandt.”
Wie dem auch sei: am Donnerstag um 21:14 Uhr hätten auch Sie in der Lage sein können zu beurteilen, dass es sich bei dem hier in Rede stehenden Sachverhalt, nämlich Guttenbergs Dissertation, erkennbar um Scharlatanerie handelt.
Doch selbst wenn Sie bei der Meinung bleiben sollten, dass es mir im Beitrag “einzig darum (gegangen sei), Guttenberg anzupissen”, stellen sich zwei Fragen:
1. Was daran wäre eigentlich unehrenhaft?
2. Wenn sowohl die Beurteilung der besagten Dissertation als Plagiat als auch die “anpissende” Kommentierung Guttenbergs unseriös (wenn nicht gar unzulässig) sein sollte, was bliebe dann eigentlich – dazwischen oder an den Rändern – übrig, was über diese die Republik bewegende Angelegenheit geäußert werden dürfte?
Gar nichts, also Schweigen? Oder den Kokolores, den die eigens dafür abkommandierten Parteigänger und Dienstobliegenden mit sichtlichem Missvergnügen vor laufender Kamera zu Protokoll geben, mit ansprechenderen Worten als frei unabhängige Meinung zu präsentieren?
Dass ich in der Überschrift und im Beitrag den “Stil” der Bildzeitung, die Sie in wenig origineller, aber durchaus zutreffender Weise als “Blöd-Zeitung” bezeichnen, mit dem Zitat “Scheiß auf den Doktor” aufgreife, ist m.E. von Ihnen doppelt missinterpretiert worden. Weder ging es “Bild” um die Vorverurteilung ihres Hätschelkindes noch mir. Ich habe mich nicht damit aufgehalten, die reichlich vorliegenden Belege für die planmäßig durchgeführte Schummelei gleichsam zu einem “Plädoyer” gegen Guttenberg zu verdichten, sondern mich um eine politische Einordnung des vielbeachteten Vorgangs bemüht.

#16 ist ein schönes Beispiel für meine These in #11
Danke, Bert, auch wenn ich es erschreckend finde.

@Bert,
eigentlich ist dem, was @Werner Jurga und @Jens König Ihnen antwortete, nichts mehr hinzuzufügen.
Aber in Ihrer Aussage:”Die Beurteilung des Sachverhaltes ist allein Sache seines Doktor-Vaters und seiner alma mater”, entdecke ich einen guten Ansatz, um einen neuen Erkenntnisstand in der Angelegenheit zu kommentieren.
Herr zu Guttenberg soll für seine Dissertation die Hausarbeit eines Studienanfängers, eines Berliner Studenten, benutzt haben!
Vorausgesetzt, daß das stimmt, ergibt sich doch ein schöner Vergleich.
Ich, als Laie, muß dann zur Vermutung kommen, daß das, was in Berlin eine Hausaufgabe eines Studienanfängers ist, offensichtlich in Beyreuth zum “Summa cum laude” für eine Dissertation reicht.
Wenn das alles wahr sein sollte, dann wäre es aber überhaupt nicht mehr “allein Sache seines Doktor-Vaters und seiner alma mater”, sondern findet seinen Niederschlag im Universitätsranking, bei den Evaluierungen, usw.
Die Uni in Bayreuth verliert enorm an Ansehen, falls sie nicht für alle Seiten glaubwürdig reagiert.

Wie wärs denn mal, erst die Untersuchung abzuwarten, anstatt hier gleich den deutschen Besserwisser-Oberlehrer raushängen zu lassen?

@Bert

Glauben sie wirklich dass die offiziellen Gutachter mehr wissen als wir alle im Internet lesen können? Sorry, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die kriegen ihre Infos auch daher. Egal wie man zu Guttenberg als Politiker steht und wieviele Deutsche ihn per Schnellumfrage unterstützen, die Sache ist gelaufen. Sie wird nämlich nicht nach Sympathiewerten entschieden sondern nach den Gesetzen der sogenannten Scientific Community und der ist ziemlich egal was der Rest so denkt.

@Bert,
niemand würde an der Aufgabe, ausgerechnet Ihr Oberlehrer zu sein, wirkliche Freude haben. Soviel kann ich aus Ihren bisherigen Beiträgen schon herauslesen.

Aber für alle anderen möchte ich den Link, den @crusius bereits herausgesucht hatte, noch einmal bringen, weil auf der Seite ein Schaubild das Maß der Plagiatsvorwürfe gegen Zu Guttenberg deutlich macht.
Betrachten Sie mal auf der folgenden Seite, das Schaubild, das vor etwa 30 Stunden noch aussah, wie ein Strichcodestreifen, bevor es nur noch einen einzigen schwarzen Balken zu sehen gibt. Danach findet die Internetgemeinde auf jeweils 2 v0n 3 Seiten der Dissertation ein Plagiat.
Wenn Guttenberg von vereinzelten Fehlern spricht, kann er bestenfalls die paar Seiten meinen, die nach dem jetzigen Kenntnisstand überhaupt noch von ihm selber stammen.
Aber da kann sich ja noch einiges ändern.

http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate

Die Seite hat übrigens den Vorteil, daß Sie sich selber an den Textvergleich heranmachen können.
Dazu kommt ein Artikel in Spiegelonline, der besagt, daß Guttenberg für seine Arbeit auch den Bundespressedienst in Anspruch genommen hat.
Und das, lieber @Bert ist ein Kaliber von einer Größenordnung, die ich hier überhaupt noch nicht diskutieren will.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746518,00.html

Zur Einordnung der Resultate auf Guttenplag:

1. Da die Arbeit lange Zeit nicht als PDF geleakt war, mußten Passagen mühsam aus den Suchergebnissen der Ebook-Seite, auf der sie zur Verfügung stand, zusammengepuzzelt werden. Deswegen ist es durchaus möglich, daß einzelne Stellen, anders als zuerst vermutet, doch richtig nachgewiesen worden sind. Das wird an diesem Wochenende verifiziert.

2. Der Begriff des Plagiats ist kein Rechtsbegriff. Das bedeutet, daß es bei der Bewertung uneindeutiger Passagen einen gewissen Bewertungsspielraum gibt, etwa wenn lange Abschnitte der Quelle übernommen werden, ohne als Zitat ausgewiesen zu sein, allerdings auf die Quelle in einer Fußarbeit Bezug genommen wird (der Plagiatsforscher Reible nennt dies zutreffend das “Bauernopfer”).

3. Bewertungsspielräume im Einzelfall spielen allerdings dann keine Rolle mehr, wenn der laxe Umgang mit der Urheberschaft anderer endemisch ist. Das ist in dieser Arbeit offensichtlich der Fall.

4. Die Arbeit ist weder bei ihrer Begutachtung noch für die Veröffentlichung sorgfältig geprüft worden (sonst hätte irgendjemandem auffallen müssen, daß bspw. ein Plagiat auf S. 196 auf S. 264 wortwörtlich wieder auftaucht).

5. Die Kriterien, nach denen zu prüfen ist, ob die Arbeit weiter als Doktorarbeit gelten kann oder als “nicht bestanden” zu werten ist, sind ausschließlich wissenschaftliche Kriterien, die das “Handwerk” wissenschaftlichen Arbeitens betreffen. Diese Kriterien kann man als enttäuschter Konservativer (faz) genauso anwenden wie als linker Völkerrechtler (der Rezensent, der den Stein ins Rollen brachte).

Neu, also erstmalig ist, daß das Material, das hier überprüft werden soll, nicht nur einer kleinen Elite, und schlimmstenfalls zusätzlich deren konkurrierenden Kollegen zugänglich ist, sondern, dem Internet sei Dank, einem riesigen, weltweitem Publikum.
Ich frag mich so ganz nebenbei, ob deutsche Professoren, jemals so stark unter Beobachtung standen.
Und wenn ich darüber nachdenke, welche Entdeckungen, bzw. Erfindungen in unserer Zeit, in näherer Zukunft große Auswirkungen auf das menschliche Zusammenleben haben könnten, denke ich, daß der Bruch des Meinungsmonopols einiger Weniger, auf jeden Fall einen Top-Platz erhalten wird.

Ich denke, was in der Öffentlichkeit missinterpretiert wird, ist die Schwere des Vergehens. Es erscheint doch so als hätte er einen Fehler gemacht, aber offensichtlich hat er über 7 Jahre hinweg immer mehr Fehler begangen und Plagiate in seine Arbeit eingebaut. Er ist nicht wie bei den anderen politischen Skandalen mal eben gestolpert über schwer zu kontrollierende Entscheidungswege, es handelt sich auch nicht über die Fehlentscheidung eine Öffentlichkeit nicht zu informieren, sondern diese Straftat der Arbeitsfälschung ist kein Unfall, sondern lange vorbereitet und durchgeführt. Danach hat er jedesmal wenn er seinen erschlichenen Doktortitel verwendete, eine Straftat begangen. Demnach ist das nicht mehr einfach nur ein Verkehrsdelikt, das ist nicht nur einfach mal falsch geparkt, sondern das ist kriminell im höchsten Maße. Daher würde ich auch nicht sagen, “bescheißen darf man nicht”, sondern das Ausmaß des Beschiß’ macht eine weitere politische Karriere unmöglich. Wenn nun diese Affäre nicht sein politischer Untergang sein sollte, dann glaube ich, dass wir Berlusconi gleich nach Deutschland holen können.

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