Ein Wellness-Trailer durch die Psychiatrie

Was war das eigentlich, das da gestern unter dem Titel „Hirschhausens Check-up (2): Wie die Mitte des Lebens gelingt“ im Ersten lief? Eine Dokumentation? Ein Ratgeber? Ein filmgewordener Sprüchekalender? Ich muss einräumen, dass ich die Sendung vielleicht mit falschen Erwartungen angeschaut habe, weil ich gelesen hatte, der Film zeige, wie Kollege v. Hirschhausen sich drei Tage in einer Psychiatrie als Patient aufnehmen lasse. Das kam auch vor. Irgendwie. Ich weiß aber nicht warum.


Die Sendung war zusammengefasst das, was man sich unter dem Titel vorstellen würde, nur mit noch weniger Inhalt. Optisch gestaltet wie eine zeitgemäße Werbung für Unfallversicherungen – mit weißen Schreibschrift-Titeln (es gibt im App-Store ungefähr einhundert Programme, um sich solche „Schöner-Wohnen“-Cover selbst zu machen), mit Zeitlupen, mit netter Musik – sprang das Filmchen entspannt von Thema zu Thema, erwähnte mal Atemtechniken, mal Paartherapie, mal Achtsamkeitstraining. All dies wurde schlagwortartig in den Raum geworfen, längere zusammenhängende Informationsstränge wurden dem Zuschauer nicht zugemutet. Der gesamte Beitrag hatte das Timing eines Trailers.
Das alles könnte egal sein, wenn nicht im gleichen Rhythmus und mit der gleichen Arglosigkeit Szenen aus der Psychiatrie eingestreut gewesen wären. Hirschhausen war also mit einem Kamerateam in der psychiatrischen Schlossparkklinik Berlin. Er hat dort mit Patienten gesprochen und Therapien mitgemacht. Hirschhausen spricht mit einem Menschen, der Stimmen hört. Atemübungen in Heidelberg. Hirschhausen bei der Musiktherapie. Interviews auf der Straße. So zusammenhanglos der Film geschnitten war, so rätselhaft blieb auch die Frage, was das Eine mit dem Anderen zu hatte. Natürlich kann in der Mitte des Lebens auch eine psychische Krankheit auftreten. Genau wie am Anfang oder am Ende. Und es wurden auch keine ausgesuchten „Midlife Crisis“-Patienten gezeigt, sondern vermutlich einfach jene, die bereit waren, in die Kamera zu sprechen.
Eines kann man dem Film zugute halten: Die Psychiatrie wurde hier nicht als Hort des Schreckens gezeigt, sondern absolut positiv dargestellt. Das freut mich. Andererseits hat der Film freilich in seiner Wellness-Cremigkeit auch nicht den Schrecken gezeigt, der in den Seelen der Menschen wohnt, die eine Psychiatrie benötigen.
Es ist nicht leicht, in einer psychiatrischen Klinik zu filmen. Denn selbstverständlich ist die Frage der Persönlichkeitsrechte hier besonders heikel. Jeder, der zufällig auf eine der Aufnahmen gerät, muss sein Einverständnis geben, aber nicht jeder ist gesund genug, das zu tun. Und einen Patienten zu fragen, ob er mit seiner Erkrankung im Fernsehen auftreten will, ist von vorne herein schwierig. Es hat automatisch eine psychotherapeutische Bedeutung, es kann für den Therapieprozess nicht ohne Folgen sein, wenn ich meine Leidensgeschichte Hunderttausenden im TV erzählt habe. Viele Menschen haben extremen Respekt vor „dem Fernsehen“. Und auch vor dem Arzt, der vermutlich als erstes den Kontakt herstellt und den Patienten fragt, ob er sich vorstellen könnte, gefilmt zu werden. Es ist gar nicht so leicht da „nein“ zu sagen und noch schwieriger, abzuwägen, was es für mich bedeutet – vielleicht auch erst in ein paar Jahren – wenn ich mich daran zurückerinnere, dass ich mein Intimstes öffentlich gemacht habe.
Und daher ist die Möglichkeit, in einer psychiatrischen Klinik zu filmen und Patienten zu interviewen, selten und bedeutsam. Es ist eine große Chance, denn Aufklärung über dieses Thema ist immens wichtig. Es bedeutet aber auch eine große Verantwortung. Verantwortung den Menschen gegenüber, die sich entschließen ihre Geschichte dem Fernsehpublikum zu erzählen. Diese Verantwortung impliziert für mich zwei Dinge: Man muss dem Menschen, der sich da zeigt, gerecht werden. Man muss ihm genug Zeit einräumen, man muss ihn ausführlich genug zeigen, damit der Zuschauer ein Bild von ihm bekommen kann, ihn verstehen kann. Man muss ihn als Persönlichkeit würdigen. Und man muss Informationen vermitteln, über die Zusammenhänge, Hintergründe zu seiner Erkrankung, den Behandlungsmethoden und so weiter (jedenfalls in diesem Rahmen, natürlich ist auch ein Format denkbar, das den Patienten sehr subjektiv zeigt).
Diese Möglichkeit wurde verschenkt. Ich würde sogar sagen: missbraucht. Auf die Menschen in dieser Klinik wurden Schlaglichter geworfen, ohne dass man wirklich etwas über sie erfahren hätte. Sie waren Bebilderung für einen Strom von Kalendersprüchen und Informationsfetzen.
Dass Herr v. Hirschhausen im Gespräch mit ihnen wirklich nett und empathisch rüberkam, macht die Sache für mich nur schlimmer. Denn es beweist: Er müsste es besser wissen.

 

6 Kommentare

die Klinik heisst (nicht "Schlossbergklinik", wie im Text genannt, sondern):

"Schlosspark-Klinik"

https://www.schlosspark-klinik.de/

Der Chefarzt, Prof. Dr. Bschor, ist oft in den Medien präsent, er vertritt u.a. eine skeptische Position zur Wirkung von Antidepressiva

"Eines kann man dem Film zugute halten: Die Psychiatrie wurde hier nicht als Hort des Schreckens gezeigt, sondern absolut positiv dargestellt."

Richtig. Und wichtig, schließlich sollte die Hemmschwelle niedrig sein, Hilfe zu suchen. Ansonsten war der Film natürlich ein NICHTS, typisches Hirschhausen-Nichts.

Das klingt ja fast so, als sei die Sendung (die ich nicht gesehen habe) voller handwerklicher Mängel! Dass sie dann trotzdem ausgestrahlt wurde kommt etwas überraschend…

Dann haben wir vermutlich unterschiedliche Ansichten zur üblichen Qualität des TV-Programms…

Nein, ich befürchte eher, dass ich meinen Sarkasmus nicht deutlich genug vorhebenkonnte…

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