Envio: Sachstand der Nachweislage

envioFragestellungen zum Sachstand wissenschaftlicher Nachweise im Envio-Fall  –  was die Herkunft hoher PCB-Blutkonzentrationen und was die Herkunft der gesundheitlichen Auffälligkeiten bei der Envio-Arbeiterschaft betrifft. Von unserem Gastautor Rudolf Übbing.

Die Herkunft der hohen  PCB-Blutkonzentrationen darf bereits als geklärt gelten; hier lassen sich aus frei zugänglichen, publizierten Datenmaterialien extrem hohe  Signifikanzwerte ableiten, welche die hohe PCB-Blutkonzentrationen mit der Arbeit in der Envio-Firma assoziieren. – Wenn von 116 Arbeitern der “recycling company” (Fa. Envio, inbegrif. Leiharbeiter)  80 Proz. – mithin also 93 Arbeiter – höhere Blutkonzentrationen als 75 andere  Personen einer Vergleichsgruppe aufweisen, so ergibt sich hieraus eine extrem geringe Irrtumswahrscheinlichkeit für die Annahme einer systematisch bedingten PCB-Belastung.

Wer dann den Lebenswandel der betroffenen Arbeiter als Ursache für die hohe PCB-Belastung heranziehen will (wie geschehen), kann  bei strenger  Betrachtung sich eigentlich nur lächerlich machen.

Leider wurde nicht berichtet, wie hochgradig extrem gering die Irrtumswahrscheinlichkeit für die Annahme einer systematisch bedingten PCB Belastung bei  den untersuchten 116 Arbeitern ist. (Unter wenigen plausiblen Bedingungen lässt sich ein Wert von größenordnungsmäßig 1: 100 Millionen Billionen errechnen – leider liegt mir hierzu kein vollständiges, anonymisiertes Datenmaterial zwecks einer weitergehenden, genaueren Berechnung vor; eine Datennachfrage meinerseits wurde als nicht erfolgsversprechend eingestuft.)

Wie sieht nun die Nachweislage für eine systematische Ursache bei den bereits festgestellten gesundheitlichen Auffälligkeiten aus ?

Auch hier konnten in der Presseberichterstattung keine Angaben zu einer  Irrtumswahrscheinlichkeit aufgespürt werden.

Daher sei einmal an den Contergan-Fall erinnert – nach der Untersuchung von 50 betroffenen Familien lag Anfang des Jahres 1961 eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 1:10000 vor (Prof. H. Weicker), zum Jahreswechsel 1961 / 1962 lag dieser Wert bei 1:10 Millionen und Ende 1962 bei ca. 1: 10000 Billionen Billionen Billionen (1 mit 40 Nullen), nämlich dazu, dass eine systematisch bedingte Ursache die schlimmen Missbildungen am menschlichen Körper verursachen würde.

Unvorstellbar ist auch, dass die Dortmunder Staatsanwaltschaft bislang keine derart präzisierten Fragestellungen an die Wissenschaft gerichtet hat. – Wo bleiben eigentlich bezifferte Zwischenresultate nach über zwei Jahren der Envio-Schließung ?   Im Contergan-Fall gab es drei konkrete Angaben, immerhin im Abstand jeweils nur eines Jahres.

Auch sollte in ein zusammenfassendes Beurteilungsmodell ein bereits lange dokumentiertes Faktum aufgenommen werden, nämlich dass in einer schwer  PCB-belasteten Familie ein Kind mit Nierenzysten  zur Welt gekommen ist   u n d  dass hierfür in anderen  Fällen lediglich eine Wahrscheinlichkeit von grob gesprochen lediglich 1:1000 beobachtet wird. –

Die Niere musste dem Baby entfernt werden. – Die Fakten  – in ihrer Gesamtheit – sprechen für eine unzweifelhafte Beurteilung, was die betroffene Gruppe von Menschen angeht.

Nachvollziehbare Angaben zum methodischen Vorgehen zwecks Klärung der Nachweislage zu den Belastungen mit PCB-Gemischen sind in der öffentlichen Berichterstattung leider nur allzu dünn gesät  – warum eigentlich ?   Wann endlich werden erste Signifikanzangaben publiziert?   Immerhin sind in wenigen Monaten drei Jahre seit der Envio-Schließung vergangen.    R. Uebbing, Dortmund

1 Kommentar

@Uebbing: Dass die Staatsanwaltschaft im Prozess trotz der Begleitung durch einen Promi-Anwalt ein amateurhaftes Bild abgibt, darüber müssen wir uns nicht weiter unterhalten. Was wurde da im Vorfeld nicht alles an strategisch sicherer Prozessführung aufgeboten, siehe allein nur das lustige Ermittlungs-“Gutachten” von Prof. Rettenmeier. Das sind halt die Gutachter-Koryphäen, die ansonsten auch die Politik und Verwaltung beraten…

Die Strategie der Verteidigung fußt erheblich auf den Neupert’schen Vorwürfen gegenüber Stadt und ABB als jeweilige Eigentümer und Vor-Pächter der Envio-Immobilie, ihn über frühere Verseuchungen mit PCB im Unklaren gelassen zu haben. D.h., die eigentliche Kontamination der Opfer wird nicht über Gebühr bestritten, der geistige Ausfall mit den “Lebensumständen” gehört ebenso zur Strategie.

Problem bei detaillierten Immissionsangaben ist: Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft vor, die “normale” Prozessdramaturgie der schieren “Bezifferung” von Gesundheitsschäden zu durchbrechen und einen Grundsatz im Urteil zu erwirken, der allein die *mögliche* Gefährdung durch illegal freigesetzte Chemikalien sowohl bestraft als auch zum Schadensersatz verpflichtet, also die bisherige Beweislast quasi umkehrt.

Das scheint aktuell gründlich in die Hose zu gehen, u.A. auch weil jetzt ein Klage-Zeuge seine Vorwürfe, die Anfang 2010 per Presse plakativ verbreitet wurden, zum Teil wieder zurücknehmen musste. Das sprengt die Strategie der Staatsanwälte komplett, die sich eben wegen ihrer Unkenntnis über eine sichere analytische Beweisführung in einem solch einmaligen Fall auf die Zeugen verlassen musste.

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