Im Jahre 1978. Foto: privat

Ich bin heute ganz persönlich in einer verzwickten Lage. Erstmals nach über 40 Jahren als leidenschaftlicher BVB-Fan bin ich mir nicht sicher, ob ich meinem Lieblingsverein an diesem Bundesligaspieltag einen Erfolg wünschen soll. Wenn der BVB am Samstagnachmittag in Berlin gegen die gastgebende Hertha antritt, dann könnte eine Niederlage das Aus für Coach Lucien Favre bedeuten, während ein Erfolg in der Hauptstadt womöglich mein ‚Leiden‘ längerfristig zu verlängern droht.

Ich kann mich an keine vergleichbare Situation in meinem ‚Fan-Leben‘ erinnern. Stets war für mich der Erfolg ‚meines‘ Klubs am Wochenende mit das Wichtigste. Es gab sogar einmal Zeiten, in denen ich nach einer Pleite des BVB aus lauter Ärger darüber auf den samstäglichen Disco- oder Kneipenbesuch verzichtet habe.

Schon als kleines Kind lauschte ich stets mit großer Begeisterung dem WDR-Hörfunkprogramm, wenn in der Bundesliga der Ball rollte, zitterte bis zum Abpfiff mit, ob es meinem Verein, der damals noch ein vergleichsweise kleines Licht im Lande war, denn dieses Mal gelingen würde einen Sieg einzufahren.

Als im Jahre 2008 Trainer Jürgen Klopp aus Mainz zum BVB kam, da war ich von dieser Meldung sogar so begeistert, dass ich dies dem BVB in einer Nachricht zukommen ließ, den Verein zu der meiner Meinung nach tollen Wahl gratulierte.

Auch mit den Klopp-Nachfolgern Thomas Tuchel, Peter Bosz und Peter Stöger konnte ich als Dortmunder gut leben. Alle repräsentierte den Verein auf eine Art und Weise, mit der ich mich identifizieren, auf die ich ein Stück weit ‚stolz‘ sein konnte. Auch jetzt noch, im Rückblick.

Bei Lucien Favre war das immer schon anders. Seine Art passte, wie sich schnell herausstellte, irgendwie nicht zum Klub und auch nicht zur Stadt. Auch in Zeiten in denen es sportlich gut lief, blieb bei mir immer dieses komische Gefühl der Distanz zum Schweizer Übungsleiter.

Als der sportliche Erfolg dann mit dem Start der Saison 2019/20 zudem immer mehr ausblieb, verstärkte sich dieser Effekt bei mir weiter. Favre fand einfach keinen Draht (mehr) zum Anhang und offensichtlich auch immer weniger zur Mannschaft.

Die Kritikpunkte an seiner Arbeit beschränkten sich inzwischen auch nicht mehr auf ein ‚komisches Gefühl‘, es wurden handwerkliche Fehler beim Trainer erkennbar. Aufstellungsfragen und Stimmungen innerhalb des Kaders wurden zu öffentlichen Themen. Sancho und Götze seien da nur als Beispiele kurz genannt.

Die Pressekonferenzen mit Favre wurden spätestens in dieser Phase ein Stück weit zum Fremdschämen. Das sollte der charismatische Anführer ‚unserer‘ Mannschaft sein, der Trainer der den BVB zum nächsten Titel führt? Mein Glaube daran schwand von Woche zu Woche.

Inzwischen ist er mir komplett verlorengegangen. Das jüngste 1:3 in Barcelona lasse ich dabei einmal außeracht. Dort kann man verlieren, auch so.

Größere Bedeutung als die UEFA Champions League messe ich persönlich traditionell eh der Bundesliga zu. Die vergangenen Auftritte in München (o:4) und daheim gegen Paderborn (3:3) waren hierbei besonders desaströs. Die Aussagen von Favre rund um diese Begegnungen wenig bis keine Aufbruchsstimmung verbreitend.

Was also tun mit diesem allgemein als ‚Schicksalsspiel‘ des Trainers ausgerufenen Auftritts heute bei Hertha BSC?

Mit einer Niederlage das Kapitel Favre in Dortmund schnellstmöglich beenden, oder durch einen Erfolg in Berlin doch noch an der dringend notwendigen Trendwende mit ihm gemeinsam weiterarbeiten?

Ich kann es nicht so richtig glauben, doch heute wäre mir eine Pleite des BVB wohl wirklich erstmals in meinem Leben lieber, damit etwas neues, erfolgversprechendes gestartet werden kann. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!