Ein Tag mit Kopftuch

Mein Name ist Meriem, ich bin 24. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Algerier. Meine Heimat ist Deutschland. Ich wurde hier geboren und wuchs als Deutsche auf. Oft werde ich allerdings gefragt: „Wo kommst du denn eigentlich her?“. Ich antworte dann meist: „Ich komme aus Deutschland, aber mein Vater ist aus Algerien.“ Er kam in den 80ern nach Deutschland. Genauer gesagt nach West-Berlin. Er ist also Immigrant und ich habe dadurch einen „Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Die arabische Kultur und die Religion meines Vaters hatten allerdings kaum Einfluss auf mein Leben. Ich bin Christin, er ist ein traditionsbewusster Muslim. Gerade im Ruhrgebiet begegne ich jeden Tag jungen Frauen, die durch ihr Kopftuch zeigen, dass sie an den Islam glauben. Ich habe mich

Mein Name ist Meriem, ich bin 24. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Algerier. Meine Heimat ist Deutschland. Ich wurde hier geboren und wuchs als Deutsche auf. Oft werde ich allerdings gefragt: „Wo kommst du denn eigentlich her?“. Ich antworte dann meist: „Ich komme aus Deutschland, aber mein Vater ist aus Algerien.“

Er kam in den 80ern nach Deutschland. Genauer gesagt nach West-Berlin. Er ist also Immigrant und ich habe dadurch einen „Migrationshintergrund“, wie es so schön heißt. Die arabische Kultur und die Religion meines Vaters hatten allerdings kaum Einfluss auf mein Leben. Ich bin Christin, er ist ein traditionsbewusster Muslim. Gerade im Ruhrgebiet begegne ich jeden Tag jungen Frauen, die durch ihr Kopftuch zeigen, dass sie an den Islam glauben. Ich habe mich gefragt, wie es wohl ist, als Kopftuchträgerin unter Christen zu sein. Es wird immerzu darüber gesprochen, dass Integration ohne Toleranz nicht gelingen kann. Doch werde ich als Frau mit Kopftuch genauso behandelt, genauso toleriert wie sonst? Heute wollte ich dieser Frage auf den Grund gehen und selbst erleben, wie es ist, einen Tag lang als Muslimin wahrgenommen zu werden.

Mein Tag beginnt mit einer sehr pragmatischen Erkenntnis: das Kopftuchbinden ist eine Kunst für sich. Ohne eine Anleitung aus dem Internet, komme ich nicht weit. Als es mir endlich gelingt, jedes noch so widerspenstige Haar unter einem grün glitzernden Schal zu verbergen, betrachte ich mich kritisch im Spiegel. Ein fremdes Bild. Als ich meinen morgendlichen Kaffee auf den Balkon trinke, streckt mein, so wie ich glaube, türkischer Nachbar den Kopf aus dem Fenster. Sein Haar ist schon etwas schütter und er raucht Zigaretten. Offenbar kein strenger Muslim. Plötzlich lächelt er mir entgegen. Das ist vorher noch nie passiert. Ob es wohl an meiner neuen Haartracht liegt? Ich bin nicht sicher, mache mich aber beschwingt auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle vor meinem Haus. Schließlich steht heute der wöchentliche Sport in meinem Fitnessstudio auf dem Programm. Der Schritt auf die Straße kostet zwar keine Überwindung, lässt mein Herz aber etwas höher schlagen. Verstohlen blicke ich nach links und rechts, um zu sehen, wie Passanten reagieren. Alles ist wie immer.

An der Haltestelle angekommen, passiert dann doch etwas. Ein Mann mit stattlichem Bierbauch und matter Halbglatze begutachtet mich von Kopf bis Fuß. Er hält einen vergilbten Leinbeutel mit Einkäufen in seiner Hand. Als ich ihm in die Augen schaue, huscht sein Blick auf den Boden. In der Bahn angekommen, kontrolliere ich schnell, ob mein Tuch verrutscht ist. Nein. Alles in Ordnung. Beim Überqueren der Straße, gerate ich das zweite Mal in die Gesichtskontrolle. Aus einem tiefergelegten Opel Corsa linsen mir zwei junge Männer hinterher. Ich erwidere ihre Blicke. Sie beginnen zu tuscheln. Ich bin etwas verunsichert und gehe rasch weiter. Im Studio angekommen, schaut mir die Dame an der Rezeption die entscheidenden drei Sekunden länger in die Augen, als ich es gewohnt bin. Mir fällt auf, wie auch andere Blicke meinen Kopf streifen und kurz auf mir verweilen. In der Damenumkleide tausche ich schnell meine Jeans gegen eine weite Jogginghose. Währenddessen schielt die nackte Blondine neben mir ununterbrochen auf meinen Kopf. Auf dem Laufband wird mir nicht nur klar, wie warm es unter dem Tuch werden kann, sondern auch, dass ich hier nicht unbeobachtet bleibe. Rechts von mir kann eine junge Frau mit braunem Pferdeschwanz und roter Leggings ihre Augen nicht abwenden. Ich laufe weiter. Schwitze. Spüre Blicke.

Das ist viel Aufmerksamkeit für so wenig Stoff, denke ich, als ich wieder zu Hause bin. Ich nehme langsam das Tuch ab, das ich gar nicht mehr so befremdlich finde. Lege es auf den Tisch. Heute unterlag ich der Beobachtung. Es wurde geprüft, was ich tue und wie ich es tue. Nicht offensiv, auch eben nicht mit Worten, sondern ganz subtil. Die Blicke machten mich irgendwie zu der „Anderen“. Ich frage mich, ob andere Frauen mit Kopftuch das auch so wahrnehmen. Und ob die Blicke uns voneinander trennen.

29 Kommentare

Also ganz ehrlich: Jemanden mit Kopftuch auf dem Laufband finde ich ähnlich befremdlich wie jemanden, der eine Daunenjacke an hat. Da hätte ich wohl auch doof geglotzt. Ansonsten sehr aufschlussreich, da ich eigentlich der Meinung war, dass das Tragen von Kopftüchern inzwischen zur Normalität gehört. Wieder was gelernt.

Ähnliche Erfahrungen werden heute junge Nonnen machen, einfach aus der Tatsache heraus, daß dieses Land mittlerweile säkularisiert ist und religiöse Symbole Randerscheinungen sind, bestenfalls als etwas Exotisches wahrgenommen werden. Das ist gut so und weder christliche noch muslimische Fundis werden daran etwas ändern.

Diese Geschichte beweist rein gar nichts. Selbstverständlich werden auch Frauen mit Kopftuch angeschaut; sowohl auf der Straße als auch im Fitnessstudio. Und das ein gläubiger Moslem (der türkische Nachbar der Autorin) sich gegenüber einer Frau mit Kopftuch anders verhält als gegenüber einer Frau ohne Kopftuch sollte nicht verwundern.

Diese Beobachtungen der Autorin lassen keineswegs den Rückschluss zu, dass sie mit Kopftuch auf subtile Art und Weise kritisch beobachtet oder gar diskriminiert wurde.

Und dies schon gar nicht, da die Autorin vermutlich ganz besonders aufmerksam war und das Verhalten ihrer Mitmenschen für diesen Beitrag studiert hat, so dass es nicht ausgeschlossen ist, dass eben dieses Verhalten der Autorin ihre Mitmenschen irritiert hat. Da es für die Autorin sicherlich ungwohnt und befremdlich war, das Kopftuch zu tragen, halte ich es zudem auch für möglich, dass sie die ganz normalen Blicke ihrer Mitmenschen als abwertendes Verhalten gegenüber ihres Kopftuchs auffasste.

Wie soll man sich denn gegenüber Frauen mit Kopftuch verhalten? Etwa konsequent wegschauen, um nicht Gefahr zu laufen, sie zu diskriminieren.

Es bleibt dabei: Es entspricht eben nicht der deutschen Konvention ein Kopftuch oder gar eine Burka zu tragen, weshalb es exotisch ist und mitunter auch Blicke auf sich zieht. Dies wäre etwa in der Türkei nicht der Fall. Damit muss man dann aber in Deutschland leben, wenn man sich aufgrund seiner religiösen Auffassung entschließt, ein Kopftuch zu tragen oder sich aus anderen Motiven entschließt, sich die Haare grün zu färben, Sicherheitsnadeln in die Ohren zu stecken oder ausgefallene T-Shirts trägt.

Dieser nichts beweisende Selbstversuch ändert selbstverständlich nichts daran, dass es tatsächlich Diskriminierungen gegenüber Frauen mit Kopftuch oder anderen religiösen Zeichen gibt.

“Das Kopftuch ist die Flagge des islamischen Kreuzzuges. Diese islamistischen Kreuzzügler sind die Faschisten des 21. Jahrhunderts.”

– Alice Schwarzer, ?Alice im Männerland. Eine Zwischenbilanz.?, ISBN 3-426-77681-2, 2002

Ob Blicke trennen? Mit Sicherheit trifft das auch einige zu.
Auch ich kann nicht perfekt mit einer Kopfttuchträgerin. Ich finde es ein bißchen unheimlich. Ich nehme an, weil ich es nicht gewohnt bin.
Wenn ich nach Saudi Arabien gehen würde, bräuchte ich vielleicht 6 Monate und dann gebe es wahrscheinlich nichts normaleres als eine Frau mit Kopftuch für mich.
Ich bin eben zu sehr Spießer 😉
Mach den Test das nächste mal in London. Ich wette, da schaut keiner hin^^

“…Heute unterlag ich der Beobachtung…” Umgekehrt wird ein Schuh daraus (m.E.).

Für mich (Perspektive einer Frau – bisher kommentierten Männer) sind Kopftuchträgerinnen so normal, dass ich auf ganz anderes achte, z.B. ob sie vor mir oder nach mir an der Reihe ist (Wartezimmersituation, Amt), welche Schuhe sie trägt (ich liebe schicke Schuhe, kann aber selbst nur niedrige Absätze tragen, da sich sonst mein Rücken ‘meldet’ – auf Schuhe achte ich bei jeder Frau), ob es ihr z.B. gelingt, ihr trotzendes Kind zu ‘bändigen’ (eine Kunst, die Frauen mit und ohne Kopftuch beherrschen oder eben nicht …) usw..

Vor Jahren in einem Londoner Hotel eine voll verschleierte Frau beim Frühstück, mir schräg gegenüber. Da habe ich allerdings immer mal wieder (ich wollte auch frühstücken …) geschaut. Ich musste mich zwingen, nicht zu starren. Gesichtsschleier hoch, Obststück in den Mund. Gesichtsschleier runter. Gesichtsschleier hoch – ein Schluck Tee, Gesichtschleier runter… – mir wäre es zu anstrengend, aber ein Problem war es/ist es für mich nicht.

Ich frage mich gerade, wo einige User hier leben? Da wo ich lebe, ist das was ganz normales, gehört zu täglichem Bild und ist nichts Ungewöhnliches! Ich finde es eher befremdlich, wie andere Menschen darauf reagieren?
Außerdem, als ich jung war, trug selbst meine Mutter ein Kopftuch, das tut sie heute noch, wenn auch nicht so oft!
—–
Übrigens:
Brief an die Korinther, Kapitel 11:
5 Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen.
6 Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kopftuch#Christentum
—–
Diese ständigen religiösen Diskussionen können schon sehr anstrengend sein!

Übrigens, wie wäre denn mal mit diesem Bericht:ein Tag mit einem Kreuz um den Hals durch Afghanistan! :-/

Schönes Stück.

Lustig fand ich die Google-Anzeige daneben: muslima.com “Die muslimische Kontaktanzeige”

Diese Kontaktfriedhöfe sind echt unglaublich. 🙂

Nee echt, schönes Stück.

@ David Schraven

wenn ich jetzt bei dir abschreibe – ist das einschleimen?

“Schönes Stück.

Lustig fand ich die Google-Anzeige daneben: muslima.com ?Die muslimische Kontaktanzeige?

Diese Kontaktfriedhöfe sind echt unglaublich.

Nee echt, schönes Stück.”

stimmt, stimmt, stimmt!

Wo kommen wir hin, wenn nun auch schon Blicke auf ihren Diskriminierungsgrad hin geprüft werden. Wer sich außerhalb seiner vier Wände begibt setzt sich unausweichlich dem “fremden” Blick aus.Das ist auf der ganzen Welt so, wie Blicke überhaupt normal sind, weil der Mensch nun mal Augen hat und neugierig ist von Geburt.

Der Mensch hat ein Menschenrecht auf den Blick auf das andere, den anderen.die andere! Auch auf den respektlosen! So lange er nicht auch respektlos handelt oder spricht oder in sonstiger Weise respektlos tätlich wird. Der öffentliche Raum ist deswegen öffentlich weil er nicht privat ist. Weil er nicht einem alleine oder einer bestimmten Gruppe gehört, sondern allen. Er ist per se der Raum des Fremden, und damit auch der Neugierde auf oder der Irritation durch das Fremde.

Wer nicht angeschaut werden will, der sollte sich nicht in der Öffentlichkeit bewegen oder ein geschlossenens Fahrzeug dafür wählen. Wer nicht angesprochen werden will erst recht. Ansonsten kann man Antworten verweigern oder sich über die Blicke der anderen erheben, in denen man sie keines Blickes (zurück) würdigt Oder man kann auch auf den unangenhmen Blick so freundlich zurücklächeln, dass dieser sich abwendet oder sich selbst in ein freundliches Lächeln verwandelt.

Danke für den interessanten Bericht über Deinen Selbstversuch, Meriem. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du mit Kopftuch häufiger und intensiver angeschaut wurdest als ohne. Was mir fehlte, ist eine Reflektion über Deinen Anteil an dieser (unerwünschten) Aufmerksamkeit. Wenn Du Dir das orientalische Kopftuch umbindest, dann ist doch klar, dass Du Dich bewusst entgegen europäischer Sitten kleidest und damit auffällig bist. Und wer auffällig ist, der wird nun mal angestarrt, das kann Dir auch jeder Punk, Skinhead oder körperlich Behinderte sagen.
Mich selbst habe ich auch schon bei (möglicherweise) diskriminierendem Starren erwischt, und zwar als ich in einem Lebensmittelgeschäft plötzlich dachte, der leibhaftige Darth Vader wäre mir erschienen! Auf den zweiten Blick sah ich dann allerdings, dass es eine sehr große Araberin mit Ganzkörperverschleierung nur mit Sehschlitzen war. Falls sie mein entsetztes Zusammenzucken bemerkt hat, fand sie es bestimmt nicht toll.

@ all
Was mir in dieser Diskussion grundsätzlich nicht gefällt ist der Opferstatus des/der Angeschauten. Das Andersheit respektive Minderheit zugleich und absichtlich mit Ohnmacht verwechselt wird. Dieser heimliche Wunsch dessen, der ein Kopftuch trägt, dass da doch endlich jemand irgendwie diskriminierend schaut.

Was wäre denn, wenn überhaupt niemand schauen würde. Weder abgeneigt noch bewundernd,weder irritiert noch belustigt. Wenn also die eigene Besonderheit überhaupt nicht bemerkt würde. Wenn es den Leuten sozusagen komplett “am Arsch vorbei” gehen würde, wie jemand aussieht? Wäre das wirklich ein Erfolg? Wäre das jetzt keine Diskrimienierung? Ist totale Gleichgültigkeit die Lösung weil man sie prima mit Toleranz verwechseln kann?

Toleranz entsteht aber erst dann, wenn der andere in seine Andersheit auch wahrgenommen wird. Und aus ihr kann dann sogar der bewundernde, der anerkennde Blick für das Anderssein erwachsen. Dass sich eben jemand traut, auch in der Öffentlichkeit sein Anderssein zu zeigen, ja zu demonstrieren. Dass es die Vielfalt und Buntheit der Welt vegrößert. Dass es auf Dauer nicht Angst macht sondern die Möglichkeiten der Begegenung erweitert.

Die meisten Menschen bewegen sich ürbrigens genau deswegen im öffentlichen Raum weil sie wahrgebommen werden w o l l e n. Und dieses Phänomen gibt es fast in jeder Kultur. Sehen und gesehen werden ist an manchen öffentlichen Orten sogar das Non Plus Ultra. Gerade weil es da so viele gibt die anders aussehen als man/frau selbst, geht man dorthin. Ja man versucht sogar selbst ein bisschen anders als sonst auszusehen um dort angeschaut zu werden. Leute die ihre Identität ganz absichtlich durch Auffälligkeiten erzeugen, findet man dort zu Hauf. Dort sind die meisten geradezu beleidigt, wenn man sie wegen ihrer Besonderheit n i c h t anschaut. Das gilt übrigrens auch für die Frauen/Mädchen in muslimischen Migrantenvierteln, wenn sie ein neues sehr schmuckvolles Kopftuch durch ihre Community tragen.

@ Arnold: Na, das meinte ich doch gerade. Das Kopftuch ist im westlichen Kulturkreis unüblich und daher auffällig. Wenn Frauen sich dafür entscheiden, es anzulegen (oder von ihren Vätern, Brüdern und Männern dazu genötigt werden), dann heben sie sich bewusst optisch von der Mehrheit ab. Wenn sie sich dann darüber beklagen, dass sie damit Aufmerksamkeit erregen, dann finde ich das scheinheilig. (Meriem hat sich allerdings, wenn überhaupt, nur zwischen den Zeilen beklagt.) Opfer sind Kopftuchträgerinnen keinesfalls, dann anders als beispielsweise ein körperlich Behinderter können sie die Ursache für ihre Auffälligkeit jederzeit beheben.

Dass die Dame an der Rezeption des Fitnessstudios 3 sec länger schaut als gewöhnlich, wenn eine Kundin von der man es nicht gewohnt ist, plötzlich mit Kopftuch aufs Laufband geht, halte ich für nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil.
Und wieso ist das Atrribut ” nackt” für die Blondine in der Umkleide, so hervorhebenswert?

Susanna

Irgendwie hat mir an dem Artikel was gefehlt. Denke, es ist die Zuspitzung des “Experiments”. Mit einem Kopftuch ins Fitnessstudio zu gehen ist zwar skurril – interessanter wäre es aber wahrscheinlich mal ein Bewerbungsgespräch um eine Führungsposition in der Wirtschaft zu führen. Ob man eine Kandidatin einlädt, die so ein Kopftuch trägt – oder sogar am Ende einstellt? Müsste man alles mal ausprobieren? Ich wünsche viel Vergnügen! 🙂

@ arold voß

eine variation ihres vorschlags war vor einiger zeit im iran im gespräch, um auf die unterdrückung der frauen dort aufmerksam zu machen. mehrere iran. frauen hatten die idee geäußert, die männer sollten an einem bestimmten tag mit kopftuch vor die tür gehen, um eben darauf aufmerksam zu machen, dass bsp. aussagen von frauen vor gericht nur halb so viel zählen wie die eines mannes etc.

diese idee wurde jedoch leider nicht umgesetzt, da die männer den hintern nicht hochbekommen haben.

Tja, die adds sind wirklich eine Nummer für sich…

Ich kann mich dem ersten Absatz aus Maltes Statement in #8 eigentlich nur anschließen. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, daß meine Großmutter so gut wie nie das Haus ohne Kopftuch/bedeckung verlassen hat. Es ist in unserem Kulturkreis also nicht grundsätzlich “unnormal” ein Kopftuch zu tragen, es ist lediglich in den letzten dreissig Jahren “unnormal”, vielleicht auch schlicht unmodern, geworden, schließlich tragen Männer auch kaum noch Hüte und wenn doch, dann rufen sie ähnliche Reaktionen hervor, wie sie die Autorin erlebt hat.

Für ein solches Experiment ist ein Tag sicherlich nicht genug.

Ein wirklich schöner, realitätsnaher Bericht!
Insbesondere die einleitenden Worte ließen mich schmunzeln, ist mir die Frage “Ja, wo kommst du denn gebürtig her?” doch leidlich bekannt.
Dass meine Antwort darauf stehts die selbe bleibt (“Deutschland”) lässt den irritierten Fragensteller erst verstummen, wenn ich erklärend hinzufüge zur Spezies der “mixed-raced” zu gehören xD
Auch ich empfinde mich als Deutsche und lasse mir dieses Selbstbestimmungsrecht ganz sicher nicht von einem Stück Stoff zunichte machen, denn obgleich ich den Schleier aus Überzeugung und seit nunmehr 10 Jahren trage, besteht zwischen mir und der arabischen Heimat meines Vaters keinerlei Bindung, nicht einmal auf sprachlicher Ebene.
Religion kennt keine Herkunft.
Diese entscheidenden Sekunden, in welchen der Blick deines Gegenübers ein wenig länger auf dir verweilt, kenne ich nur zu gut, lasse mich davon seit geraumer Zeit jedoch kaum mehr aus der Ruhe bringen. Ich verstehe es. Würde ich nicht jemanden mit einer auffälligen Frisur oder einem extravaganten Styling ebenfalls verstohlen mustern?
Solange es bei subtiler Musterung bleibt, ist´s mir gleich 🙂

Fatima, schön dass sie sich hier äußern. Sie sind offensichtlich die erste hier, die aus Überzeugung selbst Kopftuchträgerin ist. Ich hätte deswegen drei Fragen.

Aber gleich vorweg, damit sie diese nicht in den falschen Hals bekommen: Ich habe kein Problem mit dem Kopftuch, weder als als religiöses Zeichen noch als modischer Schmuck, noch als beides. In dem Viertel in dem ich wohne gehören Kopftücher übrigens zum normalen Straßenbild. Ich schaue da eigentlich nur noch hin, wenn Jemand ein besonder hübsches/auffälliges trägt. Und nun meine beiden Fragen:

Gibt es nicht auch für sie Situationen in denen sie ihr Kopftuch einfach und praktisch stört? Z.B. beim Schwimmen, oder bei einer Sportart die schelle Kopfbewegungen erfordert oder auf dem Fahrrad, wo einem so ein Tuch, erst recht wenn es verrutscht, leicht die Sicht verperren kann?

Da sie ja nicht mit einem Kopftuch geboren wurden, wie und wann sind sie dazu gekommen, ein Kopftuch zu tragen und ab wann waren sie so richtig davon überzeugt?

Haben sie nie den Wunsch verspürt, ihr Haarpracht auch außerhalb ihrer Wohnung/ihres Hauses zu zeigen?

Wenn sie meine Fragen zu aufdringlich finden und mir deswegen nicht antworten wollen, ist das für mich natürlich o.k. Aber ich fände es schon klasse, wenn sie antworten könnten, denn es interessiert mich sehr, was jemand dabei denkt und fühlt, der das Kopftuch aus Überzeugung trägt.

Fatima, was mir an Ihrem Kommentar gefällt, ist, dass sie das Kopftuch mit einer auffälligen Frisur und oder einem extravaganten Styling vergleichen und damit herausstellen, dass das Tragen eines Kopftuchs in unserem Kulturkreis dazu führt, dass Frauen im Straßenbild auffallen. Das ist genau das, was ich jenseits der Frage, ob das Kopftuch ein religiöses oder ein politisches Symbol ist, nicht verstehe: Warum legen manche Frauen ein Kleidungsstück an, das sie auf den ersten Blick als “die anderen” kennzeichnet? Welchen Sinn hat es, sich mit dem Kopftuch optisch von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen?
Vielleicht haben Sie keine Lust, mir diese Frage zu beantworten. Das wäre Ihr gutes Recht. Kopftuchträgerinnen müssen sich viel öfter rechtfertigen als Menschen, die aus anderen Gründen in der Menge auffallen. Wenn Sie mir dennoch antworten, würde mich das freuen.

Geez- ich bin ehrlich überrascht auf meinen Kommentar nun eine Reaktion zu lesen 🙂
Ich war eher in dem Glauben, dieser Artikel fände nach all der Zeit kaum mehr Beachtung. Es freut mich, dass ich offensichtlich irrte.

@Arnold
Ach, kein Ding. Ich vermag mich leicht all der Gespräche/Diskussionen entsinnen, wo es meinem Gegenüber, es stand in seinen Augen, zuwider war, in welcher Aufmache ich ihm unverhohlen ins Gesicht blicke. Von daher- so schnell nehm´ ich nichts mehr krumm xD

Aber sicher! Und nicht nur manchmal. Ich muss gestehen, dass mir der Schleier in jüngeren Jahren kaum ein Ärgernis war, mir nicht wie dieser Tage das ein oder andere Mal einem Hindenris gleichkam. Das ist nun mit 20 Jahren anders.
Wenn ich von “Hindernis” oder gar “Ärgernis” spreche, dann findet sich die Quell dessen sicherlich nicht in Banalitäten wie dem ein oder anderen zusätzlichen Grad während des Sommers oder nun nicht mehr schwimmen zu können, nein, ganz sicher nicht. Von Zeit zu Zeit, da blicke ich in den Spiegel und weiß einmal mehr, um wie vieles hübscher mich meine Haare doch machen. Oder ich sitze im Garten und geniesse wie der Wind säuselnd durch eben dieses fährt, es einem Pendel gleich schwingen lässt. Oder ich möchte einmal ganz rasch fertig sein, einfach Jacke an und raus… das Tuch dauert stets 3 Minuten länger 🙂
Es mag Ihnen nicht wneiger banal scheinen, über die Jahre jedoch, wiederfuhr meinem Verständnis von Banalität eine ungemeine Verfeinerung, wohl gemessen an dem was ich für erstrebenswert befinde und solchem, worum ich mich nciht länger schere.

Sport ist mit einem Schleier- entgegen weitläufiger Meinungen- kein Ding der Unmöglichkeit.
Ich selbst betreibe aktiv Sport, fahre, wie es sich für eine echte Münsteranerin gehört, weite Wege mit dem Rad und bin auch sonst fortwährend in Bewegung.
Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich in ein Frauenfitnessstudio gehe 🙂
Jedoch nicht des Tuches wegen.
Dem gehen mehrere Jahre Mitgliedschaft in einem gemischten Studio voraus und da bin ich, ob nun der Blicke oder des vermeintlichen Hitzstaus wegen, auch nicht tot umgefallen xD
Desweiteren bin ich begeisterte Kampfsportlerin. Das Tuch lässt sich variabel binden und manchmal, da trage ich eben bloß diese Art Mütze. Als würde mir mein kleines “Handicap” bei jeder belieben, raschen Kopfbewegung einer Gardine gleich vor die Augen sinken lol
Übrigens- ich trage bloß ein Tuch, keine Burka oder sonstigen Firlefanz und anders als bei der Autorin, sitzt unter dem schwarzen Schal noch eine Mütze, ähnlich einem breiten Stirnband.
Auch sind mir weite Röcke, Mäntel oder sontige Modesünden ein Graus. Das Tragen eines Schleiers geht immerhin nicht mit der völligen Abstinenz jeglichen modischen Geschmacks einher…
Wie soll beim Radfahren das Tuch den verrutschen, ja mir gar die Sicht versperren?
Diese Idee bringt mich echt zum grienen, nicht bös gemeint :]

Mit 10 Jahren begann ich ein Tuch zu tragen. Gleich nach dem Wechsel in die 5. Klasse. Ehrlich gesagt, kann ich mich kaum mehr an die ersten Schritte mit dem komischen Ding auf dem Kopf erinnern, weiß aber bis heute um das Gefühl, welches ich damals damit verband: Eine allumfassende Ruhe, Akzeptanz für das Stück Stoff um meinen Kopf. Akzeptanz nicht Verständnis.
Meine Eltern führten mich vorsichtig und behutsam an diesen Wandel heran und ich denke meine gechillte Reaktion lässt sich auch damit erklären, dass ich seit jeher meine Mutter, meine deutsche Mutter wohlbemerkt lol, das selbe tun sehe. Die Dinge änderten sich und auch wenn keiner von Ihnen dies so wirklich mag nachempfinden- das Tuch wurde für mich zu einer Selbstverständlichkeit, wie ein anderer, unter normalen Begebenheiten, das Haus nciht ohne eine Hose verlässt.
Heute verstehe ich selbstredend mehr, interessiere mich allerdings fortwährend für solche, die den Islam auch ohne die Vorgabe der Verschleierung interpretieren.

Natürlich möchte ich von Zeit zu Zeit meine Haar zeigen, auf deren Länge und Farbe ich ungemein stolz bin. Zumal ich um des Haares unleugbare Wikrung weiß. Allerdings ist dies Verlangen von keiner dramatischen, mich danach verzehrenden Natur. Ich würd´s halt manchmal gern, kann aber auch ohne leben. Dinge verlieren ihre Notwendigkeit, ihren als unersetzlich empfunden Wert, alsbald man den Blickwinkel darauf ändert. Manche zumindest 🙂

Ich denke in gewisser Hinsicht bin ich eine etwas “untypische” Muslimin. Ich kann Araber aller Art nur schwerlich ertragen, es sei denn sie sind ebenfalls gemischt oder zeigen unmissverständlich einen europäischen Charakter, verstehe kaum Arabisch, meide Moscheen, ziehe die Indie- und Alternativszene jeglicher arabischer Musik allemal vor, lehne arabische Sitten und Traditionen kategorisch ab und halte mich liebend gern in Kirchen auf, auch wenn der gekreuzigte Jesus mir beizeiten ein wenig zu nah auf den Pelz rückt xD

Auf Ihre Fragen, werte Eva, antworte ich mit größtem Vergnügen, allerdings im nächsten Post. Ein Beitrag von derartiger Länge war nun wirklich nciht geplant- ´tschuldigung an alle die nun denken “Das Kopftuchmädchen redet wahrlich zu viel.”

@ Fatima

Danke für ihre ausführliche und offene Antwort, Fatima. Ich fand sie auch nicht zu lang, geschweige denn geschwätzig. Ganz im Gegenteil. Das mit dem Sport, hat mich besonders interessiert, denn da, verzeihen sie mir, versteh ich es einfach nicht.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich beim Fußball oder beim Radfahren oder beim Tennis ein Kopftuch tragen müsste, und zwar jenseits dessen, dass ich ein Mann bin, würde mich das einfach nur nerven. Vom Schwimmen ganz zu schweigen.

Es gibt nichts schöneres, als dass Luft an meinen Kopf kommt, wenn ich schwitze. Bei sonnig-heißem Wetter finde ich schon eine eine Kappe gegen die UV-Strahlen eine (körperliche) Zumutung. Obwohl sie mich schützt und meinen Augen Schatten gibt, finde ich sie beim jedem Bewegungssport letztlich nur als unausweichlichen Kompromiss. Nur Sonnenbrille reicht mir da eigentlich.

Selbst als Regenschutz finde ich Hüte und ähnliche Kopfbedeckungen auf Dauer nervig. Erst recht beim Radfahren. Man(n) schwitz unter den Dingern, wenn die Tour länger dauert. Da finde ich es, wenn es nicht zu kalt ist, angenehmer, wenn mir der Regen einfach auf die Haare prasselt. Er fließt nämlich gar nicht automatisch in die Augen, weil die Evolution sie so in unser Gesicht gesetzt hat, dass wir auch bei Regen sehen können. Manchmal finde ich es sogar ganz toll, wenn mir der Regen einfach so durch die Haare rinnt.

Modisch finde ich Kopfbedeckungen dagegen auch als Mann sehr interessant. Ich habe eine ganze Serie von Hüten/Kappen in meinem Kleiderschrank. Wenn ich zu Fuß gehe, trage ich bei Regen sogar gerne den klassischen Hut mit Krempe. Wie gesagt, wenn der Spaziergang nicht in eine Wanderung ausartet.

Und wenn ich im Sommer einfach nur in der Sonne sitze und ein Buch lese, dann trage ich auch mal gerne einen großen Strohhut. Er gibt mir genügend Luft auf dem Kopfe und den notwendigen Schatten, den ich für meine Augen gerade beim Lesen brauche. Aber wenn ich mich schneller bewege, wie gesagt, dann will ich am liebsten Garnichts auf dem Kopf haben….. und ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, was ein Gott, wenn es ihn denn wirklich geben sollte, dagegen haben könnte. Auch, wenn ich eine Frau wäre.

Fatima, dass ich zu Ihrem Kommentar etwas geschrieben habe, auch wenn der dazugehörige Artikel bereits über ein Jahr alt ist, liegt daran, dass ich finde, Muslime und Musliminnen schalten sich viel zu selten selbst in die Integrationsdebatte ein. Daher finde ich es interessant, sozusagen eine weitere “Insider-Meinung” zu bekommen. Ich habe einige türkischstämmige Bekannte. Keine der Frauen trägt ein Kopftuch, und zwar aus genau den Gründen, aus denen Sie weite Mäntel u.ä. ablehnen: Sie mögen es optisch nicht! Es sind alles sehr modebewusste, schicke Frauen, denen nicht im Traum einfällt, sich mit Verhüllungen jeglicher Art zu umkleiden. Jetzt kommt schon meine nächste Frage, bevor Sie die erste beantworten konnten 😉 Kenne ich nur Ausnahmen? Ist es vielleicht so, dass wir Deutsche nur die Aufgeschlosseneren unter den Moslems kennen lernen, während die “Fundis” lieber unter sich bleiben?
Meine Haltung zum Kopftuch ist so: Wenn erwachsene Frauen es aus freien Stücken tragen, ist das ihre Sache. Das Kopftuch ist, wie Sie richtig anmerken, keine Burka; eine Kopftuchträgerin kann mein Lächeln mit einem Lächeln erwidern, eine Burka-Trägerin kann das nicht. An Kindern unter 14 Jahren und im öffentlichen Dienst (Lehrerinnen, Polizistinnen, Richterinnen usw.) hat das Kopftuch aber meiner Meinung nach nichts zu suchen. Kinder sind geistig noch nicht genug ausgereift, um selbst entscheiden zu können, ob ein Leben mit Kopftuch das ist, was sie möchten. Menschen in öffentlichen Positionen sollten sich für meine Begriffe während der Ausübung ihres Berufs politisch neutral verhalten, was mit Kopftuch nicht geht, denn dieses Kleidungsstück hat, unabhängig von den individuellen Motiven einzelner Trägerinnen, zweifelsohne eine politische Bedeutung bekommen. Was sie in ihrer Freizeit machen, ist aber wiederum ihre Sache.

Kommentar verfassen