Energiearmut: Wenn der Winter kalt und dunkel ist

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Viele Menschen können ihre Strom- oder Gasrechnung nicht bezahlen. So unterschiedlich die Gründe auch sind, am Ende steht eine kalte und dunkle Wohnung.

Die Frau kam mit ihren Kindern aus Rumänien nach Dortmund. Besser sollte das Leben hier werden. Sie wollte arbeiten und mehr verdienen, als die 200 Euro im Monat, die viele Rumänen bekommen, die auf den Feldern arbeiten, wenn es denn Arbeit gibt in der Landwirtschaft. Doch der Traum eines besseren Lebens hat sich nicht erfüllt. Die Wohnung ist kalt und dunkel. Die Stadtwerke haben den Strom abgestellt, nachdem die Rechnungen nicht gezahlt wurden. Einen Job hat die junge Mutter nicht, Hartz IV erhält sie nicht. Das einzige Einkommen ist das Kindergeld. „Wahrscheinlich,“ sagt Björn Bauernfeind vom Interkulturellen Zentrum der AWO Dortmund, „wäscht sie jetzt die Wäsche und badet die Kinder bei Freunden und Bekannten.“ Dort werden die Stromrechnungen steigen, und nicht alle werden sie zahlen können, ein Teufelskreis.

Die Dortmunderin hatte Pech. Sie wurde schon vom Stromnetz getrennt, bevor der Weihnachtsfrieden einsetzte, während dem die meisten Energieversorger darauf verzichten, neue Stromsperren in Auftrag zu geben. RWE hat zwischen dem 4. Advent und dem 4. Januar keine Stromsperren in Auftrag gegeben, und auch die Dortmunder Stadtwerke DSW21, Emscher Lippe Energie (ELE) oder Rheinenergie haben eine Feiertagsruhe eingehalten.
Doch ab dem 5. Januar werden fast alle Unternehmen wieder säumige Zahler abklemmen. Ein der wenigen Ausnahmen ist die Kölner Rheinenergie: Hier wird auch bei „extremen Wetterlagen“ der Strom nicht abgeschaltet.

Fast 100.000 Haushalten in Nordrhein-Westfalen wurden nach Angabe der Verbraucherzentrale 2013 Strom- und Gas getrennt. Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor. Betroffen sind vor allem Hartz IV –Empfänger, Erwerbstätige mit geringem Einkommen und Rentner. Aber auch Studenten, Auszubildende, Asylbewerber und die Bezieher von Kranken- oder Pflegegeld können sich Energie oft nicht leisten.

In den vergangenen 14 Jahren haben sich die Kosten für Strom, Gas und Fernwärme verdoppelt. In Europa ist Strom nur in Dänemark teurer als in Deutschland, der Gaspreis bewegt sich im oberen Drittel. Der Traum der Energiewende ist teuer. Nicht alle können ihn sich leisten. Fast 2000 Euro muss ein Durchschnittshaushalt im Jahr zum heizen, duschen und kochen ausgeben. Kommt ein PKW dazu, steigen die Kosten schnell auf über 3000 Euro im Durchschnitt. Bei diesen Preisen können viele ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen. „Betroffen“, sagt Karl Schubert, Schuldnerberater beim Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken, „sind alle mit sehr geringen Einnahmen, die ihnen kaum finanzielle Spielräume lassen. Die Hartz IV-Regelsätze wurden den steigenden Energiepreisen nicht angepasst. Auch die Steigerungen der Renten reichen nicht, um die höheren Energiepreise aufzufangen.“ Schubert weiß von einer Rentnerin, die unter Mühen jede Stromrechnung zahlt. „Die spart am Essen.“ Zu den geringen monatlichen Einkünften kämen dann oft noch veraltete Elektrogeräte mit einem zu hohen Verbrauch: „Viele haben kein Geld für energiesparende Waschmaschinen oder Elektroherde. Dazu kommt, dass bei Arbeitslosen der Verbrauch auch noch grundsätzlich höher ist, weil sie den Tag über ja zu Hause sind. Da kann man nicht während der Arbeitszeit die Heizung in der Wohnung abdrehen, weil man im warmen Büro sitzt.“

Die Energiekosten sind in vielen Familien nicht das einzige Problem. Wenn immer mehr Mahnungen auf dem Küchentisch liegen, entscheiden sich viele, die Rechnung zu bezahlen, hinter welcher der meiste Druck steht. „Unseriöse Unternehmen drohen Schuldnern mit Haftstrafen, was Unsinn ist. Aber die Menschen haben Angst und zahlen.“ Am Ende fehlt dann das Geld für die Stromrechnung.

Oft sind auch Missverständnisse und Unwissenheit Gründe für offene Rechnungen. „In Rumänien“, sagt AWO-Berater Bauernfeind, „zahlt man den Strom beim Vermieter bar. Viele glauben, wenn sie in Deutschland die Miete gezahlt haben, wären auch Strom und Gas bezahlt.“

Schubert kennt auch Fälle, bei denen vor allem junge Mieter glauben, mit den Kosten für den Allgemeinstrom, der auf der Mietkostenabrechnung steht, wäre alles abgegolten. „Die fallen dann aus allen Wolken, wenn die Rechnungen kommen.“

Aber auch wer seine Stromrechnung immer pünktlich bezahlt hat, kann Schwierigkeiten bekommen. „Oft sind die Nachzahlungen das Problem”, sagt Schubert. Vor allem nach einem kalten Winter können dabei erhebliche Summen auflaufen. Aus dem knappen Budget eines Hartz IV Empfängers oder eines Sozialrentners lässt sich das oft nicht bezahlen. Auch hier drohen Sperren. Allerdings verhalten sich die Energieunternehmen sehr unterschiedlich: „Mit Stadtwerken kann ich als Schuldnerberater oft einen Zahlungsplan vereinbaren, um die Rechnung abzustottern. Ist der Energielieferant ein Unternehmen, das irgendwo in Deutschland sitzt und vor Ort keine Ansprechpartner hat, ist das meistens nicht möglich. „RWE hatte früher einen eigenen Ansprechpartner für Schuldnerberater, das ist vorbei. Jetzt sprechen wir mit freundlichen Hotline-Mitarbeitern, die nichts zu entscheiden haben.“

Energiearmut ist für viele Versorger ein Thema. RWE bietet ebenso wie die ELE Ratenzahlung an. DSW21 hat sogar gemeinsam mit dem Amt für Wohnungssicherheit, der ARGE und dem Sozialamt einen Runden Tisch zum Thema Energiearmut eingerichtet: „Die Sonderfälle, die nicht zu den von der ARGE und dem Sozialamt betreuten 40.000 Dortmunder Hartz IV-Haushalten gehören, aber unter anderem von Energiearmut bedroht sind, werden hier mit großem Erfolg bearbeitet: Die Erfolgsquote liegt bei 95 Prozent! Dabei gilt: Der von Energiearmut bedrohte Haushalt muss sich bei und mit den offiziellen Stellen aktiv um eine Lösung für sich bemühen.“

Rheinenergie vermittelt Kunden Kontakte zur Verbraucherzentrale und zur Caritas. Die Caritas ist wie auch die Verbraucherzentrale teil des Landesprojektes „NRW bekämpft Energiearmut“ das 2012 gestartet wurde und noch bis 2015 läuft.

In dem Modellprojekt, an dem sich acht Stadtwerke beteiligen, erhalten von Energiearmut betroffene Haushalte neben einer Rechtsberatung auch Hilfe beim Energiesparen. Ein „Stromspar-Check“ soll aufzeigen, wo im Haushalt Energie verschwendet wird. Zusätzlich gibt es einen Gutschein über 150 Euro, der genutzt werden kann, um Kühl- und Gefrierschränke auszutauschen, die älter als zehn Jahre sind und der nicht auf Hartz IV angerechnet wird.

Gemessen an der Anzahl der von Stromsperren betroffenen Haushalte hat das Modellprojekt jedoch nur wenige Menschen erreicht: Gerade einmal 1300 Bürger suchten die Verbraucherzentralen bis Mitte 2014 auf, um die kostenlose Budget- und Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. Dabei hat sich die Beratung gelohnt: In 90 Prozent der Beratungsfälle konnten drohende Sperrungen verhindert werden.

Ob das Projekt weitergeführt und über die acht Pilotstädte hinaus ausgeweitet wird, ist indes offen: Noch ist nicht klar, ob sich das klamme Land das leisten kann und ob die Stadtwerke, von denen viele ebenfalls wirtschaftlich unter Druck stehen, sich weiterhin daran beteiligen werden. Das Verbraucherschutzministerium stellte für „NRW bekämpft Energiearmut“ 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

In NRW muss gespart werden. Auch bei denen, die sich Strom und Gas nicht mehr leisten können.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag.

2 Kommentare

Lieber Stefan Laurin,

Obwohl ich die sonstige Arbeit durchaus schätze, so ist dieser Artikel wenig gelungen. Zunächst mal ungeachtet der Einstellung zum eigentlichen Thema, der Opener ist fürchterlich schlecht. Es ist in keiner Weise vorgesehen, dass jemand in D lediglich von Kindergeld lebt. Der Normalfall sollte Erwerbsarbeit sein, in anderen Fällen von
Sich rechtmäßig aufhaltenden Menschen gibt es irgendwelche Leistungen wie Alg1 oder 2 oder was auch immer. Im angeführten Beispiel liegt das Problem
nicht in möglicher “Energiearmut” sondern in aus dem Ruder gelaufenen Zuwanderungsregeln. Diesen Fall darf es so nicht geben.
Im folgenden erscheint mir die positive Darstellung von allerlei Beratern, welche “jungen Mietern” erklären muss, dass man
Stromrechnungen bezahlen muss reichlich überdreht. Dies ist Kennzeichen eines unsäglichen Nannystaates und imho abzulehnen. Da ich mit meinem Strompreis schon die kühne Vision der sog. Energiewende bezahlen darf (wieso hat kein Versorger einen reinen Atomtarif?!?) halte ich Stromsperren in letzter Konsequenz für richtig – ich will als normal zahlender Kunde kein Solidaritätsprinzip im Energiesektor. Hilfe muss an Bedürftige gegeben werden, aber bitte einmal, gebündelt und transparent. Z.b. H4 oder was auch immer.
Mika

Wenn die Wohnung kalt und dunkel ist, ist das ein Zustand, der in Deutschland nicht vorkommen darf.
Er kommt aber vor und besonders die Schwachen der Gesellschaft (Alte und Kinder) haben zu leiden.

Gründe gibt es viele. Ich vermisse Aussagen zum Energiepreis.

Unser “Nanny State” hat doch dafür gesorgt, dass Energieproduzenten mit Solar-/Windanlage garantierte Renditen bekommen, die als Umverteilung natürlich von den armen Menschen bezahlt werden müssen, die sich keine Energiespartechnik leisten können. Grüne Wähler haben meistens auch überdurchschnittliche Einkommen. Warum wohl?
Ebenso sind viele Versorger öffentliche Unternehmen, die aber für die Angestellten (Chefs) und für den Haushalt der Kommunen arbeiten müssen. Wo bleiben bspw. die Gaspreissenkungen?
Der Energiepreis ist also auch staatlich beeinflusst.
Ebenso ist die Preispolitik mit der jährlichen Gesamtabrechnung einfach nicht mehr zeitgemäß. Oft undurchsichtige Preiserhöhungen lassen die Gesamt-Abrechnung auch nicht kalkulierbar erscheinen.

Dass Auswanderung und Anpassen an neue Systeme für Auswanderer schwierig ist, sehen wir in den Auswanderer Dokus. Man muss sich informieren und Kapital für die erste Zeit und für Überraschungen hilft auch.

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