Flüchten ohne Inge

Samstag habe ich etwas gelernt: Man soll nicht mehr Flüchtlinge sagen, sondern Flüchtende. Der Grund für diese Sprachregelung klingt für mich diskriminierend und sexistisch.

Am Samstag machte ich mal wieder einen Fehler, und das ganz ohne ihn zu wollen: ich sprach von Flüchtlingen. Mein Gesprächspartner schüttelte freundlich und voller Nachsicht mit dem Kopf: “Das heißt nicht mehr Flüchtlinge sondern Flüchtende.” In Flüchtlinge stecke die Endung “inge” und das würde zu niedlich klingen.

Das ist, kurz gesagt, eine Unverschämtheit. Ich habe zwar in meinem ganzen Bekanntenkreis keine Inge, sondern nur eine Ingeborg, und das ist auch nur ihr Künstlername, aber pauschal alle Inges als niedlich abzutun ist diskriminierend und sexistisch. Nicht dass es nicht Unmengen von niedlichen Inges da draussen gibt, die bei jedem Mann, der sie sieht, für das sofortige Aussetzen der Atmung sorgen könnten, aber selbst mir ist das zu pauschal: Was ist mit den ganzen Inges in den Schießsportvereinen, den Kugelstoßerinnen,  denen mit großen tätowierten Teufelsmasken mit grünen Augen auf dem Rücken? Alle niedlich? Klar, Schönheit und Niedlichkeit liegen im Auge des Betrachters, aber niedlich hat was mit dem Kindchenschema zu tun, dem auch Erwachsene unterliegen können, und das passt ja nicht auf große Teufeltattoos.

Die Hüter der Sprache sind bei dieser Regelung auf Kosten vieler Inges weit über das Ziel hinaus geschossen…

 

15 Kommentare

Die “Inge”-Argumentation ist natürlich Quatsch, aber tatsächlich hat das Suffix -ling diminuierende oder pejorative Bedeutung (nicht nur im Deutschen, sondern auch im Englischen und den nordischen Sprachen). Im Falle von Flüchtling verweist es wohl vor allem auf die rein passive Position der Personen. Möglicherweise ist das Wort Flüchtling aber auch mehr oder minder bewusst geprägt worden, um die Flüchtenden zu diffamieren oder ihre Position innerhalb der Gesellschaft zu schwächen. Insofern wäre es tatsächlich besser von Flüchtenden oder (da das tatsächlich sehr akut ist) von Geflohenen zu sprechen.

Früher konnten wir zu so kleinen, auf runden Waffeln sitzenden und mit Schokolade überzogenen Eiweißschaumgebilden “Negerkuss” sagen. Negerküsse gab es pur oder zwischen ein Brötchen gepappt an der Bude auf dem Weg zur Schule.

Irgendwann stellten dann ein paar Gutmenschen fest, dass wir Negerkussesser alle Rasisten seien, weil der Begriffsteil “Neger-” mit Sklaverei in Verbindung stehe und Menschen mit dunkler Hautfarbe diskriminiere. Das musste natürlich geändert werden. Zumindest in Deutschland. Immerhin hatte man zwei Weltkriege verloren (1945 und 1918) und Sansibar sogar schon 1890 im Tausch gegen Helgoland – übrigens ganz ohne Krieg.

Negerküsse heißen jetzt völlig wertfrei und ohne einem Menschen weh zu tun “Super Dickmanns”. Eine Anspielung auf Menschen mit Übergewicht oder gar Fettleibigkeit wäre also rein zufällig.

Der Begriff Neger ist fast vollständig aus dem Deutschen Sprachgebrauch verschwunden. Er wird nur noch von einer kleinen Minderheit, meist Menschen dunkler Hautfarbe mit afro- oder afroamerikanischen Hintergrund benutzt, vornehmlich von Rappern und häufig in der Version “Nigger”. Aber die ganzen Sidos und Buschidos haben auch keinen Weltkrieg verloren, oder gar Sansibar.

Wir müssen aufhören, immer wieder Worte zu verbannen. Vorurteile und Abwertungen gegenüber einer Person oder einer Gruppe bleiben dummerweise nie an dem geächteten Wort hängen und verschwinden gemeinsam damit, sondern gehen ruckzuck auf das neue Wort über. Anstatt alle paaar Jahre neue Worte zu fordern, sollten wir uns lieber über die realen Vorurteile kümmern. Ein bewusster Umgang mit Sprache und die berechtigte Verbannung von klar diskrimierenden Wörtern sollte nicht zur reinen Symbolpolitik verkommen, die an der eigentlichen Diskriminierung nichts ändert.

(@Stefan: Ist es dir eigentlich lieber, dass hier bei den Ruhrbaronen diskutiert wird oder soll das lieber bei Facebook passieren? Ich habe jetzt frecherweise einfach mal doppelt gepostet, um meine gaaaanz wichtige Meinung auch wirklich allen unter die Nase zureiben 😉 Besser fänd ich es allerdings, wenn die Diskussion zum Artikel an nur einem Ort stattfinden würde, optimalerweise hier, wo auch Nicht-Facebookler mitreden können.)

Ja, das klingt logisch für mich. Muss mir mal angewöhnen ab jetzt “Flüchtende” zu sagen.
Stefan spricht ja auch bewusst von Rauchverbot und nicht von Nichtraucherschutz.
So ne Wortwahl könnte einen Eindruck bei Menschen hinterlassen, die sich mit der Thematik nicht auskennen. Kennt man sich aus, isses egal.

Wie sieht es mit einem Fliehenden aus, der nicht mehr flieht, sondern sich in Sicherheit befindet, der also gar kein Fliehender mehr ist? Er müsste jetzt Geflohener heißen, oder?

Geflohener klingt generell allerdings irgendwie nach einem ausgebrochenen Häftling der bekanntlich wiederum ein Gesuchter ist. Ihm oder ihr würde ich deswegen diesen Begriff als Selbstbezeichnung nicht empfehlen. Für ihn wär dagegen das politisch nicht mehr korrekte “Flüchtling” eine klasse Tarnung ohne dass man sie/ihn gleichzeitig der Lüge bezichtigen könnte.

Ein Flüchtlingsheim dagegen sollte, um gefährlich Verwechselungen zu vermeiden, ab jetzt “Heim für nichtstraffällige Geflohene heißen”. Wenn das aber nur einen Zwischenstation auf der Flucht ist, dann wäre der dort hin Geflohene immer noch ein Fliehender. Korrekt müsste ein Flüchtlingsheim also “Heim für noch Fliehende und nicht straffällige Geflohene” heißen.

Wie steht es aber nun mit einem Menschen aus dessen Flucht zwar definitiv zu Ende ist, der sich aber immer noch als Fliehender empfindet, weil er z.B. nicht über den Verlust des Ortes wegkommt, von dem er geflohen ist bzw. fliehen musste? Wie soll der sich selbst bezeichnen, dass seine Situation auch anderen klar wird? “Ich bin ein Fliehender” trifft nicht mehr zu. “Ich bin ein nicht straffällig Geflohener” auch nicht. Helft mir Leute. Ich weiß nicht mehr weiter.

@ Tux der Pinguin

Werde in Zukunft nicht mehr von “Rauchern” und “Nichtrauchern”, sondern nur noch von “Räuchlingen” und “Nichträuchlingen” reden.

Die Besognis um “korrekte” Sprache ist doch immer nur vorgeschoben. Es geht in allen Fällen von neuen Begriffsschöpfungen immer darum, eine eigene Meinung getarnt zu transportieren. Das sind oft Meinungen, die ich teile. Das hat aber nichts mit den Wörtern zu tun.

Warum gibt es keine neuen Begriffe für Berliner, Hamburger, Frankfurter oder Wiener? Sind deren Bürger weniger wert als Frauen (oder Frauinnen?) oder Flüchtlinge?

Nein, aber die Berliner (et. al) haben keine Probleme, die man durch die Begriffsdiskussoin zum Thema machen will.

Wer von Flüchtlingsschicksalen liest, denkt sich nicht an Verniedlichungsformen. Es sei denn, mich drängt jemand zu diesem Gedanken.

Lasst uns lieber über die realen Probleme dieser Menschen diskutieren, statt Wörtern Bedeutungen einzureden, die sie nicht haben (jedenfalls vorher nicht).

Blogger/in, Journalist/in, Autor/in, Schriftsteller/in, „Schreibende/r“ … es wäre so simpel, sie alle schlicht „Schreiberling“ nennen zu können.

Alle gender-korrekten Kommentatorinnen und Kommentatoren sollten bedenken, daß es für weibliche Flüchtlinge keine singularische Form gibt: Der Flüchtling – aber die Flüchtlingin?

Allerdings fällt mir dann auch ein, daß sowohl ‘Kommentator’ als auch ‘Kommentatorin‘ das Wort ‘Tor’ enthalten, und daß es für ‘Tor’ auch keine feminine Form gibt, sondern nur eine neutrale, die aber eine völlig andere semantische Bedeutung hat. Was nun tun? Also auch nur noch von ‘Kommentierenden’ schreiben?

Ich halte es da lieber mit Jake Harper, der so treffend festgestellt hat: Das Wort ‘Aphrodisiakum’ gibt es nicht mehr, es heißt jetzt ‘afro-amerikanisches Disiakum’!

Die Inge stört ja nur im Plural, im Singular steckt im Flüchtling der Ing. Und Ingenieure werden üblicherweise nicht wegen ihrer Niedlichkeit geschmäht.
Und was wird jetzt aus Bratlingen, Günstlingen, Täuflingen, Sindelfingen?

Hinter manchem Irrsinn steckt wohl die Absicht, über Sprachveränderungen auch eine andere Denke zu erreichen. George Orwell hat das mit doubleplusgood sehr eindrucksvoll skizziert.

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