Es gibt viele iranische Kashoggis

Saudi-Arabien Foto: Peter Dowley Lizenz: CC BY 2.0

Unsere Gastautorin Saba Farzan ist Publizistin.

Haben Sie schon das Knallen der Champagnerkorken bei den iranischen Ayatollahs gehört? Es passiert nicht alle Tage, dass der zweitgrößte Traum des iranischen Regimes wahr wird. Erfüllungsgehilfe dabei ist die deutsche Bundesregierung – man kennt sich halt und die Beziehungen sind lange gewachsen. Man mag das iranische Regime auch, weil es ja nicht arabisch ist. Ein Schelm wer jetzt dabei latenten Rassismus sieht. Und bei der erstbesten Gelegenheit lässt man Saudi – Arabien wie eine heiße Kartoffel fallen. Man muss sich diese aktuellen Ereignisse Wort für Wort klar machen, um das umfassende Ausmaß dieser Fehlentscheidung zu begreifen. Einer der größten Rüstungsexporteure dieser Welt stoppt sämtliche Waffenlieferungen an die größte konventionelle Streitmacht in der Region des Nahen Ostens, die in einer hybriden Kriegsführung des iranischen Regimes auf westliche Unterstützung angewiesen ist. Ja, geradezu verzweifelt auf eine solche Unterstützung vertrauen muss, um dem menschenverachtenden Hegemonialstreben der schiitischen Terroristen wenigstens etwas an Eindämmung entgegen zu setzen. Würden wir in einer besseren Welt leben, dann würden die Saudis etwas von asymmetrischer Konfliktführung verstehen. Es wären dann echte Erfolge des saudischen Regimes vorstellbar – ein Phänomen, das es schon seit mehreren Jahrzehnte nicht mehr gab. Aber wir leben in einer bitteren Realität: zu nehmen, was man kriegen kann. Dass es bei der saudischen Diktatur, um einen ähnlichen Menschenrechtsverbrecher wie die Iraner handelt, ist fast nebensächlich. Fast, weil es natürlich zum Himmel schreit wie rückständig die Saudis mit ihren eigenen Menschen umgehen. Der mutige Raif Badawi kann ein Lied davon singen wie sehr ihn seine Peiniger für sein Streben nach Moderne verachten. Jamal Kashoggi war zwar bedauerlicherweise kein aufrechter Demokrat, aber den Tod hatte er nicht verdient – schon mal gar nicht durch einen so grausamen und barbarischen Akt des Terrors.

Niemand – wirklich niemand – bestreitet, dass die Saudis schlimm sind. Gleiches gilt für das iranische Regime und doch wird das unverschämt bestritten. Warum eigentlich? Nur weil es ein Scheinparlament gibt? Das iranische Regime strebt seit seiner erbärmlichen Existenz nach nichts anderem als regionale Zerstörung in Form von Konflikten durch die Hisbollah und die Hamas, es betreibt nach innen Terrorwelle nach Terrorwelle und schreckt nicht vor brutalen Morden an iranischen Dissidenten zurück. Es gibt viele iranische Kashoggis, die aber tatsächlich ehrenhafte Vordenker und wahrhaft demokratische politische Visionäre waren. Nur einmal im Zuge des Strafprozesses nach den Mykonos – Morden in Berlin wurde das iranische Regime namentlich verantwortlich gemacht. Damals stand ein Rechtsstaat an der Seite der unschuldigen iranischen Opfer.

Mit der  Entscheidung sämtliche Waffenlieferungen an Saudi-Arabien einzustellen steht mein Land auf der falschen Seite der Geschichte und erteilt der iranischen Zivilgesellschaft wieder einmal einen Bärendienst. Die Saudis werden sich zurecht fragen, ob diese Partnerschaft mit der Bundesrepublik überhaupt das Papier wert war? Was gelten abgeschlossene Verträge, wenn sie dann ad hoc in der Luft zerrissen werden? Bei populistischen ad hoc Entscheidungen hat die Bundeskanzlerin natürlich viel Erfahrung, aber der Schaden den diese aktuelle Herangehensweise für unser Land anrichtet wird ein anderer Regierungschef ausbaden müssen. Etwas wird nachwirken: Absprachen, Verträge und lange gewachsene Beziehungen gelten nichts mehr. Besonders lächerlich an dieser politischen Maßnahme ist, dass sie völlig ohne Grund entstanden ist: weder haben die europäische Partner noch die USA als Verbündeter einen solchen drastischen Schritt gefordert.

Ein Alleingang wie man ihn in der Kanzlerschaft von Frau Merkel bereits auch schon erlebt hat. Die Folgen sind bekannt. Während man sich seit Jahren dem durch und durch berechtigen Druck nach härteren Iran-Sanktionen verweigert drescht man hier proaktiv vor um sich ja als erste Kraft von den Saudis abzuwenden. Noch viel lächerlicher ist, dass Saudi-arabische Einflussnahme auf unserem Kontinent  bisher so gut wie keine Sorgen geschweige denn Konsequenzen hervorgerufen hat- ebenso eklatante Menschenrechtsverletzungen. Kann es eine größere Farce als diese Aktion geben während iranische Demagogen sich in diesem Land medizinischen Behandlungen widmen und unbehelligt ausreisen dürfen? Dabei kann eine Außenpolitik, die sowohl von Werten also auch von Interessen bestimmt wird, sehr viel tun, um Saudi-Arabien aufzuzeigen wie irrlichternd sie hier gehandelt haben. Die Einfrierung privater Konten trifft Despoten sehr effektiv und dafür muss kein einziger Rüstungsvertrag plötzlich aufgekündigt werden. Es ist freilich dafür strategisches Denken erforderlich. Eine sicherheitspolitische Partnerschaft mit Saudi-Arabien entwertet nicht die berechtigte Kritik an der iranischen Despotie – sie darf nur die saudischen Verbrechen nicht unter den Teppich kehren und sich darüber im Klaren sein, dass die geostrategischen Krisen im Nahen Osten eine Gegenkraft brauchen. Wer soll das bei einer sunnitischen Mehrheit sonst sein, wenn nicht Saudi-Arabien? Während man im Machtzentrum des iranischen Regimes die Einstellung der Waffenlieferungen an die Saudis abfeiert arbeitet man auch weiter an der Vollendung des größten Traumes nämlich der Besetzung der religiösen Stätten Mekka und Medina. Es geht seit 1979 bis zum heutigen Tag für die Machthaber um nichts anderes als den Export der islamischen Revolution. Wer den romantischen Vorhang in Sachen iranischer Diktatur lüftet kann das erkennen – mit oder ohne strategisches Denken.

4 Kommentare

Die Blockade der jeminitischen Häfen durch die Saudis und die offenbar gezielte Zerstörung
der zivilen Versorgungsinfrastruktur, die zu einer dramatischen Unterversorgung der Bevölkerung geführt hat, bleibt in diesem Artikel unerwähnt.
Dieser Krieg, der ein Zuchtprogramm für neue Terroristen ist, sollte nicht mit weiteren Waffen angeheizt werden!

Hat jemand eine gute Quelle für Irans Pläne, Mekka zu erobern? Danke

Warum sich pro-israelische Publizisten in Deutschland immer unkritischer gegenüber Saudi-Arabien äußern, ist mir echt schleierhaft. Okay, ein Großteil aus dieser Szene war in der Jugend maoistisch unterwegs und geht vermutlich mit der alten Mao-Devise "Der Feind meines Feindes ist mein Freund"-Devise heran – und da der Hauptfeind dann der Iran ist. Aber das kann ich mir bei der Autorin dieses Textes eigentlich nicht vorstellen.

"Eine sicherheitspolitische Partnerschaft mit Saudi-Arabien entwertet nicht die berechtigte Kritik an der iranischen Despotie – sie darf nur die saudischen Verbrechen nicht unter den Teppich kehren und sich darüber im Klaren sein, dass die geostrategischen Krisen im Nahen Osten eine Gegenkraft brauchen. Wer soll das bei einer sunnitischen Mehrheit sonst sein, wenn nicht Saudi-Arabien?"

Meinetwegen Algerien, Marokko oder Pakistan, ja von mir aus sogar das Ägypten al-Sisis oder die Türkei Erdogans – so gut wie alle Regierungen in der Region sind gegenüber einem Regime vorzuziehen, das derzeit in Jemen von der Weltöffentlichkeit ignoriert einen Völkermord begeht, in dem der Besitz einer Bibel mit dem Tod bestraft wird, Frauen nicht mal Auto fahren dürfen (Ach so, ich vergaß, dass der große Reformer-Kronprinz das ja offiziell geändert hat – zu blöd, dass das den saudischen Frauen nicht viel nützt, wenn sie ohne männlichen Vormund nicht das Haus verlassen dürfen) und Juden gar nicht erst ins Land einreisen dürfen.

Nur mal zur Erinnerung: Es waren keine schiitischen Terroristen, die für die Anschläge von New York, Bali, Casablanca, London, Madrid, Bombay, Paris, Brüssel oder Berlin verantwortlich waren. Ob in Indonesien oder Pakistan, ob in Belgien oder der Schweiz, ob in Großbritannien, Frankreich, Deutschland oder den USA – alle radikalen Prediger, die dort die reine Lehre des Wahhabismus verbreiteten, wurden von Saudi-Arabien ausgebildet und gefördert. Diese heiße Kartoffel fallen zu lassen, war schon lange überfällig,

#2 Israel arbeitet heftig an einer Verbesserung der Beziehungen zu Saudi-Arabien, unterhalb voller diplomatischer Beziehungen. Für Israel gilt eindeutig, dass der Feind meines Feindes… Was für mich in diesem Fall völlig nachvollziehbar ist. Für Israel ist der Iran DER Todfeind, jedenfalls seit die religiös-faschistischen Turbanträger dort die Macht übernommen haben.
Das macht das saudische Regime nicht besser. Aber wenn es ums Öl und andere Profitinteressen geht…

Auf diesen offenen Brief von Mina Ahadi an Alice Schwarzer möchten wir aufmerksam machen.

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Zentralrat der Ex-Muslime Deutschland (ZdE)

Offener Brief an Alice Schwarzer zum Tod von Zahra Navidpour, Opfer von Vergewaltigung und MeToo-Offenlegung im Iran

Liebe Alice!

Es ist allseits bekannt, dass Du eine berühmte Feministin und die Herausgeberin von EMMA bist. Du hast auch viel über die MeToo Bewegung geschrieben und sie verteidigt. Auch hast Du den Reporterpreis an Ronan Farrow übergeben, der mutig Enthüllungen zu Weinstein gemacht hat, obwohl es für ihn lebensbedrohlich war.

Heute möchte ich zu Dir über eine 28-jährige Iranerin sprechen, die vor vier Jahren öffentlich bekanntgegeben hat, von Salman Khodadadi, einem hochrangigen Amtsträger und Mitglied des Parlaments des islamischen Regimes im Iran vergewaltigt worden zu sein.

Zahra hatte das Jurastudium absolviert. Sie stammt aus einer fanatisch religiösen Familie aus der nordwestlichen Stadt Malekan. Sie suchte Arbeit und wurde deshalb ins Büro von Khodadadi eingeladen. Bei dieser Begegnung schloss Salman Khodadadi die Tür seines Büros von innen ab und vergewaltigte Zahra. Er sagte zu ihr: „Wenn Du dies bekannt machst, werde ich Dich und auch Deine Familie töten“.

Zahra jedoch stellte sich tapfer gegen die Regierung, das Parlament und das islamische Regime sowie ihre eigene fanatische Familie, die die Veröffentlichung der Vergewaltigung als eine Schande ansah und Zahra nie verteidigt hat.

Liebe Alice,

Zahra stand indirekt mit mir in Verbindung und nun wurden mir alle Dokumente durch eine iranische Journalistin zugestellt, die direkt mit Zahra in Kontakt stand. Dokumente über alle Gespräche mit diesem Parlamentsabgeordneten und seine Drohungen ihr gegenüber, ein Geständnis der Vergewaltigung von ihm sowie den Text von Zahras Klagen bei den betreffenden Behörden der Islamischen Republik. Sogar den Schriftverkehr zwischen ihr und den höchsten Regierungsstellen, die auf ihr Vorbringen negativ reagierten und den Fall nicht weiter verfolgen wollten.

Wer ist Khodadadi? Der Abgeordnete Salman Khodadadi war früherer Generaldirektor des Informationsamtes der Stadt Ardabil und dann Kommandant der Pasdaran(Wächter)-Armee der Stadt Malekan. Er ist jetzt Abgeordneter von Malekan und Vorsitzender der Sozialausschusses im Parlament. In seiner Vergangenheit soll er sexuelle Belästigung und Vergewaltigung begangen haben. In jüngerer Zeit ist er der Vergewaltigung seiner Assistentin und einer Klientin beschuldigt worden und verbrachte wegen dieser Delikte einige Zeit in Haft. Seine Eignung zur Abgeordnetenwahl wurde in früheren Wahlperioden daher sogar zweimal zunächst abgelehnt, aber später durch die Intervention des Wächterrates doch zugelassen.

Gestern hat Zahras Familie sie beerdigt. In der Anzeige stand Fräulein Zahra Navidpour. Auch hier ist der Druck durch die Regierungstellen und den Vergewaltiger sichtbar.

Zahra hat uns gebeten, ihre Stimme der Welt zu Gehör zu bringen, falls sie getötet werden sollte.

Sie hat mich nachdrücklich gebeten, der Welt mitzuteilen, dass das Parlament, der Wächterrat, der stellvertretende Parlamentsvorsitzende Ali Motahhari, die sogenannte Teheraner Abgeordnete und Stellvertreterin Rohanis für Familie und Frauen, Parvaneh Salahshuri, dass sie alle den Vergewaltiger geschützt und Zahra gesagt haben, sie könnten nichts für sie tun.

Auch zuhause wurde Zahra von ihren Brüdern schikaniert und misshandelt, weil sie diese Sache verfolgt und öffentlich gemacht hat.

Nun bitte ich Dich erstens zu helfen, diese Nachrichten, und falls notwendig, die Dokumente, die wir haben, zu verbreiten; und zweitens, zu versuchen, eine Delegation aus Deutschland zur Untersuchung dieser Katastrophe in den Iran zu schicken. Die Zeugen vor Ort werden einer solchen Delegation helfend zur Verfügung stehen.

Freundliche Grüße

(Mina Ahadi)

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Q u e l l e

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Zentralrat der Ex-Muslime Deutschland | auf Facebook am 09.01.2019

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[ Am 06.01.2019 ist die Leiche von Zahra Navidpour nahe ihrem Elternhaus in der Stadt Malekan, Provinz Ost-Aserbaidschan, aufgefunden worden. Die Ursache für den Tod der 28-Jährigen ist bislang nicht geklärt. ]

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