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Nicola Thomas und Nadja Robiné (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Teufel gibt es viele. Nach der Premiere von Goethes Faust am Schauspielhaus Bochum gab es Standing Ovations, aber auch Buh-Rufe. Nach knapp drei Stunden hatte sich der Regisseur Mahir Günsiray ausgetobt und gleichsam sonderbar erschöpft. Was blieb, das war der andauernde Konflikt zwischen Sehnsucht und Verstand.

Zur Vorgeschichte: „BOROPA“, heißt das Spielplanmotto – die neugestartete Intendanz von Anselm Weber gibt sich weltoffen und experimentierfreudig. Fadhel Jaibi inszenierte „Medea“, Malou Airaudo das Tanztheaterstück „Irgendwo“ und jetzt eben Mahir Günsiray mit dem liebsten Kulturgut der zölibatären Linguisten, Lehrkörper und Theisten: Faust (ersterteilundzwei).

Textversion versus Spielversion

Mahir Günsirays Inszenierung verwandelt den goetheschen Stoff in eine spielfreudige Version, ein bisschen Büchner, Brecht und Kafka reingesampelt und fertig ist die Kiste. Im Subtext kann nun gelesen werden, was sonst im göttlichen Brimbamborium untergeht: Es gibt keine Erlösung, aber eine Menge zu erleben. Denn Gott fehlt, aber Mephisto kommt gleich in achtfacher Ausführung daher. Die multiplen Teile Mephistopheles kopulieren, drohen einander, lachen. Ein bisschen so, wie man sich die alte Fassbinder-Gang vorstellt: Ein Schlachtfeld herrlich polymorph-perverser Teufel, die sich promiskuitiv aneinander berauschen. Alle sind in irgendeiner Weise beschädigt, sie gehen gebückt, sind bandagiert oder hinken. Ihre prunkvollen Kostüme waren einst glitzernd und glänzend, heute sind sie abgefuckt, doch bestechen sie in ihrer Gänze durch schmachtende Phantasie und reizvolle Details. Die verantwortliche Meentje Nielsen hat hier Zierstücke hingeworfen, die sich verschwenden wollen. Dazu die Bühne eines kosmischen Welttheaters als schäbig rotierende Waschkaue der Dead-End-Devotionalien. Claude Leon gönnt den Zuschauern mit ihrem Bühnenbild eine optische Eskalation massiver Details. So ist der Boden bereitet – für ein großes Spiel-mich-schwindelig.

Am Anfang war das Spiel

Bühnenbild von Claude Leon - Foto: Thomas Aurin

In der Hölle ist wirklich alles OK, man rülpst und furzt und manchmal haut man sich auch eine rein (best boys: Florian Lange und Roland Riebeling), doch dann kommt er. Faust, gespielt von Andreas Grothgar, betritt sinnkriselnd mit einem gequälten und ausgedehnten „Ach!!!“ die Bühne. Grothgar hat seinen großen Abend, auch wenn er sich natürlich ein bisschen bei Paul Herwig (Die Labdakiden) abgeguckt hat, besonders wenn er späterhin so staatstragend wird, aber anyway – er ist schon Faust. Für die multiplen Teufel ist er es sowieso. Noch glaubt der Gelehrte, er sei von ihresgleichen. Doch nehmen sie ihn nicht ernst – weder seine Qual, noch seine Sehnsucht. Faust forscht nach dem Anfang. Glaubt ihn zunächst im Wort, im Sinn, in der Kraft zu finden und kommt dann zu dem Schluss: Am Anfang war die Tat. Denn immerhin sei alles Teil dieser Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Und diese Kraft treibt viele Späße mit Faust, der sich auf einen verhängnisvollen Pakt mit den Mephistos einlässt. Einziger Unterschied: In Günsirays Inszenierung schließt Faust den teuflischen Pakt gleich achtfach. Günsirays Faust sieht sich mit der Komplexität einer Welt konfrontiert, in der er sich zurechtfinden muss. Nur gut, dass er nach dem Zaubertrank bald Helenen in jedem Weib erkennt.

One-Night-Stand mit Folgen

Therese Dörr (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust), im Hintergrund: Ensemble - Foto: Thomas Aurin

Aus einem der Teufel wird durch eine an Lacan gemahnende Spiegelszene das Gretchen, dem Faust sogleich an die Wäsche will. Drei der Mephistofiguren beenden die erotische Zusammenkunft, diesen Schnellfick auf dem Ölfass. Auf Geheiß des Teufels sticht Faust einen der drei, Gretchens Bruder, nieder. Gretchen fragt nur: „Spinnst du?“ Tja, und mehr ist da eben auch nicht. Schon bei Goethe nicht. Der Rest ist nunmehr seit zweihundert Jahren Onanistenphantasie. Doch weiter im Text. Therese Dörr gibt das Gretchen – von ephemerer Leidenschaft, die nur allzu leicht in Leidensbereitschaft kippt. Gretchen wird schwanger, bringt das Neugeborene um und wird zuerst gefoltert und dann hingerichtet. Die Teufel kehren in Hochzeitskleidern wieder auf die Bühne zurück und tanzen um die Szenerie einen makabren Todesreigen. Gretchen wird ins Hochzeitskleid gezwungen. Das Kind wird gekocht und Faust auf einem Teller serviert. Titus Andronicus lässt grüßen. Während Gretchen im Kochtopf steht, wird ihr weißes Kleid mit Blut bestrichen, man hört das Brechen ihrer Knochen: knack, knack – hundert Prozent echte Gefühle. „Meine Mutter, die Hur, die mich umgebracht hat. Mein Vater, der Schelm, der mich gegessen hat.“

Ordnung muss sein

Andreas Grothgar (Faust), Nicola Thomas, Werner Strenger, Therese Dörr, Nadja Robiné, Florian Lange (Mephistos) - Foto: Thomas Aurin

Da beginnt auch schon der zweite Teil: Von der kleinen Welt wird nun zur großen Welt geschritten. Der Homunculus, eine Art künstlicher Mensch beobachtet mit kindlicher Unschuld, was sich hier zwischen den Figuren zuträgt. Er jedoch hat noch immer nur den Wunsch, im besten Sinne zu entstehen. Als er auftritt, verkündet er „Sobald ich bin, muss ich auch tätig sein“. So bald auch Faust. Nachdem der Schnellficker über sein Gretchen-Trauma ein längeres Nickerchen gehalten hat, erwacht er und will sogleich gestalten. Statt Teufelspakt bedient sich Faust nun zivilisatorischer Errungenschaften. Indem er sich an den Ordnungsvorstellungen eines bürgerlichen Zusammenlebens orientiert, erreicht er genau das Gegenteil. Mit der schönen Helena als archetypischer und völlig langweiliger Frau gelingt es Faust nicht einmal, seinen Sohn Euphorion vor (den selbst begangenen) Fehlern zu bewahren. Als trotzköpfiger Euphorion beweist Marco Massafra an diesem Abend, dass er völlig zu Recht als einer der besten Nachwuchsschauspieler gehandelt wird.

Spul mal vor

Xenia Snagowski (Homunculus), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Das abermalige Scheitern Fausts deutet Günsiray als Vorgriff Goethes auf das Progressive und Zerstörerische der kapitalistischen und postkapitalistischen Welt. Für Günsiray fällt ein nach Höherem strebender Faust – glaubt er sich auch gebildet oder zivilisiert – dennoch seinen Trieben und Sehnsüchten zum Opfer. Im Kleinen und im Großen gilt: „Bist du erst ein Mensch geworden, so ist es völlig aus mit dir.“ Indem Günsiray bei seiner Inszenierung auf den christlichen Gott verzichtet, fällt auch die vermeintliche Annahme eines kosmischen Plans weg, der letztlich sinnstiftend sein könnte. Es obliegt dem Menschen innerhalb des Gegebenen, schaffend tätig zu sein. Doch gibt es keine universellen Konzepte, an denen er sein Tun ausrichten könnte. Vielleicht ist aller Anfang tatsächlich die Tat, aber das menschliche Dasein birgt in jeder Handlung auch immer die Möglichkeit des Scheiterns. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Er verliert sich nicht in Spekulationen über Erlösungswege und Lebensführungen. Es gibt nicht das Böse an sich, das sich ausmachen ließe. Es sind immer nur Aspekte, die changieren und einer ständigen Dynamik unterliegen – multidimensionale Phänomene, die von uns als Welt erlebt werden. So war ein diesem Abend eine wunderbar verspielte zeitgenössische Darstellung des goetheschen Stoffes zu erleben.

Feuilleton im Totalausfall

Nadja Robiné (Mephisto), Andreas Grothgar (Faust) - Foto: Thomas Aurin

Wer in den Tagen nach der Premiere einen Blick in die Feuilletons warf, kam nicht um den Eindruck eines Totalausfalls herum. Kaum ein Artikel verzichtete auf die pointierte Bezugnahme auf Günsirays türkische Herkunft. In Ermanglung weiterreichender Ideen musste die nationale Karte ständig ausgespielt werden. Ein Türke inszeniert Goethe! Da wurde gegen Zeilenhonorar von „einen Satz, der uns heilig war“ schwadroniert oder von einem „deutschen Blick“ gesprochen, der dem aus Istanbul stammenden Günsiray „kulturhistorisch gar nicht geläufig“ sein könne. Was soll eigentlich dieser ganze kultur-nationale Scheiß? Peinlicher geht es doch nun wirklich nicht. Man möchte meinen, die Damen und Herren in den Kulturredaktionen hätten vielleicht schon einmal etwas von dem Begriff Ethnozentrismus gehört. Oder gar Deutschtümelei? Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass Britinnen und Briten nicht jedes Mal derart aufschreien, sobald ein Deutscher Regisseur es wagt, Shakespeares Rosenkriegszyklus zu inszenieren. Und eines ist ganz gewiss, meine Damen und Herren: Goethe – nicht zuletzt Verfasser des West-östlichen Divans – hätte angesichts ihrer Zeilen ganz bestimmt gekotzt.

4 Kommentare

Ich hab’s ja noch nicht gesehen… nur andeutungsweise in der Trailershow… aber selbst da… brrrrr… mein Gaumenzäpfchen hat zwar nicht gezuckt, aber genausowenig war ich angefixt, mir das Stück anzusehen.

Goethe teilt sich hier ein Problem mit Hollywood, das sequel ist selten so gut wie das Original, Faust II ist schlicht unlesbar (ich bin weniger Theatergänger, denn mehr Reclamleser). Selbst der spannende Teil der Geschichte, Faust I, ist schon zu lang wenn man bedenkt, daß es ja noch den Ur-Faust gibt, also die Geschichte auf das wesentliche eingedampft.

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