Mit Mike Zeró nach Wilhelmshaven und zurück

Meike Zero: einer, der fehlen wird
Mike Zero: einer, der fehlen wird…

Vergangen Montag ist der Dortmunder Musiker Mike Zero verstorben. Vor 25 Jahren war er und seine damalige Band The Beat Machine Teil des Festivals “Heckenpennerinferno” in Wilhelmshaven. Es war ziemlich lustig und absolut chaotisch….

In ein paar wichtigen Kernaussagen über wichtige Referenzen zu sprechen, ist für einen Musiker nie einfach. Jeder Klangschöpfer möchte lieber etwas Eigenes aus seiner ureigenen Gedankenwelt kreieren, als nur ein Abziehbild seiner eigenen Idole zu sein. Die Band XY macht eine Mischung aus den Gitarren von A, dem Studiosound von B und dem Songwriting von C – das will doch niemand. Mit ein paar Freunden wollten wir mal in Anlehnung an Hannibal die Elefanten über die Alpen treiben – nur mit anderen Mitteln. Ich probierte das zu koordinieren und scheiterte kläglich. Mit etwa (so ganz ist das nach all den Jahren nicht mehr verifizierbar) 13 Bands reisten wir am 11. Juni 1993 in einem Reisebus des Unternehmens Adrian nach Wilhelmshaven.

Der ein oder andere war mit vertauschter Rolle an Bord, aber so musste das auch sein: Selbstverantwortung wird auf dieser Art von Klassenfahrt gerne am Eingang abgegeben und dann wird ordentlich frei- und durch- gedreht – bis irgendwann nichts mehr geht. Dieses Unterfangen mit vielen Bands aus dem Großraum Dortmund nannte sich nicht umsonst „Heckenpennerinferno“ – dieser Name war Programm. Der vorgegebene Drehbuchtext wurde im Minutentakt geändert. Euphorie, Alkohol und Größenwahn würzen diesen Kleinkunst-Roadtrip mit Wahrheit und Chaos. Ein Szenario, was sich im weiteren Verlauf ins Negativ verdreht, und irgendwann den uneingeschränkten Gegenentwurf eines gelungenen Events darstellt. Eben noch High, kurz drauf chinesisches Roulette mit Katerstimmung. Wir wollten im Wilhelmshavener Club Kling-Klang nicht nur spielen. Hiermit sollte ein unvergessliches Inferno im Sekundentakt abgefackelt werden, eine Art Woodstock im Club – nur viel, viel amateurhafter. Anschließend sollte unsere Reisegruppe wieder mit einem guten Gefühl nach Hause fahren. Alterweisheit am Arsch. Hier geht es vor allem darum, um für eine ostfriesische Nacht lang eine Art James Dean in der Kunstlederjacke zu sein: rebellisch und verschlagen, despotisch und humorvoll, aber stets ein bisschen beschwippst und völlig beknackt.

Die Hinfahrt war schon imposant, das Bier floss in Strömen. Die Beteiligten waren schon ab dem Kamener Kreuz in bester Stimmung und jeder der anwesenden Akteure musste etwa alle 30 Kilometer zum Klo. „Herr Busfahrer, können wir anhalten? Wir müssen mal!“ Der Kutscher mit den handtellergroßen Schweißflecken an seinem Oberhemd war ab Raststätte Hamm-Rhynern schon reichlich genervt. Aber bei uns spielte jeder sich selbst, unverkennbar und mit dem größten Vergnügen. Meist waren wir Fans und Liebhaber der Genres Punk, Hardrock, Rockabilly, Psychedelic, Blues-Rock und Crossover, der eine mehr, der andere weniger. Wir waren jung und fühlten uns unverwüstlich. Heute sind ein paar der damaligen Akteure bereits verstorben: Berti Schlexer, Anne Natt oder Mike Zeró – es ist grausam. Irgendwann sind wir endlich im norddeutschen Raum angelangt, also da, wo es nach Deich und Fischbrötchen riecht. Und im Kling Klang gibt es leckeres Flensburger. Der Kling Klang Boss Hanni Schumacher ist ein geiler Typ. Meist schläft er bis mittags, weil seine Nächte oftmals lang sind. Als er am Abend in seinen Laden kommt, bestellt er sich zu mir. Ich laufe rum und helfe mit beim Equipment-Ausräumen. Alle Gitarren und Verstärker sind schließlich noch im Bus verstaut. Aber der Soundcheck wartet schon und Backstage stehen ein paar geschmierte Brötchen bereit.

Mittlerweile ist ein großes und unübersichtliches Gewusel am Start – und ich finde ihn nicht. Schlussendlich sieht er mich und ruft meinen Namen „Ey, Pedda, komm mal ran“, ich stutze und staune. Er sitzt am Tresen, hat eine Flasche braunen Tequila bestellt und eine Schale mit Orangenscheiben, sowie einen Zimtstreuer und zwei Pinnchen. Das eine für ihn, das andere für mich. So geht Ritterlichkeit im hohen Norden. Er freut sich: „Geil, dass ihr da seid, das wird super heute.“ Im echten Leben hat Dr. Hannilein, so wie er manchmal in Musikerkreisen genannt wird, zwei Söhne. Die sind irgendwann kurz nach dem Mauerfall nach Berlin gezogen, und bedienen in ihrer Band Gum Gitarre und Vocals (Sven Schumacher) und Drums (Jan Schumacher). Diese Band brachte im Jahr 1994 ein Album raus mit dem Namen „Soul Corrosion“. Auf dem Cover war ein blutrot geschminkter Mund zu sehen, in dem fünf angerauchte Zigaretten-Kippen stecken. Doch das auffälligste an diesem Trio ist ihr Bassmann Moses Schneider, der in der Karriere nach Gum zu einem der wichtigsten Musikproduzenten in Deutschland aufgestiegen ist. Inzwischen produziert er Bands und Akteure wie Kreator, Beatsteaks, Tocotronic, Olli Schulz, Turbostaat oder Annenmaykantereit.

Heckenpennerinferno - Dortmunder Musiker in Champagnerlaune
Heckenpennerinferno – Dortmunder Musiker in Champagnerlaune

Doch zurück zum Tresen, direkt an das pochende Herz des Kling Klangs in Wilhelmshaven. Der Schnaps brennt und macht noch schneller besoffen. Totale scheiße, denke ich. Was soll das später geben? Ich bin ja irgendwann auch noch dran mit Spielen. Mein Barhocker wackelt bedenklich, die Schlagzahl steigt und steigt – und die Hitze auch. Bart, Rainer, Dicko und Schoppa von Les Jacks beschließen komplett nackt aufzutreten, das sorgt für ein großes „Hallo“. Eine Besucherin ruft per Telefonkette in der Telefonzelle vor dem Laden ihre Freundinnen-Crew zwischen Dollart und Jadebusen an, die prompt in Scharen auftauchen: „Wo sind die nackten Männer?“, schreien sie und johlen laut. Yeah, das ist die Kunst des lässigen Aufstands. Dem Busfahrer wird das ganze Szenario unangenehm. So eine ausgeflippte und besoffene Meute ist dem hektischen Reval-Raucher mittlerweile nicht mehr geheuer. Er ruft seinen Chef an und fragt, wie er sich verhalten soll. „Lass dir sofort den Rechnungsbetrag auszahlen und geh’ dann in deine Pension! Penn dich aus, damit du morgen für die Rückfahrt fit bist“, so die Anweisung von oben. Damit kommt er zu mir, doch ich muss ihn vertrösten. Wir brauchen natürlich den kompletten Eintritt von der Abendkasse und der ist erst im Laufe der Nacht da. Dem Busfahrer reißt der Geduldsfaden, er sagt: „Ich hau’ jetzt ab – so ein Chaos hab ich noch nie erlebt.“ Ich vermutlich auch nicht. Trotzdem schreie ihn an: „Dann gibt’s auch keine Kohle!“ Das reicht ihm. Er haut ab, setzt sich in den Bus und fährt zurück nach Dortmund.

Fuck, das gibt es doch gar nicht. Backstage schaue ich in betretene Gesichter. Schoppa wollte auf der Hinfahrt einen Hut rum gehen lassen, um für den Fahrer zu sammeln. Aus irgendeinem Grunde, den ich schon drei Minuten später nicht mehr weiß, rede ich ihm das aus. Nothing But Anyway spielen schon, Jelly Planet und Bone Machine machen sich bereit. Ungefähr jede Band wird etwa 20 Minuten zocken, sonst geht die ganze Chose nicht auf. Am linken Bühnenrand zieht Huggy Borghardt die Haube von seinem elektrisch verstärkten Blues-und-Boogie-Piano ab. Er lächelt milde und freut sich auf seinen Gig. Denn die Losung ist klar: es wird weitergespielt, egal was passiert. Irgendwann bin ich mit Elvis Pummel dran, während die 30 Kisten Backstage-Bier im Raum hinter der Bühne weiter Flasche für Flasche vernichtet werden. Halb Dortmund ist da und ich kann kaum noch stehen. Was für eine Pleite. Mit einer surrealen Selbstdarstellung und einem Schlagzeugspiel, was an eine Kiste mit Alteisen erinnert, die gerade eine Kellertreppe runterrutscht, gebe ich dann beim anschließenden Gig mit Elvis Pummel den Anti-Takt vor. Spielen kann man das nicht mehr nennen, was ich in betrunkener Motorik von mir gebe. Ich haue mit den Sticks auf die Becken und Felle, als wäre ich ein falsch programmierter Duracellhase. Nach dem vierten oder fünften Track schmeiße ich das komplette Drumkit um und brülle alle an, wie ein haltloser Choleriker. Ich wollte ein cooles Event mit gestalten und vorwärts bringen, jetzt habe ich alles versaut und das komplette Gegenteil erreicht.

Bands wie Rim Shout und Billy Rubin können nun nicht mehr spielen. Viele der Anwesenden sind sauer auf mich und drohen mir Prügel an. Irgendwann weiß ich nicht mehr, wie der Abend ausgeht. Ich hab einen Filmriss und kann mich nicht mal mehr erinnern, wie ich ins Bett gekommen bin. Am nächsten Tag verteilen wir uns in viele Privat-PKWs, denn wie gesagt: Halb Dortmund ist da. Ich fahre mit Cornel und Mike Zeró von Beat Machine im dunkelgrünen Passat heim. Auf die Ladefläche verladen wir Schlagzeug, Verstärker und Gitarren. Kurz darauf halten wir noch in Großenkneten und suchen das Haus, in dem die Band Trio in den frühen 1980er Jahren als Wohngemeinschaft gewohnt hat. Denn sogar Trio-Trommler Peter Behrens war am Abend zuvor unser Gast. Er wohnte viele Jahre im Haus über dem Kling Klang in einer kleinen Dachgeschoss-Wohnung. „Ihr seid coole Typen“, sagt er und trinkt gerne mit uns ein paar Biere bis zum Morgengrauen. Nach all den Jahren sind die Fetzen der Erinnerung von diesem Wochenende in meinem Kleinhirn mit einem goldenen Pinselstrich ausgemalt worden. Das ganze Chaos dieses Heckenpenner-Wochenendes erstrahlt heute in einem glänzenden und güldenem Licht – völlig ohne jeden faden Beigeschmack.

Mit Trio-Trommler Peter Behrens vor dem Kling Klang
Mit Trio-Trommler Peter Behrens vor dem Kling Klang

Schon komisch, denn das war nicht immer so. Sechs Wochen nach diesem unfassbarem Event bekomme ich von der Post ein Einschreiben in unseren WG-Briefkasten gesteckt. Das Busunternehmen Adrian will mich verklagen, wegen einer nichtbezahlten Rechnung. Da ich gegenüber der Polizei erklären kann, dass der Busfahrer ohne Rücksprache einfach aus Wilhelmshaven abgehauen ist, wird das Verfahren kurz darauf eingestellt. Ob Maurermeister, Industrie-Kaufmann, Kanalbauer, Elektrotechniker, Zerspannungs-Mechaniker, Eisenbahner, Rechtsanwalt, Orthopädie-Schuhmacher oder Heckenpenner – die unterschiedlichsten Berufsgruppen sind alle auf eine ganz besondere Ressource angewiesen: sie brauchen Glück im Leben. Denn das Streben nach reiner Perfektion führt nicht zum goldenen Honigmond, so ist noch keiner Erlebnismillionär geworden. Nein, mit Glück streicht sich die Butter einfach leichter auf das Brot des Lebens. Und direkt neben dieser Schnitte stehen Bier und Hobbymusiker-Wahnsinn. Denn das ist für Berufsjugendliche eine echte Währung. Wer das nicht glaubt – nun, dem ist eh’ nicht mehr zu helfen.

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