Für eine faktenbasierte Diskussion über Tierversuche

Waldmaus Foto: Rasbak Lizenz: CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


Tierversuche in Forschung und Entwicklung stellen uns vor ein Dilemma. Auf der einen Seite stehen Tod und Leid der Versuchstiere. Sollten wir sie nicht lieber verschonen? Auf der anderen Seite steht der Nutzen, den wir durch das erlangte Wissen haben.Wissen, das uns gegebenenfalls in der Zukunft ermöglicht, Patienten das Leben oder Tierarten vor dem Aussterben zu retten. Sollen wir die wirklich im Stich lassen? Wir müssen uns als Gesellschaft einigen. Welche Tierversuche sind gewollt, welche nicht? Von unserem Gastautor Lars Dittrich.

 Diese Entscheidung ist alles andere als trivial. Wer sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, dass Versuch nicht gleich Versuch ist und Nutzen nicht gleich Nutzen. Die Methoden ändern sich ständig, damit auch die mögliche Belastung für die Tiere. Wir brauchen eine andauernde Debatte.

Was wir stattdessen haben, ist eine Farce. Organisierte Tierversuchsgegner haben sich aus der Diskussion um eine ethische Bewertung lange verabschiedet. Stattdessen fahren sie die gleiche Strategie, wie in den 50ern die Tabakindustrie, später die agendagetriebenen Klimaleugner oder Impfgegner. Sie leugnen die Fakten. Es gäbe gar kein Dilemma. Man könne jederzeit auf Tierversuche verzichten, ohne den geringsten Preis dafür zahlen zu müssen. Im Gegenteil, die Wissenschaft würde dadurch automatisch besser. Wie erklärt man dann, dass die Wissenschaftler geschlossen etwas anderes versichern? Na, ganz einfach, die lügen halt alle.

Einzelne Wissenschaftler diffamieren, Kompetenz absprechen, Interessenskonflikt unterstellen, das alles ist direkt aus dem Strategiekonzept anderer großer Wissenschaftsleugner übernommen.

In aufwändigen Kampagnen werden einzelne Wissenschaftler angegriffen. So der Bremer Professor Kreiter, der in kostspieligen, überregionalen Zeitungsanzeigen als “eiskalter Experimentator” bezeichnet wurde, der aus reinem Sadismus völlig nutzlose Forschung betreibe.

In den einschlägigen Flugblättern, Webseiten und Pressemitteilungen werden die Wörter “Wissenschaftler” oder “Forscher” stets in Anführungszeichen gesetzt. Den Wissenschaftlern wird die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Ihre Arbeit hätte nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert, wird gebetsmühlenartig wiederholt. Wenn man es nur oft genug sagt, muss es ja irgendwann wahr werden. Wirkliche Kompetenz hätte nur man selbst, die Tierrechtsorganisation. Medizingeschichte wird einfach umgeschrieben. Die Insulintherapie für Diabetiker? Völlig unabhängig von Forschung mit Hunden entwickelt worden! Der Nobelpreis im Jahre 1923 folglich zu Unrecht vergeben. Die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung von Parkinson? Völlig unabhängig von Forschung in Affen entwickelt! Dass Dr. Benabid, der Arzt, der damit erstmalig Patienten erfolgreich behandelte, sagt, dass seine Methode auf der Forschung eines Kollegen mit Affen aufbaut, kann dann ja nur daran liegen, dass er keine Ahnung von der Materie hat. Oder lügt. Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Wer “Tierversuche” googelt, findet solche Abhandlungen gleich unter den ersten Treffern.

Je radikaler die “alternative” Version der Wirklichkeit von der offiziellen abweicht, desto bereitwilliger scheint sie aufgenommen zu werden. Wie sehr das fruchtet, merke ich regelmäßig in Diskussionen. Kaum eine Kommentarspalte zum Thema, in der nicht mindestens einmal der Ausspruch zitiert wird: “es gibt nur zwei Gründe, Tierversuche zu befürworten, man weiß zu wenig darüber, oder man verdient daran” (Hartinger). Ein anderer Evergreen: “Wer nicht zögert, Tierversuche zu machen, wird auch nicht zögern, darüber zu lügen” (Shaw). Der schnelle Ausweg aus der kognitiven Dissonanz: Informationen, die nicht zu meiner Meinung passen, müssen unwahr sein. Die Wirklichkeit wird verbogen, bis kein Dilemma mehr existiert, bis es nur noch eindeutig richtig und eindeutig falsch gibt. Dass in dieser Version Heerscharen unabhängiger Forscher weltweit lügen müssten, während Tierrechtsorganisationen mit eindeutiger Interessenslage die einzigen wären, die die Faktenlage richtig erfassen und wissenschaftlich einordnen könnten, müsste eigentlich bei jedem für einen vollen Ausschlag des Bullshit-Detektors reichen. Tut es aber nicht.

Das mag daran liegen, dass die Texte der Tierrechtsorganisationen zum Teil sehr geschickt geschrieben sind. Durch die altbekannten Methoden des Cherrypicking, dem gezielten Auslassen eines ganzen Bergs an wichtigen Informationen, und der verzerrten Darstellung von Halbwahrheiten, lässt sich eine fundiert klingende Version der Wirklichkeit schreiben, die den Autoren wie durch Zufall genau in den Kram passt. Mit Quellenangaben und allem.

Aber wenn Tierversuche so nutzlos sind, warum werden sie dann durchgeführt? Na, aus Geldgier, natürlich! Es wird nach Herzenslust von einer “Tierversuchsindustrie” fabuliert, die so mächtig sei, dass sie die besseren tierfreien Alternativmethoden unterdrücke. Unabhängige Forscher könnten angeblich nur dicke Förderungen absahnen, wenn sie Tierversuche machten. Erfolgreiche Karrieren von Grundlagenforschern, die ausschließlich an Menschen, mit Computersimulationen, oder Hefezellen arbeiten, bringen die gefühlte Wahrheit dieser Vorstellung nicht ins wanken. Außerdem scheffele big Pharma Unsummen mit unnötigen Tierversuchen. Moment, Pharmaunternehmen verdienen dadurch, dass sie etwas machen, das viel Geld kostet, aber keinerlei Nutzen hat? Eine weitere Steilvorlage für jeden inneren Bullshit-Detektor. Aber die Kombination von big Pharma und Raffgier scheint heutzutage schon für Glaubwürdigkeit auszureichen, egal wie abenteuerlich die Anschuldigung.

Doch bei allen Parallelen zu anderen Fällen systematischer Faktenleugnung gibt es bei der Tierversuchsdiskussion einen wichtigen, großen Unterschied. Den eklatanten Mangel an Widerspruch. Bei den Themen Impfen oder Klimawandel gibt es klare, laute Stellungnahmen, von den größten internationalen und nationalen Wissenschaftsorganisationen bis zu den einzelnen Wissenschaftlern, die sich in Interviews, Blogs und Kommentarspalten um Richtigstellung bemühen. Wir sehen, dass das bei weitem nicht ausreicht – große Teile der Gesellschaft misstrauen der wissenschaftlichen Darstellung der Lage. Beim Thema Tierversuche haben wir aber nicht einmal das. Mit denen möchte niemand assoziiert werden. Kaum einer, der Tierversuche macht oder auf Daten daraus zurückgreift, erklärt sich der Öffentlichkeit. Ein Grund mag sein, dass es sich lediglich um eine Gruppe von Methoden handelt, Mittel zum Zweck. Bei Klima oder Medizin geht es um Ergebnisse, um Erkenntnisse, die in langer, mühsamer Arbeit der Natur abgerungen wurden. Wenn das jemand leugnet, etwa behauptet es gäbe kein HIV oder Masernviren, leugnet er gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, den Kern dessen, wofür wir unser Leben lang arbeiten. Bei einer Tier-basierten Methode ist das anders. Gäbe es da eine tierfreie Alternative mit höherer Aussagekraft, würde sie im Handumdrehen Einzug in die Labore halten und den entsprechenden Tierversuch verdrängen, selbst wenn das nicht bereits gesetzlich so vorgeschrieben wäre. Wie schnell so etwas geht, kann man an den Beispielen der neuen Methoden Optogenetik oder CRISPR sehen, die in wenigen Jahren weltweit neuer Standard geworden sind. Wer will schon für Tierversuche einstehen, wenn es jedem recht wäre, wenn sie überflüssig würden? Der Knackpunkt ist, dass sie es eben noch nicht sind und auf absehbare Zeit nicht sein werden.

Ich möchte in aller Deutlichkeit klarmachen, was hier auf dem Spiel steht. Tierversuche sind essentiell für die biomedizinische Forschung. Auf sie verzichten, bevor wir sie gleichwertig ersetzen können, bedeutet, Erkenntnisse zu verzögern und damit all jene im Stich lassen, die von ihnen bis dahin profitiert hätten. Zum Beispiel Schwerkranke. Aber es geht um noch mehr. Die Angriffe auf Forschung mit Tieren sind zu einem beträchtlichen Teil Angriffe auf Grundlagenforschung im allgemeinen. Es wird polemisiert, Tiere müssten sterben, damit Forscher (selbstverständlich in Anführungszeichen) ihre Neugier befriedigen könnten. Einzelne Projekte aus der Grundlagenforschung werden willkürlich herausgepickt und als Beispiele eindeutig nutzloser Forschung beschimpft, als “Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Experimentatoren”. Einzelne Projekte, kleinste Puzzlestücke eines langen Erkenntnisprozesses, aus dem Zusammenhang reißen um eine offensichtliche Nutzlosigkeit unterstellen zu können, ist ein schmutziger Trick, ein cheap shot gegen die Wissenschaft, mit dem auch amerikanische rechtsaußen Politiker regelmäßig Forschungsförderung als Geldverschwendung darstellen.

Die Tierversuchsdiskussion, die wir heute haben, ist ein weitgehend unwidersprochener Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern, der Validität von Evidenz und das Konzept der Grundlagenforschung. Wir sehen in anderen Bereichen, wie schwierig es sein kann, Wissenschaft gegen solche Angriffe zu verteidigen. Eine Verteidigung ganz sein zu lassen und der Demontage einer der größten Errungenschaften unserer Zivilisation tatenlos zuzusehen ist Wahnsinn. Es ist unverantwortlich im höchsten Maße.

Seit kurzem gibt es die Initiative Tierversuche Verstehen, die mit der Legitimation aller großen deutschen Wissenschaftsverbände endlich versucht, dem etwas entgegen zu setzen. Aber das reicht bei weitem nicht aus. In Zeiten der Google-Suche ist das nur ein einzelner Treffer, eine einzelne Stimme im Morast der Fehlinformationen. Der offizielle Rückhalt von Wissenschaftsvereinigungen fällt für den normalen Internetnutzer nicht ins Gewicht. Was wir brauchen, ist Vielstimmigkeit. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass jedes Institut, das mit Tieren forscht, eine Erklärung zu Tierversuchen gut sichtbar auf seiner Homepage platziert. Es muss der Normalfall sein, dass Journalisten eingeladen werden, die Versuchstierhaltung zu besichtigen. Wir müssen transparent mit der ethischen Abwägung umgehen, die wir vornehmen. Was genau muten wir welchen Tieren zu und welchen Grund haben wir, uns davon welchen Nutzen zu versprechen? Diese Abwägung nehmen wir im Auftrag der Öffentlichkeit vor. Es ist unsere Verpflichtung, der Öffentlichkeit diese Informationen zugänglich zu machen.

Aber auch das reicht nicht aus. Wir brauchen die Stimmen der einzelnen Wissenschaftler. Wir sind diejenigen, die Tierversuche verantworten. Wir sind Menschen mit individuellen Beweggründen, kein gesichtsloses Institut. Unsere Beweggründe, unsere Gesichter und unsere Stimmen braucht es in den Blogs, Kommentarspalten und Gesprächen.

Was wir dabei in jedem Beitrag beherzigen sollten, ist die klare Trennung von Meinungen und Fakten. Ein Wissenschaftler, der der Versuchung erliegt, seine Meinung als einzig mögliche Schlussfolgerung, als von den Fakten vorgegebene Konsequenz darzustellen, verfehlt seinen Auftrag. Das gilt im übrigen nicht nur für dieses Thema, sondern auch für alle anderen, bei denen Wissenschaft zu einer gesellschaftlichen Debatte beitragen kann. “Wir brauchen Tierversuche” ist kein Fakt. “Wir brauchen Tierversuche, um bestimmte wissenschaftliche Fragen beantworten zu können” ist ein Fakt. “Die Beantwortung dieser Fragen ist so wichtig, dass Tierversuche dafür nicht nur gerechtfertigt, sondern ethisch geboten sind“ ist eine Meinung. Es ist meine Meinung.

Diskutieren wir über Tierversuche! Nicht nur beim Science March. Respektieren wir, dass Menschen völlig andere Meinungen zum Thema haben können! Aber nur wenn Meinungen auf Fakten basieren, können wir uns sinnvoll über sie austauschen.

 

Der Artikel erschien bereits auf Realscientistsde. Lars Dittrich ist Mitglied von Pro-Test Deutschland e.V.

13 Kommentare

“Wir brauchen Tierversuche” ist kein Fakt. “Wir brauchen Tierversuche, um bestimmte wissenschaftliche Fragen beantworten zu können” ist ein Fakt. “Die Beantwortung dieser Fragen ist so wichtig, dass Tierversuche dafür nicht nur gerechtfertigt, sondern ethisch geboten sind“ ist eine Meinung. Es ist meine Meinung.

Entschuldigung, aber auch das stimmt so nicht. Selbstverständlich ließe sich jedwede Form des Tierversuchs vermeiden, bzw. auf allein freiwillige Teilnehmer reduzieren.
Was der letzte Halbsatz in letzter Konsequenz bedeutet, fragt sich der Tierrechtler i. A. aber nicht, bzw. will er nicht öffentlich verhandelt wissen.

Manche Menschen glauben nicht, daß Medizin hilft.
Das ist Fakt.
Bekloppt`? Ja, aber Fakt.
Es ist doch naheliegend, daß die dann auch keinen Sinn erkennen können, warum es Tierversuche gibt.
Ich habe mal versucht mit solchen Leuten zu diskutieren. Sachlich ging das nicht.
Bei Tierversuchsgegnern geht es um Mitleid. Kann darüber jemand sachlich diskutieren?
Da steht Meinung gegen Meinung.
Wie soll ich mit jemanden, der glaubt, daß Impfungen gefährlich sind, darüber diskutieren, daß Tierversuche notwendig sind, um Impfstoffe zu entwickeln?

Naja Helmut, es gibt Bilder, die verfolgen mich seit Jahren. Da sitzen unzählige Rhesusäffchen in winzigen Stahlkäfigen, die Tür geht auf, ein Mensch kommt rein und die Tiere schreien vor Angst. Anschließend sieht man dann, wie den kleinen Affen Nadeln in die Augen gestoßen werden. Ob das sein muss? Vor allem die Unterbringung der Tiere in winzigsten Käfigen ist mir unerklärlich, d.h. eigentlich nicht: Profitdenken ist da wohl angesagt.
Affen und Hunde sind unglaublich emotionale Tiere, die Leid/Schmerzen so empfinden wie Du und ich. Deshalb ist die Frage nach Berechtigung und dem Sinn von Tierversuchen schon statthaft. Dass diese Diskussion angesichts der Bilder von Tierversuchen emotional geführt wird, ist deshalb auch nicht weiter verwunderlich.

"Deshalb ist die Frage nach Berechtigung und dem Sinn von Tierversuchen schon statthaft."
Ja Thomas, das sehe ich auch so.
Nur müssen wir diese Diskussion leider ohne diejenigen Tierschützer führen, für die es nur eine völlige Abschaffung von Tierversuchen gibt. Die rücken ja keinen Millimeter von ihrer Position ab.
Da gibt es unverrückbare Grundsätze.

Zu #1
Wolfram, invasive Versuche mit Menschen habe ich in der Tat außer Acht gelassen. Die werden halt von den großen Organisationen nicht vorgeschlagen. Es wird behauptet, man könnte alles mit Populationsstudien, in vitro und in silico Methoden schmeißen. Die Forderung nach Menschenversuchen kommt aber erstaunlich oft von Einzelpersonen. Entweder an Verbrechern (das kommt auch von organisierten Neonazis, die Tierschutz als Vehikel benutzen) oder an Todkranken, sie sich freiwillig melden sollen.
Aber selbst wenn man die ethische Unmöglichkeit dieses Vorschlags außer Acht lässt, ist das nicht praktikabel. Man könnte einige Versuche damit ersetzen, zb die neurowissenschaftlichen mit Affen. Aber die machen nur einen winzigen Teil der 3 Millionen Tierversuche in Deutschland pro Jahr aus. In Verbrechern könnte man z.b. keine forward-Genetik machen (Gen ausschalten, um seine Funktion zu erforschen). Das geht nämlich nur in Nachkommen. Selbst wenn man das machen wollte (weil man etwa sagt, das Verbrechen der Eltern legitimiere invasive Experimente auch mit deren Nachkommen), hätte man das große Problem, dass Menschen sehr langsam altern. Um die Rolle eines Gen-knockouts bei der Pubertät zu untersuchen, müsste ich ein Dutzend Jahre warten. Statt sechs Wochen bei der Maus.
Im Vorschlag, Schwerkranke zu Experimenten zu benutzen, steckt die irritiert Vorstellung bei Tierversuchen ginge es hauptsächlich um das Testen von Substanzen. Hauptsächlich geht es darum herauszufinden, welche Substanz man überhaupt testen sollte. Welche Eigenschaften muss sie haben, an welchem physiologischen Prozess ansetzen? Wenn man das durch viel Grundlagenforschung herausgefunden und eine passende Substanz gefunden/hergestellt hat, wird sie an Menschen getestet. Das ist eine klinische Studie. Die ist heute schon Standard. Oft gibt es jetzt schon Probleme, ausreichend geeignete Patienten für solche Studien zu finden. Obwohl der Löwenanteil der Forschung da schon abgeschlossen ist.

Warum nimmt man für die Versuche nicht Menschen die freiwiliig entscheiden können ob sie mitmachen oder nicht, Tiere können das nicht.

Wir Menschen sind die dominante Spezies auf diesem Planeten und deshalb hätten wir eigentlich die Veranwortung uns um Tiere zu kümmern und nicht sie bestialisch zu foltern für den medizinischen Fortschritt.

Zu #6
Hallo, Loengard! Freiwillige Menschen nimmt man bereits, nennt sich klinische Studie. Siehe auch meinen vorherigen Kommentar.
@Verantwortung, uns um Tiere zu kümmern: da stimme ich zu einem gewissen Teil zu. Ich betrachte es als unsere Verantwortung, Ökosysteme zu erhalten und Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Wenn eine seltene Tierart von einer Krankheit bedroht ist (zb Gorillas von Ebola), müssen wir etwas unternehmen. Wenn wir dafür an einigen wenigen Tieren Experimente machen müssen (technisch), dann müssen wir die machen (ethisch). Oder bist du da anderer Meinung?

Wurde nicht vorher den Tierversuchs-Gegnern Cherrypicking vorgeworfen? Die Labormaus ist jedenfalls nicht vom Aussterben bedroht, oder irre ich mich?

Wir Menschen sind in etwa ungefähr so konstruiert, daß wir aus verschiedenen Gründen, wie Haß, Angst, Nahrungsmangel, Neid, Habsucht, Politische Bündnistreue, usw. Kriege führen und dabei andere Menschen, meist unschuldige Menschen massenhaft töten und verstümmeln. Die Geschichte der gesamten Menschheit durchziehen die Kriege wie ein roter Faden.
Auch wenn es möglich scheint, Seuchen oder auch nur Krankheiten zu heilen oder zu lindern, sind wir Menschen jederzeit bereit, alles in unserer Macht stehende dafür zu tun.
Ob das ethisch vertretbar ist?
Natürlich ist das nicht ethisch vertretbar. Jedenfalls nicht nach den ethischen Regeln, die wir uns selbst geben.
Zwischen unseren ethischen Regeln und unserem unethischen Handeln klafft ein riesiger Widerspruch. Aber so sind wir eben. Und wenn es nicht so wäre, wären wir vielleicht längst ausgestorben. Unser individuelle Überlebenswille läßt uns bei jeder Tablette, die wir schlucken vergessen, wie diese Tablette entstanden ist. Nur wenn wir dann gezeigt bekommen, wie solche Medikamente entdeckt werden, kommen unsere ethischen Vorstellung wieder in unser Bewußtsein, falls wir nicht persönlich an der lebensbedrohenden Krankheit leiden, für die diese Experimente gemacht werden. Ethisch vertretbar ist das aber trotzdem nicht.
Wenn aber solche Experimente durchgeführt werden, die anderen Zwecken dienen, z.B. für kosmetische Produkte, nur um ein Beispiel zu nennen, sollten unsere ethischen Normen doch eingehalten werden können. Warum das in solchen Fällen nicht funktioniert, weiß ich wirklich nicht.

zu #9
Hallo b,
nein, die Labormaus ist nicht vom Aussterben bedroht. Es liegt mir fern zu implizieren, alle Tierversuche hätten etwas mit Artenschutz zu tun. Wie im Artikel geschrieben, ist Versuch nicht gleich Versuch und Nutzen nicht gleich Nutzen. Deswegen kann ein pauschales Urteil über Tierversuche, ob dafür oder dagegen, niemals richtig sein. Da dem Loengard wichtig zu sein scheint, dass wir uns um Tiere kümmern, will ich ihm klar machen, dass es auch Tierversuche gibt, die gemacht werden, damit wir uns besser um Tiere kümmern können. Artenschutz ist eben ein Beispiel dafür (ein Beispiel nennen ist nicht das gleiche wie Cherrypicking). Wie bei Tierversuchen für die Humanmedizin handelt es sich hierbei um ein ethisches Dilemma. Mich interessiert die Meinung des Loengard zu dieser konkreten Forschung mit Tieren (von der man wie gesagt keineswegs auf andere Tierversuche schließen kann). Auch Deine Meinung, b. Ich habe meine bereits geschrieben.

Vielen Dank für den ausgewogenen Artikel zu diesem komplizierten Thema. Ich selbst befürworte Tierversuche in Medizin und Grundlagenforschung, halte konsequente Ablehnung aber für absolut verständlich und legitim.

Problematisch wird es – und so verstehe ich auch den Autor -, wenn die Argumentation aus falschen Behauptungen ("alternative Methoden immer gleich effektiv oder besser"), dumpfbackiger Ahnungslosigkeit ("nur geldgeile Forscher machen sowas", "Weltverschwörer Pharmaindustrie") und ideologischen Scheuklappen ("kein Unterschied zu KZ") besteht.
Es nervt enorm und darf diskursiv eigentlich keine Rolle spielen, wenn Laien und sehr, sehr dummen Menschen mit einfältigen bis abstrusen Ideen für sich in Anspruch nehmen, irgendeine Art von Durchblick zu haben oder die wirklichen Experten zu sein. Bei relevanten, größeren Bewegungen wirds zudem gesellschaftlich eine Gefahr, siehe heutige fake news, orthodoxen Glauben und natürlich Antisemitismus und Arierwahn im 3. Reich.

Nichtsdestotrotz bleibt es moralisch ein Dilemma, sich über das Leben anderer Kreaturen zu stellen, mit welchem Nutzen auch immer. "Nein zu Tierversuchen" ist für mich daher eine ehrenwerte Position, solange sie ohne Lügen, Ignoranz und anti-aufklärererische Propaganda daherkommt.
Ich bin dennoch Befürworter, weil ich den Nutzen (so er denn gegeben ist) höher bewerte und man in dieser Frage an die Grenzen der Zivilisationskritik kommt. Wieviele Tiere werden zB durch Verkehr getötet, zurückgedrängt, verletzt, wieviel Schaden richten allein Straßen- und Fahrzeugbau an? Ich finde nicht, dass jemand unter evtl. vermeidbaren Krankheiten leiden soll, weil Tierversuche verboten wurden, während der Rest jeden Tag Verkehrsmittel benutzt und zum Spaß Spritztouren unternimmt…
[Mein Vater als auch Bruder wären vor 50 Jahren, ohne die heutige Medizin, krankheits- und unfall-bedingt bereits tot oder geistig behindert. Das hat die Forschung ihnen und meiner Familie gottseidank erspart.]

Schlussendlich halte ich die Forderung des Autors nach Transparenz für elementar. Denn, machen wir uns nichts vor, dass diese Transparenz fehlt, liegt zum Teil vermutlich auch daran, dass Tierversuche teilweise fragwürdig waren und sind (Ziel, unnötig brutal, Haltungsbedingungen etc.). Denn auch wenn die Pharmaindustrie sicherlich nicht Sauron-mäßig und konspirativ die Unterjochung der Menschheit anstrebt – es handelt sich auch nicht durchweg um Samariter. D.h. unlautere Methoden und eindimensionale Profitperspektiven, bezogen auf konkrete Fälle, sollten auch niemand allzu sehr überraschen.
Tierversuche für Kosmetik und Wellnessprodukte gehören für mich verboten.

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